Als Klettergurt, Anseilgurt, Auffanggurt oder auch Gurt bezeichnet man einen Teil der Persönlichen Schutzausrüstung (PSA Kategorie III), der beim Klettern und Bergsteigen und bei absturzgefährdeten Tätigkeiten im Bergsport am Körper getragen wird. Er stellt beim Anseilen die Verbindung zwischen Mensch und Seil her.
Der Klettergurt dient dazu, die beim Abfangen eines Sturzes auftretenden Belastungen aufzunehmen und auf mehrere Stellen des Körpers zu verteilen, die stabil genug sind, um solche Einwirkungen ohne Verletzungen zu überstehen. Außerdem soll der Klettergurt beim anschließenden Hängen am Seil die Blutzirkulation so wenig wie möglich einschränken. Weiterhin soll er der Person, die ihn trägt, ein Hängen in einer möglichst stabilen Gleichgewichtslage ermöglichen, so dass der Träger auch dann möglichst schmerzfrei und sicher im Gurt hängt, wenn er aufgrund von Bewusstlosigkeit oder einer Verletzung nicht selbständig in der Lage ist, eine entsprechende Position einzunehmen.
Aufbau Alle Arten von Klettergurten bestehen aus festem und hoch belastbarem Bandmaterial, das ebenso wie die tragenden Nähte Belastungen standhalten muss, die mindestens dem Doppelten der in der Praxis auftretenden Kräfte entsprechen. Dies sind im Allgemeinen mehrere Kilonewton. Das Gurtmaterial ist an den Stellen, an denen die Kraftübertragung zwischen Gurt und Körper stattfindet, mehrere Zentimeter breit oder mit einer entsprechend breiten Polsterung versehen, um eine gleichmäßige Verteilung der Kraft zu erreichen und ein Einschneiden in den Körper zu vermeiden.
Ein Klettergurt ist normalerweise aus mehreren Schlaufen aufgebaut, die um die Körpermitte sowie um die Beine und/oder Arme gelegt werden. Diese Schlaufen sind in ihrem Umfang verstellbar und damit an die Körpermaße des Trägers anpassbar, damit die auftretenden Kräfte zwischen Körper und Klettergurt sicher übertragen werden können und um zu verhindern, dass der Träger unbeabsichtigt aus dem Gurt rutscht. Weiterhin besteht er aus einer oder mehreren Einbindeschlaufen oder Anseilpunkten, in die das Sicherungsseil entweder direkt eingebunden oder mit einem Karabiner eingehängt wird. Zusätzlich zu den sicherheitsrelevanten Teilen haben die meisten Klettergurte eine oder mehrere Materialschlaufen. Diese dienen dazu, zum Klettern oder Arbeiten benötigte Gegenstände wie Karabinerhaken, Reepschnur oder Werkzeug am Gurt zu befestigen, um sie am Herabfallen zu hindern und sie schnell zur Hand zu haben.
Die zum Klettern und im Arbeitsschutz verwendeten Gurte sind zwar in Aufbau- und Funktionsprinzip gleich; allerdings unterscheiden sie sich in einigen Details, um den unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden, und müssen unterschiedlichen Normen genügen.
Gurte zum Klettern und Bergsteigen Da beim Klettern und Bergsteigen ein total freies Hängen relativ selten ist, spielt die Polsterung je nach Einsatzzweck nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen sind geringes Gewicht und eine uneingeschränkte Bewegungsfreiheit von großer Bedeutung. Die Auswahl reicht hier von leichten, ungepolsterten Gurten für Hochtouren, die weniger als 300 Gramm wiegen, über gut gepolsterte Sportklettergurte bis hin zu Komplettgurten mit und ohne Polsterung.
Speleogurte sind spezielle Klettergurte für die Höhlenforschung. Diese zeichnen sich durch i. d. R. reduziertes Gewicht aus, zudem besitzen sie meist weniger Materialschlaufen, damit diese die sich in den teils engen Höhlengängen nicht am Fels verhaken. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zum normalen Klettergurt besteht am Anseilpunkt, der sich tiefer und sehr nah am Körper befindet. Dies unterstützt maßgeblich den Einsatz bei der Einseiltechnik.
Anseilgurte für den Bergsport müssen der Europäischen Norm EN 12277 entsprechen.
Die Norm unterscheidet vier Typen von Gurten, den Komplettgurt (Typ A), den Kleinkörpergurt (Typ B), den Sitzgurt (Typ C) und den Brustgurt (Typ D). Sie schreibt einen statische Belastbarkeit von 15 kN (Typen A und C) bzw. 10 kN (Typ B und D) vor, die mit Hilfe einer Prüfpuppe ermittelt wird, wenn ein Seil an den in der jeweiligen Gebrauchsanleitung angegebenen Anseilpunkten befestigt ist.
