Somatopsychologie ist ein wissenschaftliches Konzept im Überschneidungsbereich von klinischer Psychologie und Medizin. Gegenstand der Somatopsychologie ist die Erforschung des Einflusses körperlicher Erkrankungen auf die Psyche komplementär zur Psychosomatik. Während sich die Psychosomatik mit der Fragestellung befasst, wie Denken und Gefühle körperliche Funktionen nachhaltig stören, können umgekehrt auch organische Erkrankungen massive Auswirkungen auf emotionale und kognitive Prozesse ausüben.Erich Kasten: Somatopsychologie: körperliche Ursachen psychischer Störungen von A bis Z. Mit 17 Tabellen. Reinhardt, 2010 Der Begriff somatopsychisch wurde durch den deutschen Psychiater Maximilian Jacobi (1775–1858) eingeführt.Walter Bräutigam, Paul Christian, Michael von Rad: Psychosomatische Medizin, 1992, S. 6
Eine alternative Definition von Somatopsychologie definiert sie als Konzept der Grundlagen- und Interventionsforschung zu psychologischen und sozialen Faktoren, die bei Entstehung, Verlauf, Behandlung, Prävention und Rehabilitation primär somatischer Erkrankungen eine Rolle spielen,Thomas Fydrich, Alexandra Martin: Schwerpunkt Somatopsychologie – Editorial, in Zeitschrift Psychotherapeut Schwerpunktheft zum Thema Somatopsychologie, Springer, 2010 wobei hier der Unterschied zur Psychosomatik unscharf definiert ist.
Psychische Störungen durch körperliche Erkrankungen Eine Vielzahl körperlicher Erkrankungen, Toxine und Organschädigungen können zu Symptomen an Gehirn oder Nervensystem führen. Man spricht dann in der Regel von neuropsychiatrischen Syndromen. Einige der Symptome, vor allem im psychiatrischen Spektrum, sind dabei hinsichtlich des klinischen Bildes nicht von endogen bedingten psychischen Störungen zu unterscheiden. Bei makroskopischen Schädigungen von Gehirn und Nervensystem, etwa durch Entzündungen oder Raumforderungen, gelingt oftmals eine radiologische Darstellung der zugrundeliegenden Schädigung. Bei Ursachen im mikroskopischen Bereich, wie etwa bei der Parkinson-Erkrankung, ist eine bildgebende Darstellung der Schädigung oft nicht möglich.
Die Ursachen von Hirnschädigungen lassen sich einteilen in:Neuropsychologie Berlin - Abgerufen am 4. Juni 2014 dysplastische Schäden durch Fehlbildung oder Anlagestörungen, d. h. Störungen im zellulären Aufbau des Gehirns meist liegen Störungen in Primärprozessen der (epigenetischen) Entwicklung vor, d. h. der Zellproliferation (Zellteilung, Zellvermehrung), der Migration (Zellwanderung), der Zell-Aggregation (Aneinanderlagerung) oder der Apoptose (selektiver Zelltod, Zellabbau) seltener kommen Störungen der Zellentwicklung (Histogenese) oder der Reifung der Markscheide (Myelinisierung) vor vaskuläre Schäden durch Gefäßerkrankungen und Unter- oder Überversorgung mit Blut, d. h. Störungen der arteriellen Blutversorgung von Hirngewebe bei ischämischen Infarkten verschließen sich Arterien aufgrund erhöhter Blutfettwerte oder Pfropfenbildung (Thrombose) bei hämorrhagischen Infarkten liegt eine arterielle Blutung vor traumatische Schäden durch Verwundung (Schädel-Hirn-Trauma) neoplastische Schäden durch ungeregelte Zellvermehrung in Form von Geschwulsten bzw. Tumoren Schäden durch Sauerstoffmangel (Hypoxie) aufgrund von Herz- oder Atemstillstand entzündliche Schäden durch Viren, Parasiten (Zystizerkose, FSME, Borreliose) oder Autoimmunerkrankung wie Multipler Sklerose bei einer Enzephalitis ist das Gehirn und bei einer Meningitis die Hirnhaut betroffen dementielle und degenerative Schäden, etwa durch die Alzheimer-Krankheit, vaskuläre Demenz oder die Bildung von Lewy Körpern toxische Schäden durch Vergiftung, etwa durch Alkoholkonsum oder die Akkumulation von Schwermetallen hypoglykämische Schäden durch Unterzuckerung, etwa durch Überdosierung von Insulin.
