Jihlava (; deutsch Iglau) ist eine Mittelstadt in Tschechien, die direkt an der böhmisch-mährischen Grenze liegt. Der Großteil der Stadt mit dem Stadtzentrum befindet sich in Mähren, Teile des heutigen Jihlava liegen in Böhmen. Sie ist Verwaltungssitz der Region Vysočina, ein wichtiges Zentrum von Wirtschaft, Kultur und Bildung. Jihlava ist die älteste Bergstadt in den Ländern der Böhmischen Krone. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und der Vertreibung der deutschsprachigen Einwohner war sie das Zentrum der deutschsprachigen Iglauer Sprachinsel.

Geographie Die Stadt liegt auf der Böhmisch-Mährischen Höhe an der Einmündung der Jihlávka (Kleine Igel) in den Fluss Jihlava (Igel), der hier die vormalige Grenze zwischen Böhmen und Mähren bildet, etwa 78 Kilometer westnordwestlich von Brünn. Durch die Stadt führt die Europastraße 59 (l/38), die nördlich von Jihlava an der Autobahn D 1 / E 50 ihren Anfang nimmt.

Geschichte mini|Masaryk-Platz mit Jesuitenkirche, Neptunbrunnen und Rathaus Jihlava ist eine alte mährische Bergstadt, in der laut der Legende bereits im Jahre 799 Silber geschürft wurde.

König Ottokar I. richtete ein Bergamt und ein Münzamt ein. Die Stadt genoss schon früh weitgehende Privilegien und wurde um 1250 von Wenzel I. Přemysl zur Königsstadt erhoben.

Die 1249 vom König zugestandene Stadt- und Bergrechtsordnung Jura civium et montanorum ist die älteste bekannte Rechtsordnung, die für eine Stadtverwaltung erlassen wurde, deren ökonomische Grundlage der Bergbau war. Das Iglauer BergrechtAdolf Zycha: Das böhmische Bergrecht des Mittelalters auf Grundlage des Bergrechts von Iglau. Band 2, Berlin 1900 (deutsche-digitale-bibliothek.de). wurde in der Folgezeit maßgeblich für alle weiteren böhmischen und mährischen Bergstädte und diente u. a. auch als Vorbild für das Sächsische Bergrecht. Die Rechtsprechung in montanen Streitfragen oblag dem Iglauer Berggericht, dem Bergschöffenstuhl, welches zugleich als Oberstes Berggericht in den Ländern der Krone Böhmen fungierte. Es entschied auch über die Streitfälle vieler anderer Bergreviere in höherer Instanz.

Im Rathaus existiert eine Sammlung alter Gemeinde- und Berggesetze, die sich bis 1389 datieren lassen. Ferner ist Iglau eine alte Tuchmacherstadt, deren Tuche über Jahrhunderte berühmt waren.

mini|Teile der Stadtbefestigung sind erhalten mini|Karte von Iglau (um 1750) mini|Iglauer Wappen im Codex Gelnhausen alternativtext=1436 Bekanntgabe der Kompaktakten in Iglau|mini|„An dieser Stelle wurden am 5. Juni 1436 die Kompaktakten bekanntgegeben, mit denen das Konzil in Basel die tschechischen und mährischen Empfänger des Abendmahls in beiderlei Gestalt als wahre Söhne der katholischen Kirche anerkannte.“ Foto Juli 2018 In den Hussitenkriegen war Iglau – wie Pilsen und Brüx – ein Zentrum der Katholiken. Die Stadt blieb von Eroberung und Zerstörung verschont, obwohl die Kaiserliche Armee im Januar 1422 unweit bei Deutschbrod eine schwere Niederlage erlitten hatte. Die Iglauer Kompaktaten vom 5. Juli 1436, ein Vertrag mit den gemäßigten Teilen der Hussiten, das Ende der Hussitenkriege. Durch diesen Vertrag wurde Kaiser Sigismund in seiner Eigenschaft als König von Böhmen anerkannt, musste jedoch seinerseits weitreichende Zugeständnisse machen. Die Wichtigkeit des Beschlusses des Konzils von Basel für die hussitische Bewegung und damit für die tschechische Geschichte unterstreicht eine Inschrift am Iglauer Rathaus.

Eine Granitsäule in der Nähe der Stadt markiert die Stelle, an der Ferdinand I. 1527 den böhmischen Grundbesitzern die Treue schwor. Ab 1596 erweiterte die Stadt durch den Kauf der linksseitig der Igel in Böhmen gelegenen ehemaligen Seelauer Klostergüter durch die Trčka von Lípa ihren Besitz beträchtlich. Die erworbenen Gebiete wurden als Neues Gut in Böhmen zusammengefasst.

