Wilhelmsdorf ist eine Gemeinde im westlichen Landkreis Ravensburg in Baden-Württemberg.
Geographie
Nachbargemeinden An Wilhelmsdorf grenzen die Gemeinden Riedhausen, Guggenhausen, Fleischwangen, Fronreute und Horgenzell im Landkreis Ravensburg, Illmensee und Ostrach im Landkreis Sigmaringen sowie die Gemeinde Deggenhausertal im Bodenseekreis.
Gemeindegliederung Die Gemeinde Wilhelmsdorf besteht aus den Gemarkungen Wilhelmsdorf, Esenhausen, Höhreute, Pfrungen und Zußdorf.
Geschichte Wilhelmsdorf mini|Blick zum Saalplatz mini|Kinderheim / Jugendhilfe Hoffmanhaus
Im Gegensatz zu den gewachsenen Gemeinden der katholisch geprägten Umgebung Oberschwabens ist Wilhelmsdorf 1824 als pietistische Siedlung in altwürttembergisch-evangelisch stehender Tradition planmäßig auf dem religiösen Grundriss der Kreuzfigur wegen ihrer Schutzfunktion gegründet worden.Andreas Kalesse: Nowawes - eine friderizianische Kolonie auf einem religiös motivierten Grundriss, in: Mitteilungen der Studiengemeinschaft Sanssouci e. V. 11 (2006) S. 61–70, 62, (). Nach der Einführung einer neuen Liturgie für die württembergische Landeskirche war im württembergischen Pietismus starker Widerstand aufgekommen, weil viele Menschen die neue Gottesdienstordnung als unchristlich ansahen. Als in den Hungerjahren 1816/17 eine Auswanderungswelle einsetzte, verließen auch zahlreiche Pietisten das Land. Es gelang dem Leonberger Bürgermeister Gottlieb Wilhelm Hoffmann, bei König Wilhelm I. von Württemberg eine Genehmigung zur Begründung einer religiösen Siedlung auf dem Rittergut Korntal in der Nähe der Residenzstadt Stuttgart zu erlangen. Diese Brüdergemeinde hatte das Recht, ihre religiöse Verfassung selbst zu bestimmen, war aber ansonsten an die württembergischen Gesetze gebunden. Weitere Siedlungsgründungen lehnte der König jedoch ab, da er die Entstehung einer größeren nichtkirchlichen Religionsgemeinschaft fürchtete. Erst als Gottlieb Wilhelm Hoffmann anbot, das Lengenweiler Moosried bei Pfrungen trockenzulegen, gestattete der König die Errichtung einer „Kolonie“ als Tochtersiedlung von Korntal. Dazu verkaufte er der evangelischen Brüdergemeinde Korntal Land aus seinem Privatbesitz im unfruchtbaren Moor des Pfrunger-Burgweiler Rieds. Da er auch den Aufbau der Siedlung unterstützte, wurde der Ort nach ihm benannt. Letztlich wollte der König auch eine weitere Auswanderung von altwürttembergisch-evangelisch geprägter Bevölkerung aus seinem durch die Koalitionskriege ohnehin geschwächten Königreich vermeiden. Wilhelmsdorf und Korntal sind so genannte Brüdergemeinden, das heißt nicht-landeskirchliche Gemeinden nach Herrnhuter Vorbild.
mini|Wilhelmsdorf um 1920 Im Januar 1824 trafen die ersten Siedler ein und begannen mit der Trockenlegung des Moorgebiets. Sie kamen jedoch aus dem zentralen Teil Altwürttembergs und verfügten über keine Erfahrung über die Bewirtschaftung solcher Flächen. Außerdem war das Unternehmen unterkapitalisiert, so dass die Siedler von vornherein auf finanzielle Unterstützung durch den König angewiesen waren. Durch königliche Privilegien gelang es mit der Zeit, das Moor urbar zu machen. Allerdings geriet die Siedlung in eine schwere wirtschaftliche Krise und schließlich in den Konkurs. Nur durch die Ausweisung von einem Drittel der Familien und hohe Spenden der württembergischen Pietisten konnte der Fortbestand gesichert werden. Inmitten des katholischen Oberschwaben entwickelte Wilhelmsdorf ein eigenständiges Leben, allerdings weiterhin geprägt durch schwierige Rahmenbedingungen und ungünstige Voraussetzungen für die Landwirtschaft. Trotz anfänglicher Furcht und Abneigung der katholischen Nachbargemeinden waren es auch immer wieder die damals noch selbstständigen Gemeinden Esenhausen und Zußdorf, die sich im damaligen Oberamt Ravensburg für zinslose Darlehen an die arme Gemeinde einsetzten.Johannes Ziegler: Wilhelmsdorf ein Königskind. Erzählt für meine Söhne, 1. Aufl. 1905, 2. Aufl. 1907, 3. Aufl. 1924 und 4. Auflage 1929, Verlag der Zieglersche Anstalten, Mitverlag des Quell-Verlages in Stuttgart und der evangelischen Gesellschaft für Deutschland in Elberfeld.
