Der Obermarkt in Görlitz zählt mit einer ungefähren Ost-West-Ausdehnung von 250 Metern zu den größten Plätzen in der historischen Altstadt. Er hat die Gestalt eines Rechteckes, dessen Ost- und Westseite sich etwas verjüngen. Der Obermarkt mit Gebäuden zahlreicher Epochen ist das Tor zur Görlitzer Altstadt.

Geographie mini|links|Der Görlitzer Obermarkt im Jahr 2010 (Blick vom Rathausturm in Richtung Westen) Lage Der Obermarkt liegt am Schnittpunkt der Görlitzer Altstadt zur gründerzeitlich geprägten Innenstadt. Er wird durch Bürgerhäuser, die Dreifaltigkeitskirche im Südosten, den Reichenbacher Turm und den Kaisertrutz auf dem Platz des 17. Juni im Westen begrenzt.

Gliederung Seit dem Umbau des Platzes 1939 wird er von zwei gepflasterten, von Nord nach Süd verlaufenden Fahrstraßen geteilt. Die westliche der beiden Straßen ermöglicht seitdem die Querung von der Breiten Straße zur Steinstraße. Die östliche Straße ist auf Höhe des Klosterplatzes durch Poller abgesperrt und dient nur noch als Zufahrt zu den Parkflächen in der Platzmitte.

Verkehr Die gepflasterte Platzmitte des Marktes wird heute den Großteil des Jahres als Parkfläche für etwa 80 bis 100 Pkw genutzt. Beim Görlitzer Altstadtfest, für das Straßentheater ViaThea und anderen Großveranstaltungen wird die Mittelfläche auch als Veranstaltungsraum genutzt.

Auf die gepflasterte Straße, die rund um den Platz führt, münden zahlreiche Gassen und Straßen: die Breite Straße, die Verrätergasse und die Fleischerstraße von Norden, die Brüderstraße von Osten, der Klosterplatz und die Steinstraße von Süden und der Platz des 17. Juni von Westen. Die Brüderstraße verbindet den Platz mit dem Untermarkt und der Altstadt. Die Steinstraße und der Klosterplatz stellen eine Verbindung zum Marienplatz und weiter zum Demianiplatz sowie zur Elisabethstraße her und führen in die Einkaufsareale der Innenstadt.

Zwischen 1883 und 1939 verkehrte auf der Südseite des Platzes die Görlitzer Straßenbahn in Richtung Endhaltestelle Untermarkt. Die Bahngleise wurden im Jahr 1939 beim Umbau des Marktes entfernt.

Geschichte

Stadterweiterung im 13. Jahrhundert Der Obermarkt wurde etwa um 1250 angelegt. Der Platz und die sich anschließenden Gassen bildeten im 14. Jahrhundert die Neustadt. 1401 tauchten erstmals die Bezeichnungen Neumarkt für den östlichen Teil und Oberneumarkt für den westlichen Teil auf. Spätestens im Jahr 1848, als eine Erweiterung der südlichen Vorstadt begann, setzte sich jedoch die Bezeichnung Obermarkt durch. Im Rahmen der Erweiterung wurde auch der heutige Wilhelmsplatz geschaffen, der bis zu seiner Umbenennung 1871 den Namen Neumarkt trug. 1717 zerstörte ein Brand den halben Obermarkt.S. 367. Dies ist auch der Grund, dass die ältesten Häuser auf der West- und Nordseite des Platzes 1717 entstanden. Sie stießen alle mit ihrer Rückseite an die Stadtmauer am Grünen Graben.S. 373f.

Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit mini|links|Plan der Stadt um 1750, die Nr. 22 ist der Obermarkt, Nr. 13 das Salzhaus mini|Obermarkt mit Salzhaus 1792, Ausmarsch der Schützengilde zum Pfingstschießen Laut Chroniken soll das Salzhaus 1407 gebaut worden sein, jedoch gab es erste Erwähnungen erst gegen 1424 und 1434. Es stand mittig auf dem Platz und begann in etwa in Höhe der Einmündung der Steinstraße und erstreckte sich dann weiter in Richtung Brüderstraße.S. 380.

