Die Wilhelm-Raabe-Schule (WRS) ist ein städtisches Gymnasium in Lüneburg in Niedersachsen. Die Schule wurde 1830 als private Höhere Mädchenschule gegründet, befindet sich seit 1875 in städtischer Regie und wurde 1971/1972 vom Mädchengymnasium zum Gymnasium für Jungen und Mädchen umgewandelt. Der Schulname bezieht sich auf den Schriftsteller Wilhelm Raabe. Die südlich der Altstadt im Stadtteil Rotes Feld gelegene WRS wird von etwa 1100 Schülern besucht und ist vier- bis sechszügig.

Die gegenwärtigen Schwerpunkte des neusprachlichen Gymnasiums sind Fremdsprachen und der mathematisch-naturwissenschaftliche Bereich, hinzu kommen besondere Schwerpunktsetzungen wie die Bläserklassen, früh einsetzender Französischunterricht und verschiedene Aktivitäten als UNESCO-Projektschule in den Bereichen „Mensch und Umwelt“, „Verständigung der Völker“ und „interkulturelles Lernen“. Als Modellschule betreibt die Wilhelm-Raabe-Schule seit Anfang der 1990er Jahre aktiven Klima- und Umweltschutz, wie zum Beispiel durch Deckung von etwa einem Fünftel des Stromeigenbedarfs mithilfe von selbst gebauten Solaranlagen.

Geschichte Gründung und Anfänge (1830–1875) In Lüneburg existierten zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit dem seit 1406 bestehenden Johanneum, der Ritterakademie und der Michaelisschule bereits mehrere öffentliche Bildungseinrichtungen für Jungen, wohingegen die meisten Mädchen privat unterrichtet wurden. Im August 1830 entschied sich daher der zu diesem Zeitpunkt 23-jährige Theologiestudent Carl Oltrogge, gemeinsam mit seinem Freund Johann Moths eine private Töchterschule zu gründen. Der Magistrat und der Stadtsuperintendent genehmigten im Oktober des Jahres die Einrichtung einer solchen Schule. Während Moths sich im Folgenden um die Finanzen kümmerte, war Oltrogge für die eigentliche Organisation zuständig. Zudem war Franz Hamelberg, der Pastor der Lüneburger Michaeliskirche, an dem Projekt beteiligt, da der Stadtsuperintendent anfangs an der Erfahrenheit Oltrogges und Moths zweifelte und daher darum bat, dass sich diese von einer „bekannte[n] Lüneburger Persönlichkeit“ unterstützen ließen.Plath, Scheuermann (Hrsg.): Ad multos annos. Lüneburg 2006, S. 14.

Die Töchterschule nahm den Unterrichtsbetrieb am 3. Januar 1831 auf; das erste Schulgebäude befand sich in der Randbebauung des Platzes Am Sande/Ecke Rote Straße im Zentrum der Stadt. Die ersten 21 Schülerinnen wurden von neun Lehrern unterrichtet, darunter auch zwei Frauen, die beide Handarbeitsunterricht erteilten. Im Sommer 1831 inspizierte der Stadtsuperintendent die Töchterschule und lobte diese für „angemessenen Unterricht“ und „eifrige Bemühungen“ der Gründer Oltrogge und Moths. Binnen eines Jahres verdreifachte sich die Schülerzahl und lag im Jahr 1833 bereits bei 74 Schülerinnen, so dass die Schule Anfang 1834 in ein größeres Gebäude in der benachbarten Grapengießerstraße umzog.Plath, Scheuermann (Hrsg.): Ad multos annos. Lüneburg 2006, S. 15–16. mini|hochkant=0.8|1838 sollte Königin Friederike von Hannover die Trägerschaft der Schule übernehmen. Trotz dieses Erfolges hatte Oltrogge – mittlerweile alleiniger Vorsteher der Schule, nachdem sich Moths und Hamelberg von der Direktion zurückgezogen hatten – finanzielle Probleme. Da der Magistrat ihm in dieser Hinsicht Unterstützung verwehrte, wandte sich Oltrogge 1838 an Königin Friederike von Hannover, damit diese die Trägerschaft für die Schule übernahm. In diesem Fall sollte die Töchterschule nach ihr benannt werden. Dazu kam es jedoch nicht, da der Lüneburger Magistrat das Vorgehen nicht billigte und es unterband.

Nachdem Carl Oltrogge 1842 in einem Buch seine „Grundsätze für die Erziehung der weiblichen Jugend“ vorgestellt hatte, wurde die von ihm gegründete Schule zum Orientierungspunkt für eine Reihe weiterer Töchterschulen, die nach dem Lüneburger Vorbild aufgebaut wurden. Oltrogge selbst sah den nun einsetzenden Erfolg als Genugtuung und berichtete: „In einer Hauptstadt erließ man einer neu aufzunehmenden Schülerin die Prüfung, als sie nachwies, dass sie in der ersten Classe der Lüneburger Töchterschule gewesen.“Plath, Scheuermann (Hrsg.): Ad multos annos. Lüneburg 2006, S. 17.

