Kurt Florentin Hildebrandt (* 12. Dezember 1881 in Florenz; † 20. Mai 1966 in Kiel) war ein deutscher Psychiater und Philosoph. Zunächst Arzt an den Wittenauer Heilstätten und Mitglied im George-Kreis, wurde er 1934 auf eine Professur für Philosophie in Kiel berufen. Neben philosophischen Werken befasste er sich auch mit „Rassenpsychologie“ und „Rassenhygiene“.
Leben Hildebrandt wurde 1881 als Sohn des Predigers der deutschen Gemeinde in Florenz geboren. In Magdeburg besuchte er die Klosterschule Unsere Lieben Frauen. Anschließend studierte er, motiviert durch Charles Darwin und die moderne Biologie, Medizin und Naturwissenschaften in München und Berlin unter anderem bei Emil Kraepelin und Ernst Rüdin mit dem Staatsexamen 1905. Die medizinische Promotion folgte 1906. Seine erste Stelle hatte er in der Nervenheilanstalt Dalldorf im Norden Berlins. Eingeführt von seinem Schulfreund Friedrich Andreae, schloss er sich in dieser Zeit dem Kreis um Friedrich Wolters und Berthold Vallentin in Niederschönhausen bei Berlin an. Zunächst vor allem dem Werk und der Person des Universalhistorikers Kurt Breysig verpflichtet, wandte sich der Kreis, der 1907 nach Lichterfelde umzog und dort unter dem Namen „Academia urbana“ Vortragsabende veranstaltete, schließlich in der zweiten Hälfte der 1900er Jahre dem charismatischen Dichter Stefan George zu. Schon bald wurde auch ein persönlicher Kontakt ermöglicht, der nicht nur für Hildebrandt, der zur zweiten Riege des George-Kreises gehörte, in den folgenden 20 Jahren bestimmend wurde.
Während des Krieges war er in einem Lazarett in Saarbrücken in der Nervenabteilung tätig. Sein neben der medizinischen Tätigkeit betriebenes Studium der Philosophie schloss Hildebrandt in Marburg ab, wo er bei Paul Natorp mit einer Arbeit über Nietzsches Wettkampf mit Sokrates und Platon 1921 ebenfalls promoviert wurde. Hildebrandt war in den 1920er Jahren an den Wittenauer Heilstätten als Oberarzt und Psychiater in einem Vorort von Berlin tätig. Der Versuch einer Habilitation in Berlin 1928 mit dem Thema Platons Weltverneinung und Weltbejahung scheiterte trotz Zuspruch der Philosophen um Ernst Troeltsch, Max Dessoir und Eduard Spranger, welche die Aufnahme eines Vertreters aus dem George-Kreis begrüßten, am Einspruch des Klassischen Philologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff und seines Schülers Werner Jaeger, die Hildebrandt die nötigen fachlichen Kenntnisse absprachen. Jaeger sprach in seinem Gutachten von einem „Dilettanten“ ohne „wissenschaftliche Schulung“.Christian Tilitzki: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, Akademie Verlag, Berlin 2002, S. 336. – Rezension in Die Zeit. Hildebrandt selbst führte diesen Widerstand – wohl nicht zu Unrecht – auf einen Aufsatz aus dem Jahr 1910 zurück, in dem er seinerseits die Übersetzungsprinzipien von Wilamowitz für antike philosophische Texte scharf angegriffen und insbesondere behauptet hatte, dass dieser sich nicht an die sprachlichen und formalen Eigenschaften der Texte halte: „In diesen Übersetzungen ist aber nicht Aischylos, nicht Sophokles – nur Wilamowitz“.Kurt Hildebrandt: Hellas und Wilamowitz. Zum Ethos der Tragödie. In: Jahrbuch für die geistige Bewegung 1, 1910, S. 64–117. Zur Diskussion siehe: Josefine Kitzbichler, Katja Lubitz, Nina Mindt: Theorie der Übersetzung antiker Literatur in Deutschland seit 1800, de Gruyter, Berlin 2009, S. 209–220. Im Hintergrund stand aber auch die innerfachliche Kontroverse um die Methoden der Geistesgeschichte, die in den Werken des George-Kreises prominent angewandt wurden, und die Frage, ob die wissenschaftliche Beschäftigung mit Platon und Aristoteles den Klassischen Philologen vorbehalten bleiben oder auch von Philosophen betrieben werden sollte.Dazu Carola Groppe: Die Macht der Bildung. Das deutsche Bürgertum und der George-Kreis 1890–1933, Böhlau, Köln/Weimar/Wien 1997, S. 557–559.