Neben der Landwirtschaft waren in Wilhelmsdorf soziale Einrichtungen begründet worden, die sich im 19. Jahrhundert erfreulich entwickelten. Auch sie trugen maßgeblich zur Erhaltung der Gemeinde bei. Es entwickelten sich vielfältige diakonische Einrichtungen mit Schulen, Heil- und Pflegeanstalten und Bildungsstätten.
Bei der Kreisreform während der NS-Zeit in Württemberg gelangte Wilhelmsdorf 1938 zum Landkreis Ravensburg.
Während der NS-Gewaltherrschaft wurden am 24. März 1941 19 Patienten aus der damaligen evangelischen Taubstummenanstalt Wilhelmsdorf, trotz der hinhaltenden Verweigerungshaltung des damaligen Leiters Heinrich Hermann, durch die „Grauen Busse“ der „Gemeinnützige Krankentransport GmbH“ (Gekrat) ins Psychiatrische Landeskrankenhaus Weinsberg deportiert. Unter den 19 Deportierten befanden sich auch zwei Frauen aus der Diakonie Stetten, wo sie bereits zur „Desinfektion“ ausgewählt, aber vom dortigen Personal versteckt und dann nach Wilhelmsdorf gebracht worden waren. Von den 19 Frauen und Männern, die im Zuge der „Euthanasie“-Tötungsaktion T4 in der hessischen NS-Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg an der Lahn vergast werden sollten, kehrte nur Ernst Weiß nach Wilhelmsdorf zurück. Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck war zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen. Eine im Jahr 1985 erstellte Bilderwand erinnert seither im Eingangsbereich des Rotachheims der Zieglerschen Behindertenhilfe an das Geschehene. Der Titel „Vor Gott ist nicht einer vergessen“ ist angelehnt an Lukas 12,6. Zwei Gedenksteine auf dem Ortsfriedhof erinnern ebenfalls an dieses Geschehen.Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band 1. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 105Ralf Habich: Die Not des Heimleiters Heinrich Herrmann mit der Ermordung seiner Pfleglinge in Wilhelmsdorf bei Ravensburg. In: Die Zeit, Nr. 11/1986
1945 wurde Wilhelmsdorf Teil der Französischen Besatzungszone und kam somit zum neu gegründeten Land Württemberg-Hohenzollern, welches 1952 im Land Baden-Württemberg aufging.
Die Einrichtungen der Zieglerschen Anstalten, wie beispielsweise die Gotthilf-Vöhringer-Schule, eine Fachschule unter anderem für Arbeitserziehung und Heilerziehungspflege, haben Wilhelmsdorf weit über die nähere Umgebung hinaus bekannt gemacht und prägen den Charakter der Gemeinde bis heute.
Die heutige Gemeinde wurde im Zuge der Gebietsreform in Baden-Württemberg am 1. Januar 1973 durch die Vereinigung der Gemeinden Wilhelmsdorf, Esenhausen, Pfrungen und Zußdorf neu gebildet. Mit Wirkung vom 1. Mai 1973 schieden die ehemaligen badischen Ortschaften Höhreute, Niederweiler und Tafern aus der Gemeinde Illmensee, die bis 1972 dem Landkreis Überlingen angehörte und anschließend zum Landkreis Sigmaringen gehörte, aus und wurden in die Gemeinde Wilhelmsdorf und damit in den Landkreis Ravensburg umgegliedert.
Pfrungen 50px|links|Pfrungen Im Jahr 1436 erwarb die Deutschordenskommende Altshausen die niedere Gerichtsbarkeit im Ort Pfrungen vom Ravensburger Patrizier Konrad Gremlich. Die hohe Gerichtsbarkeit lag bei der Grafschaft Fürstenberg-Heiligenberg. Damit besaß der Deutsche Orden Rechte in einem Ort, der als Exklave inmitten anderer Herrschaften lag, einige Kilometer entfernt von der kleinen geschlossenen Deutschordensherrschaft. Neben den Lehengütern des Deutschen Ordens besaßen auch andere Herrschaften Güter, so die Geistlichkeit von Pfullendorf und das Kloster Salmansweiler jeweils einen Lehenhof und die Grafschaft Fürstenberg-Heiligenberg sieben Lehengüter. Deshalb mussten die beteiligten Herrschaften stets miteinander verhandeln.
