Able Danger war der Codename für ein geheimes Computerprogramm des United States Special Operations Command (SOCOM). Es sollte mögliche Mitglieder und Helfer der Terrororganisation al-Qaida und ihre Transaktionen überwachen und alle verfügbaren Daten dazu miteinander abgleichen, um Terrorzellen frühzeitig zu entdecken. Es entstand auf Anordnung von Henry H. Shelton (Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff) im Oktober 1999 und wurde im Januar (nach anderen Angaben im April) 2001 geschlossen.

Die 9/11-Kommission, die die Ursachen der Terroranschläge am 11. September 2001 aufklären sollte, wurde 2003 über das Programm informiert, erwähnte es aber nicht in ihrem Abschlussbericht (erschienen Juli 2004). Ab Juni 2005 machte der Kongressabgeordnete Curt Weldon das Programm bekannt und gab an, es habe im Jahr 2000 vier in den USA lebende Mitglieder von al-Qaida entdeckt, die später die Attentate ausführten. Juristen im Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten (Departement of Defense, DoD) hätten die Weitergabe der Information an das FBI untersagt. Fünf frühere Mitarbeiter des Able-Danger-Programms bestätigten seine Angaben. Das United States Senate Select Committee on Intelligence, der zuständige Kontrollausschuss des Kongresses, überprüfte mögliche Vorkenntnisse des DoD von den Attentätern und verwarf sie im Dezember 2006 als unbelegt.

Vertreter von Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 behaupten mit Hinweis auf Able Danger, US-Regierungsbehörden hätten von den Anschlägen vorher gewusst und sie wissentlich zugelassen (let it happen on purpose, LIHOP) oder sogar gemeinsam mit einigen Attentätern geplant (make it happen on purpose, MIHOP).

Das Programm Able Danger bestand im Wesentlichen aus einem aufwendigen Computerprogramm, das Verdachtsmomente im World Wide Web und allen öffentlichen Quellen sammeln und mit nichtöffentlichen Daten von US-Behörden abgleichen sollte. Mit komplexen Suchparametern sollte es Mitglieder von al-Qaida identifizieren und ihre Aktionen und Pläne erkennen, um Gegenmaßnahmen einleiten zu können. Die Datensammlung geschah beim Zentrum für Land Information Warfare Activity (LIWA), das in Fort Belvoir (Virginia), ab Sommer 2000 in Garland (Texas) stand. Die 20-köpfige Expertengruppe für das Programm wurde von dem Marineoffizier Scott Philpott geleitet. Die führende Analystin war Eileen Priesser.Stephen E. Atkins: Able Danger. 2011, S. 20

Mittels des Data-Mining sollte das Programm Verbindungen zwischen einzelnen Mitgliedern terroristischer Vereinigungen aufdecken. Man wollte herausfinden, ob sich über Daten aus Open Sources mögliche terroristische Aktivitäten feststellen und schnell ausführbare Operationspläne zur Ausschaltung und/oder Gefangennahme von Terroristen aufstellen lassen. Dazu erstellte das Programm detaillierte Personenlisten und Grafiken, die die Verbindungen der Terrorverdächtigen zeigten.

Das DoD gab am 1. September 2005 bekannt, Able Danger sei ein Demonstrationsprojekt gewesen, um die analytischen und technologischen Möglichkeiten des Data-Mining an großen Datenmengen zu erproben. Es habe auch versteckte Verbindungen von terrorverdächtigen Personen, darunter US-Bürgern, durch Linkanalyse aufdecken sollen, die vordergründig keine Kontakte zueinander hatten. Das Programm soll nach Berichten insgesamt 2,5 Terabyte an Daten gesammelt haben. Alle personenbezogenen Daten sollen gemäß den Regeln der US Army für ausgelaufene oder inaktive Projekte im April 2001 gelöscht worden sein. Teile des Programms sind jedoch bis heute als Geheimsache klassifiziert, weil es Teil umfassender Maßnahmen gegen al-Qaida im Antiterrorkrieg der USA war.David Alan Jordan: (IntelligenceLaw.com, 2010, PDF S. 167)

