Der Germanische Lloyd SE war als international tätige Klassifikationsgesellschaft ein technisches Dienstleistungsunternehmen mit Sitz in Hamburg. Der Konzern setzte mit rund 6900 Beschäftigten an über 200 Standorten in über 80 Ländern zuletzt rund 740 Millionen Euro um (Stand 31. Dezember 2010). Zum 12. September 2013 schlossen sich die beiden bisherigen Konkurrenten Det Norske Veritas (DNV) und Germanischer Lloyd (GL) zusammen und gingen in der neuen DNV GL Group auf, die sich seit März 2021 nur noch DNV nennt. auf gl-group.com An 300 Standorten wurden rund 17.000 Mitarbeiter beschäftigt, der Jahresumsatz betrug etwa 2½ Milliarden Euro.Fusion von DNV und GL. In: Schiff & Hafen, Heft 10/2013, S. 7 Wettbewerber waren unter anderem Bureau Veritas (Frankreich), American Bureau of Shipping (USA), Lloyd’s Register of Shipping (Großbritannien) und Société Générale de Surveillance (Schweiz). Das 1867 gegründete Unternehmen blickte auf eine lange Tradition als Schiffsklassifikationsgesellschaft zurück, hatte aber insbesondere durch Zukäufe zuletzt sein Industriegeschäft stark ausgebaut.
Geschäftsfelder Die GL-Group war schwerpunktmäßig in den drei Geschäftsfeldern Schifffahrt (Germanischer Lloyd), Öl und Gas (GL Noble Denton) und Erneuerbare Energien (GL Garrad Hassan sowie GL Renewables Certification) tätig. Die Schifffahrtssparte trug zuletzt noch knapp die Hälfte zum Gesamtumsatz bei.
Schifffahrt Die Schifffahrtssparte des Germanischen Lloyd umfasste schwerpunktmäßig die Schiffsklassifikation und die Beratungsdienstleistungen, die unter dem Begriff Maritime Solutions gefasst sind. Zum ursprünglichen GL-Arbeitsfeld, der Klassifikation, zählten u. a. die Abnahme von Neubauten und die Überprüfung der fahrenden Flotte nach internationalen Sicherheits- und Umweltstandards. Insgesamt fuhren über 7000 Schiffe mit einer Tonnage von mehr als 100 Millionen Tonnen unter GL-Klasse. Bei Containerschiffen hatte der GL, der weltweit zu den fünf größten Klassifikationsgesellschaften zählte, einen Marktanteil von über 40 Prozent. Der Fokus der Maritime Solutions lag im Wesentlichen auf dem Thema Effizienzsteigerung: Die GL-Ingenieure berieten die Schifffahrtsbranche u. a. in Sachen Schiffsdesign, Rumpfoptimierung, Motormanagement und Routenplanung, begleiteten die Entwicklung innovativer Technologien und boten zur Optimierung des Schiffsbetriebs spezielle Software und Schulungen an. Ziele waren geringere Brennstoffkosten und weniger Emissionen, um die Einhaltung der immer strenger werdenden internationalen Regeln zum Umweltschutz zu gewährleisten. Das hier angegliederte Tochterunternehmen FutureShip beschäftigt sich mit der Entwicklung von effizienten Schiffsdesigns und der Optimierung durch Simulationsprogramme. Die Grundlagenforschung war bei der Abteilung Strategische Forschung und Entwicklung angesiedelt, die etwa Studien über besonders effiziente Containerschiffe und Tanker vorgelegt hat.
Schiffe, die vom Germanischen Lloyd vermessen sind, tragen die Lettern „GL“ an den Ladelinien (Plimsoll-Marke) mittschiffs.
Öl und Gas Die Unternehmenssparte ist aus der Fusion der bisherigen Industriesparte des GL mit diversen übernommenen Unternehmen entstanden, darunter Advantica und Noble Denton aus Großbritannien. Weil die Förderung von Öl- und Gasvorkommen angesichts knapper werdender Ressourcen immer anspruchsvoller wird, sind spezielle Ingenieursdienstleistungen hier besonders gefragt. So kommt es bei der Offshore-Förderung von Öl- und Gas darauf an, zum Schutz von Lebewesen und Umwelt hohe Sicherheitsanforderungen zu gewährleisten. Produktion und Transport über schwimmende Einheiten (FPSO) oder Pipelines sind ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld für die GL-Techniker, die sich von der Planung über den Bau und den Betrieb bis zur Demontage um die Integrität der Anlagen kümmern. Daneben engagieren sich die Mitarbeiter von GL Noble Denton bei Softwareentwicklung, Produkt- und Prozesszertifizierung und in der Werkstoffprüfung.
