miniatur|Der Beginn der Vorträge des Maximos von Tyros in der ältesten Handschrift, Paris, Nationalbibliothek, gr. 1962, fol. 1 recto (9. Jahrhundert) Maximos von Tyros () war ein antiker Redner und Philosoph. Er lebte im späten 2. Jahrhundert. Als Philosoph war er Mittelplatoniker, als Redner wird er zur „Zweiten Sophistik“ gezählt.
Leben
Über das Leben des Maximos ist wenig bekannt. Er stammte aus der Stadt Tyros in der Provinz Syria oder hatte dort zumindest seinen Lebensmittelpunkt. Zur Zeit des Kaisers Commodus (180–192) reiste er nach Rom und hielt dort Vorträge. Damals hatte er sich schon als Redner einen Namen gemacht.
In der Forschung wird erwogen, ihn mit Cassius Maximus zu identifizieren, dem Artemidor von Daldis die ersten drei Bücher einer Abhandlung über die Traumdeutung widmete.Für die Identifizierung plädiert Jacques Puiggali: Etude sur les dialexeis de Maxime de Tyr, conférencier platonicien du IIème siècle, Lille 1983, S. 11 f., dagegen äußert sich Michael B. Trapp: Philosophical Sermons: The 'Dialexeis' of Maximus of Tyre. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt (ANRW), Bd. II 34.3, Berlin 1997, S. 1945–1976, hier: S. 1946 Anm. 1. Siehe auch Javier Campos Daroca, Juan Luis López Cruces: Maxime de Tyr. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 4, Paris 2005, S. 324–348, hier: 326 f. In Betracht gezogen wird auch die Möglichkeit, dass Lukian mit einem nicht namentlich genannten „Sidonier“ (Bürger der syrischen Stadt Sidon), über den er in seiner Lebensbeschreibung des Demonax spöttisch eine Anekdote erzählt, Maximos meint. Der Sidonier, ein Sophist, der sich eines breiten Wissens über unterschiedliche philosophische Richtungen rühmte, soll in Athen als Lehrer Ansehen erlangt haben.Lukian, Demonax 14. Beide Identifizierungen sind umstritten.
Werke
Erhalten ist eine Sammlung von 41 Vorträgen (dialéxeis) über philosophische und religiöse Fragen. Die Authentizität der handschriftlich überlieferten Titel der einzelnen Vorträge ist umstritten; teilweise bezeichnen sie den Inhalt nur ungenau, was als Argument gegen ihre Echtheit angeführt wird.Siehe dazu George Leonidas Koniaris: On Maximus of Tyre: Zetemata (I). In: Classical Antiquity 1, 1982, S. 87–121, hier: 102–110 (für die Echtheit) und Michael B. Trapp: Maximus of Tyre, The Philosophical Orations, Oxford 1997, S. XV, LVIII (gegen die Echtheit). Die Dauer der Vorträge schwankte zwischen zwanzig Minuten und einer halben Stunde. In erster Linie wandte sich Maximos an Jünglinge, die er in die Philosophie einführen wollte.Zum Alter des Publikums siehe George Leonidas Koniaris: On Maximus of Tyre: Zetemata (I). In: Classical Antiquity 1, 1982, S. 87–121, hier: 113 f.; Michael B. Trapp: Maximus of Tyre, The Philosophical Orations, Oxford 1997, S. XX–XXII. Die Vorträge waren auf ein gebildetes Publikum abgestimmt, doch waren die Hörer keine Philosophen; Maximos drückte sich allgemeinverständlich aus und vermied Fachterminologie. Als Ausgangspunkt für die Erörterung einer Frage wählte er gern ein Beispiel aus der Geschichte, aus der Mythologie oder aus einer Fabel, wobei ihm seine ungewöhnliche Belesenheit zustattenkam. Manchmal schweifte er stark vom Thema ab. Gelegentlich diente ein Vortrag der Verteidigung eines Standpunkts, der in einem anderen Vortrag verworfen wurde.