1843 eröffnete er eine weitere Schule (Bürgertöchterschule), auf der Unterricht für weniger Schulgeld angeboten wurde. Als beide Töchterschulen gemeinsam fast 200 Schülerinnen umfassten, mussten sie erneut umziehen, diesmal in ein Doppelhaus. 1858 wurden beide Schulen zusammengelegt. In den weiteren Jahrzehnten etablierte sich die Schule in der Lüneburger Bildungslandschaft; aufgrund der fortläufig steigenden Schülerzahlen führte Oltrogge zusätzliche Klassen ein, in denen neben den Hauptfächern Religion und Handarbeit auch Natur- und Gesellschaftswissenschaften gelehrt wurden. Am 11. Juni 1874 bat der erkrankte Oltrogge den Lüneburger Magistrat um die Übernahme seiner Töchterschule als „städtische Anstalt“, was ab Ostern 1875 galt. Nur ein Jahr darauf starb Oltrogge im Alter von 68 Jahren.Plath, Scheuermann (Hrsg.): Ad multos annos. Lüneburg 2006, S. 20.

Von der städtischen zur staatlichen Trägerschaft (1875–1933) mini|links|Das 1829 fertiggestellte Gebäude des Johanneums, 1875–1908 Standort der Höheren Töchterschule (der heutigen Wilhelm-Raabe-Schule), heute Johannes-Rabeler-Schule. In den Monaten zwischen Oltrogges Bitte um städtische Übernahme und dem Beginn des Schuljahres 1875/1876 bereitete der Magistrat alles für die neue Aufgabe vor. So änderte sich erneut der Schulstandort; die Schule wurde in dem direkt an St. Johannis gelegenen, alten Gebäude des Johanneums untergebracht, das durch den 1870–1872 entstandenen Johanneum-Neubau am Roten Wall freigeworden war. Als neuer Direktor wurde unter 35 Bewerbern Theobald Karnstädt ausgewählt, der zuvor bereits Leiter einer Töchterschule in Mühlhausen/Thüringen war. Die Eröffnung der neuen „städtischen höheren Töchterschule“ fand am 12. April 1875 statt, erster Unterrichtstag war der 13. April. Von den zehn Lehrern, die nun für die 209 Schülerinnen zuständig waren, hatten sieben bereits in den Jahren zuvor unter Oltrogge gearbeitet.Plath, Scheuermann (Hrsg.): Ad multos annos. Lüneburg, S. 39.

Während der 21 Jahre, die Karnstädt Schulleiter war, änderte sich insgesamt wenig gegenüber der Zeit unter Oltrogge. 1876 veröffentlichte die Schule einen Vorläufer der späteren Schulordnung, die „Gesetze für die Schülerinnen“. Zudem setzte sich der Anstieg der Schülerzahl fort: 1880 lag sie bereits bei 263 Schülerinnen. Neun Jahre darauf fand auf Wunsch Karnstädts der erste Turnunterricht für Mädchen statt, 1895 wurde zu diesem Zweck eine eigene Turnhalle gebaut. Im Alter von 56 Jahren starb Theobald Karnstädt 1896 im Amt; sein Nachfolger wurde Dr. Arthur Zechlin, der ebenfalls zuvor eine Töchterschule – in Stade – geführt hatte und den Kurs seines Vorgängers weiterführte. Zudem setzte er einige Ideen Karnstädts um, die dieser nicht hatte verwirklichen können. Unter anderem schuf Zechlin eine Elementarklasse, in der auch Jungen unterrichtet wurden und die als eine Art Vorschule für das Johanneum fungierte, und führte einen Fortbildungskurs ein, in dem die zuvor nicht unterrichteten Fächer Latein und Mathematik gelehrt wurden.Plath, Scheuermann (Hrsg.): Ad multos annos. Lüneburg 2006, S. 40–44. mini|Teilansicht des Nordflügels und Eingangsportal des 1908 fertiggestellten Schulgebäudes an der Feldstraße. mini|Teil-Hofansicht des Schulgebäudes von 1908, rechts der an der Feldstraße liegende Nordflügel, links der an der Schillerstraße liegende Westflügel. Bis zum Frühjahr 1905 war die Schülerzahl erneut so stark gewachsen, dass die Raumverhältnisse von einigen Eltern als „völlig ungenügend“ eingeschätzt wurden. Daher musste die Schule erneut umziehen; diesmal sollte eigens für sie in dem südlich der Altstadt gelegenen Stadtteil Rotes Feld in der Feldstraße, zwischen der Gravenhorststraße und der Schillerstraße, ein neues Gebäude gebaut werden. Die Bauarbeiten dauerten etwa zwei Jahre und waren im Herbst 1908 beendet. Am 21. Oktober dieses Jahres bezogen 18 Lehrer mit 465 Schülerinnen in 14 Klassen den Neubau, der als „Zierde der Stadt“ bezeichnet wurde.Plath, Scheuermann (Hrsg.): Ad multos annos. Lüneburg 2006, S. 45.

