mini|hochkant=1.25|Titelseite des Katalogs zur Ausstellung in der Galerie Beaux-Arts, Paris 1938 Die Exposition Internationale du Surréalisme war eine Ausstellung von Künstlern des Surrealismus, die vom 17. Januar bis zum 24. Februar des Jahres 1938 in der von Georges Wildenstein geführten, großzügig ausgestatteten Galerie Beaux-Arts, 140, Rue du Faubourg Saint-Honoré in Paris, stattfand. Organisatoren waren der französische Schriftsteller André Breton, der Kopf und Theoretiker der Surrealisten, sowie der bekannteste Poet der Bewegung, Paul Éluard. Im Katalog genannt waren ferner Marcel Duchamp als Generator und Schlichter (vor allem für die ständigen Zwistigkeiten zwischen den tief zerstrittenen Freunden Breton und Éluard, sowie der Stellungskämpfe zwischen den beteiligten Künstlern), Salvador Dalí und Max Ernst als technische Beiräte sowie Man Ray als Beleuchtungsmeister und Wolfgang Paalen als verantwortlich für Wasser und Buschwerk.Uwe M. Schneede: Exposition internationale du Surréalisme, Paris 1938. In: Bernd Klüser, Katharina Hegewisch (Hrsg.): Die Kunst der Ausstellung. Eine Dokumentation dreißig exemplarischer Kunstausstellungen dieses Jahrhunderts, S. 94. Die in drei Abteilungen inszenierte Ausstellung zeigte neben den präsentierten Gemälden und Objekten sehr unterschiedlich umgestaltete Schaufensterpuppen und ungewöhnlich dekorierte Räume. Mit dieser Ausstellung schrieb die surrealistische Bewegung mit ihrer Totalinszenierung – im Sinne eines surrealistischen Gesamtkunstwerks – Ausstellungsgeschichte.Uwe M. Schneede: Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert, S. 104.
Vorgeschichte mini|hochkant=1.25|Das 1860 erbaute Haus in der 140, Rue du Faubourg Saint-Honoré in Paris, in dem die Ausstellung 1938 stattfand, im Jahr 2011 Die surrealistischen Künstler hatten zuvor ihre Werke in Einzelausstellungen gezeigt, bevor im November 1925 in Pierre Loebs Galerie Pierre in Paris ihre erste Gemeinschaftsausstellung stattfand. Sie zeigte Arbeiten von Giorgio de Chirico, Hans Arp, Max Ernst, Paul Klee, Man Ray, André Masson, Joan Miró, Pablo Picasso sowie Pierre Roy. 1928 folgte eine weitere gemeinschaftliche Ausstellung in der Pariser Galerie Au Sacre du Printemps unter dem Titel: Le Surréalisme, existe-t-il? (Existiert der Surrealismus?). Teilnehmer waren unter anderem Max Ernst, André Masson, Joan Miró, Francis Picabia und Yves Tanguy. Weitere gemeinsame Ausstellungen folgten: 1931 fand im Wadsworth Atheneum in Hartford/Connecticut die erste surrealistische Ausstellung in den Vereinigten Staaten und im Mai 1936 die Exposition Surréaliste d’Objets in der Pariser Galerie Charles Ratton statt, die eine besondere Bedeutung auf die Objektkunst legte und sich dabei auf den Primitivismus, die Fetische und die mathematischen Modelle berief.Beispiel eines in der Ausstellung ausgestellten mathematisch-geometrischen Modells von Naum Gabo: Construction in Space (Crystal), 1937–39, tate.org.uk, abgerufen am 10. Januar 2022. Im Juni desselben Jahres fand die International Surrealist Exhibition in den New Burlington Galleries in London statt. Diese Ausstellungen wiesen noch die übliche Form der Präsentation auf, den Weißen Raum, der in der Sonderbundausstellung 1912 in Köln geprägt worden war. Breton wollte jedoch 1938 in der Galerie Beaux-Arts der surrealistischen Kunst erstmals einen Rahmen schaffen, in dem die Präsentation selbst als surrealistische Produktion gelten konnte.Volker Zotz: Breton, Rowohlt, Reinbek 1990, S. 109. Sie sollte als schöpferischer Akt ein surrealistisches Erlebnis sein, in dem Bilder und Objekte als Elemente in einem vollständig surrealistischen Environment dienen.Calvin Tomkins: Marcel Duchamp. Eine Biographie, S. 364.
Am Ende des Jahres 1937 hatten Breton und Éluard Duchamp dazu eingeladen, Ideen für die geplante surrealistische Ausstellung beizusteuern. Duchamp hatte bereits mit Werken an vorherigen Ausstellungen teilgenommen, war aber nie Mitglied gemäß seiner Einstellung, keiner Gruppe angehören zu wollen. Duchamp nahm trotzdem die Einladung an, als Designer die Ausstellung mitzugestalten, und dies führte zur Mitarbeit an weiteren Projekten wie 1942 bei der Ausstellung First Papers of Surrealism in New York.Elena Filipovic: , e-flux.com, abgerufen am 22. September 2011.