Mit Hilfe des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, der den George-Kreis verschiedentlich förderte und mit einigen Mitgliedern – darunter Hildebrandt – persönlich in Kontakt stand, erhielt er 1928 dennoch einen Lehrauftrag als Honorarprofessor für Philosophie.Zur Förderung durch Becker Carola Groppe: Die Macht der Bildung. Das deutsche Bürgertum und der George-Kreis 1890–1933, Böhlau, Köln/Weimar/Wien 1997, S. 559. Im Jahr 1932 wurde er ärztlicher Direktor der Städtischen Irrenanstalt zu Lichtenberg (Herzberge). Er trat zum 1. Mai 1933 der NSDAP (Mitgliedsnummer 3.471.082)Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/11000649 und dem NSLB bei (Nr. 287.372) sowie später auch der NSV.
Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ erhielt Hildebrandt 1934 eine Stelle als Ordinarius für Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Er übernahm dabei den Lehrstuhl des von den Nationalsozialisten zwangsbeurlaubten Julius Stenzel. Der neue, nationalsozialistische Rektor Karl Lothar Wolf, selbst Physiker, wollte einen Hochschullehrer berufen, der eine Brücke zwischen Naturwissenschaft und Philosophie auch im Sinne der neuen politischen Ausrichtung der Universität schlagen konnte. Außerdem stand Wolf, der mit Carl Petersen befreundet war, selbst dem Denken des George-Kreises nahe. Mit großem Einsatz versuchte zwar der Altphilologe Richard Harder in der zuständigen Kieler Kommission, eine Berufung des nicht habilitierten Psychiaters auf einen Lehrstuhl für Philosophie zu verhindern, konnte sich aber letztlich nicht gegen den Rektor Wolf durchsetzen.Zu den Hintergründen und Wolfs Berufungspolitik Rainer Kolk: Literarische Gruppenbildung. Am Beispiel des George-Kreises. 1890–1945. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1998, S. 521–532, zu Hildebrandts Berufung S. 527–529. Ebd. S. 621–628 sind einige der wichtigsten Dokumente zur Berufung abgedruckt. Die Berufung wurde auch von Martin Heidegger, mit dem Wolf in engem Kontakt stand, befürwortet, während Alfred Baeumler die Vermutung äußerte, dass Hildebrandt auch nach dem Tod Georges wohl eher den Vorstellungen seines „Meisters“ folgen werde als der Ideologie des Nationalsozialismus.Christian Tilitzki: Die Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus, Akademie Verlag, Berlin 2002, S. 624. Hildebrandt war in der Folge Mitherausgeber der von Wolf neu gegründeten Zeitschrift für die gesamte Naturwissenschaft. Als Psychiater war er zudem Mitglied der Reichsärztekammer Schleswig-Holstein.
Hildebrandt wurde 1945 emeritiert, setzte aber seine schriftstellerische Tätigkeit bis kurz vor seinem Tod fort.
Werk Hildebrandt hatte schon früh Kontakte zu Stefan George und seinem Kreis. Er arbeitete an den drei Bänden des Jahrbuchs für die geistige Bewegung (1910–1912) mit, in dem der Kreis einen Angriff auf die geistigen Strömungen der Zeit lancieren wollte. Hildebrandt steuerte dazu im ersten Jahrbuch unter dem Titel Hellas und Wilamowitz eine öffentlichkeitswirksame Polemik gegen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff bei, den damals bedeutendsten Altphilologen und einen der bekanntesten Wissenschaftler des Kaiserreichs. Hildebrandts von George und den anderen Kreismitgliedern unterstützte Kritik wendet sich nicht nur gegen eine Übersetzungspraxis griechischer Werke, die sich bemüht, die Antike den Zeitgenossen „verständlich“ zu machen: „frevelhaft gegen Hellas [...] ist es, diese werke der bürgerlichen bequemlichkeit und dem proletarischen geschmack anzupassen“.Kurt Hildebrandt: Hellas und Wilamowitz. Zum Ethos der Tragödie. In: Jahrbuch für die geistige Bewegung 1, 1910, S. 64–117, hier S. 70. Darüber hinaus wird Wilamowitz kritisiert, weil er die antiken Dichtungen nicht hinreichend als Kunst verstehe und übersetze – und ihm und seiner Zunft als „lehrer der künftigen lehrer“ wird nicht zuletzt die Kompetenz zur angemessenen Bildung und Erziehung der Jugend abgesprochen, die vielmehr von der Kunst und ihren Protagonisten geleistet werden müsse.Rainer Kolk: Literarische Gruppenbildung. Am Beispiel des George-Kreises. 1890–1945. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1998, S. 365–368. Seine zweiteilige kritische Auseinandersetzung mit der Romantik (Romantisch und Dionysisch) konnte diesen Aufmerksamkeitserfolg nicht wiederholen.
