mini|Deutsche Siedler auf dem Weg nach New Braunfels, 1844 mini|Einwanderer auf Ellis Island, 1931 mini|Einwandererschiff Jewish State in Haifa
Die Migrationssoziologie ist ein Teilgebiet der Migrationsforschung und untersucht das Phänomen der Migration aus einer speziell soziologischen Perspektive. Ursachen und Folgen von Wohnortswechseln werden seit den 1920er Jahren systematisch anhand soziologischer Kategorien analysiert. Dabei stehen oftmals Fragen nach sozialstrukturellen Mustern von Wanderungsbewegungen, aber auch nach der Integration verschiedener kultureller Einflüsse (bzw. deren Assimilation oder Akkulturation), innerhalb eines politischen Territoriums, im Vordergrund des Interesses.
Migrationsbegriff der Soziologie Als Migration oder Wanderung bezeichnet die Soziologie den dauerhaften Wechsel des Wohnortes von Menschen im geographischen und/oder sozialen Raum. Als internationale Migration wird der staatliche Grenzen überschreitende Wohnsitzwechsel bezeichnet. Die Dauer des Aufenthalts im Ausland ist für den Migrationsbegriff unerheblich, solange es sich dabei nicht um touristisch motivierte Aufenthalte, Nomadentum oder permanenten Wechsel ohne ständige Wohnsitznahme handelt. Allerdings haben sich Migrationsbewegungen in den letzten Jahrzehnten verändert und ausdifferenziert. So unterscheidet sich offenbar das Migrationsverhalten von niedrig- und hochqualifizierten Personen. Insbesondere Hochqualifizierten eröffnen sich infolge globalisierter Arbeitsmärkte Chancen und Wahlmöglichkeiten. Aufgrund dieser Ausdifferenzierungen ist es nicht möglich, Migration und Mobilität einheitlich zu definieren. Han definiert Migration als dauerhafte oder vorübergehende Wohnsitzverlagerung in ein anderes Land. Seine Definition hat den Vorteil, sehr allgemein zu sein. Ihr Nachteil liegt in der sich daraus ergebenden Beliebigkeit. Neuere empirische Untersuchungen legen nahe, dass Migrationsentscheidungen stark von sozio-kulturellen Faktoren beeinflusst werden. Ob und inwieweit diese Erkenntnisse über die untersuchten Kontexte hinaus generalisiert werden können, ist allerdings noch zu klären.
Wanderung, Migration und verwandte Begriffe
Als Wanderung zählt jeder dauerhafte (d. h. nicht nur vorübergehende) Wechsel des Wohnsitzes. Zusammen mit dem Tourismus und dem Verkehr wird die Wanderung unter dem Oberbegriff räumliche Mobilität (gleichbedeutend: geographische Mobilität) eingeordnet. Wanderungen werden auch unter den Begriff horizontale Mobilität zusammengefasst, zumeist bezeichnet dieser jedoch nur eine bestimmte Art der sozialen Mobilität, nämlich einen minder oder mehr regelmäßigen lokalen Arbeitsplatzwechsel innerhalb der gleichen sozialen Schicht. Wanderungen mit dem Ziel, die Geburtsgemeinde zu verlassen, um sich an einem anderen Ort niederzulassen und in eine neue Gemeinde zu integrieren (nationale Migration) sind keine außergewöhnliche Erscheinung und seit jeher bezeugt (siehe auch Neolokalität). Internationale Migration ist ein Spezialfall der Wanderung, nämlich eine Auswanderung (Emigration) aus einem und Einwanderung (Immigration) in ein anderes Land, also ein Wohnsitzwechsel über Staatsgrenzen hinweg, sowie Durchwanderung (Permigration). „Internationale Migration“ ist daher gleichbedeutend mit „internationaler Wanderung“. Fluchtmigration (die Migration von Flüchtlingen) ist erzwungen. Die Genfer Flüchtlingskonvention definierte 1951 den Begriff „Flüchtling“. Transmigration bezeichnet das Pendeln von Migranten zwischen Wohnorten in unterschiedlichen Kulturen (s. auch Zirkuläre Migration). Transmigranten zeichnen sich u. a. durch hohe Formalqualifikation und räumliche Mobilität bei Beibehaltung der sozialen Bindung an die Herkunftsgesellschaft aus. Verbunden mit dem Begriff sind Fragen der Identitätsbildung (Stichworte: „Third-culture kids“, Bikulturalität, Multikollektivität). Empirische Untersuchungen zeigen, dass die Qualifikation von Migranten einen Einfluss auf deren Identität hat und es insbesondere Hochqualifizierte sind, die ihre Identität nicht (mehr) nationalstaatlich definieren. Als Hochqualifizierte werden Personen bezeichnet, die entsprechend der internationalen Klassifizierung von Berufen dem Code ISCO-88, und darin den Gruppen 1–3, zuzuordnen sind. Söllner geht davon aus, dass es multiple Identitäten von Hochqualifizierten und deren weltweite Netzwerke sind, die dazu führen, dass deren Identifikation mit Nationalstaaten abnimmt. Stattdessen können die spezifischen Transaktionskosten dieser Gruppe die Orientierung an globalen „peer groups“ begünstigen.
