Roubaix (, älter RoodebekeDe Nederlanden in Frankrijk, Jozef van Overstraeten, 1969) ist eine französische Stadt im Département Nord in der Region Hauts-de-France nahe der belgischen Grenze. In der Vergangenheit erlangte Roubaix als Textilzentrum internationale Bekanntheit. Seit dem Zusammenbruch der französischen Textilindustrie hat die Stadt große soziale Probleme und gilt heute als eine der Städte mit der ärmsten Bevölkerung Frankreichs. Sie bleibt jedoch eine wichtige Ausbildungsstätte für Fachleute in der Textilbranche und hat sich außerdem zu einem national bedeutenden Standort des Versandhandels entwickelt. International bekannt ist die Stadt auch als Ziel des berühmten Radrennens Paris–Roubaix, eines der ältesten und bekanntesten Eintagesrennen der Welt.
Zusammen mit Lille, Villeneuve-d’Ascq und Tourcoing bildet Roubaix einen Ballungsraum mit ungefähr einer Million Einwohnern und ist Teil des Gemeindeverbands Métropole Européenne de Lille. Roubaix selbst hat Einwohner (Stand ), welche Roubaisiens genannt werden.
Etymologie Für die Mehrzahl der Etymologen steht der Name „Roubaix“ für „Bach in der Ebene“. Er lässt sich von den zwei germanischen Worten „Ros“/„Ross“, eine sumpfige oder grüne Ebene beschreibend, und „Bach“/„Bais“ ableiten. Die Ursprünge der Stadt müssen folglich am fruchtbaren Ufer eines Baches liegen, so zum Beispiel am Riez de Favreuil oder Trichon.
Unabhängig von seiner etymologischen, einstweilen spekulativen Bedeutung ist der Name Roubaix seit dem 9. Jahrhundert historisch gesichert und kommt in zahlreichen Variationen vor. Die beiden am häufigsten genutzten Formen des Stadtnamens während des Frühmittelalters waren Rosbais und Rosbacum.Théodore Leuridan: Histoire des seigneurs et de la seigneurie de Roubaix, S. 21 ff.
Geographie mini|Lage von Roubaix im Gemeindeverbund Lille Métropole Communauté urbaine
Geographische Lage Die Stadt liegt in einer sehr flachen Landschaft (30 Meter über NN) in knapp drei bis vier Kilometer Entfernung zur belgischen Grenze am nordöstlichen Rand der Agglomeration um Lille, dem Hauptort des Départements Nord. Nachbargemeinden sind im Nordwesten und Norden Tourcoing, im Nordosten Wattrelos, im Osten Leers, im Südosten Lys-lez-Lannoy, im Süden Hem sowie im Südwesten Croix.
Das Zentrum von Lille liegt über Straßenverbindungen circa zehn bis zwölf Kilometer südwestlich des Stadtzentrums von Roubaix. Die belgischen Städte Tournai (Osten) und Kortrijk (Norden) liegen jeweils ungefähr 22 Kilometer entfernt. Bis zur Hauptstadt Paris sind es 215 Kilometer.
Geologie Roubaix liegt in einer in Ost-West-Richtung verlaufenden Synklinale, die nach Süden und Südosten in Richtung Tournai zur aus paläozoischem Kalkstein bestehenden Mélantois-Tournaisis-Antiklinale ansteigt. Die Senke, in der sich Roubaix befindet, besteht vor allem aus Schwemmland holozänischen Ursprungs.
Es flossen nur kleine Wasserläufe wie der Trichon im Stadtgebiet, die durch die Industrialisierung der Stadt im 19. Jahrhundert stark ausgebeutet und kanalisiert wurden. Für eine gesicherte Wasserversorgung der Stadt musste eine Kanalverbindung zwischen der Deûle über die Marque und der Schelde hergestellt werden, die zusätzlich über eine direkte Verbindung nach Lille mit Wasser gespeist wurde.
Stadtgeographie Roubaix wuchs im Mittelalter in einem nach Norden ausgerichteten Halbkreis über den historischen Stadtkern hinaus, der um den Platz zwischen der ehemaligen Burg und der Église Saint-Martin lag. Diese südliche Grenzlinie wurde noch bis ins 18. Jahrhundert hinein eingehalten. Die Stadt dehnte sich vor allem nach Norden und Westen weiter aus. Die Industrialisierung und der damit entstandene Bedarf an der Erschließung billiger Grundstücke für Fabriken und Arbeiterwohnungen ließ das Wachstum der Stadt schließlich auch in südliche Richtung fortschreiten.
Im Südosten der Stadt erhebt sich das Terrain leicht an der sogenannten Montagne de Barbieux, die die Ausdehnung der Stadt in dieser Richtung nur unwesentlich verzögerte. Auf der gegenüberliegenden Seite des flachen Hügels entstand die Gemeinde Croix.