Gurte für den Arbeitsschutz mini|Piktogramm „Auffanggurt benutzen“ nach DIN EN ISO 7010 Die Gurte für den Arbeitsschutz beim Industrieklettern (nicht aber beim Baumklettern) verfügen meist über einen zweiten Anseilpunkt (Öse) am Rücken, damit das Sicherungsmaterial den Träger nicht beim Arbeiten behindert oder um den Träger daran optimal zu seinem Arbeitsplatz positionieren zu können.
Bei den Gurten für den Arbeitsschutz lassen sich wiederum zwei verschiedene Anforderungsprofile definieren: einerseits für Gurte, die lediglich der Absturzsicherung dienen, andererseits für solche, die zum Arbeiten in hängender Position dienen. Die Gurte zur reinen Absturzsicherung müssen nicht besonders gut gepolstert sein, da hier ähnlich wie bei den Gurten zum Klettern ein behinderungsfreies Arbeiten wichtiger ist als langes Hängen. Da bei seilgestützten Arbeiten üblicherweise dauernd in hängender Position gearbeitet wird und dabei ein unkontrolliertes Stürzen in den Gurt nicht möglich ist, verfügen Gurte für diesen Einsatzzweck über eine sehr gute und breite Polsterung, um ein schmerzfreies Hängen über längere Zeit zu ermöglichen, und über verschiedene Anseilpunkte vorne, hinten und an den Seiten, um eine möglichst exakte Positionierung in den verschiedensten Lagen zu erreichen.
Die Gurte zur Absturzsicherung müssen der Europäischen Norm EN 361 entsprechen. Für die Gurte zur Positionierung, Haltegurte, gilt die Norm EN 358. Gurte, die sowohl als Absturzsicherung als auch zur Positionierung verwendet werden sollen, müssen demnach die Vorgaben beider Normen erfüllen. Relevant in diesem Zusammenhang sind noch die EN 362, Verbindungselemente, EN 363, Auffangsysteme, EN 364, Prüfverfahren, EN 365, Kennzeichnung, EN 813, Sitzgurte.
Die Norm schreibt eine statische Belastbarkeit von 15 bzw. 10 kN entsprechend der Bauart der Öse vor. Die dynamische Leistung wird mit einem Prüftorso von 100 kg bei einer Fallhöhe von 4 m getestet.
Gurttypen zum Klettern und Bergsteigen Es existieren vier verschiedene Typen von Klettergurten nach EN 12277 mit jeweils bestimmten Vor- und Nachteilen und entsprechend unterschiedlichen Einsatzgebieten.
mini|200px|Hüftgurt
Hüftgurt Der Hüftgurt oder Sitzgurt (EN 12277 Typ C) besteht aus zwei über einen Steg verbundenen Beinschlaufen und einem Bauchgurt. Diese sind über die Bauchgurtöse und den Beinschlaufensteg durch den Sicherungsring verbunden. Am Bauchgurt sind hinten und seitlich Materialschlaufen angebracht, die zum Verstauen von Karabinern und ähnlichem gedacht sind und nicht zum Anseilen genutzt werden dürfen. Zum Anseilen beim Klettern wird das Seil mit einem Knoten oder einem Karabiner so in Bauchgurtöse und Beinschlaufensteg eingebunden, dass es parallel zum Sicherungsring liegt. Manche Hersteller erlauben in ihrer Gebrauchsanweisung auch das Anseilen im Sicherungsring.
Beim Hüftgurt liegt der Anseilpunkt vor dem Körper, ungefähr auf Höhe des Körperschwerpunktes eines normal proportionierten Menschen. Dies ermöglicht ein sehr komfortables Hängen in sitzender Position bei leicht angespannter Bauchmuskulatur, sofern sich der Nutzer bei Bewusstsein befindet. Ein weiterer Vorteil des Sitzgurtes ist die größere Bewegungsfreiheit des Kletterers, welche für das schwere Sportklettern von Vorteil ist.
Bei einem Hüftgurt ist der Beinschlaufensteg das Hauptverschleißteil. Er ist deshalb regelmäßig zu überprüfen. Stellt man hier einen deutlichen Verschleiß fest, sollte der Gurt ersetzt werden.Michael Hofmann: An die Seile, fertig, los! In: Climb!, 1, 2008, S. 53.
