Das Wienerische oder der Wiener Dialekt gehört zu den ostmittelbairischen Dialekten der bairisch-österreichischen Dialektgruppe. Er wird in Wien und Umgebung gesprochen. Wie andere Dialekte unterscheidet er sich vom Standarddeutschen unter anderem in Wortschatz, Grammatik und Aussprache.
Geschichte Von den ersten Spuren zum Alt- und Mittelhochdeutsch Die ältesten Spuren im Wienerischen hat das Keltische hinterlassen, wie auch der Name Vindobona in dieser Zeit entstanden ist. Aus dem Gotischen stammende Wörter wurden im 1873 erschienenen Wörterbuch von S. Hügel noch als „willkürlich gebildet“ bezeichnet, konnten jedoch durch andere Forschungen (u. a. von Eduard Pötzl und Berthold Sengschmitt) zugeordnet werden. Beispielsweise bildete sich das Wort urassen (verschwenden) aus dem gotischen ufarassus, das bereits in der Wulfilabibel vorkommt. Die von den Agilolfingern ausgehenden bairischen Dialekte beginnen mit dem Altbairischen, welches in Wien vom 8. bis 11. Jahrhundert gesprochen wurde. Im 12. bis 14. Jahrhundert erfuhr das Altbairische eine starke Ausweitung und wurde zum Bairischen. Kennzeichnend für die einzelnen Phasen sind vor allem Lautverschiebungen der Konsonanten entlang der Benrather- und der Speyerer Linie, aber auch Vokalverschiebungen wie die Diphthongierung oder das Ersetzen der althochdeutschen Endungsvokale durch das mittelhochdeutsche Endungs-e. Alt- und mittelhochdeutsche Wörter gehören auch heute noch zum Sprachschatz der Wiener, so findet man im Mittelhochdeutschen die Wörter semel und krapfen. Letzterer war bereits im Althochdeutschen als crapho vorhanden, die semel soll aus dem lateinischen simila gebildet worden sein. Ab dem Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts spricht man vom Neuhochdeutschen.
Wien als Vielvölkergemisch Bereits im Spätmittelalter war die Bevölkerung Wiens ein Vielvölkergemisch, so wanderten etwa aus dem Westen Baiern, Franken und Alemannen ein. Die Franken brachten auch die für Wien typische Monophthongierung, die das Wienerische von den übrigen bairischen Dialekten stark unterscheidet. Im Jahr 1296 bekam Wien durch Herzog Albrecht I. das Stadtrecht sowie eine Lateinschule verliehen. Ebenso wurde das erste Wiener Wörterbuch angelegt, um dem alemannischen Habsburger und seiner Gefolgschaft die Verständigung zu erleichtern; hierbei kann jedoch noch nicht von einem Dialektwörterbuch gesprochen werden, da es noch an der zur Abgrenzung notwendigen Schriftsprache fehlte. Als Folge des Stadtrechts und durch die geographisch günstige Lage Wiens kam es zu einem Aufblühen des Wiener Handels; das zog vor allem Italiener an. Herzog Rudolf IV. ließ ab 1365 die Universität bauen, daraufhin kamen überwiegend Slawen, Magyaren und Franzosen und bereicherten im Lauf der Zeit die Sprache. Zuzüge aus Niederösterreich und der Steiermark hielten zu dieser Zeit jenen fremder Völker die Waage. Weiteren direkten fremdsprachigen Einfluss auf das Wienerische hatten die Erweiterung des Habsburgerreichs 1526 um böhmische und ungarische Ländereien und die Ausweitung des Hofstaates unter dem aus Spanien kommenden Ferdinand I. Auch die Türkenbelagerungen 1529 und 1683 hatten Einfluss auf den Wiener Wortschatz. Während der Reformation wurde nicht nur die inzwischen gebildete Oberdeutsche Schreibsprache vom sogenannten Lutherdeutsch, dem Frühneuhochdeutschen abgelöst, es wurden auch 20 protestantische Lateinschulen in Wien errichtet.