Die behandelten Themen gehören größtenteils zum Bereich der Ethik; nur in wenigen Vorträgen geht es hauptsächlich um andere Gebiete wie Götterlehre, Naturlehre, Seelenkunde und Erkenntnistheorie. Gänzlich übergangen wird die Logik. Zu den überlieferten Titeln gehören: „Ob man Göttern Standbilder setzen soll“; „Ob Sokrates richtig handelte, als er sich nicht verteidigte“; „Wer hat die bessere Vorstellung von den Göttern gehabt, die Dichter oder die Philosophen?“; „Ob man beten soll“; „Was ist Wissenschaft?“; „Ob die Erkenntnisse Erinnerungen sind“; „Ob man dem, der Unrecht tut, das Unrecht vergelten soll“; „Ob, wenn es Wahrsagung gibt, etwas in unserer Macht steht“; „Dass die beschauliche Lebensweise besser ist als die tätige“; „Ob Platon mit Recht Homer aus dem Staat entfernte“; „Was ist die Liebeskunst des Sokrates?“; „Was ist das Ziel der Philosophie?“; „Ob das Kynikerleben vorzuziehen ist“; „Ob man durch göttliche Fügung gut wird“; „Wenn Gott das Gute bewirkt, woher kommen dann die Übel?“
Der Stil des Maximos weist im Satzrhythmus Merkmale des Asianismus auf, aber hinsichtlich Wortschatz, Morphologie und Syntax orientiert er sich am Attizismus. Daher gilt er als gemäßigter Attizist.Zum Stil siehe Otto Schönberger, Eva Schönberger (Übersetzer): Maximos von Tyros, Philosophische Vorträge, Würzburg 2001, S. 12 f.; Javier Campos Daroca, Juan Luis López Cruces: Maxime de Tyr. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 4, Paris 2005, S. 324–348, hier: 340. Er spricht sein Publikum direkt an, streut Ausrufe, Beteuerungsformeln und rhetorische Fragen ein und achtet auf eine lebendige Ausdrucksweise, wozu auch gehört, dass er sich beim Reden selbst berichtigt oder etwas nachträglich ergänzt. Auffällig ist die Häufung der Metaphern sowie der mythologischen und historischen Bezüge und der Klassikerzitate.
Lehre
In seinen philosophischen Überzeugungen erweist sich Maximos als Platoniker; er beruft sich mehrfach ausdrücklich auf Platon, zitiert ihn oft und nimmt auch mit vielen Anspielungen auf Werke Platons Bezug. Seine Metaphysik, seine Seelenlehre und seine Ethik sind platonisch. Auch in der Politik teilt er Platons Einstellung, wie sein Lob des platonischen Idealstaates und seine Kritik an der Demokratie zeigt. Ganz im Sinne der Tradition des Platonismus wendet er sich gegen die Sophisten und polemisiert gegen Epikur. Daneben ist aber in seinen Ausführungen auch der Einfluss des Aristotelismus, des Kynismus und vor allem der Stoa erkennbar. Offenheit für stoische Ideen war bei den Mittelplatonikern verbreitet und ist daher nicht auffällig. Maximos kennt die in anderen philosophischen Richtungen entwickelten Begriffe und Vorstellungen und greift bei Bedarf auf sie zurück, hält aber an den fundamentalen Lehren des Platonismus fest. Daher ist es nicht korrekt, ihn als Eklektiker zu bezeichnen.Michael B. Trapp: Philosophical Sermons: The 'Dialexeis' of Maximus of Tyre. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt (ANRW), Bd. II 34.3, Berlin 1997, S. 1945–1976, hier: 1948; Michael B. Trapp: Maximus of Tyre, The Philosophical Orations, Oxford 1997, S. XXVIII–XXX. Gern beruft er sich auf das Vorbild des Sokrates, der sowohl in der platonischen als auch in der stoischen und der kynischen Tradition verehrt wurde.Zur Sokrates-Rezeption des Maximos siehe Klaus Döring: Exemplum Socratis, Wiesbaden 1979, S. 130–138.
Ein eigenständiger Denker ist er nicht; sein Anliegen ist die Werbung für eine philosophische Lebensweise durch das gesprochene Wort. Er erörtert die Fragen nicht systematisch, sondern redet auf predigthaft-rhetorische Art. Aus der mündlichen, offenbar einer Zeitbegrenzung unterliegenden Darbietungsweise ergibt sich das Erfordernis einer relativ knappen, zusammenfassenden Präsentation des Stoffs. Dieser Umstand dürfte dazu beigetragen haben, dass manche Gedankengänge nicht sorgfältig und widerspruchsfrei ausgearbeitet sind.Siehe dazu beispielsweise Vittorio Fazzo: La giustificazione delle immagini religiose dalla tarda antichità al Cristianesimo, Bd. 1, Napoli 1977, S. 140–142, 149. Eine Überarbeitung zwecks Veröffentlichung in Schriftform scheint nicht stattgefunden zu haben.
Im ersten Vortrag vergleicht Maximos den Philosophen mit einem Schauspieler. So wie Schauspieler verschiedenartige Rollen übernehmen und Musiker mehrere Tonarten zu beherrschen haben, soll auch der Philosoph seine Rede „vielstimmig und mannigfaltig“ gestalten können, indem er unterschiedliche Bedürfnisse seiner Hörer berücksichtigt. Damit zeigt er zugleich, dass er der Vielfalt und Wechselhaftigkeit des Lebens gerecht wird und sich den Erfordernissen verschiedener Umstände flexibel anzupassen vermag.Siehe dazu George Leonidas Koniaris: On Maximus of Tyre: Zetemata (II). In: Classical Antiquity 2, 1983, S. 212–250, hier: 213–225.