Organische Veränderungen an Gehirn und Zentralnervensystem können das gesamte Spektrum psychischer Störungen imitieren. Von endogenen psychischen Störungen sind organisch bedingte psychiatrische Symptome daher nur sehr schwer zu unterscheiden. Atypische Verläufe, außergewöhnlich komplexe Symptome, begleitende organische Erkrankungen, gleichzeitig bestehende neurologische Symptome sowie familiäre Häufungen erfordern, differentialdiagnostisch an ein neuropsychiatrisches Syndrom zu denken.John Fernandes, Jean-Marie Saudubray, Georges van den Berghe, John H. Walter: Inborn Metabolic Diseases: Diagnosis and Treatment. Springer, 2006Andrew S. Davis: Psychopathology of Childhood and Adolescence: A Neuropsychological Approach. Springer Publishing Company, 2012. S. 649ff.Manfred Herrmann, Stefan Lauterbacher: Klinische Neuropsychiatrie. - Abgerufen am 4. Juni 2014Theodore A. Stern: Massachusetts General Hospital Handbook of General Hospital Psychiatry. Elsevier Health Sciences, 2010. S. 420ff.
Die Zahl der bisher bekannten körperlichen Erkrankungen mit psychischen Symptomen umfasst bisher mehrere Dutzend bekannte Syndrome. Es werden jedoch nach wie vor neue Krankheitsbilder entdeckt, die Erforschung vor allem seltener Syndrome ist bislang nicht abgeschlossen. Ein prototypisches Beispiel hierfür ist die erst nach 2005 erstmals beschriebene Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Zu den bekannteren neuropsychiatrischen Syndromen bzw. Krankheiten mit komplexen neuropsychiatrischen Symptomen gehören unter anderem:Jeffrey L. Cummings et al.: Neuropsychiatry and Behavioral Neuroscience. Oxford University Press, 2003. S. 379ff. et al.James C. Harris: Developmental Neuropsychiatry: Assessment, Diagnosis, and Treatment of Developmental Disorders. Oxford University Press, 1998Stuart C. Yudofsky, Robert E. Hales: Essentials of Neuropsychiatry and Behavioral Neurosciences. 2. Auflage. Arlington, 2010
Metabolisch Zytogen Immunologisch und/oder degenerativ Strukturell Sonstige Morbus Wilson Prader-Willi-Syndrom Alzheimer-Krankheit Zustand nach Schlaganfall Parkinson-Krankheit Lesch-Nyhan-Syndrom Fragiles-X-Syndrom Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis Zustand nach Hirntumor Tourette-Syndrom Adrenoleukodystrophie Down-Syndrom Chorea minor Zustand nach Hirnblutung Autismus Niemann-Pick-Krankheit Angelman-Syndrom Chorea Huntington Zustand nach Schädel-Hirn-Trauma Asperger-Syndrom Hartnup-Krankheit Sotos-Syndrom Systemischer Lupus erythematodes Hepatische Enzephalopathie Homocysteinurie Turner-Syndrom PANS-Syndrom Entzugssyndrome Hyperkynureninurie Cornelia-de-Lange-Syndrom Creutzfeldt-Jakob-Krankheit Durchgangssyndrom Refsum-Syndrom Rett-Syndrom Demenzen Galaktosämie Urbach-Wiethe-Syndrom PANDAS Porphyrie Enzephalitiden Gangliosidose
Mechanismen Zahlreiche biologische Mechanismen können einer organisch bedingten psychischen Symptomatik zugrunde liegen. Dazu zählen:
Dysplasien bzw. durch eine Fehlbildung oder Anlagestörung Gefäßerkrankungen, z. B. Störungen in der Hirndurchblutung (z. B. Schlaganfall) Verletzungen bzw. Verwundungen von Nervenstrukturen oder des Gehirns Neoplasien Sauerstoffmangel (Hypoxie) Entzündungen durch Viren, Bakterien oder Parasiten Autoimmune und genuin immunologische Störungen Hepatische Enzephalopathien Dementielle Prozesse wie z. B. Alzheimer Intoxikationen Stoffwechselstörungen Hypoglykämie
Infekte und Immunsystem Schon ein grippaler Infekt, bewirkt eine Fülle von psychischen Veränderungen. Wenn Krankheitserreger den Körper befallen, verständigen die frei beweglichen Zellen im Immunsystem sich via Ausschüttung spezieller Botenstoffe. Sobald das Zentralnervensystem Kenntnis davon bekommt, dass das körpereigene Abwehrsystem dabei ist, sich hochzufahren, produziert es über Ausschüttung von Neuropeptiden und Neurotransmittern das typische Krankheitsgefühl. Ferner weisen Studien auf veränderte Funktionen des Immunsystems bei einer Subgruppe von Depressionspatienten hin.Müller, N., Schwarz, M. J.: Immunologische Aspekte bei depressiven Störungen. In: Der Nervenarzt 78, S. 1261–1273.