Erneuerbare Energien Im Segment der technischen Dienstleistungen und Beratungsdienstleistungen für erneuerbare Energien galt der GL-Geschäftsbereich mit 750 Experten in über 40 Niederlassungen als führend. Er bündelte die ursprünglichen Aktivitäten des GL mit denen der übernommenen Unternehmen Hélimax (2007, Kanada), Windtest (2008, Deutschland) und Garrad Hassan (2009, Großbritannien). Das Unternehmen unterstützte Projektinitiatoren bei der Auswahl geeigneter Standorte, Hersteller und Zulieferer bei Konstruktion und Produktion und Energieversorgungsunternehmen bei der Planung, der Errichtung und dem Betrieb von Windenergieanlagen. Dazu zählten auch die Entwicklung spezieller Software und Schulungstätigkeiten. In jüngster Zeit geriet die technisch anspruchsvolle Installation von Offshore-Windenergieanlagen zunehmend in den Fokus, wo GL Garrad Hassan eigenes Know-how mit der maritimen Expertise der GL-Gruppe verknüpfen konnte. Ein weiteres Thema war die Gewinnung von Energie durch Gezeiten- oder Wellenkraftwerke. Hier war GL Garrad Hassan bereits an mehr als 60 Projekten beteiligt. Auf dem Feld Sonnenenergie engagierte sich GL Garrad Hassan unter anderem beim Solarprojekt Desertec. Organisatorisch vollständig getrennt arbeitete das Tochterunternehmen Renewables Certification als unabhängige Zertifizierungsstelle für Bauteile und Anlagen im Segment erneuerbare Energien. Deren Übereinstimmung mit internationalen Standards wurde auf Basis intensiver Tests und Untersuchungen gewährleistet.
Geschichte mini|Franz Paetow, erster Direktor des Germanischen Lloyd. Grafik von Hermann Scherenberg Am 23. Juni 1862 wurde in Hamburg auf Initiative verschiedener Reeder ein Komitee gebildet, das über Fragen der Schiffsklassifikation beraten sollte. Mitglieder dieses Komitees waren folgende Reedereien: J.C. Godeffroy & Sohn A.J. Schön & Co. A.J. Hertz & Söhne Rob. M. Sloman
Bei einer der Sitzungen erschien erstmals der Name Germanischer Lloyd, vermutlich in Anlehnung an das früher gegründete Lloyd’s Register of Shipping in London. Als erfolgreicher Streiter für eine unabhängige Klassifizierung der Schiffe trat Friedrich Schüler hervor. Er war Schiffbaumeister bei Nüscke & Co. in Grabow bei Stettin und sollte später eine bedeutende Rolle für den Germanischen Lloyd als Technischer Direktor spielen. Daneben war das Wirken von Franz Paetow, Vizekonsul in Rostock, entscheidend. Seiner Tätigkeit ist es zu verdanken, dass die Gesellschaft in verhältnismäßig kurzer Zeit eine große Ausdehnung erlangte und sich ein allgemeines Vertrauen erwarb. Von ihm ging schon 1863 der Ruf aus, ein deutsches Klassifikationsinstitut zu begründen, um die bisherige französische Dominanz auf diesem Gebiet abzuschütteln. 1864 entwickelte er in der Broschüre Die Klassificirung von Schiffen, ein Beitrag zum Programm eines deutschen Lloyd zur Klassificirung von Schiffen die dabei zu beachtenden Grundsätze. Er warb auch in den Niederlanden und Belgien für die Idee. Anfang 1867 erfolgte eine öffentliche Ankündigung der Gründerversammlung des Germanischen Lloyd. Sie wurde zum 16. März 1867 um 14 Uhr in den großen Saal der Börsenhalle in Hamburg einberufen. Gegründet wurde der Germanische Lloyd am 16. März 1867 in Hamburg als deutsche Klassifikationsgesellschaft, indem Herr Theodor August Behn als Vertreter des Gründungskomitees nach eindeutig mehrheitlicher Abstimmung der Gründerversammlung die Statuten unterzeichnete. Die Gründerversammlung wurde von fast 600 Personen besucht. Franz Paetow wurde ins Gründungskomitee gewählt, wo er an den Vorarbeiten mitwirkte. Im Frühling 1868 wurde er vom Verwaltungsrat zum Direktor der neuen Gesellschaft berufen.vgl. R. Werner: Der Germanische Lloyd. In: Illustrirte Zeitung, Bd. 53, S. 145
Schon im Gründerjahr wurden die ersten Bauvorschriften veröffentlicht, die sich wesentlich von den vorherigen unterschieden. Bisher wurde in Tonnengehalt gemessen; die Messungen des Germanischen Lloyd basierten jedoch auf Länge, Breite und Höhe des Schiffes.
mini|Logo des Germanischen Lloyds mini|hochkant|Aktie über 300 RM der Germanischen Lloyd AG vom 16. Dezember 1924 1868 wurde das erste Schiffsregister des Germanischen Lloyd veröffentlicht, das 273 Schiffe umfasste. Nur zwei Jahre später kam das zweite Register mit 735 Schiffen heraus. Aufgrund des schnellen Wachstums war der Germanische Lloyd schon zwei Jahre nach der Gründung in dreizehn deutschen Städten und in über sechzig wichtigen ausländischen Häfen vertreten. 1872, als der Hauptsitz nach Berlin verlegt wurde, umfasste das Register schon 1870 Schiffe, im Jahr 1878 waren es 2353, wovon etwa ein Drittel unter ausländischer Flagge fuhr.
1889 wurde die Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, da die ursprüngliche Gesellschaftsform sich offenbar nicht zu bewähren schien, und Friedrich Ludwig Middendorf wurde 1890 ihr Technischer Direktor. Da die damalige Reichsregierung aber eine schlagkräftige Institution für diese Aufgaben benötigte, wurde auf Wunsch des Reichsamts des Innern die Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft mit gemeinnützigem Charakter umgewandelt. Wegen seiner Bedeutung für die deutsche Seeschifffahrt wies der Reichskanzler Bismarck am 17. Januar 1890 erstmals die kaiserlichen Konsulate in den ausländischen Häfen an, die Tätigkeit des Germanischen Lloyd zu unterstützen. Der letzte derartige Erlass wurde vom Auswärtigen Amt an die diplomatischen und konsularischen Vertretungen der Bundesrepublik Deutschland am 8. April 1969 herausgegeben.
1891 nahm man die Bestimmungen für die Klassifikation und die Besichtigungen von Schiffen und deren Antriebsanlagen auf. Das Register und die Vorschriften wurden ständig überarbeitet, um sie immer auf dem neusten Stand der Technik zu halten. Nachdem 1887 die See-Berufsgenossenschaft (im Folgenden See-BG genannt) gegründet wurde, deren Aufgabe es war, Unfallverhütungsvorschriften zu erlassen und deren Einhaltung zu überprüfen, wurde im November 1894 ein Vertrag zwischen der See-BG und dem Germanischen Lloyd abgeschlossen. Der Germanische Lloyd sollte in Zukunft als technischer Berater zur Verfügung stehen. Dieser Vertrag galt zum größten Teil bis in die 2000er Jahre.
Die Entwicklung in der Schifffahrt kam schnell voran, und der Germanische Lloyd wuchs stetig. 1914 waren bereits 10 Prozent der Welthandelsflotte bei ihm klassifiziert. Dann kam der Erste Weltkrieg, der dem Germanischen Lloyd große Verluste in der Schiffsklassifikation einbrachte. Viele ausländische Schiffe wechselten die Klasse, da die Hauptverwaltung von der internationalen Schifffahrt abgeschottet war. Die Regeneration lief langsam an, 1920 konnte das erste Register nach dem Ersten Weltkrieg herausgebracht werden. Danach konnten die internationalen Beziehungen aufgefrischt bzw. erneuert werden, was unter anderem dadurch zum Ausdruck kam, dass die See-BG und der Germanische Lloyd an den Vorbereitungen für die internationale Freibord-Konferenz mitwirkten.
Der Zweite Weltkrieg versetzte dem Germanischen Lloyd einen noch härteren Schlag als der erste. Viele Verwaltungsgebäude und Büros wurden zerstört, so dass der Lloyd seinen Aufgaben nicht mehr nachkommen konnte. Als kurz vor der Auflösung Proteste von einflussreichen Kräften aus Schifffahrt und Versicherungswesen kamen, wurde ein Zentralbüro in Hamburg eröffnet, so dass die Gesellschaft sich wieder um die Klassifikationsangelegenheiten kümmern konnte. Auf Grund des Wiederaufbaus der Flotten der deutschen Reeder in den 1950er Jahren konnte sich der Germanische Lloyd erholen und die unterbrochenen ausländischen Beziehungen wieder aufnehmen.