Maximos teilt die in antiken Platonikerkreisen verbreitete Überzeugung, dass es in Wirklichkeit nicht verschiedene konkurrierende philosophische Systeme gibt, sondern nur eine einzige authentische Philosophie, die eine in sich geschlossene Einheit bildet und die Realität korrekt beschreibt. Nach seiner Ansicht sind alle philosophischen Schulen mit Ausnahme der Epikureer, in denen er keine echten Philosophen sieht, auf diese eine Wahrheit gegründet und drücken sie nur unterschiedlich aus. Zu den bedeutendsten Vertretern der authentischen Weisheitslehre zählt Maximos neben Platon, Sokrates, Pythagoras und dem Kyniker Diogenes von Sinope auch Homer, dessen Dichtung zu seinen bevorzugten Themen gehört.Jan Fredrik Kindstrand: Homer in der Zweiten Sophistik, Uppsala 1973, S. 45–71. Dabei fasst er manche Aussagen Homers nicht im buchstäblichen Sinne auf, sondern deutet sie allegorisch. Ethische Aspekte stehen bei seiner Homer-Interpretation im Vordergrund; so erscheint insbesondere der Held Odysseus als Vorbild der Tugendhaftigkeit. In der frühen Dichtkunst, zu der er neben den Werken Homers und Hesiods auch die orphische Dichtung zählt, sieht Maximos einen legitimen Weg zur Erkenntnis der Wirklichkeit; sie steht für ihn gleichberechtigt neben der Philosophie. Die Poesie drückt mit mythischen Bildern aus, was die Philosophie mit „nackten Worten“ formuliert; Philosophen wie Aristoteles und Chrysippos von Soloi sind nicht klüger als Homer und Hesiod. Die alte Dichtung ist göttlich inspiriert, Homer wurde von Apollon und den Musen belehrt und ist somit ein Vermittler zwischen Göttern und Menschen.Jan Fredrik Kindstrand: Homer in der Zweiten Sophistik, Uppsala 1973, S. 163 ff. Mit seiner außerordentlichen Wertschätzung Homers gerät Maximos in Gegensatz zur Haltung Platons, der die Dichter aus seinem Idealstaat ausschließt und insbesondere an Homer heftige Kritik übt. Hier nimmt Maximos eine ausgleichende Haltung ein. Seine allegorische Homerdeutung ermöglicht ihm eine Entschärfung des Gegensatzes zwischen Platon und Homer. Er verteidigt nicht Homer gegen Platon, sondern versucht Platons Verbot der Homer-Lektüre im Idealstaat zu entschuldigen.Jan Fredrik Kindstrand: Homer in der Zweiten Sophistik, Uppsala 1973, S. 187–189; Javier Campos Daroca, Juan Luis López Cruces: Maxime de Tyr et la voix du philosophe. In: Philosophie antique 6, 2006, S. 81–105.
Maximos ist Anhänger einer in der Antike verbreiteten pessimistischen Kulturphilosophie, die davon ausgeht, dass die Geschichte der Menschheit von einem Verfallsprozess geprägt ist; die Verfeinerung der Zivilisation wird als Degeneration gewertet. Dieser allgemeine Niedergang betrifft auch die Philosophie. Dort zeigt er sich in der Aufspaltung der ursprünglich einheitlichen und schlechthin wahren Lehre in unterschiedliche Lehrmeinungen rivalisierender Schulen. Insbesondere die Entstehung des Epikureismus betrachtet Maximos als Verfallserscheinung. Folgerichtig ergibt sich daraus, dass die ältesten Weisheitslehren die besten sein müssen. Dementsprechend stellt Maximos die Weisheit Homers sogar über diejenige Platons und meint, Platon habe von Homer noch mehr als von Sokrates gelernt. Die alten Dichter hätten sich einer verhüllenden, nur andeutenden Ausdrucksweise bedient, womit sie zur Wahrheitssuche angeregt hätten; in der gegenwärtigen Verfallszeit hingegen herrsche eine ungehörige Direktheit.Javier Campos Daroca, Juan Luis López Cruces: Maxime de Tyr. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 4, Paris 2005, S. 324–348, hier: 344–346; Heinrich Dörrie, Matthias Baltes: Der Platonismus in der Antike, Bd. 7.1, Stuttgart-Bad Cannstatt 2008, S. 290–294.
Rezeption Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit