mini|Die Feldsteinkirche, 2010 Die evangelische Dorfkirche Wildenbruch ist eine Feldsteinkirche aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Sie liegt rund 250 Meter nordöstlich des Großen Seddiner Sees im Dorfkern Wildenbruchs, einem Ortsteil der Gemeinde Michendorf im Landkreis Potsdam-Mittelmark in Brandenburg (Deutschland). Das vierteilige Baudenkmal besteht aus einem breiten Westturm mit späterem Fachwerkaufsatz, einem leicht eingezogenen Schiff, Chor und Apsis.
Geschichte Strategische Funktion Wildenbruchs in der Deutschen Ostsiedlung Wildenbruch wurde erstmals 1375 im Landbuch Karls IV. als Wildenbruke (= „Siedlung bei einem wilden, öden Sumpf“ beziehungsweise Bruch) urkundlich erwähnt.Reinhard E. Fischer: Die Ortsnamen der Länder Brandenburg und Berlin. Band 13 der Brandenburgischen Historischen Studien im Auftrag der Brandenburgischen Historischen Kommission. be.bra Wissenschaft, Berlin 2005, ISBN 3-937233-30-X, S. 181, . Sehr wahrscheinlich wurde das Dorf bereits im ausgehenden 12. Jahrhundert im Zuge der Deutschen Ostsiedlung errichtet, die nach der Gründung der Mark Brandenburg durch Albrecht den Bären im Jahr 1157 einsetzte. Das Landbuch erfasst Wildenbruch mit einem umsatzstarken Krug an einer HandelsstraßeGemeinde-Michendorf: Wildenbruch, eine Ortschaft im Kerngebiet der Mark Brandenburg. und gibt seine Ausstattung mit 59 Hufen Acker- und Weideland an. Diese wie im Nachbardorf Fresdorf großzügige Ausstattung mit Land und überdurchschnittliche Ansiedlung mit Bauern war strategisch begründet.Christa und Johannes Jankowiak: Unterwegs an Nuthe und Nieplitz. Porträt einer märkischen Landschaft. Auf alten Spuren und neuen Wegen. Stapp Verlag, Berlin 1995, S. 42f, ISBN 3-87776-061-9. Denn Wildenbruch und Fresdorf sollten die Heer- und Handelsstraße Wittenberg – Spandau (spätere Poststraße nach Berlin) sichern, die an der Landenge zwischen dem Kähnsdorfer See und dem Seddiner See besonders gefährdet war.Georg Klünder: Untersuchung über die Geschichte Wildenbruchs. In: Blickpunkt Spezial, 2002,
Kennzeichnung als Wehrkirche mini|Die Feldsteinkirche, 2010 Auf diesem Hintergrund und wegen ihres wuchtigen Breitturms und ihrer ein Meter dicken Mauern wird die Kirche in der Literatur und in Darstellungen wie der Internetseite der Gemeinde Michendorf oft als Wehrkirche bezeichnet. Diese Kennzeichnung wird von der aktuellen Kirchenforschung zurückgewiesen. Es fehlten Möglichkeiten zur aktiven Verteidigung wie Schießscharten und hohe Wehrmauern um die Kirche herum sowie räumliche Möglichkeiten zur Vorratshaltung von Lebensmitteln. Durch die Schlitzfenster im Turm konnte kein Angriff abgewehrt werden; ihr Profil hätte nicht erlaubt, mit Armbrust oder Bogen zu schießen. Soweit sich die Bauern von den Feldern in die Kirche retten konnten, bot sie allerdings dank ihrer massiven Bauweise einen gewissen Schutz als Zufluchtsort, beispielsweise vor marodierenden Söldnern oder Bewaffneten, die sich auf keine Belagerung einlassen konnten. Die jüngere wissenschaftliche Diskussion wie auf der Leipziger Dorfkirchen-Tagung 2005 kommt zu dem Ergebnis, dass der Begriff Wehrkirche auf keine einzige Brandenburger Kirche anwendbar ist.Dirk Höhne, Christine Kratzke (Hrsg.): Die mittelalterliche Dorfkirche in den Neuen Bundesländern II. Funktion, Form, Bedeutung. Martin-Luther-Universität, Hallesche Beiträge zur Kunstgeschichte 8, Halle (Saale) 2006, ISBN 3-86010-867-0.; siehe insbesondere Kapitel von Ernst Badstübner: Funktion und Bedeutung der Quertürme aus der Zeit askanischer Herrschaft in der Mark Brandenburg. Auch Engeser/Stehr stellen fest:
Auch der von Kitschke angeführte 11 cm starke „Wehrbalken“ ist kein hinreichender Beleg für den angeblichen „Wehrcharakter“ der Wildenbrucher Kirche.Andreas Kitschke: Wildenbruch …, S. 7. Derartige quergelegte Balken wurden im Mittelalter oft zur inneren Schließung der Portaltüren verwendet, während die aufwändigeren und teureren Schlösser in der Regel der einzigen von außen verschließbaren Tür vorbehalten waren.