Die Bebauung des Stadtzentrums ist aufgrund des mittelalterlichen Ursprungs stark verwinkelt. Eine geometrisch geplante Anlage des Stadtgebietes ist vor allem in den industriellen und ärmeren Arbeitervierteln um den Stadtkern herum zu erkennen.
Das heutige Stadtgebiet wird im Osten (teilweise), Norden und Nordwesten vom um die Stadt führenden Canal de Roubaix begrenzt.
Geschichte
mini|Ansicht der Stadt aus dem Jahre 1699. Links ist die Burg, rechts davon das Hospiz Sainte-Elisabeth und im Zentrum die Kirche Saint-Martin zu erkennen.
Roubaix wurde erstmals im Jahre 863 als Robacum auf einer Karte erfasst. Zu dieser Zeit war die kleine Stadt in Flandern bereits dem Bistum Tournai angegliedert. Ihr Ursprung reicht bis in römische Zeit zurück, in der sie als Zentrum vieler kleiner Siedlungen zu einem Lehen heranwuchs, das von lokalen Herrschern administriert und ausgebaut wurde.
Roubaix wuchs vor allem im 15. Jahrhundert unter der Regentschaft Pierres von Roubaix zu einer Stadt heran, in deren Kern sich die Burganlage und die alte Kirche Saint-Martin befanden. Ihr Schicksal war eng mit dem Haus Burgund und dem Haus Flandern verbunden.
Nach dem Ende des Hauses von Roubaix im 16. Jahrhundert wurden die Stadt und das umliegende Lehensgebiet durch Heirat von Familie an Familie weitergereicht. Sie blieben jedoch Gegenstand vor allem des flandrischen Interessenbereichs.
Der Grundstein für Roubaix’ industriellen Erfolg während des 19. Jahrhunderts wurde 1469 durch die Verleihung der Rechte zur Textilproduktion und zum Textilhandel durch Karl den Kühnen gelegt. Seit dieser Zeit wuchs die Stadt langsam zu einem regionalen und im Laufe des 19. Jahrhunderts (Industrialisierung Frankreichs) zu einem weltweiten Zentrum der Textilindustrie heran. Aus dieser Blütezeit stammen ihre Beinamen „Manchester des Nordens“ und „Stadt der Tausend Schornsteine“. Die Bevölkerung verfünfzehnfachte sich während ihres industriellen Aufschwungs, der seinen Höhepunkt im Jahre 1911 mit der Ausrichtung einer internationalen Ausstellung der Textilindustrie sowie als Sitz der Wollbörse (heute in Australien) hatte.
Die wirtschaftliche Hochphase der Jahre der Belle Époque endete 1914, als Truppen des Deutsche Heeres am Beginn des Ersten Weltkriegs das neutrale Belgien überfielen und besetzten. Die Truppen besetzten auch Gelände in Nordfrankreich (darunter Roubaix am 14. Oktober 1914); dann erstarrte die Westfront und ein erbitterter Stellungskrieg begann. Bis zum 17. Oktober 1918 blieb Roubaix unter der Herrschaft der deutschen Besatzer, die ein straffes Verwaltungssystem einrichteten. mini|Versammlungsverbot Roubaix 12. Mai 1915
Ein ähnliches Schicksal erlitt Roubaix im Zweiten Weltkrieg: die Stadt geriet 1940 während des Westfeldzuges unter deutsche Besatzung und blieb bis Herbst 1944 besetzt.
Ein Großteil der Bevölkerung floh vor der heranrückenden Wehrmacht; nur 15.000 Menschen blieben in der Stadt. In der Zeit der Besetzung war Roubaix ein regional wichtiges Zentrum der Résistance. Unter anderem wurde der ehemalige Bürgermeister Jean-Baptiste Lebas als Mitglied der Résistance festgenommen. Er starb 1944 in einem deutschen Gefangenenlager.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg profitierte zunächst auch Roubaix von dem Wirtschaftsaufschwung in der in Frankreich später als Trente Glorieuses („die 30 ruhmreichen [Jahre]“) bezeichneten Phase, die in Deutschland mit dem Begriff des „Wirtschaftswunders“ verbunden ist. Dieser ging allerdings in den späten 1960er Jahren zu Ende. In den frühen 1970er Jahren begann, bedingt durch billigere Konkurrenz anderer Länder und das Aufkommen synthetischer Fasern, der schnelle Zusammenbruch der französischen Textilindustrie, der erhebliche Arbeitslosigkeit in der gesamten Region verursachte. Auch die erste Ölpreiskrise 1973/74 und der Niedergang des Steinkohlebergbaus (Zechensterben, Kohlekrise) trugen dazu bei.