Bis zur Säkularisation und Mediatisierung blieb diese Situation bestehen. Im Jahr 1806 ließ der nunmehrige Großherzog von Baden den Ort besetzen und beanspruchte ihn für sich. Auf dem Verhandlungsweg gelang es jedoch König Friedrich von Württemberg, die gesamte Deutschordenskommende Altshausen in seinen Besitz zu bringen, so dass Pfrungen im Jahr 1807 württembergisch wurde.
Esenhausen 50px|links|Esenhausen
Esenhausen liegt östlich von Wilhelmsdorf an den Lengenweiler See angrenzend. Der Lengenweiler See, ein Landschaftsschutzgebiet, ist ein so genanntes Toteisloch. Das Wappen zeigt in Schwarz eine zweitürmige goldene Burg mit einer Tür im rechten Turm. Esenhausen mit der Pfarrkirche St. Martinus bildet eine eigenständige katholische Kirchengemeinde als Teilgemeinde von Wilhelmsdorf.
Zußdorf 50px|links|Zußdorf Zußdorf wurde im Jahre 1177 erstmals urkundlich erwähnt und bildete im Mittelalter den Mittelpunkt einer kleinen Herrschaft im so genannten Zocklerland. Zußdorf wurde zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs durch Brand fast völlig zerstört.
Zußdorf ist heute ein gutes Beispiel für den Strukturwandel eines oberschwäbischen Dorfes. Die Landwirtschaft befindet sich auf dem Rückzug und wird aus dem Dorf heraus verlagert; ehemals üppige Streuobstwiesen sind von Neubaugebieten verdrängt worden. Heute besitzt das Dorf viele Vereine, Geschäfte und besondere Gebäude, die in den anderen umliegenden Ortschaften nicht vorhanden sind. Ein Kindergarten ist in Zußdorf noch vorhanden; die Grundschule wurde in Folge sinkender Schülerzahlen geschlossen. Amtierender Ortsvorsteher ist Thomas Schädler.
Das Bräuhaus Zußdorf ist das einzige Wirtshaus, das im Dorf überlebt hat, und war ehemals Zentrum der Brauerei Luck (Zocklerbräu). Andere ortsprägende Gebäude der Brauerei wie der Eiskeller wurden im Zuge der Dorfsanierung Anfang der 1980er Jahre abgerissen. Das Bräuhaus diente im Sommer 2024 als Kulisse für die Dreharbeiten zur ZDF-Fernsehserie Tschappel, die 2025 ausgestrahlt wurde.
In einem südlich an Zußdorf angrenzenden Laubwaldgebiet in Richtung des Höchsten ist eine streng geschützte und gefährdete Orchideenart beheimatet, der Frauenschuh. Der Wald ist zudem auch eines von nur vier Gebieten in Baden-Württemberg, in denen ein größerer Bestand an alten Eiben vorkommt.
Gebäude: das Veranstaltungs- und Dorfgemeinschaftshaus Schalander, die katholische Kirche St. Simon und Judas, das Kaufhaus Späth oder der Biolandhof Gebhardt.
Religion Während der Kernort weiterhin von der pietistischen evangelischen Brüdergemeinde geprägt wird, hat sich in den Teilorten Esenhausen, Pfrungen und Zußdorf die römisch-katholische Konfession ihre Dominanz erhalten.
Die Diaspora-Situation Wilhelmsdorfs war laut Historiker Peter Eitel auch Grund für die überdurchschnittliche Zustimmung für die NSDAP bei den Wahlen in den 1930er-Jahren. Die evangelischen Einwohner Wilhelmsdorfs erhofften sich durch die Nazis unter anderem Unterstützung gegen die übermächtige katholische Zentrumspartei und den Katholizismus in der Umgebung. Zußdorf hingegen ist ein Beispiel für eine große Immunität gegenüber der NS-Ideologie dank eines engagierten katholischen Pfarrers, so dass es in Zußdorf kaum NSDAP-Parteimitglieder gab.Eitel, Peter: Geschichte Oberschwabens im 19. und 20. Jahrhundert, Band 3: In den Strudeln der großen Politik (1918–1952). Thorbecke, Ostfildern 2022, ISBN 978-3-7995-1586-3
Politik Gemeinderat
Der Gemeinderat besteht aus den 14 gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäten sowie der Bürgermeisterin als stimmberechtigte Vorsitzende. Die Kommunalwahl vom 9. Juni 2024 führte zu folgendem Ergebnis (mit Vergleichszahlen aus den vorigen Wahlen):Gemeinde Wilhelmsdorf/Landkreis Ravensburg: Öffentliche Bekanntmachung des Ergebnisses der Wahl des Gemeinderats und des Ortschaftsrats am 26. Mai 2019 im Mitteilungsblatt der Gemeinde Wilhelmsdorf am 6. Juni 2019; gemeinde-wilhelmsdorf.de (PDF)