Kirchenpatronat und Reformation mini|hochkant=0.7|Wetterfahne von 1737, „A.F.v.R.“ für den Patronatsherren Adolph Friedrich II. von Rochow
Das Landbuch von 1375 verzeichnet für die Wildenbrucher Pfarre 2 Hufen Land. Das Kirchenpatronat lag bis 1466 bei dem Prämonstratenser-Chorherrenstift Unserer lieben Frau auf dem Berge auf dem Marienberg zu Brandenburg,Andreas Kitschke: Wildenbruch …, S. 3f. das im Sedes Brietzen mehrere Besitzungen hatte, darunter seit 1438 die Fischerei auf dem Seddiner See.Dieter Mehlhardt: Märkische Dorfkirchen (155) – Seddin. In: Potsdamer Kirche Nr. 24, 1985. 1466 erwarb Dietrich von Rochow das Kirchenpatronat.Germania Sacra. Historisch-statistische Beschreibung der Kirche des Alten Reiches. Alte Folge. Hrsg.: Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Abt. 1: Die Bistümer der Kirchenprovinz Magdeburg. Das Bistum Brandenburg, Teil 1. Bearbeitet von Gustav Abb und Gottfried Wentz. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1963 (Nachdr. d. Ausgabe 1929). ISBN 978-3-11-001284-2. S. 209 in der online Ausgabe: online bei google-books. Die Adelsfamilie von Rochow gehörte im Spätmittelalter zu den einflussreichsten Familien in der Zauche. Die Wetterfahne trägt über der Jahreszahl 1737 die Inschrift „A.F.v.R.“, das Kürzel des Patronatsherrn, Garde-Leutnant Adolph Friedrich (II.) von Rochow (1708–1738). Er konnte auch die Bauerfahrungen seines Vaters, hier zur Kirche Ferch, anwenden. Das Patronat seiner Nachfahren geht nachweislich bis zu Fritz von Rochow-Plessow (1858–1914).
Die Pfarrei Wildenbruch blieb dem Brandenburger Domkapitel zugeordnet, auch über die 1539 von Joachim II. in der Mark Brandenburg eingeführte Reformation hinaus. Wie in vielen Orten der Mark wurden in Wildenbruch die katholischen Bräuche nach der Reformation noch lange gepflegt. So verzeichnet ein Inventarverzeichnis von 1600 ausdrücklich eine seidene Casel. Noch 1715 wurde der Chorrock benutzt und die Liturgie wurde bis in das 19. Jahrhundert gesungen.
Die Kirche ist vom Friedhof umgeben. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts ließ Friedrich der Große in Wildenbruch eine Seidenraupenzucht anlegen und 1722 auf dem Kirchhof die ersten 26 Maulbeerbäume pflanzen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts bestanden in dem Dorf zahlreiche Maulbeerplantagen.Wildenbruch – eine Zeitreise. ….
Gestalt, Bau- und Restaurationsgeschichte Verarbeitung der Feldsteine und Maße mini|Die umlaufende unterste Bauschicht mit den auffällig kleineren Quadern zeigt, dass der Bau der Dorfkirche Wildenbruch zunächst auf vollständigem Grundriss begonnen wurde. Beim Bau der Kirche, der dem frühen 13. Jahrhundert zugeordnet wird, sollen die Zisterzienser-Mönche des Klosters Lehnin beratend tätig gewesen sein. Zudem sollen die nahezu würfelförmig behauenen Feldsteine, aus denen der Westturm – der wahrscheinlich älteste Bauteil – geschichtet ist, aus dem Lehniner Kloster geliefert worden sein. Nach der Darstellung von Andreas Kitschke waren nur geschulte Fachkräfte in der Lage, die verwendeten äußerst spröden und harten Granitbrocken, die die Eiszeit aus Skandinavien nach Brandenburg transportiert hatte, derart zu bearbeiten. Aufgrund der Übereinstimmung mit den Turmsteinen des 1138 begonnenen Havelberger Doms hält es Kitschke auch für möglich, dass beim Wildenbrucher Bau Handwerker tätig wurden, die zuvor in Havelberg gearbeitet hatten und anschließend in die Zauche kamen.Andreas Kitschke: Wildenbruch …, S. 5, 7. Laut Engeser/Stehr hingegen lässt sich die Wildenbrucher am besten mit der Feldsteinkirche von Linthe vergleichen. Auch hier ist Engeser/Stehr Recht zu geben, die schon den Begriff der „Wehrkirche“ abgelehnt haben. Für die Mitwirkung der Zisterzienser gibt es für die Kirchen in Brandenburg keinerlei Beleg. Ihre Bedeutung für das Bauen wird grundsätzlich überschätzt; sie geht vor allem auf das Geschichtsbild nach Fontanes Wanderungen zurück; siehe auch Problematische heimatkundliche Vorstellungen über die (Berliner) Dorfkirchen.