Ende des 20. Jahrhunderts begann ein Strukturwandel der Stadt. Sie hat sich aus der Krise zu einem regionalen Handelszentrum entwickelt und setzt verstärkt Akzente auf die eigene Geschichte, Kunst und Kultur. Unter dem Motto „la ville renouvelée“ (deutsch: die erneuerte Stadt) wurde Roubaix baulich saniert, modernisiert und verschönert.
Roubaix ist eine der Städte Frankreichs mit der ärmsten Bevölkerung und wird teilweise als „ärmste Stadt Frankreichs“ bezeichnet. 2014 lebten 46 % der Einwohner der Stadt unter der Armutsgrenze, 30 Prozentpunkte mehr als im nationalen Durchschnitt, womit sie unter den 100 französischen Städten mit mehr als 55.000 Einwohnern die Armutsstatistik der französischen Statistikbehörde INSEE anführte. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt betrug zu dieser Zeit 27 %.
Bevölkerung Roubaix liegt im Département Nord, dem bevölkerungsreichsten Département Frankreichs.
Lange Zeit war Roubaix die bevölkerungsreichste derjenigen Städte Frankreichs, die keine Präfektur eines Départements oder Unterpräfektur eines Arrondissements waren. Es steht diesbezüglich heute (2008) an dritter Stelle hinter Villeurbanne und Montreuil.
Jahr 1962 1968 1975 1982 1990 1999 2009 2021Einwohner 112.856 114.547 109.553 101.602 97.746 96.984 95.028 98.892 Quellen: Cassini und INSEE
Bevölkerungsentwicklung mini|Langfristige Entwicklung Nachdem Roubaix bis ins späte Mittelalter das Dasein eines Provinzstädtchens geführt hatte, stieg seine Bevölkerung durch die wachsende Bedeutung der regionalen Textilherstellung im 16. und 17. Jahrhundert auf 8.091 Einwohner im Jahr 1800 an. Durch die Errungenschaften der Industrialisierung gab es im 19. Jahrhundert ein starkes Bevölkerungswachstum: Bereits 1842 umfasste die Bevölkerung ungefähr 20.000 Einwohner und überstieg in den 1850er Jahren die 30.000, bis Roubaix schließlich im Jahr 1900 124.000 Einwohner zählte.Philippe Waret und Jean-Pierre Popelier: Roubaix de A à Z. S. 36 und S. 150 Die gesetzliche Integrierung der belgischstämmigen Einwohner (circa 50 % der damaligen Stadtbevölkerung) sowie der stetige Zuwachs ausländischer Arbeitssuchender aus ganz Europa und den maghrebinischen Staaten förderte diesen Zuwachs. Die wirtschaftlichen Krisen der Textilindustrie und Kohleförderung während der Zwischenkriegszeit und der 1960er und 1970er Jahre führte zu einer stetigen Abnahme der Bevölkerung.
Das starke Bevölkerungswachstum leitete eine Phase der Urbanisierung und die Bildung einer Agglomeration in der Region zwischen Tourcoing, Roubaix und Lille ein, die 1967 zur Bildung des Gemeindeverbands Métropole Européenne de Lille führte.
Bevölkerungsstruktur Roubaix ist aufgrund seiner industriellen Vergangenheit ein wahrer Schmelztiegel des Nordens. Die Grenznähe führte zu einem hohen Anteil flämischer Zuwanderer. Außerdem kamen ab dem 19. Jahrhundert Gastarbeiter aus ganz Europa (vor allem Portugal, Italien und Polen) und nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Maghreb (Französisch-Nordafrika). In den vergangenen Jahrzehnten stieg auch der Anteil asiatischstämmiger Einwohner.
Der Anteil ausländischer Bürger, der für Menschen mit muslimischer Religionsangehörigkeit von offizieller Seite mit 30 % angegeben wurde,Philippe Waret und Jean-Pierre Popelier: Roubaix de A à Z. S. 177 hat sich zu einem bedeutenden politischen und sozialen Thema für die Stadt entwickelt. Es bestehen Schätzungen eines Anteils ausländischer Einwohner von weit über 80 %.Luc Gruson: L'Islam en France. ADRI, 2000, ISBN 2-11-004646-5Jonathan Laurence und Justin Vaïsse: Intégrer l'islam. S. 40, Odile Jacob, 2007, ISBN 978-2-7381-1900-1
Sprache Obwohl die Gegend während ihrer Geschichte mehrfach unter der Herrschaft Flanderns stand (→ siehe auch: Französisch-Flandern), blieb die französische Sprache durchgängig als Alltagssprache erhalten.
Roubaix liegt im Gebiet des picardischen Sprachraumes.