Risiko Hüftgurt? mini|Junge beim Toprope-Klettern mit Hüftgurt Schon bald nach dem Aufkommen des Sportkletterns und dem dort praktizierten alleinigen Gebrauch des Hüftgurtes begann eine Diskussion über die Sicherheit. Während Sportkletterer Zehntausende von folgenlosen Stürzen absolvierten, publizierten Kritiker ihre Bedenken. Diese Bedenken gipfelten in einer in der Folge heftig diskutierten Aussage von Dietrich Hasse, mit der er den Sportkletterern vorwarf, durch den alleinigen Hüftgurtgebrauch aus Modegründen fahrlässig ihr Leben zu riskieren. Ist das Anspannen der Bauchmuskulatur, beispielsweise wegen Bewusstlosigkeit, nicht möglich, besteht die Gefahr, dass der ungestützte Oberkörper nach hinten umkippt. Bereits das Hängen in dieser Haltung ist äußerst schmerzhaft und unter Umständen gefährlich. Tritt in dieser Haltung zusätzlich eine Belastung durch einen Fangstoß auf, so kann der Körper im Bereich der Lendenwirbelsäule dabei schwer geschädigt werden. Von den knapp zwei Dutzend tödlichen Unfällen, die Helmut Mägdefrau (1989)Helmut Mägdefrau: Die Belastungen des menschlichen Körpers beim Sturz ins Seil und deren Folgen. Dissertation, München 1989, Ludwig-Maximilians-Universität München. zählte, trugen sich allerdings alle im Gebirge zu. In Anbetracht von Hunderttausenden von folgenlosen Sportkletterstürzen schloss Pit Schubert auf ein geringes Risiko beim kurzen Sportklettersturz.Pit Schubert: Sicherheit und Risiko in Fels und Eis. Band 2. Rother, München 2002, S. 313.
Beim Sportklettern wird aus Gründen der größeren Bewegungsfreiheit und auch aus Bequemlichkeit heute fast ausschließlich mit Hüftgurt geklettert, da hier im Allgemeinen kurze und kontrollierte Stürze auftreten und das Risiko von Bewusstlosigkeit äußerst gering ist. Unfälle durch das alleinige Tragen eines Sitzgurtes sind im Sportklettern vermutlich äußerst selten. Eine Studie von Hohlrieder et al., die das Risiko von sturzbedingten Verletzungen bezüglich der Gurtart untersuchte, konnte keinerlei Unterschiede erkennen. Die Forscher schlossen, dass der Gurttyp keinen Einfluss auf Art oder Schwere von sturzbedingten Verletzungen hat und das Tragen eines alleinigen Sitzgurtes keine zusätzlichen Risiken verursacht.M Hohlrieder et al.: Pattern of injury after rock-climbing falls is not determined by harness type. In: Wilderness and Environmental Medicine, 2007 Spring, 18(1), S. 30–35, PMID 17447711.
Besteht hingegen die Gefahr von sehr weiten oder unerwarteten Stürzen, wie dies heute hauptsächlich im (klassisch) alpinen Klettern vorkommt, so ist das Risiko einer Verletzung mit der Kombination Brust- und Sitzgurt sicherlich deutlich kleiner. Wird ein Rucksack getragen, verschiebt sich der Schwerpunkt nach oben, was die Gefahr des Überkippens wahrscheinlicher macht. Zumindest beim Tragen schwerer Rucksäcke kann die zusätzliche Verwendung eines Brustgurts sicherer sein.
Kinder haben vor der Pubertät eine schwach ausgeprägte Hüfte, so dass die Hüftschlaufe über die Hüfte nach unten rutschen kann und dann nicht mehr richtig sitzt. Ferner könnte bei einem Kopfübersturz das Kind aus dem Gurt rutschen, so dass hier ebenfalls ein Kleinkörpergurt oder eine Kombination aus Brust- und Hüftgurt angebracht sein kann.
Komplettgurt mini|Komplettgurt für Klettersteige Der Komplettgurt oder Kombigurt (EN 12277 Typ A) umgibt den oberen Teil des Körpers und die Oberschenkel. Dazu besitzt er sowohl Arm- als auch Beinschlaufen und hat zwei relativ hoch liegende Anseilschlaufen im Brustbereich. Komplettgurte sind einfach an- und abzulegen, zum Einbinden werden die beiden Anseilschlaufen mit dem Seil verbunden.
Die Anordnung der Beinschlaufen und der sehr hohe Anseilpunkt ungefähr in der Mitte des Brustkorbes bewirken eine sehr aufrechte Hängeposition, selbst bei Bewusstlosigkeit. In dieser Position ist es aber nur schwer möglich, die Beine zu bewegen und damit die Blutzirkulation in den Beinen aufrechtzuerhalten, was bei längerem Hängen zum Hängetrauma führt. Aus diesem Grund sind Komplettgurte nicht für Tätigkeiten geeignet, bei denen längeres Hängen erforderlich ist.