Wolfgang Schmeltzl schrieb 1549 in seinem „Lobspruch der hochlöblichen weitberümbten khünigklichen Stat Wieñ in Osterreich“ auf, welche Sprachen er am Lugeck vernehmen konnte:
Der aus der Oberpfalz stammende Wolfgang Schmeltzl war es auch, der während der Gegenreformation das deutschsprachige Schuldrama in Wien begründet hat. Dreißigjähriger Krieg sowie im 18. Jahrhundert Spanischer Erbfolgekrieg und Koalitionskriege, aber auch die seit Einführung der Schulpflicht im Jahr 1774 durch Maria Theresia fortschreitende Bildung der Bevölkerung brachten dem Wienerischen eine Fülle an italienischen, lateinischen und französischen Ausdrücken. Während dieser Phase geht das „Rokoko-Wienerisch“ ins „Altwienerisch“ über und in der Zeit von Kaiser Franz Joseph I. ins „Neuwienerisch“. In den einzelnen Handwerksberufen waren die Zuwanderungen der einzelnen Völker stets höchst unterschiedlich. Im 19. Jahrhundert waren es vor allem die am Habsburgerhof und in der Oberschicht beliebten böhmischen Köchinnen, die für eine Menge neuer Wörter in der Küche sorgten. Die englische Sprache, die bislang kaum eine Rolle gespielt hatte, drang ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit der industriellen Revolution in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Auch der Sport und die Herrenmode brachten englische Wörter. Die Wiener sprechen das meiste jedoch entweder aus wie geschrieben (die „Tramway“ als „Dramwai“), französisch („Kotääschviertel“ od. viel verbreitet auch „Kottahsch“ für „Cottageviertel“) oder wienerisch (das Goi statt „Goal“). Ein erstes Lexikon wurde 1873 von Franz Seraph Hügel unter dem Titel Der Wiener Dialekt: Lexikon der Wiener Volkssprache. (Idioticon viennense) herausgegeben.Franz Seraph Hügel: Der Wiener Dialekt. Lexikon der Wiener Volkssprache. (Idioticon Viennense), A. Hartleben’s Verlag, Wien, Pest, Leipzig 1873.
Die Wiener Gaunersprache Ab dem 12.–13. Jahrhundert, entwickelte sich unter den von der Gesellschaft ausgeschlossenen, niedersten sozialen Schichten die Wiener Gaunersprache. In dieser „Geheimsprache“ wurden Wörter aus verschiedensten Sprachen, allen voran Jiddisch, romanischen Sprachen und ab dem 15. Jahrhundert Romani, aufgesogen und dem wienerischen Klang angepasst. Dem Mittelhochdeutschen wurden dabei hauptsächlich Hilfs-, Verbindungs-, Bei- und Zeitwörter entnommen. Zudem wurden durch witzige oder poetische Sinnübertragungen neue Wörter kreiert. 1443 erschien die „Wiener Bettlerordnung“, eine Sammlung von Wörtern der Wiener Gaunersprache, die der Polizei und anderen Behörden dabei helfen sollte, Bettler und das „fahrende Volk“ (Händler, Handwerker, Gaukler, Gauner, Spielleute, Dirnen etc.) leichter verstehen und kontrollieren zu können. Viele der verwendeten Begriffe wurden nach ihrer Entschlüsselung durch neue ersetzt und sind in den Wiener Dialekt übergegangen. Somit hat sich das Rotwelsch als reiche Quelle für das Wienerische erwiesen.
Jiddisches im Wienerischen Als die sogenannte Judenstadt 1421 aufgelöst, die Bewohner vertrieben oder ermordet wurden („Wiener Gesera“), nahmen sie ein hauptsächlich mit hebräischen und aramäischen Elementen durchzogenes, zu 70–75 % aus Mittelhochdeutsch bestehendes und zunächst als Soziolekt zu bezeichnendes Jiddisch mit. Unterwegs und in ihren neuen Heimatländern im Osten haben sie Teile der slawischen Sprachen Polnisch und Belarussisch, der baltischen Sprache Litauisch sowie der Soziolekte sogenannter fahrender Völker aufgenommen. Ab Ende des 16. Jahrhunderts kamen sie langsam zurück, mussten jedoch unter Kaiser Leopold I. 1670 abermals auswandern. Erst durch das von Kaiser Joseph II. erlassene Toleranzpatent erhielten sie Rechte und konnten in Wien Fuß fassen. Rechtlich gleichgestellt waren sie allerdings erst im 19. Jahrhundert und viele von ihnen schafften einen bedeutenden gesellschaftlichen Aufstieg. Die Melange an verschiedenen Sprachen, das Jiddisch, das sie im Osten entwickelt hatten, wurde durch deutsch-jüdische Abschleifung in Intonation und Phonologie zum Jargon, der als Literatursprache anerkannt und zur Sprache der ersten Wiener Kabaretts wurde.