Die feierliche Einweihung erfolgte am 9. November 1908; die spätere Verbindung des Datums „9. November“ mit dem Gedenken an die Reichspogromnacht fand Ausdruck in besonderen Ausgestaltungen von Gebäudejubiläen der Gegenwart, wie bei der 100-Jahr-Feier 2008. Auch dieses neue Gebäude in der Feldstraße war nach wenigen Jahren überfüllt, da Zechlin neben der ursprünglichen Töchterschule – ab 1908 als Lyzeum charakterisiert – eine Frauenschule und mehrere Seminare einrichten ließ. Sein Nachfolger Hugo Koch erklärte, die Schule habe sich in dieser Zeit, mit fast 1000 Schülerinnen und den zusätzlich angebotenen Kursen, zu einem „schier unüberschaubaren ‚Schulmonstrum‘“ entwickelt.Plath, Scheuermann (Hrsg.): Ad multos annos. Lüneburg 2006, S. 46–47.

Im Verlauf des Ersten Weltkriegs fiel häufig Unterricht aus oder wurde ins Johanneum verlegt; im Winter 1917/1918 musste die Schule wegen Kohlemangels ganz geschlossen werden. Nach Kriegsende brach im Herbst 1918 eine Grippeepidemie aus, bei der eine Lehrerin starb. Ab 1919 konnte der Unterricht wieder überwiegend problemlos durchgeführt werden. Arthur Zechlin, der 1921 in den Ruhestand ging, wurde von Hugo Koch abgelöst. Dieser führte die Schule jedoch nur bis 1924 und wurde dann ebenfalls in den Ruhestand versetzt. Ihm wiederum folgte Adolf Vahlbruch, der zuvor Leiter des Uelzener Lyzeums gewesen war.Plath, Scheuermann (Hrsg.): Ad multos annos. Lüneburg 2006, S. 47–48.

Unter Vahlbruchs Führung übergab die Stadt im Jahr 1925 die Schulträgerschaft an das Land Preußen; für die nächste Zeit befand sich das Oberlyzeum daher in staatlicher Verantwortung. Mit diesem Schritt ging auch die Benennung des Gymnasiums als Wilhelm-Raabe-Schule einher (siehe dazu den Abschnitt Namensgebung). Gegen Ende der Weimarer Republik – Anfang der 1930er Jahre – setzte zudem die Demokratisierung der Schule durch sogenannte Reformklassen ein.

Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg und unmittelbare Nachkriegszeit (1933–1949) Die Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 wirkte sich schnell auf den Unterricht aus. Schon zu Beginn des Schuljahres 1933/1934 änderte sich der Lehrplan, wenngleich das Lehrerkollegium zunächst einige Neuerungen ablehnte, so etwa die Anschaffung eines Films zur Rassentheorie. Dafür wurde der mit einer Jüdin verheiratete Studienrat Robert Brendel im Jahr 1934 zwangsweise entlassen und an eine andere Schule versetzt; zur gleichen Zeit glich sich der Lehrplan immer weiter den politischen Forderungen an, insbesondere in gesellschaftlichen Fächern wie beispielsweise in Geschichte und Religion. Wie schon der Erste Weltkrieg beeinflusste auch der Zweite Weltkrieg das Schulleben. Zunächst wurde der Unterricht im Winter zeitweilig eingestellt, ab 1943 musste jeder Lehrer im Kriegsdienst eingesetzt werden. In den letzten Kriegsmonaten beschlagnahmten Wehrmachtssoldaten die Schule als Lazarett und demolierten diese teilweise; die Lehrstunden für etwa 1000 Schülerinnen fanden aufgesplittert in verschiedenen Gebäuden statt, auch in Privatwohnungen.Plath, Scheuermann (Hrsg.): Ad multos annos. Lüneburg 2006, S. 84–87. mini|hochkant=1|Das 1872 fertiggestellte Gebäude des Johanneums am Roten Wall, zeitweise Mitnutzung durch die Wilhelm-Raabe-Schule während des Ersten Weltkriegs sowie von 1945 bis 1949, heute Hauptschule Stadtmitte.