1625 verkaufte die Stadt den Schrittenzer Teil des Neuen Gutes. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde Iglau zweimal von den Schweden erobert, zuletzt 1645. Vor Ende des Krieges wurde die Stadt ab Juli 1647 durch kaiserliche Truppen unter General Hans Christoph III. von Puchheim und Jean-Louis Raduit de Souches blockiert, ab September belagert und schließlich am 7. Dezember durch Aufgabe der Verteidiger zurückerobert.

Im Ersten Schlesischen Krieg fiel Iglau 1742 in preußische Hände. Im Dezember 1805 wurde die Bayerische Armee unter Carl Philipp von Wrede in der Nähe der Stadt geschlagen, hielt aber den österreichischen Gegner fest, was zum gleichzeitigen französischen Sieg bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 beitrug.

Bis zum Ersten Weltkrieg war Iglau Standort der k.u.k. Armee. 1914 hatten hier der Stab, das I., II. und III. Bataillon des Mährischen Infanterie-Regiments Nr. 81 sowie das II. Bataillon des Landwehr-Infanterie-Regiments Nr. 14 ihre Garnison.

Am 23. Juni 1920 kam es während einer von Deutschen organisierten Sonnwendfeier außerhalb der Stadt zu Protesten gegen die tschechoslowakische Regierung, aus denen ein Demonstrationszug entstand, der randalierend durch die Stadt auf den Hauptplatz zog. Dort fielen Schüsse, durch die zwei tschechische Soldaten der Tschechoslowakischen Armee und ein deutscher Gärtner getötet wurden. Am nächsten Tag kam es zu Gegendemonstrationen durch tschechische Bewohner der Stadt, die erst durch einen Ausnahmezustand, der bis zum 3. Juli 1920 aufrechterhalten wurde, beruhigt werden konnten.

Die eingeleiteten gerichtlichen Voruntersuchungen mussten wegen Mangels an Beweisen eingestellt werden. Lediglich gegen den ehemaligen Bürgermeister Vinzenz Inderka und Hans Krczal wurde im November des gleichen Jahres verhandelt. Beide wurden zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

An diese Unruhen erinnern heute noch das Ehrengrab der beiden getöteten Soldaten auf dem Zentralfriedhof von Iglau und Gedenktafeln im Bereich des Masaryk-Platzes.Tragické léto 1920 v Jihlavě. Během krvavé slavnosti zemřeli dva mladí legionáři. Drbna.czPomník Obětem německého násilí / Denkmal für die Opfer deutscher Gewalt. vets.cz, Spolek pro vojenská pietní místa.Jihlava – Krvavý letní slunovrat 1920 / Iglau – Blutige Sommersonnenwende 1920. Valka.cz

Iglau mit Umgebung bildete vor 1945 nach dem Schönhengstgau die zweitgrößte deutsche Sprachinsel in Mähren und angrenzend auf der böhmischen Seite der Grenze. Die Stadt hatte 1910 27.927 Einwohner, davon 21.756 deutsche bzw. deutschsprachige und 5974 tschechische Einwohner.Jiří Vybíhal (mit Vilém Wodák): Iglau unterm Hakenkreuz Nová tiskárna Pelřimov, ISBN 978-80-254-9251-2, 2011.

+ Bevölkerungsentwicklung bis 1900 Jahr Einwohner Anmerkungen 1804 10.948 Joseph Marx von Liechtenstern: Handbuch der neuesten Geographie des Österreichischen Kaiserstaates. Band 2. Brünn 1817, S. 995 (books.google.it). 1834 16.553 ohne die Garnison, meist deutsche katholische Einwohner (599 Fremde inbegriffen)Gregor Wolny: Die Markgrafschaft Mähren topographisch, statistisch und historisch geschildert. VI. Band. Iglauer Kreis. 2. Ausgabe. Winiker, Brünn 1846, S. 2 (books.google.it). 1852 18.100 1857 17.427 Carl Kořistka: Die Markgrafschaft Mähren und das Herzogthum Schlesien in ihren geographischen Verhältnissen. Wien / Olmüz 1861, S. 268–269 (books.google.de). 1900 24.385 meist deutsche katholische Einwohner (4.228 Tschechen)

Nach Gründung der Tschechoslowakei 1918 nahm die Anzahl tschechischer Einwohner zu. 1930 lebten in Jihlava/Iglau 31.028 Einwohner, davon 17.968 Tschechen und nur noch 12.095 Deutsche.Jiří Vybíhal (mit Vilém Wodák): Iglau unterm Hakenkreuz Nová tiskárna Pelřimov, ISBN 978-80-254-9251-2, 2011 In der Iglauer Sprachinsel und in einigen tschechischen und gemischten Dörfern in der Umgebung blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine spezifische Volkskultur erhalten. Musikanten benutzten originelle hausgemachte Instrumente und Vierergruppen Fiedeln und Ploschperment. Typische Tänze waren Hatscho/Hatschou, Tuschen und Radln. Bäuerinnen trugen gern alte „pairische“ Trachten mit Šárkaröckchen, glänzenden dunklen Schürzen und großen roten Tüchern.