Gemessen werden Wanderungsströme von der Demografie am Binnenwanderungssaldo.
Geschichte, Annahmen und Begriffe der Migrationssoziologie Migration wird in der allgemeinen Soziologie als eine besondere Form der horizontalen sozialen Mobilität begriffen. Die spezielle Soziologie befasst sich im Rahmen der Migrationssoziologie laut Migrationsforscherin Elçin Kürşat mit den Ursachen und Wirkungen der Migration, u. a. mit den Folgen des Entwicklungsgefälles, das Migration auslösen kann, mit den Phasen, die ein Migrant im Prozess der neuen psychischen Strukturierung durchläuft, mit den psychischen Problemen und Konflikten, die er dabei bewältigen muss; ferner mit den Auswirkungen der Migration auf die Beziehung zwischen den Ehegatten, zwischen den Eltern und den Kindern, zu der Verwandtschaft im Herkunftsland und in der Einwandererkolonie sowie mit dem kulturellen Einfluss der Migranten in die Aufnahmegesellschaft.
Geschichte Drei Themen waren es, die die frühe Migrationssoziologie häufig bewegten: die Migrationsbewegungen der „Händlervölker“ (Etrusker, Florentiner, Juden), mit denen sich schon Max Weber und Werner Sombart in historischer Perspektive befassten, ferner die Auswanderung der verarmten ländlichen Bevölkerung aus Europa und die Entstehung des amerikanischen Melting Pot aus den Zuwandererströmen.
Zu den Klassikern der Migrationssoziologie gehören Studien, die sich mit dem Status des Fremden in der Aufnahmegesellschaft befassen. Georg Simmel stellt sich in seinem soziologischen Klassiker Exkurs über den Fremden (1908) die Frage, welche Struktur eine wandernde Gruppe – hierbei hat er vor allem die jüdischen Händler im Blick – im Unterschied zu einer sesshaften Gruppe ausbildet und welchen Einfluss Wanderungen auf die Formen der Vergesellschaftung und auf das aufnehmende Umfeld ausüben. Robert Ezra Park, der Begründer der Chicago School der Soziologie, knüpft in Human Migration and the Marginal Man (1928) an das Werk Simmels an und beschreibt die Situation der städtischen Migrantensubkultur und marginalisierten Minderheiten. Florian Znaniecki und William I. Thomas untersuchen in ihrem Werk The Polish Peasant in Europe and America (5 Bände, 1918–1920) anhand von autobiographischem Material die Desorganisation der bäuerlichen polnischen Gemeinschaften, die Migration in die USA und die Entwicklung ethnischer Kolonien und transnationaler Netzwerke. Dieses Werk wurde zu einem wichtigen Werk der amerikanischen Migrationssoziologie. Alfred Schütz analysiert in The Stranger (1944) die Situation von Personen, welche ihre Herkunftsgruppe aufgegeben haben und sich durch den Zusammenbruch ihrer Alltagsorientierungen ihres fortwährenden „Fremdseins“ gewahr werden, sich allerdings auch erfolgreich assimilieren können. Elisabeth Pfeil untersucht in ihrer Monographie Der Flüchtling: Gestalt einer Zeitenwende (1948) die Folgen der Ost-West-Verschiebung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung nach 1945. Shmuel N. Eisenstadt entwickelte in den 1950er Jahren ein Dreiphasenmodell der Migration. Nathan Glazer und Daniel Patrick Moynihan kritisierten in Beyond the Melting Pot (1963) das Assimilationsmodell und entwickelten es anhand der Untersuchung der afroamerikanischen, puerto-ricanischen, jüdischen, italienischen und irischen Minderheiten in New Work in Richtung einer Pluralismustheorie weiter.Petra Aigner: Migrationssoziologie. Springer Verlag 2017.
