Unter Krebsprävention, auch Krebsvorbeugung, Krebsprophylaxe oder Krebsvermeidung genannt, versteht man Maßnahmen oder Verhaltensregeln, die die Entstehung von Krebserkrankungen verhindern oder zumindest die Wahrscheinlichkeit für eine solche Erkrankung herabsetzen sollen.

Einige der praktizierten Maßnahmen und Verhaltensregeln sind wissenschaftlich durch eine Vielzahl von epidemiologischen und retrospektiven Studien in ihrer Wirksamkeit bewiesen. Andere krebspräventive Maßnahmen sind zwar wissenschaftlich weitgehend unstrittig, jedoch unbewiesen. Dazu kommen einige in Fachkreisen kontrovers diskutierte sowie von der evidenzbasierten Medizin eindeutig abgelehnte Maßnahmen zur Krebsprävention („Quacksalberei“).

Krebsprävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe Nach Expertenschätzungen sind in der Bundesrepublik immer noch rund die Hälfte aller Krebserkrankungen auf Lebensstilfaktoren zurückzuführen. Dazu gehörten, wie Rauchen, falsche Ernährung, wenig Bewegung, zu viel Alkohol und UV-Strahlung.

Nach früheren Erhebungen ließen sich 42 % aller Krebserkrankungen und beinahe die Hälfte aller krebsbedingten Todesfälle Schätzungen zufolge alleine durch die Art und Weise der Lebensführung (Lifestyle) vermeidenY. M. Coyle: Lifestyle, genes, and cancer. In: Methods Mol Biol, 2009, 472, S. 25–56. PMID 19107428Islami F et al. Proportion and number of cancer cases and deaths attributable to potentially modifiable risk factors in the United States. CA Cancer J Clin. (online) 21. November 2017. Krebs ist keine einheitliche Erkrankung, sondern vielmehr ein Sammelbegriff für eine Vielzahl verwandter Krankheiten, die sich erheblich in ihrer Pathologie unterscheiden können. Entsprechende Unterschiede bestehen deshalb auch für den Erfolg vorbeugender Maßnahmen. Die Wirkung präventiver Maßnahmen lässt sich am Individuum allein nicht bestimmen. Dazu sind immer möglichst große, statistisch erfasste Populationen notwendig.

Von der Krebsvorbeugung ist die Krebsvorsorge (auch: Krebsfrüherkennung) abzugrenzen. Deren Ziel ist die möglichst frühzeitige Erkennung von Krebserkrankungen, um die Erfolgswahrscheinlichkeit der Behandlung der Erkrankung (Krebstherapie) zu erhöhen.

Möglichkeiten der Krebsvorbeugung mini|Nichtraucherschutz in Japan: Abgekapselter Raucherraum auf einem Bahnhof – Luftabsaugung auf dem Dach.

Die Vermeidung der Exposition mit Karzinogenen ist einer der Hauptansatzpunkte zur Krebsprävention. Ein anderer ist die Aufnahme von kanzeroprotektiven (krebsschützenden) Nahrungsmitteln beziehungsweise Nahrungsergänzungsmitteln. Durch Impfungen gegen bestimmte Viren (Hepatitis B und Humane Papillomviren) lässt sich das Risiko für einige Krebserkrankungen nachweislich deutlich herabsetzen.

Der Europäische Kodex gegen den Krebs führt in seiner Fassung von 2016 12 Möglichkeiten auf, das eigene Krebsrisiko zu senken.Europäischer Kodex zur Krebsbekämpfung, IARC 2016. cancer-code-europe.iarc.fr Verzicht auf Tabakkonsum Rauchfreie Umgebung zu Haus und bei der Arbeit Vermeidung der Adipositas Regelmäßige körperliche Bewegung Der verstärkte Verzehr von Obst, Gemüse und Vollkornprodukten. Vermeidung kalorienreicher Nahrungsmittel, zuckerhaltiger Getränke oder industriell verarbeitetem Fleisch. Die Begrenzung des Alkoholkonsums bzw. ein völliger Verzicht auf Alkohol Vermeidung exzessiver Sonnenexposition, speziell bei Kindern und Jugendlichen Schutz vor krebserregenden Substanzen am Arbeitsplatz Schutz vor natürlicher Radonbelastung im Erdboden (falls erhöhte Radonbelastung in der Wohngegend besteht) Frauen: Stillen Sie Ihr Kind, falls möglich. Nehmen Sie Hormonersatztherapien (in den Wechseljahren) möglichst wenig in Anspruch Impfen von Kindern gegen Viren, die Krebs verursachen können: Hepatitis B-Viren und Humane Papillomviren (HPV) Nehmen Sie an den bestehenden Krebsfrüherkennungsprogrammen teil

Der Harvard Report on Cancer Prevention von 1996 enthält eine noch heute weitgehend gültige Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), Heidelberg, 19. April 2011; abgerufen am 4. September 2014. Abschätzung der Krebsrisikofaktoren.Harvard Report on Cancer Prevention. Volume 1: Causes of human cancer. In: Cancer Causes & Control, 1996, 7, S. S3–59. PMID 9091058 Die wesentlichen Risikofaktoren liegen dabei im Bereich der individuellen Lebensführung.