20. Jahrhundert mini|„rundumadum“ („rundherum“) als Name eines Wanderweges rund um Wien
1912 wurde eine Institution innerhalb der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gegründet, die „Wörterbuchkanzlei“, die den Auftrag erhielt, ein bairisch-österreichisches Dialekt-Wörterbuch zu erstellen. Auf Basis dieses Wörterbuches konnte man wissenschaftlich nachweisen, dass wienerische Wörter und Lautungen bereits seit dem Mittelalter auch in andere österreichische Dialekte vorgedrungen sind. Ab den 1920er Jahren spricht man von „Jungwienerisch“.
Mit dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Monarchie entfiel die stete Versorgung mit Wörtern aus den ehemaligen Erbländern. Mit dem aufkeimenden Antisemitismus verließen auch die ersten Juden Wien. Als sie im NS-Regime vertrieben und in weiterer Folge im Zweiten Weltkrieg großteils ermordet wurden, wurden auch viele aus dem Jiddischen stammende Wörter im Wienerischen verboten und vergessen. Allerdings erkannten die Nazis nur einen Teil: Jene alten Ausdrücke, die längst zurechtgeschliffen und assimiliert waren, überlebten unerkannt. Aber auch schon in einem 1905 erschienenen „Wiener Dialekt-Lexikon“ wurden – Franz Seraph Hügels Idioticon Viennense dabei direkt kritisierend – jüdische Wörter und solche, die der Gaunersprache entsprungen sind oder zu ausländisch klingen, aus dem Vokabular gestrichen; und es wurde als Mahnung festgehalten:
Auch Peter Wehle traf 1980 eine ähnliche Bemerkung, indem er zwischen assimilierten Wörtern und dem jüdischen Jargon unterschied. Über letztere Wörter schrieb er:
Dieter Schmutzer widmet sich schließlich 1993 im Kapitel „Sehn S’, das is weanarisch“ seines Buches über die Wiener Mundartdichtung nicht nur der unterschiedlichen Herkunft wienerischer Ausdrücke, sondern geht auch auf die wiederholte Vertreibung und Verfolgung der Juden ein. Schließlich antwortet er konkret:
Definition und Unterschiede Bis heute ist die Wahrnehmung des Wienerischen im gesamtdeutschen Raum geprägt durch den Wiener Film, der in den 1930er-Jahren seine Höhepunkte erlebte. Die phonetisch kaum gefärbten Tonspuren der Sissi-Filme, die individuelle Aussprache Hans Mosers, das näselnde Schönbrunnerdeutsch eines (fiktiven) Graf Bobby oder das sogenannte Burgtheaterdeutsch zeigen Teile des Spektrums des Wiener Dialekts, sind aber für die tatsächliche Umgangssprache nicht repräsentativ.
Die früheren mikrogeographischen UnterschiedeEberhard Kranzmayer: Wien, das Herz der Mundarten Österreichs. Aufsatz, 1968. haben sich zwar mittlerweile weitgehend verschliffen; das Meidlinger L zum Beispiel ist längst nicht mehr auf diesen einen Bezirk, dem es zugesprochen wird, beschränkt. Dennoch bestehen nach wie vor vielfältige Variationen, je nach sozialem Stand, Beruf oder Anlass. Ein darin erfahrener Wiener kann jederzeit zwischen den Versionen wechseln, je nachdem, mit welchem Gesprächspartner er konfrontiert ist.Maria Hornung, Sigmar Grüner: Wörterbuch der Wiener Mundart. Wien 2002, S. 10.
„Das Wienerische“ schlechthin ist also nicht exakt definierbar, da es sich aus einem breiten Spektrum örtlicher, chronologischer und situationsbedingter Varianten zusammensetzt. Es handelt sich im Wesentlichen heute um eine stilisierte Alltagssprache.
Aktuelle Entwicklungen Wie bei anderen Dialekten ist der Gebrauch des Wienerischen im Schwinden. Als Hauptursache für das Veralten wird der Medienwandel gesehen, der Fortschritt globaler Informationstechnologie. Die aufgrund der weitaus höheren Einwohnerzahl von Deutschen dominierte Medienwelt des Sprachraumes (Werbung, Literaturübersetzungen, Filmsynchronisation) drängt ältere Ausdrucksformen in Österreich ebenso zurückRobert Sedlaczek: Das österreichische Deutsch. Wien 2004, S. 14 ff. wie etwa in der Schweiz. Diese Entwicklung betrifft allerdings neben dem Dialekt auch die österreichische Hochsprache, von der Artikelwahl bis hin zur Sprachmelodie. Dehnung und Artikulation werden sukzessive übernommen, ebenso wie Satzstellungen und Anglizismen.„Rez gscheid!“ EVOLVER zum International Year of Languages 2008.