World Vision Deutschland e. V. (WVD) ist eine aus dem evangelikalem Spektrum gegründete christliche Organisation mit Schwerpunkten in drei Hauptbereichen: Entwicklungszusammenarbeit, Katastrophenhilfe und „entwicklungspolitische Anwaltschaftsarbeit“ für die beiden erstgenannten Bereiche.
Sie ist Teil der internationalen Dachorganisation World Vision International (WVI) und nicht in die Strukturen einzelner Kirchen eingebunden.Anja Appel: Strategieentwicklung als Balanceakt: Theorie und Praxis bei NGOs der Entwicklungszusammenarbeit. VS-Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16348-2, S. 25 und 251. Ihre Spendenprojekte werden hauptsächlich durch Kinderpatenschaften finanziert. In Deutschland engagiert sie sich zusätzlich in der Bildungsarbeit, der Forschung über Kinder sowie in Projekten gegen Armut.
Leitbild Der Verein arbeitet als Mitglied des Dachverbandes World Vision International (WVI) vor dem für alle WVI-Partner verbindlichen christlichen Selbstverständnis („Core Values“). Das Selbstverständnis ist dargelegt in seinen Dokumenten „Unsere Vision für eine gerechtere Welt“, seinem „christlichen Selbstverständnis“ und in der Satzung von World Vision Deutschland.
Der Dachverband WVI wird als evangelikal eingeordnet. Alan Whaites, ein ehemaliger Mitarbeiter von WVI, betont, dass die theologische Position von World Vision International über die Jahre hinweg komplexer und weniger homogen geworden sei.Alan Whaites: Pursuing partnership: World Vision and the ideology of development – a case study. In: Development in Practice, Vol. 9, No 4, August 1999, S. 411 ff. Friedrich Schäfer schreibt, es sei eine evangelische Prägung des Dachverbandes zu erkennen. Dabei betont er die Unterschiede der verschiedenen Strömungen des WV und kritisiert die Gleichsetzungen von WV USA, WVI und WVD als „undifferenziert“. Schäfer arbeitet heraus, dass man bei World Vision Deutschland zwar „auf evangelikale Wurzeln schließen“ könne, eine Verortung als evangelikal (im Sinne von fundamentalistisch) jedoch „eindeutig unzutreffend“ sei.
Geschichte Vorgeschichte Im Jahr 1979 gründete Manfred Kohl in Oberursel ein Büro des Dachverbandes World Vision International als Vorgänger von World Vision Deutschland e. V. Im Jahr 1981 unterstützte World Vision Deutschland 15.000 Patenkinder; bis 1985 stieg die Zahl auf rund 30.000. Die Organisation unterstützte 1990 nach dem Sturz des Diktators Ceausescu in Rumänien sowohl vernachlässigte als auch häufig durch die Nutzung unsteriler Injektionsnadeln an der Immunschwächekrankheit AIDS erkrankte Waisenkinder.In Osteuropa wurden und werden unerwünschte Kinder in staatlichen Waisenhäusern großgezogen, bis sie arbeitsfähig sind:
Gründung Im Jahr 1994 wurde Günther Bitzer neuer Direktor von World Vision Deutschland. Nach einer Umstrukturierung wurde die Organisation als rechtlich selbständiger Verein eingetragen.Gemeinsames Registerportal der Länder, Eintragung im Registergericht Bad Homburg v.d. Höhe, abgerufen am 29. Juli 2010. Der neue Verein mit Sitz in Friedrichsdorf im Taunus wurde selbstständiger Partner im Netzwerk von WVI.
Von der Gründung bis zur Gegenwart mini|„Pavillon der Hoffnung“, Expo 2000 Im Jahr 2000 beteiligte sich WVD gemeinsam mit dem CVJM und der Evangelischen Allianz mit dem Projekt Pavillon der Hoffnung an der Expo 2000; eigener Thementag war der 31. Juli 2000. 2018 förderte der Verein in 48 Ländern insgesamt 284 Projekte, davon rund die Hälfte in Afrika. Die Organisation wurde Mitglied bei der Aktion Deutschland Hilft sowie im Jahr 2004 Gründungsmitglied der Kampagne Gemeinsam für Afrika. In Reaktion auf den Tsunami half WVD 2005 in den Ländern Indonesien, Sri Lanka und Indien. Dieses Projekt war seine bis dahin umfangreichste Katastrophen- und Wiederaufbauhilfe. Mit der Eröffnung des Berliner Büros wurde im folgenden Jahr die „entwicklungspolitische Anwaltschaftsarbeit“ begonnen. In diesem Jahr wurden rund 150.000 Jungen und Mädchen weltweit durch WVD gefördert. Günther Bitzer trat zum 15. Juni 2007 als Direktor zurück. Seine Vertretung übernahm kommissarisch Urs Winkler, Geschäftsführer von World Vision Schweiz.
