300px|rechts mini|Ansichtsplan der Klosteranlage und Altstadt von Melk/Donau mini|Erwähnung von Namare (rote Markierung) in der Tabula Peutingeriana mini|Stift Melk in Niederösterreich, Blick aus NW mini|Ansicht des Stiftsparkes und der Altstadt

Kastell Melk ist ein mutmaßliches, archäologisch nicht gesichertes römisches Militärlager. Es könnte Teil der Festungskette des römischen Donaulimes in Österreich gewesen sein und liegt im Bundesland Niederösterreich, Bezirk Melk, Gemeinde Melk an der Donau.

Aufgrund diverser Funde wird es seit dem 19. Jahrhundert am Standort des heutigen Stift Melk vermutet, konnte aber bislang aufgrund der großflächigen Überbauung des Areals nicht archäologisch nachgewiesen werden. Die eindrucksvolle Lage des heutigen Klosterbaues auf einem in der Nähe des Donauufers gelegenen, ca. 60 Meter hohen Felsrücken aus Dioritgestein, sowie des ersten nachweisbaren Kirchenbaues der Stadt – auf dem Plateau des heutigen Stiftparkes – lassen jedoch das Vorhandensein einer römischen Limesbefestigung an diesem Platz als zumindest wahrscheinlich erscheinen.

Neben dem Kastell werden in diesem Artikel auch die Burgi von SpielbergBurgus Melk-Spielberg bei und Aggsbach-Dorf behandelt.

Name Der Ort „Namare“ wird ausschließlich auf einer römischen Straßenkarte des 2. Jahrhunderts, der Tabula Peutingeriana, erwähnt.Segmentum III, 5. Er wird hier als sieben römische Meilen von Arelape (Pöchlarn) und 16 römische Meilen von Trigisamum (Traismauer ?) gelegen, angegeben.

Der Philologe Alfred Holder (1840–1916) glaubte an einen keltischen Ursprung dieses Namens, der Albanologe Norbert Jokl (1877–1942), der Archäologe Erich Polaschek (1885–1974) und der Philologe Gerhard RaschGerhard Rasch: Antike geographische Namen nördlich der Alpen. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-017832-X, S. ?. hielten ihn wiederum für illyrisch, da die Silbe „nam“ (laut Rasch) sowohl im Keltischen als auch im Illyrischen nachzuweisen sei.Hans Krahe: Lexikon altillyrischer Personennamen. Winter, Heidelberg 1929, S. 79. Der Name Melk selbst dürfte laut Meinung des Philologen Walter Steinhauser (1885–1980) auf slawische Wurzeln (Medjilica = Grenzfluss) zurückgehen.Walter Steinhauser: Colomezza, eine vordeutsche Grenze zwischen Melk und Erlauf. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich. NF 39, 1971–1973, S. 19.

Aufgrund der im Jahr 2006 auf dem Gebiet der Katastralgemeinde Großpriel gemachten römerzeitlichen Funde ist „Namare“ möglicherweise aber tatsächlich nicht mit Melk gleichzusetzen. Um darüber Gewissheit zu erlangen, werden seit 2010 diese vom Österreichischen Archäologischen Institut einer gründlichen Auswertung unterzogen. Es könnte sich hierbei sowohl um eine römische Ansiedlung/Straßenstation (Mansio) als auch um eine Villa rustica gehandelt haben.Aussage des Archäologen Stefan Groh, 2006.

Lage Schon im 18. Jahrhundert versuchten eine Reihe von Chronisten die römischen Wurzeln von Melk mittels umfangreicher Untersuchungen über Lage und Entfernungen der Orte in dieser Region nachzuweisen.

Der böhmische Hofsekretär Johann Christoph von Jordan († 1748) kam dabei zu der Überzeugung, dass Namare nur in der Umgebung von Melk situiert gewesen sein konnte.De originibus Slavicis, opus chronologico-geographico-historium, Teil II, pars III: seu Apparatus Geographicus, Wien 1745, S. 71–72. Ignaz Franz Keiblinger setzte in seiner umfangreichen Geschichte der Stadt Melk den Platz Namare entschieden mit diesem Ort gleich, da seiner Ansicht nach

ausreichend bewiesen war, dass das Kastell von Melk nur an der Stelle des heutigen Stiftskomplexes zu suchen sein kann.Ignaz Franz Keiblinger: Geschichte der Benediktinerstiftes Melk in Niederösterreich, seiner Besitzungen und Umgebungen. Band 1, Wien 1851, S. 18. Friedrich von Kenner sprach sich auf Grund der günstigen Lage des Klosterfelsens für eine römische Befestigung an diesem Platz aus, trat aber einer gelegentlichen Gleichsetzung mit Ad Mauros (Kastell Eferding) entgegen, da dieser in der Notitia DignitatumNotitia Dignitatum Occ. XXXIIII/XXXI. aufgelistete Platz mit equites promoiti (auserlesenen Reitern) belegt war und daher schwerlich auf einem schroffen Felsrücken gelegen haben konnte.Im Gegensatz zu Heinrich Sitte: Römische Denkmale. Österreichische Kunsttopographie, 1909, XI.