Risikofaktor Anteil an der Krebsentstehung gefährdete Organe Rauchen 25 bis 30 % Mundhöhle, Speiseröhre, Kehlkopf, Lunge, Bauchspeicheldrüse, Harnblase, Gebärmutterhals, Niere und Blut Ernährung und Übergewicht 20 bis 40 % Mundhöhle, Speiseröhre, Kehlkopf, Bauchspeicheldrüse, Magen, Darm, Brust und Prostata Alkohol 3 % Mundhöhle, Rachen, Speiseröhre, Kehlkopf und Leber berufliche Faktoren 4 bis 8 % Lunge und Harnblase genetische Faktoren 5 % Auge, Darm, Brust, Eierstöcke und Schilddrüse Infektionen 5 % Leber, Gebärmutterhals, lymphatisches System, blutbildendes System und Magen Luftschadstoffe 2 % Lunge

Vermeidung der Exposition mit krebserregenden Stoffen und Strahlungen Eine Reihe von Substanzen ist in der Lage Krebs auszulösen. Zu diesen Karzinogenen (Krebserregern) gehören unter anderem eine Vielzahl von chemischen Verbindungen im Tabakrauch, Feinstäube wie beispielsweise Asbest oder Dieselruß, Benzol und Aflatoxine (bestimmte Schimmelpilzgifte). Im weiteren Sinn werden dazu auch ionisierende Strahlen und Onkoviren gerechnet.

Verzicht auf Tabakkonsum Statistisch gesehen sind 25 bis 30 % aller durch Krebs hervorgerufenen Todesfälle in entwickelten Ländern auf langjähriges Tabakrauchen zurückzuführen. Zwischen 87 und 91 % aller Lungenkrebserkrankungen bei Männern und zwischen 57 und 86 % bei Frauen werden durch das Rauchen von Zigaretten verursacht. Universitätsklinikum Heidelberg; abgerufen am 10. Juni 2010 cancercode.org, 2. Juli 2003; abgerufen am 10. Juni 2010. Die Zusammenhänge zwischen Rauchen und Lungenkrebs sind – nicht zuletzt durch entsprechende Warnhinweise auf den Verpackungen für Tabakprodukte – inzwischen allgemein bekannt. Für eine Reihe anderer Krebserkrankungen, wie beispielsweise die Gruppe der Kopf-Hals-Karzinome (Mundhöhlenkarzinom, Nasenrachenkrebs, Mundrachenkrebs, Schlundrachenkrebs, Kehlkopfkrebs und Luftröhrenkrebs), ist der Zusammenhang zwischen Rauchen und entsprechender Krebserkrankung ebenfalls zweifelsfrei belegt.M. Spitz: Epidemiology and risk factors for head and neck cancer. In: Semin Oncol, 1994, 21, S. 281–288. PMID 8209260 Bei Brustkrebs zeigen epidemiologische Daten, dass das Risiko einer Erkrankung durch Rauchen um etwa 30 % gesteigert wird.P. Reynolds u. a.: Active smoking, household passive smoking, and breast cancer: evidence from the California Teachers Study. In: Journal of the National Cancer Institute, 2004, 96, S. 29–37. PMID 14709736C. Nagata u. a.: Tobacco smoking and breast cancer risk: an evaluation based on a systematic review of epidemiological evidence among the Japanese population. In: Jpn J Clin Oncol, 2006, 36, S. 387–394. PMID 16766567 Auch beim kolorektalen Karzinom („Darmkrebs“) erhöht langjähriger Tabakkonsum das Erkrankungsrisiko signifikant.E. Botteri u. a.: Smoking and colorectal cancer: a meta-analysis. In: JAMA, 2008, 300, S. 276–2778. PMID 19088354P. S. Liang u. a.: Cigarette smoking and colorectal cancer incidence and mortality: systematic review and meta-analysis. In: Int J Cancer, 2009, 124, S. 2406–2415. PMID 19142968 (Review)H. Nisa u. a.: Cigarette smoking, genetic polymorphisms and colorectal cancer risk: the Fukuoka Colorectal Cancer Study. (PDF; 852 kB) In: BMC Cancer, 2010, 10, 274. doi:10.1186/1471-2407-10-274 (Open Access)

mini|hochkant|Regelmäßiger Alkoholkonsum erhöht das Risiko für verschiedene Krebserkrankungen.