Der Katalog und ein Nachschlagewerk
Der achtseitige Katalog, in dem mit unübersehbar großen Lettern und Versalien die Künstler aufgelistet wurden, gab Auskunft, wer sich für die Veranstaltung verantwortlich zeigte. Als Organisatoren fungierten André Breton und Paul Éluard, Marcel Duchamp war Generator-Schiedsrichter, Salvador Dalí und Max Ernst wurden als technische Beiräte geführt, der Beleuchtungsmeister war Man Ray, und Wolfgang Paalen bezeichnete sich als verantwortlich für Wasser und Buschwerk.
Zur Ausstellung erschien neben dem Katalog das unter der Leitung Bretons und Éluards von der Galerie Beaux-Arts herausgegebene 76-seitige Dictionnaire abrégé du surréalisme. Es war ein Wörterbuch des Surrealismus, mit einer Einleitung des französischen Kunstkritikers Raymond Cogniat, künstlerischer Direktor der Galerie Beaux-Arts, einer Umschlagillustration von Yves Tanguy und einem für die damaligen Verhältnisse umfangreichen Abbildungsteil, der den Abstammungsnachweis des surrealistischen Gesamtwerks resümiert. Darin sind alle Künstlernamen, „alle Stichworte, alle obsessionellen Begriffe und Motive, die neuen inspirativen Bildtechniken und die Ahnen“Uwe M. Schneede: Exposition internationale du Surréalisme, Paris 1938. In: Bernd Klüser, Katharina Hegewisch (Hrsg.), S. 100. vereinigt.Kurzbeschreibung und Umschlag des Dictionnaire abrégé du surréalisme, tanguyves.free.fr, abgerufen am 3. Juli 2010. Die alphabetisch geordneten Namen und Begriffe von „Absurde“ bis „Zen“ und „Zibou“ werden zumeist durch Zitate aus Schriften der maßgeblichen Mitglieder der Surrealistenbewegung erläutert. Einige Kunstwerke, die bei Redaktionsschluss nicht fertig waren, wurden geheimnisvoll angedeutet oder in Form von Skizzen abgebildet, so etwa Wolfgang Paalens Schwamm-Regenschirm Nuage articulé.
Die Ausstellung Die Ausstellung bestand aus drei Abteilungen: aus einem „Vorhof“ mit dem Taxi pluvieux (Regentaxi) von Salvador Dalí und aus zwei Hauptteilen, den Plus belles rues de Paris (Die schönsten Straßen von Paris) mit surrealistisch ausstaffierten Schaufensterpuppen – gemietet von einem französischen Hersteller – sowie aus einem von Marcel Duchamp und Wolfgang Paalen arrangierten und von Man Ray beleuchteten zentralen Raum. Dort hingen – schwach beleuchtet – an den Wänden und an Duchamps Drehtüren zwei Revolving-doors, Gemälde, Collagen, Fotos und Grafiken. Zudem waren auf verschiedenen Untersätzen Objekte aufgestellt. Der Raum selbst war mit Hilfe von Objekten und Gegenständen aus der Natur und der Zivilisation in ein „finster-absurdes Ambiente verwandelt: weniger Ausstellungsraum als Höhle und Schoß.“Uwe M. Schneede, in: Bernd Klüser, Katharina Hegewisch (Hrsg.), S. 95. Wolfgang Paalen installierte darin einen echten Seerosenteich, genannt Avant la mare, mit Schilf, Seerosen, Efeu und Wasser in einer mit Plastiktuch ausgefüllten Bodenfalte. Er ließ den gesamten Boden der Ausstellungsräume, inspiriert von einem eigenen Werk Le sol de la forêt von 1933, mit nassem Laub und feuchter Erde aus dem Friedhof Montparnasse bedecken.
Die Eröffnung
Für den Eröffnungsabend – eröffnet wurde die Ausstellung zu später Stunde, um 22 Uhr, Abendgarderobe war vorgeschrieben – waren allerlei Erscheinungen angekündigt worden: Hysterie, ein Himmel voller fliegender Hunde und die Präsenz eines Androiden, eines Abkömmlings von Frankenstein. Marcel Duchamp war bei der Eröffnung nicht anwesend, er war mit seiner Lebensgefährtin Mary Reynolds nach London abgereist, um für Peggy Guggenheims Galerie Guggenheim Jeune Gemälde und Zeichnungen von Jean Cocteau auszuwählen und zu hängen. Die Galerie wurde am 24. Januar 1938 mit einer Jean-Cocteau-Ausstellung eröffnet.Calvin Tomkins: Marcel Duchamp. Eine Biographie, S. 365 ff. Gleichfalls nicht anwesend waren Joan Miró und Yves Tanguy, die den gemeinsamen Veranstaltungen ohnehin zumeist fernblieben, sowie René Magritte, der in Brüssel lebte.