Polaschek lehnte das Vorhandensein eines Limeskastells jedoch rundweg ab, da das Nordufer der Donau zu jener Zeit ohnehin nahezu unpassierbar war und ein solches nicht einmal in der Notitia dignitatum erwähnt wird.Erich Polaschek: Die Tabula Peutingeriana und das Itinerarium Antonini als geographische Quellen für Niederösterreich. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich. NF 21, 1928, S. 26 (); siehe hierzu auch Herbert Mitscha Märheim: Ur- und Frühgeschichte des Landes zwischen Enns-Erlaf-Ybbs-Donau bis zum Ende der Ungarnherrschaft. In: Das Ybbstal 2. Wien-Göstling 1951, S. 59. Auch Herma Stiglitz und Franz Ertl vertraten die Ansicht, dass die bislang aufgefundenen römischen Grab- und Reliefsteine nicht zwangsläufig aus der Gegend um Melk stammen müssen, da sich deren Inschriften auf Angehörige einer in Pöchlarn (Kastell Arelape) stationierten Einheit beziehen.Herma Stiglitz: Römische Lager und frühmittelalterliche Siedlungen am norischen Limes. In: Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes 46, 1961–1963, S. 146–147. Stiglitz betonte dabei auch, dass die in der Tabula Peutingeriana. angegebenen Ortsnamen an der Donau nicht unbedingt alle Kastelle bezeichnen müssen, da diese nur als Orientierungsbehelf, wahrscheinlich ohne jeglichen militärischen Bezug, angesehen werden kann. Dennoch hielt sie das Vorhandensein einer kleineren Befestigung oder eines Beobachtungspostens (Burgus) in Melk für durchaus möglich.

Werner Jobst und Géza Alföldy lehnten ein Kastell Namare in Melk aufgrund des fehlenden archäologischen Nachweises ebenfalls ab.Werner Jobst: Römische Grabdenkmäler im Stift Melk. In: Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes 50, 1972–1973 (1973), S. 267. Alföldy glaubte allenfalls an das Vorhandensein eines Wachturmes und vermutete Namare viel weiter südlich von Melk, an der Mündung der Pielach. Tatsächlich stieß man dort beim südlichen Widerlager der Donaubrücke auf die Fundamente eines römischen Burgus (siehe unten).Géza Alföldy: Noricum. History of the provinces of the Roman Empire. Routledge, London/Boston 1974, ISBN 0-7100-7372-0, S. 148; vgl. hierzu auch Albrecht Aign: Castra Batava, und die Cohors nona Batavorum. In: Ostbairische Grenzmarken. 17, 1975, S. 146 Anm. 130, Zu Namare vgl. auch Anton Harrer: Die römische Zeit, in: Stadtbuch Melk (wie Anm. 1), S. 113 ff.

Auch über die Örtlichkeit, wo allenfalls das Kastell im Stadtgebiet von Melk selbst zu suchen wäre, herrscht bis heute in der Forschung keine Einigkeit. Es wird unter anderem auch an der Pielach situiert, Ignaz Franz Keiblinger und Rudolf Schachinger sprachen sich für eine Lage unter der ehemaligen Babenbergerburg, die heute aber komplett vom Stiftskomplex überbaut ist, aus.

Forschungsgeschichte Einige Hinweise auf eine Besiedlung in der Stein-, Bronze-, Eisen- und Römerzeit konnten im Stadtbereich beobachtet werden, in der Senke des Weierbaches, im Bereich der heutigen Sterngasse, dem ältesten, am Südhang des Stiftsberges gelegenen Stadtteil nur wenige Meter oberhalb des Talgrundes, bei der Wiener Straße sowie auf der Hangkuppe beim heutigen Friedhof und Krankenhaus, weiters hinter dem ehemaligen Brauhaus Prinzl, beim Bischöflichen Seminar und im Hof der ÖBH-Pionierkaserne. Das Wissen über die Anwesenheit der Römer in Melk beschränkt sich im Wesentlichen auf Grabsteine und einige Lesefunde.Vgl. Alfred Benesch: Melk – Stadt – Landschaft. In: Stadtbuch Melk. S. 47 f.; Richard Pittioni: Hallstättische Funde aus Melk. In: Unsere Heimat. 11, 1938, S. 213–234; Einzelfunde aus Melk und Umgebung. In: Unsere Heimat. 12, 1939, S. 25–28; Ein frühbronzezeitliches Gräberfeld von Melk-Spielberg. In: Unsere Heimat. 14, 1941, S. 16–29.