Veröffentlichungen Bekanntwerden (ab Juni 2005) Der Journalist Keith Phucas machte Able Danger am 19. Juni 2005 mit einem Bericht in der Lokalzeitung Times Herald (Norristown (Pennsylvania)) bekannt. Nach Angaben von Curt Weldon habe das Programm 1999 drei damals in Brooklyn wohnhafte Mitglieder von al-Qaida identifiziert, darunter Mohammed Atta. Als das Team das FBI zu informieren gebeten habe, hätten Rechtsberater des SOCOM das Programm geschlossen, weil die Araber Green Cards besessen hätten. Dies sei Folge der missglückten Waco-Belagerung 1993 mit über 80 Toten gewesen, die dem SOCOM angelastet worden war. Wäre Atta inhaftiert worden, hätte man die späteren Anschläge eventuell verhindert oder zumindest ihre Vorbereitung unterbrochen.Keith Phucas (Philadelphia Times Herald, 19. Juni 2005): (Nachdruck)

Am 21. Juni 2005 bestätigte der Abgeordnete Curt Weldon (Republikaner und stellvertretender Vorsitzender des United States House Committee on Armed Services und des Komitees für Homeland Security) in einer Anhörung des Ausschusses für Informationsaustausch zwischen Geheimdiensten zur Feststellung von Terrorgefahren: Das SOCOM habe seit 1999 mit dem geheimen Programm „Able Danger“ Data-Mining in öffentlich zugänglichen Quellen zur Früherkennung von Terrorgefahren betrieben. Die CIA habe seinen Vorschlag, entsprechende Datensammlungen von 15 Geheimdiensten zusammenzuführen, damals als überflüssig abgelehnt. Zwei Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 habe er Kenntnis von einer Grafik erhalten, die „Able Danger“ erstellt habe. Darauf sei die Fotografie Mohammed Attas und seine Verbindung zu zwei anderen Mitgliedern der Brooklyn-Zelle verzeichnet gewesen. Zwei Militärmitarbeiter könnten nichtöffentlich bezeugen, dass SOCOM diese Zelle dem FBI bekannt geben wollte, aber von Juristen des Pentagons daran gehindert worden sei. Das 2003 gegründete National Counterterrorism Center (NCTC) sei unfähig, eine solche Übersichtsgrafik zu erstellen, weil US-Geheimdienste noch immer die Zusammenführung ihrer Datenbanken verweigerten.Barry Leonard (Hrsg.): Using Open-Source Information Effectively: Congressional Hearing. United States Government Printing Office, 2007, S. 35–37

In einer Rede vor dem im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten am 27. Juni bekräftigte Weldon: Able Danger habe vier der späteren 9/11-Entführer identifiziert, darunter Mohammed Atta, SOCOM habe die Weitergabe der Daten an das FBI verweigert, Mitarbeiter von Able Danger hätten ihre Kenntnisse Vertretern der 9/11-Kommission vorgelegt, diese habe die Information aber ignoriert.Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika: U.S. Intelligence. Congressional Record – House, H 5250, June 27, 2005. GOP, Washington, D.C. (PDF)

In seinem Buch Countdown to Terror, erschienen am 25. Juli 2005, gab Weldon an, er habe Stephen Hadley, Sicherheitsberater von George W. Bush, am 25. September 2011 eine Grafik gezeigt, die das Able-Danger-Programm 1999 entwickelt habe. Darauf seien die Verbindungen Mohammed Attas und der berühmten Brooklyn-Zelle verzeichnet gewesen. Weldon wollte damit die Dringlichkeit eines nationalen Antiterrorzentrums unterstreichen, das er seit 1999 vergeblich gefordert hatte und das Bush im Januar 2003 einrichten ließ.Curt Weldon: Countwdown to Terror: The Top Secret Information that Could Prevent the Next Terrorist Attack on America …And How the CIA has Ignored it. Regnery Publishing, 2005, ISBN 0-89526-005-0, S. 21 Am 14. August 2005 erklärte Weldon, er habe Hadley die einzige Kopie jener Grafik überlassen und könne daher nicht belegen, ob Attas Fotografie und Name darauf verzeichnet war.Brian Bennett, Timothy J. Burger, Douglas Waller (Time, 14. August 2005). „Was Mohammed Atta Overlooked?“