Nach der Jahrbuch-Zeit übersetzte Hildebrandt mehrere Platon-Texte und versah sie mit Einleitungen, die auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg (bei Kröner und Reclam) Bestand hatten. Im Jahr 1920 kamen die Schriften Norm und Entartung des Menschen und Norm und Verfall des Staates heraus. Mit diesen Schriften zur „Rassenhygiene“ und Ganzheitslehre rief er auch im George-Kreis, so bei Edgar Salin und Edith Landmann, heftigen Widerstand hervor. Andererseits fand er auch Zustimmung, so bei George selbst, bei Friedrich Gundolf und Friedrich Wolters.Vgl. Hildebrandts Erinnerungen an Stefan George und seinen Kreis. Danach Stefan Breuer: Ästhetischer Fundamentalismus und Eugenik bei Kurt Hildebrandt, in: Bernhard Böschenstein u. a. (Hrsg.): Wissenschaftler im George-Kreis: die Welt des Dichters und der Beruf der Wissenschaft, de Gruyter, Berlin 2005, S. 291–310, 292–293. Hildebrandt wollte – im Gegensatz zu den „Nordisten“ unter den Rassetheoretikern – eine Kulturrasse schaffen, indem ungeeignete Geschlechter oder Rasselinien durch „strenge Isolierung“ oder „starke Ausmerze“ von der Beteiligung am Staat ferngehalten werden.
„Den übrigen Gruppen stehen durch Erziehung die höheren Berufe zur Bewerbung offen und aus ihnen werden nach der erst später bewährten Eignung die führenden Träger des Staates ausgewählt. Die Scheidung der beiden Gruppen darf nicht streng sein. Frühere Irrtümer, neue Blutmischung, veränderte Ziele des Staates, Entartung machen Verschiebung nach hüben und drüben notwendig. Die Scheidung darf aber auch nicht zu locker sein, denn der Andrang nach höheren Stellen ist ohnehin so groß, daß es nicht im Interesse des Staates liegt, diesen zu fördern.“Kurt Hildebrandt: Norm und Verfall des Staates, Celle 1926, 140, zitiert nach Stefan Breuer: Ästhetischer Fundamentalismus und Eugenik bei Kurt Hildebrandt, in: Bernhard Böschenstein u. a. (Hrsg.): Wissenschaftler im George-Kreis: die Welt des Dichters und der Beruf der Wissenschaft, de Gruyter, Berlin 2005, S. 291–310, 300.
Gegen die biologische Rassentheorie von Hans F. K. Günther stellte Hildebrandt die Kategorie der Nation als geistige Gemeinschaft. „Die nationale Idee ist der Rassenzusammengehörigkeit übergeordnet.“Kurt Hildebrandt: Staat und Rasse. Drei Vorträge, Breslau 1928, S. 12–13, zitiert nach: Christian Tilitzki: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, Akademie, Berlin 2002, S. 431.
Er betonte, dass seine Rassentheorie auf objektiven Prinzipien in Hinblick auf Mittel und Methode abstelle und keine Ziele der Züchtung vorgebe. „Ohne Maßstab, ohne Normbild haben die Bestrebungen der Menschenzüchtung und der Rassenhygiene weder Halt noch Sinn.“Kurt Hildebrandt: Staat und Rasse. Drei Vorträge, Breslau 1928, S. 32, zitiert nach: Christian Tilitzki: Die Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus, Akademie, Berlin 2002, S. 428. Hildebrandts Rassismus ist nicht ausdrücklich antisemitisch. Er hielt sogar eine „Beimischung“ kultivierter westeuropäischer Juden für die Entwicklung einer Kulturnation für vorteilhaft, während er eine „Heiratsgemeinschaft“ mit „Ostjuden“, Franzosen oder „Negern“ ablehnte.Kurt Hildebrandt: Gedanken zur Rassenpsychologie, Stuttgart 1924, S. 15–16, zitiert nach: Christian Tilitzki: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, Akademie, Berlin 2002, S. 435.