mini|270px|Rastplatz mit Willkommensschild am Ortseingang von Klausheide
Klausheide (bis 1931 Clausheide) ist eine Gemarkung und ehemalige Gemeinde im Landkreis Grafschaft Bentheim in Niedersachsen. Die Ortschaft liegt zwischen den beiden Mittelzentren Lingen und Nordhorn. Das namensgebende Gut Klausheide wurde 1914 von dem deutschen Industriellenehepaar Bertha und Gustav Krupp gegründet. Bei der Neugliederung der Gemeinden im Raum Nordhorn wurde Klausheide 1931 Rechtsnachfolger der Gemeinde Bakelde und verlor die politische Selbstständigkeit 1974 durch die Eingemeindung in die Stadt Nordhorn. In der Ortschaft leben auf knapp einem Quadratkilometer rund 1400 Menschen, die ehemalige Gemeinde hat rund 1500 Einwohner.
Klausheide liegt im Zentrum des Landkreises direkt an der B 213 und unweit der Anschlussstelle Lingen der A 31. Es befinden sich mehrere Einrichtungen von regionaler und überregionaler Bedeutung im Ort: ein Verkehrslandeplatz, die einzige Montessori-Schule im Landkreis, zwei Einrichtungen der Tierseuchenbekämpfung, drei Gewerbe- und Industriegebiete und eine sozialtherapeutische Einrichtung für mehrfach beeinträchtigte Abhängigkeitskranke.
Geographie Lage Klausheide liegt im südwestlichen Niedersachsen, etwa zwölf Kilometer von der niederländischen und 25 km von der nordrhein-westfälischen Grenze entfernt. Die Gemarkung grenzt im Süden an den Ems-Vechte-Kanal, nördlich der B 213 an die Lee und im äußersten nordwestlichen Zipfel an den Süd-Nord-Kanal.
Die nächstgelegene Ortschaft ist Lohne, ein Grundzentrum und der Verwaltungssitz der Gemeinde Wietmarschen (5 km nordöstlich, rund 7900 Einwohner). Die nächsten Städte sind Nordhorn, 6 km südwestlich, und Lingen, 13 km nordöstlich; beide Städte haben rund 57.000 Einwohner und sind raumplanerisch Mittelzentren mit oberzentralen Teilfunktionen.
Landschaft Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren weite Teile des Gebietes von Heide- und Moorflächen bedeckt. Durch Kultivierungsmaßnahmen in den 1910er Jahren entstanden hauptsächlich landwirtschaftlich genutzte Flächen und ein großer, zusammenhängender Nadelwald, sowie die Ortschaft, das Gut und der Flugplatz Klausheide.
Ausdehnung der Gemarkung Die Fläche der Gemarkung beträgt 20,20 km², größte Nord-Süd-Ausdehnung ist etwa 8 km, größte Ost-West-Ausdehnung ist etwa 5 km.
Flächennutzung Von den 20,20 km² Gemarkungsfläche entfallen 6,0 km² (30 %) auf Wald, 1,8 km² (8,9 %) sind als Gewerbe- und Industriegebiet vorgesehen und 0,80 km² (4,0 %) entfallen auf Wohngrundstücke. Der Flugplatz belegt auf Klausheider Gebiet 0,21 km² (1,0 %); die restliche Fläche (56 %) wird überwiegend landwirtschaftlich genutzt.
Nachbarorte Klausheide grenzt im Norden an Wietmarschen, im Osten an Lohne, im Süden an Hesepe, im Westen an Nordhorns Bauerschaften Feldflur und Bakelde und im äußersten nordwestlichen Zipfel an die Bauerschaft Hohenkörben.
Geschichte mini|Rot: Gutsbezirk Clausheide im Jahr 1914 Blau: Grenze der Gem. Klausheide ab 1929 mini|Gemarkungen und Gemeinden im Raum Nordhorn ab 1914
1910 bis 1925
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es einen Wandel in der Landwirtschaft und in der Haushaltsführung in den Moorgegenden. So nutzten die Bewohner von Nordhorn und den umliegenden Dörfern und Bauerschaften zunehmend Kohlen statt Torf zum Heizen und durch die Erfindung des Kunstdüngers stiegen die landwirtschaftlichen Erträge deutlich und die Plaggendüngung wurde aufgegeben. Die Eigentümer und Markenrechtler der Ödlandflächen waren deshalb nicht mehr auf die Moore und das Heideland angewiesen. Viele Eigentümer waren daran interessiert, ihre Flächen zu verkaufen, zumal diese Flächen bis zu zehn Kilometer von ihren Wohnungen entfernt lagen. Daher konnte Bertha Krupp von Bohlen und Halbach ab 1910 zusammenhängende, bis dahin unbewohnte Moor- und Heideflächen erwerben. Diese Flächen lagen auf dem Gebiet der Landkreise Grafschaft Bentheim und Lingen in der Provinz Hannover.Staatsarchiv Osnabrück, Rep 540 Bentheim, Nr. 145 Ziel war die Kultivierung des Landes für land- und forstwirtschaftliche Zwecke und die Errichtung eines Mustergutes. links|mini|Porträt der Familie Krupp von Bohlen und Halbach von Nicola Perscheid (1928). Claus vorn rechts.