Im Januar 1451 wurde vor dem Salzhaus ein Predigtstuhl für den Franziskaner und Prediger Johannes Capistranus errichtet. Er hielt dort 15 Predigten. Die Franziskaner besaßen seit dem 13. Jahrhundert bis zur Auflösung infolge der Reformation ein Kloster in Görlitz am heutigen Klosterplatz, ihre Klosterkirche war die Dreifaltigkeitskirche.

1535/36 wurde das Salzhaus zum Tanz-, Kauf- und Gewandhaus ausgebaut, da es bis dahin nur im Rathaus einen Tanzsaal für die gehobenere Gesellschaft gab. Bis 1767 trug es auf jeder Seite hohe, spitze Giebel, die abgetragen und durch ein Walmdach ersetzt wurden. An der West- und Ostseite führte jeweils eine Treppe in das erste Obergeschoss. Dort gewährte ein Barockportal Einlass in das Innere. An dem Haus waren steinerne Maße angebracht, das Getreidemaß Scheffel und das Viertel. Im großen oberen Saal boten einheimische und fremde Tuchmacher ihre Waren feil. Im Erdgeschoss befand sich die Salzniederlage bis etwa 1815, die in das Waidhaus verlagert wurde. Im Salzhaus brachte man im zweiten Stockwerk Militärgüter unter. Solange es nur einheimischen Nichthändlern erlaubt war, im Salzhaus einzukaufen, hing vor dem Haus der Markthut aus. Bis ins Jahr 1851 wurde das Salzhaus genutzt, danach wurde es abgetragen.S. 380ff. Mitte der 1990er-Jahre gab es Überlegungen, das Salzhaus wieder zu errichten. Zur 925-Jahr-Feier der Stadt 1996 wurde inmitten des Platzes ein Gerüst in der Grundform des Gebäudes aufgebaut und verkleidet. Man kam jedoch zum Schluss, dass das Bauensemble und die Funktion des Platzes als Bindeglied zwischen Altstadt und Gründerzeitviertel mit dem Bau zerstört werden würde.S. 138.

Der Obermarkt diente hauptsächlich dem Getreidehandel. Um 1700 war die Zufuhr von Waren so groß, dass der Platz kaum noch reichte. Am 19. Juli 1804 drängten sich 754 Wagen voll mit Getreide auf dem Markt.S. 382.

Preußische Ära und Umbau im 19. Jahrhundert mini|Georgsbrunnen, Blick in die Fleischerstraße und auf die Görlitz Information mini|hochkant=0.7|1900 errichteter Neubau an der Ecke Obermarkt/Klosterplatz mini|hochkant=0.7|Einweihung des Reiterstandbildes Wilhelm I. Nach der Teilung des Königreiches Sachsen infolge des Wiener Kongresses wechselte die östliche Oberlausitz vom sächsischen zum preußischen Staat und damit auch die Stadt Görlitz. Die Zu- und Abfuhr von Waren von der West- und Südoberlausitz bzw. in die diese Gebiete war durch die nun entstandene Grenze zwischen Preußen und Sachsen stark behindert. Erst mit der Einführung des Zollvereins am 1. Januar 1834 verbesserte sich die Lage wieder deutlich. Auf dem Markt standen wieder Händler wie Stricker, Strumpfverkäufer, Büttner, böhmische Bauern mit Holzbrettern, Anwohner vom Rothwasser mit ihren Schindeln, Leitern, Besen und zahlreichen anderen Produkten. Jedoch erholte sich das Handwerk nur kurz, bis es dann auf Grund der sich stark verändernden Wirtschaftsbedingungen um 1870 stark zurückging.

Westlich des Salzhauses stand von 1676 bis 1847 die Hauptwache. Sie wurde in den Jahren 1704 und 1740 erweitert. Von 1640 bis 1650 befand sich die Wache nördlich der Klosterkirche. Mit dem Ausbau des Kaisertrutzes durch die Preußen zog die Hauptwache und das Militärarsenal aus dem Salzhaus 1850 in den Kaisertrutz um.