Auf Vorschlag Dalís war von den Gestaltern gemeinsam eine Performance erarbeitet worden, bei der die französische Schauspielerin Hélène Vanel, mit Ketten um ihren nackten Körper, aus Kissen sprang, die auf dem Boden lagen. Sie plantschte wie wild in Paalens Teichinstallation Avant la Mare, wobei der Legende nach einem der eleganten Besucher ein Schlammspritzer in den staunend offenen Mund flog; sie erschien kurze Zeit später, mit einem zerrissenen Nachtgewand bekleidet, „und gab eine nur zu realistische Vorstellung eines hysterischen Anfalls.“B.: Ein Kunstsalon als Tollhaus, Münchner Abendblatt, Nr. 19, 24. Januar 1938, S. 2, zitiert nach Uwe M. Schneede, in: Bernd Klüser, Katharina Hegewisch (Hrsg.), S. 97.
Die Künstler Die Veranstaltung zeigte 229 Werke von 60 Ausstellern aus 14 LändernTorsten Otte: Salvador Dalì: eine Biographie mit Selbstzeugnissen Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 978-3-8260-3306-3, S. 73. und umfasste Gemälde, Kunstobjekte, Collagen, Fotografien und Installationen. Teilnehmer waren Künstler und Schriftsteller wie Hans Bellmer, Leonora Carrington, Joseph Cornell und Óscar Domínguez; Salvador Dalí war mit sechs Gemälden, darunter Der große Masturbator von 1929 vertreten. Neben fünf Werken wie La Baguerre d’Austerlitz und einer Replik des Ready-mades Flaschentrockner von Marcel Duchamp waren Das Ultramöbel, 1937, von Kurt Seligmann, Skulpturen von Alberto Giacometti und Objekte von Meret Oppenheim, darunter das Déjeuner en fourrure (Frühstück im Pelz) von 1936 zu sehen. Ferner 14 Bilder von Max Ernst, darunter Das Rendezvous der Freunde, 1922, und L’Ange du foyer ou Le Triomphe du surréalisme von 1937; Stanley William Hayter, Georges Hugnet, Humphrey Jennings, Léo Malet; Die Erwartung, 1936, von Richard Oelze, Pablo Picasso mit zwei surrealistischen Bildern; Man Ray unter anderem mit A l’heure de l’observatoire – les amoureux, 1932–34, sowie Irrlichter von 1932–37; neun Werke von René Magritte, darunter Der Schlüssel der Felder aus dem Jahr 1936 und Der Therapeut II von 1937; acht frühe Bilder von Giorgio de Chirico; André Masson, Roberto Matta; mehrere Werke von Joan Miró, darunter Holländisches Interieur I von 1928; Wolfgang Paalen zeigte u. a. sein Bild Paysage totémique de mon enfance, sowie mehrere Objekte, darunter Le moi et le soi, Potènce avec paratonnèrre, einen lebensgroßen Holzgalgen mit Blitzableiter, gewidmet dem deutschen Philosophen und Wissenschaftler Georg Christoph Lichtenberg; Paalens Schwamm-Regenschirm Nuage articulé hing an einem Faden frei schwebend an der Decke. Des Weiteren wurden Werke von Roland Penrose, Jindřich Štyrský, Yves Tanguy mit neun Bildern, darunter De l’autre côte du pont von 1936, Toyen, Raoul Ubac und Remedios Varo gezeigt.Uwe M. Schneede, in: Bernd Klüser, Katharina Hegewisch (Hrsg.), S. 99.
Der Vorhof
Das Regentaxi Dalís im Vorhof – ein ehemaliges Taxi – das die Besucher empfing, war ein altes Automobil, von Efeu innen und außen umrankt, in dessen Fond eine weibliche Schaufensterpuppe mit zerzausten Haaren im Abendkleid zwischen Salatköpfen und Chicorée saß. Eine Nähmaschine befand sich auf dem Nebensitz. Der Chauffeur war eine Gliederpuppe, deren Kopf von einem knöchernen Haifischmaul gerahmt und deren Augen von einer dunklen Brille verdeckt war. Das Innere wurde ständig mit Wasser berieselt, sodass die Kleidung der „Dame“ durchnässt wurde und die blonde Perücke sich in filzige Strähnen auflöste, während Weinbergschnecken, die unter anderem auf der Stirn und am Hals der „Dame“ sichtbar sind, ihre schleimigen Spuren hinterließen.Niels Werber, Ruhr-Universität Bochum (Hrsg.): Ringvorlesung Avantgarden der Kunst und Literatur: Surrealismus, Kunstkörper, Fotografie 1. Dezember 1999, abgerufen am 22. September 2011.