Vom 16. März 1939 bis zum 9. Mai 1945 war Iglau/Jihlava Bezirksstadt im Protektorat Böhmen und Mähren und Sitz eines Oberlandrats. Die deutschen Bewohner wurden deutsche Staatsbürger, ein deutscher Kommunalpolitiker ernannter Bürgermeister. Ziel der nationalsozialistischen Machthaber war, aus Iglau eine deutsche Stadt zu machen. Die tschechischen Einwohner wurden Protektoratsangehörige. alternativtext=Denkmal für die 1939 zerstörte Synagoge|mini|Dieses Denkmal und eine Gedenktafel erinnern an die 1862–1863 im maurischen Stil errichtete und von den deutschen Nazis am 30. März 1939 niedergebrannte Synagoge. In der Mitte im Hintergrund erkennbar das Denkmal für Gustav Mahler. Foto Juli 2018 Gleich nach der Eingliederung der Stadt wurde die Synagoge in Brand gesteckt und zerstört.

Wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die deutschen Bürger aufgrund der Beneš-Dekrete enteignet und zum Teil in verlustreichen Fußmärschen in Richtung Süden nach Österreich vertrieben.Felix Ermacora: Die sudetendeutschen Fragen Rechtsgutachten. Langen Müller Verlag, 1992, ISBN 3-7844-2412-0. Die restlichen deutschen Bewohner der Iglauer Sprachinsel wurden bis zum 26. September 1946 in 16 Eisenbahntransporten vertrieben. Nur einige wenige durften bleiben. Die Zahl der aus der Iglauer Sprachinsel stammenden, im Jahr 1945 umgekommenen Deutschen wird mit 2000 beziffert.Polizei untersucht Massenmord an Deutschen. Welt Online, 18. August 2010.

Das Vermögen der evangelischen Kirche wurde durch das Beneš-Dekret 131 liquidiert und die katholischen Kirchen in der Tschechoslowakei enteignet.https://www.zakonyprolidi.cz/cs/1948-131 Ab 1951 war Jihlava ein Ort mehrerer kommunistischer Schauprozesse: Sie richteten sich gegen den Einfluss der Kirche auf die Landbevölkerung und ihr Anlass war der Mord an drei örtlichen kommunistischen Funktionären in Babice. In den Prozessen wurden elf Angeklagte zum Tode verurteilt und 111 Angeklagte erhielten langjährige Zuchthausstrafen. Wegen der Schnelle der Prozesse wird darüber spekuliert, ob der Überfall vom Staatssicherheitsdienst in Auftrag gegeben wurde. Sämtliche verurteilten Personen wurden nach der Samtenen Revolution von 1989 rehabilitiert. alternativtext=Denkmal für Evzen Plocek, der sich selbst verbrannt hat. Foto März 2026.|mini|Das Denkmal für Evzen Plocek hat zwar einen prominenten Platz, direkt unterhalb der Mariensäule auf dem Hauptplatz, ist aber sonst eher unauffällig. Auf diesem Foto der kleine rechteckige Block weit vorn. Foto März 2026. alternativtext=Mit seiner Selbstverbrennung wollte Evzen Plocek gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und die darauf folgenden Repressionen protestieren. Foto März 2026.|mini|Diese Gedenktafel bezeichnet die Selbstverbrennung als Protest gegen die "Normalisierung". So wurde die Festigung der Macht der Moskau-hörigen Kommunisten nach der Niederschlagung des Prager Frühlings genannt. Foto März 2026. Aus Protest gegen die sowjetische Besatzung 1968 verbrannte sich Evžen Plocek anlässlich des Prager Frühlings auf dem Marktplatz. Dort erinnert eine Gedenktafel an seine Selbstverbrennung.

Städtepartnerschaften , Deutschland, seit 6. Oktober 1987 , Deutschland, seit 2002 , Niederlande, seit 1991 , Ukraine, seit 2010

Sehenswürdigkeiten mini|hochkant|Muttergottestor mini|Rathaus von Jihlava mini|Katakomben

Das historische Stadtzentrum wurde 1982 zum städtischen Denkmalreservat erklärt.Offizielle Website der Stadt Jihlava. alternativtext=Ingatius-Kirche, Kirchenschiff. Foto Juli 2018|mini|Ignatius Loyola - Kirche: Blick zum Altarraum. Foto Juli 2018Die Jesuitenkirche des Hl. Ignatius mit zwei Türmen sowie das Jesuitenkolleg neben dem Rathaus wurden in den Jahren 1680 bis 1727 vom italienischen Architekten Jacopo Braschi errichtet. Im Kirchenschiff sind auf beiden Seiten flache Seitenkapellen und Oratorien im typischen Jesuitenstil angeordnet.