Der aus dem Jahr 1590 stammende Georgsbrunnen war bis 1856 vor dem Goldenen Adler aufgestellt, danach wurde er vor die Schwibbogen versetzt. Der Schild Georgs mit dem kurfürstlich sächsischen Wappen trug vorher wohl das böhmische Wappenschild. Hier steht nur eine 1957/1958 von Werner Hempel gefertigte Kopie. Das Original befindet sich im Kulturhistorischen Museum. Es ist nicht sicher, ob die Brunnenfigur den Heiligen Georg oder einen Görlitzer Stadtknecht darstellt.

Auf der von Bränden weitgehend verschonten Südseite des Platzes blieben bis in das 19. Jahrhundert zahlreiche Gebäude aus dem 16. Jahrhundert erhalten, jedoch zum Großteil in einem ruinösen Zustand. Beispielhaft beschrieben wird die Veränderung der Häuser zwischen Klosterplatz und heutiger Steinstraße:

Der Tuchmacher Max Finster war gleichzeitig der Besitzer des 1722 von Sattler Michael Ulrich im mittelbarocken Stil errichteten Eckhauses Obermarkt/Klosterplatz (damals Obermarkt Nr. 1). Er erwarb 1898 zusätzlich das Nachbarhaus Obermarkt Nr. 2 und riss beide Gebäude ab. Auf dem vergrößerten Grundstück errichtete er 1900 einen Neubau. Heute befindet sich in dem Eckhaus Obermarkt 1, 2 die Geschäftsstelle einer Krankenkasse. Bereits 1804 wurde das Doppelhaus Obermarkt Nr. 3 vom Salzverwalter Christian Friedrich Görcke abgebrochen und durch einen breiteren Neubau ersetzt. Dem barock erscheinenden Haus Nr. 4 wurde ein drittes Stockwerk aufgesetzt, es blieb aber sonst unverändert. Haus Nr. 5, damals auch bekannt als das von Mollerstein-Zimmermannsche Haus hatte bis kurz nach 1800 drei große Straßengiebel mit Voluten und zwei gotischen Pforten. 1803 wurden zunächst die Giebel abgebrochen und durch ein Schindeldach ersetzt. 1837 errichtete der Riemermeister Immanuel Friedrich Zimmermann das Haus komplett neu. Es blieb nur das von Mollersteinsche Wappen erhalten. Auch das Eckhaus Obermarkt/Steingasse (Nr. 6) war ein mit zwei großen Giebeln gekrönter Barockbau. Es wurde in dieser Form um 1680 errichtet. Dieses Haus verlor 1803 seine Giebel und wurde 1844 vom Kürschnermeister Ernst Friedrich Thorer von Grund auf neu errichtet.S. 367ff.

Ähnlich verhielt es sich auch mit den Häusern in Richtung Kaisertrutz. Zwei Persönlichkeiten standen mit dem Platz in Verbindung: General von Winterfeldt, verwundet in der Schlacht von Moys, verstarb in der Nacht vom 7. auf den 8. September 1757 im Haus Obermarkt Nr. 11. Im Haus Obermarkt Nr. 8 eröffnete der Sattler Johann Christoph Lüders 1830 sein erstes Wagenbaugeschäft. Er zog 1849 mit seinem Geschäft in die Brunnenstraße um. Er gilt als Gründungsvater des noch existierenden Görlitzer Waggonbaus.S. 373.

Kaiser Wilhelm II. kam am 18. Mai 1893 das erste Mal zu Besuch in die Neißestadt und enthüllte das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. auf dem Obermarkt. Es befand sich in etwa in der Mitte des Platzes. Am 11. Mai 1939 wurde das Denkmal mit seinen drei Figuren auf den Wilhelmsplatz versetzt. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es für Kriegszwecke eingeschmolzen.S. 91.

Beginn des 20. Jahrhunderts und Weimarer Republik mini|Obermarkt mit dem Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I. um 1930 1909/10 wurde die Dreifaltigkeitskirche grundlegend saniert; der braunschweigische Künstler Adolf Quensen versah die Wände und Gewölbe mit romantisierenden Ausmalungen. Die einst schlichten Decken- und Wandverzierungen wichen üppigen und verspielten Malereien, heute gelten diese Malereien als erhaltenswerte Zeitzeugnisse für das nationale und religiöse Verständnis der damaligen Zeit.S. 60.