Ab August 2005 erschienen erste Presseberichte dazu. Die monatlich erscheinende Fachzeitschrift Government Security News berichtete in ihrer Augustausgabe: Ein Mitarbeiter von Able Danger, der anonym bleiben wolle, habe Weldons „wenig beachtete“ Angaben vom 27. Juni gegenüber GSN bestätigt. Er habe dem SOCOM-Hauptquartier in Tampa (Florida) im Jahr 2000 Dokumente mit einer Fotografie Mohammed Attas von der US-Einwanderungsbehörde und Beschreibung seiner Beziehung zu Osama bin Laden übergeben und sofortige Gegenmaßnahmen des FBI empfohlen. Juristen des SOCOM hätten entschieden, dass Besitzer einer Green Card dieselben Bürgerrechte wie jeder US-Bürger besäßen und die Information über diese al-Qaida-Zelle daher nicht dem FBI übergeben werden dürfe. Sie hätten das Able-Danger-Team angewiesen, die Fotografien der Zellenmitglieder unkenntlich zu machen. Er habe den Stabsleiter der 9/11-Kommission Philip Zelikow persönlich darüber informiert. Aus irgendeinem „bizarren Grund“ habe Zelikow diese Information der Kommission vorenthalten. Nach Angaben Weldons vom 1. August 2005 wurden die früheren 9/11-Kommissionäre Timothy J. Roemer und John Lehman nie über die Entdeckung der Brooklynzelle durch Able Danger informiert. Weldon habe zuvor Pete Hoekstra, den Vorsitzenden des House Permanent Select Committee on Intelligence, gedrängt, die Nichtweitergabe der Erkenntnis Able Dangers an das FBI zu untersuchen. Hoekstra habe tagelang niemand im Pentagon gefunden, der Able Danger kannte oder seine Existenz bestätigen wollte.Jacob Goodwin (Government Security News, August 2005):

Erklärung der 9/11-Kommission (12. August 2005) Am 8. August 2005 bestätigte Alvin S. Felzenberg, ehemals Sprecher der 9/11-Kommission: Mitarbeiter von Able Danger hätten den Kommissionsstab, darunter Philip Zelikow, im Oktober 2003 über das Programm informiert. Sie hätten dabei jedoch weder Mohammed Atta noch eine Brooklyn-Zelle erwähnt. Stabsmitglieder, die bei dem Treffen dabei waren, hätten ihm versichert, ihnen sei nichts davon mitgeteilt worden. Hätten sie etwas so Brisantes gehört, hätte es ihre Aufmerksamkeit erhalten. Nach dem Treffen habe der Stab beim Pentagon Dokumente über das Programm angefordert, erhalten und der Kommission weitergegeben.Douglas Jehl (New York Times, 9. August 2005): Four in 9/11 Plot are Called Tied to Qaeda in '00.

Stabmitglieder planten, ihre Notizen über das Informationstreffen zu Able Danger vom Oktober 2003 aus dem Nationalarchiv der USA zu holen. Sie wollten überprüfen, ob Able Danger über ein Jahr vor den Anschlägen tatsächlich vier spätere Flugzeugentführer entdeckt hatte. Lee H. Hamilton, ehemals Vizepräsident der 9/11-Kommission, wollte aufklären, ob Offiziere der Defense Intelligence Agency (DIA) von diesen al-Qaida-Aktivitäten in den USA wussten, aber darin versagten, deren Strafverfolgung zu veranlassen. Dies sollten US-Kongress und Pentagon gründlich untersuchen. Die 9/11-Kommission habe nichts von einer Überwachung Attas und seiner Zelle vor den Anschlägen erfahren. „Hätten wir das erfahren, wäre es offensichtlich der Hauptfokus unserer Untersuchung gewesen.“Catherine Herridge, Liza Porteus (AP/Fox News, 11. August 2005):

Am 12. August 2005 gaben Thomas Kean und Hamilton, die beiden Vorsitzenden der 9/11-Kommission, eine Presseerklärung ab: Am 21. Oktober 2003 hätten Zelikow und zwei weitere Stabsmitglieder drei Mitarbeiter des DoD in Bagram getroffen. Einer habe sie über Able Danger informiert und gedrängt, alle Pentagondokumente darüber anzufordern. Er habe kritisiert, dass das Programm trotz wertvoller Erkenntnisse daraus geschlossen worden sei. Die am Folgetag angefertigten Notizen von diesem Treffen hätten Atta und andere spätere Attentäter nicht erwähnt und auf keine Vorkenntnisse im DoD von ihnen verwiesen. Kein Beteiligter erinnere sich, dass dergleichen bei dem Treffen erwähnt wurde. Am 6. und 25. November 2003 habe der Kommissionsstab per Brief alle seit Anfang 1998 erstellten Pentagondokumente zu allen auf al-Qaida bezogenen Plänen und zu Able Danger angefordert. Im Februar 2004 habe das Pentagon diese Dokumente teils übersandt, teils zur Einsicht freigegeben. Keins der erhaltenen Dokumente, darunter Grafiken von Terrornetzwerken, und keine Notiz von Stabsmitgliedern über die eingesehenen Dokumente habe den Namen Atta oder anderer Attentäter enthalten. Auf damalige Anfragen der Kommission hätten HPSCI und CIA keine Kenntnis von Able Danger gezeigt.