Die erste World Vision Kinderstudie wurde 2007 veröffentlicht. Im folgenden Jahr wurde Christoph Waffenschmidt Vorstandsvorsitzender. 2009 förderte WVD, unterstützt durch rund 150.000 Paten, insgesamt 253 Projekte in 49 Ländern. Im Jahr 2010 wurde die zweite World Vision Kinderstudie veröffentlicht. Im Finanzjahr 2018 hat World Vision Deutschland 284 Projekte in 48 Ländern gefördert.Patenschaften – Aktuelles ausgewählter Vereine Abgerufen am 23. Juni 2014.
Projekte +Projektförderung nach Sektoren 2020 Sektor Ausgaben in % Wasserbeschaffung und sanitäre Anlagen 9,4 % Bildung 5,9 % Einkommenssichernde Maßnahmen 3,2 % Gesundheit 5,6 % Landwirtschaftliche Entwicklung und Ernährungssicherung 34,4 % Nothilfe und Katastrophenschutz 13,7 % Projektmanagement 8,7 % Qualifizierung/Aufbau und Zivilgesellschaft 3,4 % Sonstige Förderung von Kindern 15,7 %
Der Verein betätigt sich in der Entwicklungszusammenarbeit, Not- und Katastrophenhilfe sowie „entwicklungspolitischen Anwaltschaftsarbeit“ (Lobbying). Schwerpunkte der Anwaltschaftsarbeit waren in den Jahren 2018 und 2019 Maßnahmen zur Beendigung von Gewalt gegen Kinder sowie Reintegration ehemaliger Kindersoldaten. Darüber hinaus werden langfristige Regional-Entwicklungshilfeprojekte durch Patenschaften und Themenspenden (Bildung, Wasser, Gesundheit) finanziert.
Schwerpunkt im Ausland mini|World Vision Deutschland: Projektländer im Finanzjahr 2008
Im Jahr 2018 förderte der Verein im Bereich der humanitären Hilfe in Afrika mit 46 Millionen Euro, Lateinamerika mit 8,9 Millionen Euro, Asien mit 14,4 Millionen Euro und Osteuropa und Naher Osten mit 14,3 Millionen. Schwerpunkte in Afrika waren die Kenia, Demokratische Republik Kongo, der Sudan, Südsudan, Malawi sowie Burundi.
Im Jahr 2020 stellte der Verein in Afrika 67,78 Millionen Euro bereit (61,9 %), in Lateinamerika 9,69 Millionen Euro (8,9 %), in Asien 19,69 Millionen Euro (18,0 %) und in Osteuropa und im Nahen Osten 12,30 Millionen Euro (11,2 %). Die Finanzierung dieser Projekte erfolgte überwiegend in Kooperationen mit dem Auswärtigen Amt, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, der Europäischen Union, dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) sowie in Kooperation mit der Aktion Deutschland Hilft.
World Vision führte 2021 in 48 Ländern insgesamt 271 Projekte der humanitären Hilfe (Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit) durch. Davon waren 80 geförderte regionale Entwicklungsprojekte. Aus dem Jahresbericht ergibt sich, dass die Projekte von WVD im Jahre 2021 durch rund 160.000 Paten und Spender in Deutschland finanziert wurden.
Grundsätzlich stehen stets über Kinderpatenschaften geförderte Regional-Entwicklungsprojekte im Mittelpunkt, die neben der Nahrungsmittelsicherung auch medizinische Versorgung, Bildung, AIDS-Bekämpfung und Gewerbeförderung umfassen. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Unterstützung von Kindern, Familien und ihrem Umfeld im Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit. Ermöglicht werden die Projekte in erster Linie durch Kinderpatenschaften, aber auch durch Spenden und Öffentliche Geldgeber wie das Auswärtige Amt oder die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Darüber hinaus befasst sich das World Vision Institut für Forschung und Entwicklung mit den Themen Armut, gesellschaftliche Benachteiligung und soziale Ungerechtigkeit von Kindern.
Entwicklungszusammenarbeit Siehe auch: Abschnitt Finanzierung zu Kinderpatenschaften als Finanzierungsmodell von WVD
Der Verein hat sein Verständnis von Entwicklungszusammenarbeit in zehn Grundsätzen zusammengefasst. Wichtigster Maßstab für den Erfolg seiner Entwicklungszusammenarbeit ist das Wohlergehen der Kinder, das WVD an Wirkungsindikatoren wie den sogenannten Kindeswohlindikatoren (wörtlich: „Child Well-Being-Outcome Indicators“) beobachtet, misst und auswertet. Mit dem Starthelfer-Programm fördert WVD schwangere Frauen und junge Mütter in Afrika, um den Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.Ressort Stadt Wolfsburg: Afrikanische Woche in der Kita: Kinder unterstützen Hilfswerk World Vision – Bunte Tiermasken und Tänze. In: Wolfsburger Allgemeine, 2. Oktober 2010, S. 27.