Petrus Apianus berichtet von drei römischen Inschriften aus Melk.Petrus Apianus: Inscriptiones sacrosanctae vetustatis. Ingolstadt 1534, S. 405–406; Ignaz Franz Keiblinger: Geschichte der Benediktinerstiftes Melk in Niederösterreich, seiner Besitzungen und Umgebungen, Band 1, Wien 1851, S. 10; Eduard Freiherr von Sacken 1877, S. 147. Apian schreibt dabei bezüglich der Fundstellen von „in monasterio Melck ad Danubium“. weiters von „in monasterio Melicensi in limine ecclasiae“ (wobei diese jedoch von ein und demselben Stein abgeschrieben worden sein dürften) und „ibidem in gradibus subterraneis sub choro in fornice ad manum sinistram“. Schon längere Zeit sind auch drei römische Reliefsteine bekannt, die am Abgang zur Krypta der Stiftskirche in deren Ostwand eingemauert sind, vermutlich einst Bestandteile von Grabbauten. Sie wurden 1636 erstmals in der Chronik des Abt Reiner von Melk erwähnt. Hier ist auch von einem Lupa-Relief an der Ostmauer der Kirche die Rede. Wann die Steine dort eingemauert wurden, ist jedoch unbekannt. Die Sammlung des Antiquus Austriacus/Niederösterreich enthält Anfang des 16. Jahrhunderts nur eine einzige Inschrift aus Melk. 1740 wurde von einem gewissen T. Trunzer „in agro haud dubie Mellicensi“ eine Goldmünze des Nero (54–68) aufgefunden. Im Herbst des Jahres 1819 entdeckte man am Fuß des Stiftsfelsens eine Münze des Vespasian (69–69),Ignaz Franz Keiblinger: Geschichte der Benediktinerstiftes Melk in Niederösterreich, seiner Besitzungen und Umgebungen. Band 1, Wien 1851, S. 17; Friedrich von Kenner: Die Römerorte in Nieder-Oesterreich. In: Jahrbuch des Vereins für Landeskunde von Nieder-Oesterreich. 2, 1868–1869, S. 212 (noel.gv.at [PDF]). 1864 berichtete der Altertumsforscher Johann Oehler (1857–1921) vom Fund dreier römischer Goldmünzen. Auch der Numismatiker Karl Pink (1884–1965) fand zahlreiche Münzen, darunter ebenfalls drei Goldmünzen.Karl Pink: Der Geldverkehr am österreichische Donaulimes in der Römerzeit. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich. 25, 1932, S. 66 ().

Kastell Eduard Nowotny stellte 1928 einige Thesen über Lage und Umfang des Melker Kastells auf.Eduard Nowotny: Namare-Melk. In: Anzeiger Österr. Akademie der Wissenschaften. Phil.-hist. Klasse 65, 1928, S. 59ff. Abb. 60. Er kam dabei zu der Überzeugung, dass es nur auf dem Areal der sich heute östlich vom Stift befindenden Parkanlage gelegen haben konnte. Auf alten Ansichten glaubte er in diesem Teil des Felsplateaus auch eine spitzgrabenartige Vertiefung zu erkennen, die er als „Halsgraben“ bezeichnete. Auch das an allen Seiten steil abfallende Plateau verstärkte seinen Eindruck einer „Abschnittsfestung“. Dazu kam der Umstand, dass an diesem Ort einst die vermutlich älteste, dem Heiligen Stefan geweihte Kirche von Melk stand. Diese Namensgebung bestätigte für ihn seine Theorie noch zusätzlich, da diese – im Vergleich mit anderen Kastellorten am obergermanisch-rätischen Limes – auf ein sehr hohes Alter dieser Kirchengründung hinweist. Deshalb konnte sie seiner Meinung nach auch nicht mit der um 980 gegründeten Stiftskirche identisch sein. Nowotny schloss weiters auf eine Kastellfläche von rund 3,2 Hektar.

Datierung und strategische Bedeutung