Beteiligungen des Immunsystems sind ebenfalls für bestimmte Untergruppen von Patienten beschrieben, die an Erkrankungen wie Schizophrenie, Zwangsstörung, Ticstörungen und Bipolarer Störung leiden.Norbert Müller und Markus J. Schwarz: Immune System and Schizophrenia. Curr Immunol Rev. 2010 August ; 6(3): 213–220.Müller, N., Schwarz, M. J.: Schizophrenie, Entzündung und glutamaterge Neurotransmission - ein pathophysiologisches Modell. In: Möller, H.-J., Müller, N.: Aktuelle Aspekte der Pathogenese und Therapie der Schizophrenie. Springer, Wien 2005.
Bei der Kinderlähmung (Poliomyelitis) kann es zu Spätkomplikationen (Post-Polio-Syndrom), wie Müdigkeit, abnorme Erschöpfung oder Schmerzen, kommen. Infolge von Streptokokkeninfektionen sind die Chorea minor sowie das PANDAS Syndrom beschrieben.
Strukturell oder genetisch bedingte psychische Störungen Die Neurologie ist reich an Beschreibungen von Patienten, die durch Erkrankungen des Gehirns auch schwerwiegende Persönlichkeitsveränderungen zeigen. Bekannt ist z. B. das Tourette-Syndrom, bei dem die Betroffenen anfallsweise nicht-unterdrückbare Bewegungs-Tics zeigen, z. B. Grimassieren, Blinzeln, Nasenrümpfen oder Kopfwerfen, aber zusätzlich auch Schimpfworte aussprechen und obszöne Gesten machen, ohne dies böse zu meinen.
Chorea Huntington ist eine weitere genetisch bedingte Störung, die nach Ausbruch der Krankheit erhebliche psychische Veränderungen nach sich zieht. Es handelt sich um eine dominant vererbte neuro-degenerative Hirnerkrankung. Erste Symptome treten oft erst um das 40. Lebensjahr herum auf. Lange bevor die typischen Bewegungsstörungen entstehen, die der Krankheit den Namen gegeben haben („choreia“ = Tanz), kommt es zu Persönlichkeitsveränderungen mit Reizbarkeit, Aggressivität und impulsivem Verhalten, z. T. aber auch zu Ängsten und Depressionen. Die Diagnose wird oft erst eindeutig, wenn dann einige Jahre später eine typische Bewegungsunruhe einsetzt und es zunehmend mehr zu heftigen, unkontrollierbaren Bewegungen („Veitstanz“) mit Grimassieren, Schleudern von Armen und Beinen sowie Sprachschwierigkeiten kommt. In der letzten Phase verharren die Gliedmaßen durch erhöhte Muskelspannung stundenlang in schmerzhaften Fehlstellungen, hier tauchen dann weitere psychische Veränderungen mit Intelligenzdefiziten, Gedächtnisstörungen, Desorientierung und z. T. sogar Wahn auf. Die letzte Phase ihres Lebens verbringen die Betroffenen schließlich in einem Zustand von Verwirrtheit und Demenz.
Erkrankungen, bei denen der genetische Schaden auch den Charakter beeinflusst sind z. B. der Morbus Krabbe, das Katzenschrei-Syndrom oder das Elfin-Face-Syndrom (Williams-Beuren-Syndrom). Kinder mit diesem Syndrom haben generell eine höhere Ängstlichkeit als gleichaltrige Kinder.
Der Normaldruckhydrozephalus ist eine völlig andere, aber selten korrekt diagnostizierte Störung. Das Gehirn schwimmt in Liquor cerebrospinalis, einer Flüssigkeit, die fortlaufend im Gehirn gebildet wird und auch wieder abgebaut werden muss. Das funktioniert mitunter nicht korrekt. Bei Erwachsenen kann es durch den Liquorstau zu einem Überdruck kommen, der manchmal nur nachts bemerkbar, tagsüber aber völlig normal ist. Die Betroffenen leiden unter typischen Kopfschmerzen nachts und morgens, haben Startschwierigkeiten am frühen Morgen, zeigen erhöhte Reizbarkeit und zunehmende Wesensveränderungen. Unbehandelt kann der Normaldruckhydrozephalus über die Jahrzehnte hinweg letztlich dann sogar in eine Demenz einmünden.