Auffällig ist der unterste Schichtenbereich (bis etwa 1,50 m). Es handelt sich um deutlich kleinere Quader, die sich um den ganzen Bau ziehen, so dass erwiesen ist, dass der Kirchenbau auf vollständigem Grundriss begonnen, aber nach einer Bauunterbrechung (erkennbar an der Baunaht zum Turm) in getrennten Bauabschnitten fortgesetzt wurde.
Die Außenkanten und Gewände der Öffnungen an Schiff, Apsis und Chor sind gleichfalls mit glatt behauenen Feldsteinen sauber ausgeführt, während die Feldsteine der Wandflächen nicht mehr die gleiche Verarbeitungsqualität aufweisen.Andreas Kitschke: Wildenbruch …, S. 13. Der Turm hat eine Länge von 5,85 und eine Breite von 11,55 Metern. Er übertrifft die Breite des Kirchenschiffs, die bei 10,50 m liegt (Länge 11,20 m). An das Schiff schließen sich ein schmaler Chor (Breite 8,25 m, Länge 5,85 m) und eine gleichfalls schmale Apsis an.Theo Engeser und Konstanze Stehr: Wildenbruch (Ev. Dorfkirche), abgerufen am 24. April 2023Theo Engeser und Konstanze Stehr: Linthe (Ev. Dorfkirche), abgerufen am 24. April 2023
Barocker Turmaufsatz von 1737 und seine Reparaturen
mini|hochkant|links|Westturm um 1900 mit dem Fachwerkaufsatz von 1737 nach seinen Umbauten im 19. Jahrhundert mini|hochkant|Westturm 2010 mit dem 1992 wiederhergestellten Fachwerkaufsatz von 1737
1681/1682 erfolgte für 7 Taler und 22 Groschen eine Reparatur des Breitturms, der zu dieser Zeit wahrscheinlich von einem quergestellten Satteldach geschlossen war. 1737 erhielt der Breitturm einen barocken Aufsatz aus Ziegelfachwerk. Er besteht aus einem Glockengeschoss, das allseitig mit holzrostverkleideten Schallöffnungen versehen ist und dem im Norden und Süden steile Pultdächer angeschoben sind. Über dem Glockengeschoss leitet ein steiles Zeltdach zur Laterne über, die eine kuppelähnliche Dachhaube schließt. Auf dem 24 Meter hohen Turmknauf krönt die Wetterfahne von 1737 mit der Inschrift „A.F.v.R.“ des Patronatsherren den Bau. Nach Sturmschäden erfolgte 1793 eine umfassende Turmreparatur. Durch Blitzeinschläge 1809 und 1821 erneut beschädigt, wurden der Turm und das Kirchenäußere 1832 repariert und 1852 instand gesetzt. Dabei wurde unter anderem der Turmaufsatz verändert, indem auf der Westfassade das Fachwerk bis zum Zeltdach durch Feldsteine und die beiden Schallöffnungen durch eine nunmehr mittig angebrachte ersetzt wurden. Untersuchungen in den 1990er-Jahren ergaben eine Schädigung der Holzkonstruktionen des Aufsatzes. Daraufhin wurde die Fachwerkkonstruktion 1992 von der Potsdamer Architektengemeinschaft Ernestine Leppin und Bernd Redlich vollkommen erneuert, denkmalgerecht restauriert und auf den dokumentierten Ursprungszustand von 1737 zurückgeführt.Andreas Kitschke: Wildenbruch …, S. 7, 8, 9, 11, 14.
Fenster und Pforten Bei der Turmreparatur 1793 sind auch die drei Nordfenster im Schiff und die Öffnung im Chor vergrößert worden. Die Form ihrer tiefen Gewände und Korbbögen, die mit Backstein eingefasst und verputzt sind, ordnet Kitschke dem 18. Jahrhundert zu. 1877 folgte die Vergrößerung der Fenster auf der Südseite, die im Gegensatz zu den Nordfenstern nur flach zurückgesetzt und mit Segmentbögen überdeckt sind. Das Schiff enthielt ursprünglich je vier kleine Fenster, die deutlich höher lagen als die heutigen Fenster. Zwei der alten romanischen Fenster sind erhalten und zeigen die ehemalige Lage der Fensterfront an. Eins befindet sich auf der Südseite des Schiffs vor dem Turm, eins auf der Nordseite zwischen dem ersten und zweiten großen Fenster. In den fast quadratischen Chorwänden sind ein nachträglich vergrößertes und ein hochgelegenes romanisches Fenster eingelassen. In der halbzylindrischen Wand der Apsis sind die ursprünglichen drei kleinen Rundbogenfenster bewahrt.
mini|hochkant=0.7|Erhaltene romanische Fensteröffnung in der Südwand des Kirchenschiffs