Migration und Identität Kulturelle Identität ist die Vorstellung der Menschen einer bestimmten Gruppe oder eines Milieus, sich von anderen Gruppen zu unterscheiden. Fremdbild und Selbstbild unterscheiden sich in der Regel stark voneinander. Migranten befinden sich in einem inter- bzw. transkulturellen „Zwischenraum“ zwischen verschiedenen Kulturen. Sie werden durch die Migration ihre Identität nicht einfach abstreifen; vielmehr können sie dynamische und multiple Identitäten ausbilden. Umgekehrt wirkt Migration auf die Identitätsbildung der Menschen im Zuwanderungsland zurück. Deren nationale oder kulturelle Identität wird ebenfalls von Zuwanderung oder der Ablehnung von Zuwanderung geprägt. Zuwanderung und nationale Identität stehen somit in einem dialektischen Verhältnis zueinander.
Wie die empirische Untersuchung des Wanderungsverhaltens russischer Akademiker nach Deutschland und auch die Studie über deutsch-türkische Migrationsbiographien zeigen, beeinflussen sozio-kulturelle Faktoren die Qualifikation von Migranten, deren Selbstverortung und Identität. Insbesondere Akademiker verstehen sich häufig als Teil der globalen Wissenschaftsgemeinde und suchen Migrationsziele anhand von Forschungsclustern oder -bedingungen aus. Ihre Identität wird damit nicht mehr durch Nationalstaaten, sondern durch ihre Qualifikation bestimmt. Ein Bruch mit der Herkunftsgesellschaft und eine daran anschließende Assimilation in der Aufnahmegesellschaft (die in einigen Migrationstheorien angenommen wurde) findet damit nicht mehr statt. Entsprechend anders werden soziale Identitäten gebildet, die wie z. B. bei Third Culture Kids hybride oder bi-kulturelle sein können. Soweit es den deutsch-russischen Wanderungskontext betrifft, scheint sich zudem die Annahme von Waters (1995) zu bestätigen, dass eine bestehende „Wanderungsgeschichte“ weitere Wanderungen begünstigt, weil sie zur Übermittlung von Bildern und Vorstellungen über die potenzielle Zielgesellschaft führt, damit als Projektionsfläche dient und Multiplikatoren hervorbringt.
Da ein konstantes kulturelles Bezugssystem als wesentliche Voraussetzung für eine „stabile“ soziale Identitätsentwicklung gilt, kann Migration ein problematisches Lebensereignis darstellen, das erhebliche Auswirkungen auf die Psyche eines Menschen hat. Diese negativen Konsequenzen werden häufig mit der Metapher (kulturelle, soziale, ethnische) „Entwurzelung“ bezeichnet.Marius Otto: Zwischen lokaler Integration und regionaler Zugehörigkeit. Transnationale Sozialräume oberschlesienstämmiger Aussiedler in Nordrhein-Westfalen. Dissertation RWTH Aachen, transcript, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-3267-5. S. 366.
Ethnizität