Die Finanzierung entsprechender Projekte geschieht vor allem in Form der Kinderpatenschaften. Eine solche Patenschaften dient laut WVD dazu, die Lebensumstände von mittellosen Kindern und ihres Umfeldes zu verbessern, beispielsweise durch „medizinische Versorgung, Zugang zu Trinkwasser, Verbesserungen im Bereich der Bildung und Ernährung“. Der Verein führt mit diesen Finanzmitteln Entwicklungsprogramme in der Region durch, in der das Patenkind lebt, um dessen Entwicklung sinnvoll in die Weiterentwicklung seiner Umgebung einzubetten. Dazu baut die Organisation u. a. Brunnen, Schulen und Krankenstationen.
Zur humanitären Arbeit des Vereins gehören die Vergabe von Mikrokrediten (seit 1993), die Friedensförderung und Gewaltprävention und die Entwicklung von Katastrophenwarnsystemen. Durch die Mikrokredite soll mittellosen Menschen mit unternehmerischem Talent zu Kapital verholfen werden, um ihre Selbstständigkeit zu erreichen. Um Benachteiligung durch traditionelle Rollenmuster auszugleichen, werden dabei Frauen stärker berücksichtigt.
Der Verein finanziert im Rahmen der Millennium-Entwicklungsziele, die Kindersterblichkeitsrate bis zum Jahr 2015 um zwei Drittel zu verringern in Sierra Leone in einem Gebiet mit 50.000 Menschen Erdnusspaste, Moskitonetze, Brunnen und Impfungen für Kinder.Johannes Dieterich: Friedhof der Kinder: Im westafrikanischen Sierra Leone stirbt jedes fünfte Kind noch vor seinem fünften Geburtstag – an Mangelernährung, Malaria oder Durchfall. In: Badische Zeitung, 13. Oktober 2010, S. 3.
Katastrophenhilfe Der Verein beteiligt sich zusammen mit World Vision International und anderen World-Vision-Landesorganisationen am UNHCR-Projekt „Sphere“, um Mindeststandards der Katastrophenhilfe zu erarbeiten.Sphere Project: Humanitarian Charter and Minimum Stardards in Disaster Response. Oxfam, Oxford 2001, ISBN 0-85598-462-7, S. 294. Eine Schwerpunktregion ist seit dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 Haiti.World Vision Deutschland: Haiti: Stand der Hilfe ein halbes Jahr nach der Erdbeben-Katastrophe.
WVD arbeitet in der Katastrophenhilfe im Rahmen der Aktion Deutschland Hilft eng mit seinen Kooperationspartnern zusammen. Im Koordinierungsausschuss Humanitäre Hilfe sprechen sich die Vertreter der insgesamt 19 beteiligten Nichtregierungsorganisationen, darunter auch WVD, im Krisenfall untereinander und mit der deutschen Regierung ab.
Der Verein versorgt Menschen in Katastrophengebieten – etwa nach dem Tsunami vom 26. Dezember 2004, dem Erdbeben in Sumatra oder der Überschwemmungskatastrophe in Pakistan 2010 – mit Nothilfe-Paketen. Ebenso werden Flüchtlinge in Kenia und dem Sudan versorgt. In Japan unterstützt WVD nach dem Erdbeben und dem folgenden Tsunami vom 11. März 2011 das dort ansässige Büro finanziell, um Hilfsgüter wie Medikamente, Decken, Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs wie Windeln oder andere sanitäre Artikel kaufen zu können. Koordiniert wird die Hilfe mit dem lokalen Büro vor Ort und Aktion Deutschland Hilft.aktion-deutschland-hilft.de
Anwaltschaftsarbeit „Unter Anwaltschaft versteht man in der Entwicklungszusammenarbeit den Versuch, in Entscheidungsprozessen im Norden – zum Beispiel in Deutschland oder der EU – Interessen der Menschen des Südens geltend zu machen. … Zu den Instrumenten dieser Anwaltschaft gehören nicht nur Lobby-Gespräche mit Politikern, sondern auch Kampagnen und die Aufklärung der Öffentlichkeit.“ World Vision geht es in der Anwaltschaft vor allem um Menschenrechte, insbesondere die Verwirklichung von Kinderrechten, die Friedensförderung, das Thema HIV/Aids und Gesundheit sowie das Erreichen der Millenniumsentwicklungsziele.