Bei einem Besuch des Gebietes am 27. April 1914 gaben Bertha und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach bekannt, das Gut nach Claus von Bohlen und Halbach, dem dritten Sohn des Paares, Clausheide zu nennen. Am 9. Juni 1915 erfolgte der erste Spatenstich für den Gutshof nördlich der Chaussee Nordhorn – Lingen, der heutigen B 213. Bei den Bauarbeiten wurden auch Kriegsgefangene eingesetzt. Der Erste Weltkrieg behinderte den raschen Fortgang der Kultivierungsmaßnahmen, dennoch konnte bereits 1916 die erste Ernte eingefahren werden. 1917 war der Gutshof soweit fertiggestellt, dass der Gutsverwalter einziehen konnte. 1919 wurden die Bauarbeiten am Gutshof beendet und es wurde mit dem Bau der Arbeiterkolonie beidseits der Chaussee begonnen. Auf der Südseite entstanden zehn und auf der Nordseite acht Doppelhäuser. 1920 zogen die ersten Familien in die Kolonie.
1925 bis 1945 Bedingt durch etliche Missernten benötigte das Gut in den 1920er Jahren laufend Zuschüsse von der Familie Krupp von Bohlen und Halbach, sodass ein Verkauf in Erwägung gezogen wurde. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage in Deutschland war dies jedoch nicht möglich und so wurde das Gut von 1925 bis 1945 an Egbert Hayessen aus Hammer (heute zu Liebenwalde) verpachtet. Statt einen Pachtzins entrichten zu müssen, wurde dem Pächter auferlegt, in den ersten zehn Jahren weitere 900 Morgen Land urbar zu machen. mini|Luftaufnahme von Klausheide (Ort und Gut), August 1936 mini|Neuordnung der Gemeinden im Raum Nordhorn 1921/1929
Südöstlich vom Gutshof ließ die Familie Krupp ein Gelände als Landeplatz für Flugzeuge herrichten. 1927 nahm die Lufthansa diesen Feldflugplatz in ihr Streckennetz als Notlandeplatz auf. Ebenfalls im Jahr 1927 wurde in Klausheide die erste Schule gegründet. Bis dahin wurden die Schulkinder mit einem pferdebespannten „Schulwagen“ des Gutes nach Altendorf, Bakelde und Nordhorn gefahren. 1926 wollte die Gutsverwaltung diesen Dienst allerdings einstellen – es kam zu einem Schulstreik. Als 1927 die Achse des Schulwagens brach und die Kinder zwei Wochen nicht die Schule besuchen konnten, setzten die Eltern ein Protestschreiben auf und es wurde der Entschluss gefasst, in Klausheide eine Schule zu gründen. Diese nahm noch im selben Jahr ihren Betrieb auf: In einem Raum der Wohnung von Lehrer Fritz Strotmann wurden alle 32 Schüler unterrichtet.
Der Gutsbezirk Clausheide erstreckte sich auf mehrere Gemarkungen in den Landkreisen Grafschaft Bentheim und Lingen: Bakelde, Lohne, Herzford, Elbergen, Engden und Hesepe. Siedlung und Gutshof befanden sich auf dem Gebiet der Gemarkung Bakelde.Staatsarchiv Osnabrück, Rep 451 Bentheim, Nr. 21 In dieser Gemarkung befanden sich seit der Markenteilung von 1864 auch Gebiete der Gemeinden Altendorf und Nordhorn. Zum 1. Juli 1929 wurden die Gemeindegebiete im Raum Nordhorn neu geordnet: Große Teile von Altendorf, Bakelde und Bookholt sowie kleinere Flurstücke der Gemeinden Brandlecht und Hesepe wurden nach Nordhorn eingemeindet. Zuvor war schon der Gutsbezirk Frenswegen und bereits 1921 die Gemeinde Frensdorf nach Nordhorn eingemeindet worden. Es verblieben die sogenannten Restgemeinden Bookholt und Bakelde. Die Restgemeinde Bakelde wurde gebildet aus den zum Gut Clausheide gehörenden Flurstücken sowie unbewohnten Teilen von Bakelde, dem sogenannten Grünland, gelegen östlich der Lee und nördlich der Chaussee Nordhorn–Lingen. Im Dezember 1930 beantragte der Rat dieser Gemeinde die Umbenennung in Clausheide. Mit Erlass des preußischen Staatsministeriums vom 18. April 1931 erfolgte die Umbenennung der Gemeinde Bakelde in Klausheide. Der Gemeinderat beantragte, die Schreibweise auf „Clausheide“ abzuändern, da die Benennung ja nach Claus von Bohlen und Halbach erfolgt sei; der Minister des Innern verweigerte dieses Ansinnen mit der Begründung: „…Gemeinde- und Ortsnamen slawischen und deutschen Ursprungs sind im Anlaut mit K zu schreiben.“Staatsarchiv Osnabrück, Rep 450 Bentheim I, Nr. 110a Gleichwohl setzte sich die neue Schreibweise nur langsam durch.