Vermeidung von Alkohol Über die Wechselwirkung von regelmäßigem Alkoholkonsum und der Erhöhung des Risikos einer Krebserkrankung liegen viele Studien vor, die einen eindeutigen Zusammenhang aufzeigen. Bei Brustkrebs liegt die Schwelle, ab der der Alkoholkonsum ein signifikant höheres Erkrankungsrisiko bewirkt, unterhalb von ein bis zwei alkoholischen Getränken pro Tag. Das Risiko erhöht sich vor allem für estrogenrezeptorpositive (ER+) Tumoren. Die Art des Getränkes, ob Bier, Wein oder Spirituose, spielt dabei, wie auch die Farbe des Weines, keine Rolle. Das Risiko steigt in einer dosisabhängigen Weise. Die tägliche Zufuhr von 15 bis 30 g Alkohol, was etwa ein bis zwei alkoholischen Getränken entspricht, erhöht das Risiko um den Faktor 1,33 (=33 %, das Konfidenzintervall für 95 % Wahrscheinlichkeit liegt bei 1,01 bis 1,71).Y. Li u. a.: Wine, liquor, beer and risk of breast cancer in a large population. In: European Journal of Cancer, 2009, 45, S. 843–850. PMID 19095438 Einmaliger wöchentlicher Konsum erhöht das Risiko um 2 % pro Drink und Wochenendkonsum um 4 %. Exzessives Trinken mit vier bis fünf Drinks pro Tag steigert das Risiko um 55 %.L. S. Morch u. a.: Alcohol drinking, consumption patterns and breast cancer among Danish nurses: a cohort study. In: Eur J Public Health, 2007, 17, S. 624–629. PMID 17442702

mini|hochkant|Sonnenbrände, vor allem in der Kindheit, erhöhen das Risiko für Hautkrebs.

Vermeidung übermäßiger ultravioletter Strahlung Der Zusammenhang zwischen Hautkrebs und jahrelanger Exposition der Haut mit Sonnenlicht (Sonnenbad zur Bräunung der Haut) ist wissenschaftlich bewiesen. Insbesondere Sonnenbrände in der Jugend erhöhen signifikant das Risiko für Hautkrebs, wie beispielsweise für das maligne Melanom.S. A. Oliveria u. a.: Sun exposure and risk of melanoma. In: Arch Dis Child, 2006, 91, S. 131–138. PMID 16326797, (Review) Auch Solarien und Sonnenbänke erhöhen das Risiko für Hautkrebs. Der Schutz der Haut vor zu intensiver Bestrahlung, beispielsweise durch zweckmäßige Kleidung, kann die Wahrscheinlichkeit einer Hautkrebserkrankung deutlich reduzieren.

Ernährung mini|Broccoli: wahrscheinlich Schutzwirkung

Übersicht Der World Cancer Research Fund (WCRF) betont, dass nicht ein einzelnes Lebensmittel vor Krebs schütze, sondern vielmehr gesunde Ernährungsmuster. Hierzu zählen:Ernährungsumschau, 3/2021, S. M151

Lebensmittel mit hoher Energiedichte nur begrenzt verzehren Zuckerhaltige Getränke vermeiden überwiegend pflanzliche Lebensmittel konsumieren: täglich 5 Portionen Obst und Gemüse Hülsenfrüchte Vollkornprodukte verarbeitetes Fleisch vermeiden Verzehr von rotem Fleisch auf 350–500 g pro Woche begrenzen Alkoholkonsum vermeiden Salzkonsum begrenzen Nährstoffbedarf über Lebensmittel, nicht Nahrungsergänzungsmittel decken

Ein wichtiger Faktor ist Übergewicht, welches das Risiko an Krebs zu erkranken erhöht. Vermutet wird, dass ein dauerhaft erhöhter Insulinspiegel als auch Wachstums- und Angiogenesefaktoren dabei eine Rolle spielen. Letztere werden teilweise von den Fettzellen selbst gebildet, was die Entstehung und das Wachstum von Tumorzellen begünstigt. Insgesamt können 13 Krebsentitäten auf Adipositas als eigenständiger Risikofaktor zurückgeführt werden. Der WCRF empfiehlt daher einen Body-Mass-Index von nicht über 25.

Der Zuckerkonsum sollte laut WCRF begrenzt werden. Hintergrund ist, dass Krebszellen einen erhöhten Zuckerbedarf haben. Es ist allerdings ein Trugschluss, dass Krebszellen durch das Vermeiden von Zucker „ausgehungert“ werden könnten.Ernährungsumschau, 3/2021, S. M154.

Mögliche Wirkungsmechanismen von sekundären Pflanzenstoffen Einige sekundäre Pflanzenstoffe greifen nach ihrem Verzehr unmittelbar auf positive Weise in die Karzinogenese (Tumorentwicklung) ein. Vermutet werden folgende Mechanismen:C. Müller: In: UGB-Forum, 1999, 1, S. 14–17. Antioxidantien sind Radikalfänger und eliminieren freie Radikale. Carotinoide, Polyphenole und Flavonoide lagern sich an die DNA im Zellkern an, so dass dort keine Karzinogene anbinden können. Phenolsäuren, Glucosinolate und Sulfide inhibieren bestimmte Enzyme, die die Umwandlung von Prokarzinogenen, wie beispielsweise Aflatoxine oder Nitrosamine, in Karzinogene katalysieren.