1933 stellte die Familie Krupp der Reichswehr ein Gelände südlich des Ems-Vechte-Kanals in den Gemarkungen Hesepe und Elbergen als Artillerie-Schießplatz zur Verfügung. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gelände auch als Schießplatz der Luftwaffe genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die britische Royal Air Force das Gelände und richtete dort unter dem Namen Nordhorn Air To Ground Weapon Range, kurz Nordhorn Range, einen Luft-/Bodenschießplatz ein.
Von Oktober 1944 bis März 1945 wurde der Flugplatz militärisch genutzt (Einsatzhafen Klausheide, E21). Am 22. November 1944 wurde die II. Gruppe des Jagdgeschwaders 26 (II./JG26) auf dem Flugplatz stationiert. Während ihrer Zeit in Klausheide hat die zweite Gruppe des Jagdgeschwaders 26 etwa 80 Maschinen verloren, 30 Piloten kamen ums Leben und weitere fünf gelten als vermisst. Am 24. März 1945 wurde das Flugfeld durch 58 amerikanische Langstreckenbomber vom Typ „Liberator“ zerstört. Sie warfen in mehreren Wellen 122 Tonnen Bomben ab. Die am Platz stationierten Flugzeuge blieben unbeschädigt, da sie gut getarnt im angrenzenden Wald untergestellt waren. Schon in der darauf folgenden Nacht wurde eine Notstartbahn am südlichen Rand des Platzes planiert und am nächsten Morgen begann die Verlegung der Maschinen nach Celle. Dabei stießen zwei Maschinen zusammen und die Piloten kamen ums Leben.
1945 bis 1974 mini|Das Dorfgemeinschaftshaus: Früher Sitz von Gemeindeverwaltung, Post und Raiffeisenbank, heute Bücherei mini|Siedlungsentwicklung in Klausheide
Von 1945 bis 1947 befand sich eine Versorgungseinheit polnischer Soldaten auf dem Gut. 1948 wurde das Herrenhaus renoviert und als Nebenstelle des Kreiskrankenhauses Nordhorn für Tuberkulosepatienten genutzt.
1951 verkaufte Bertha Krupp von Bohlen und Halbach das Gut und 1100 Hektar Kulturland für 900.000 DM an die Ferdinand von Lochow-Petkus GmbH aus Bergen (ursprünglich aus Petkus in Brandenburg). Das damals größte deutsche Getreidezuchtunternehmen betrieb bis 1990 in Klausheide Pflanzenzucht und Saatgutproduktion.
Am 23. November 1951 wurde zwischen der Gemeinde Klausheide und Bertha Krupp von Bohlen und Halbach ein Vertrag über den Erwerb von 19,55 Hektar Land geschlossen. Damit begann der systematische Aufbau der Siedlung Klausheide. Hintergrund war, dass 35 ehemalige Landarbeiter, die die Altersgrenze erreicht hatten und deshalb die werkseigenen Wohnungen räumen mussten, um Land zur Errichtung eines Eigenheims baten. Das erste Neubaugebiet wies über 100 Bauplätze aus mit einer Größe von durchschnittlich 2500 m2. Durch die Ausweisung weiterer Baugebiete wurde Klausheide zwischen 1939 und 1974 die am stärksten wachsende Gemeinde im Landkreis (435,5 % Zuwachs).Wolfgang Neuwinger: Untersuchungen zur Siedlungs-, Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung der Gemeinde Klausheide. Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt für die Sekundarstufe I, S. 32, 1979
Nach dem Krieg sollte der Flugplatz aufgeforstet werden, aber die Luftsportler der Region bemühten sich hartnäckig um die Wiederaufnahme des Flugbetriebes.1952 startete das erste Segelflugzeug auf dem wieder hergerichteten Flugplatz, der seit 1957 von einer Gesellschaft, bestehend aus Kommunen und Vereinen, betrieben wird.