mini|Statue in Havanna Antonio Gades, eigentlich Antonio Esteve Ródenas, (* 16. November 1936 in Elda, Alicante; † 20. Juli 2004 in Madrid) war ein spanischer Tänzer, Choreograf und Ballettdirektor. Er verband künstlerisches Engagement mit dem politischen.

Er modernisierte den folkloristischen Flamenco und etablierte ihn durch seine Neuinterpretation als eine Form des Theaterballetts. Antonio Gades schuf mit seinen Choreografien Bodas de Sangre, Carmen, Fuego und vor allem Fuenteovejuna Werke von internationalem Rang, die noch heute zum Repertoire der renommierten Ballett-Kompanien gehören. Mit seinem Ensemble Compañía Antonio Gades trat er an allen großen Tanztheatern der Welt auf und feierte mit seinen Aufführungen internationale Erfolge.

Antonio Gades wurde durch seine Zusammenarbeit mit dem spanischen Regisseur Carlos Saura bei dessen Filmen Bluthochzeit, Carmen und Liebeszauber einem breiten, auch ballettfernen Publikum bekannt.

Leben Kindheit Antonio Esteve Ródenas wurde in der Stadt Elda im Südosten Spaniens geboren. Sein Vater war Maurer, die Mutter arbeitete in einer Schuhfabrik. Als überzeugter Kommunist verließ sein Vater die Familie schon vor der Geburt seines Sohnes, um auf Seiten der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Wieder vereint, siedelte die Familie nach Madrid über und lebte dort in einfachsten Verhältnissen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Der Vater arbeitete dort als Hausmeister und war häufig krank, durch die Geburt eines weiteren Sohnes verschärfte sich die finanzielle Situation der Familie. Antonio verließ mit elf Jahren die Schule, um mitzuverdienen.Nadine Meisner: Antonio Gades. Flamenco dancer and choreographer. In: The Independent, 30. Juli 2004. Abgerufen am 5. Januar 2015. (englisch) Er arbeitete unter anderem als Botenjunge für einen Obsthändler und einen Gesellschaftsfotografen.Carmen Böker: In: Berliner Zeitung, 21. Juli 2004. Abgerufen am 5. Januar 2015. Er lernte nebenbei das fotografische Handwerk und nahm mit 15 Jahren eine Stelle im Fotolabor der Madrider Tageszeitung ABC an.

Später erläuterte Antonio Esteve Ródenas alias Antonio Gades, dass die Zeiten sehr schwer waren und ein sozialer Aufstieg ohne entsprechende Schulbildung nur über „Boxen, Stierkampf oder Tanzen“Die Welt des Flamenco trauert um Antonio Gades. In: Die Welt, 22. Juli 2004. Abgerufen am 5. Januar 2015. möglich gewesen sei. Er war ehrgeizig und versuchte sich in allen Disziplinen. Da er aber eine besondere Begabung für den Tanz hatte, wählte er schließlich diese Option, „weder aus Berufung noch aus brennender Liebe zum Tanz, sondern aus Hunger“.

Ausbildung Mit einem Teil seines erarbeiteten Geldes finanzierte Antonio Gades seinen ersten Tanzunterricht in einer privaten Schule. Er schloss sich nach nur wenigen Monaten einer Tanzgruppe an und ging mit ihr auf Tournee. Dadurch lernte er die Tänzerin Pilar López kennen, die ihn 1952 in ihre renommierte Ballettkompanie Ballet Espanol de Pilar Lopez aufnahm. In der international erfolgreichen Gruppe studierte Antonio Gades klassischen Tanz, Flamenco und die Verbindung beider Stilrichtungen. López’ Einfluss prägte Antonio Gades nicht nur tänzerisch,Michael Eaude: Antonio Gades. Stunning Spanish dancer and choreographer. In: The Guardian, 22. Juli 2004. Abgerufen am 5. Januar 2015. (englisch) sie kreierte auch seinen Künstlernamen, der der Stadt Cádiz in Andalusien nachempfunden ist.Rachel Straus: Website: dance-teacher.com, 1. Juli 2010. Abgerufen am 5. Januar 2015. (englisch)

Karriere Jahre von 1952 bis 1968 Antonio Gades wurde dort nach nur einem Jahr Erster Solotänzer (primer bailarín) der Ballettkompanie. Erfolgreiche Tourneen führten ihn in den nächsten Jahren an alle großen Tanztheater der Welt.

Im Jahr 1961 verließ er nach neun Jahren die Truppe von Pilar López, um sich neuen künstlerischen Herausforderungen zu stellen. Er ging nach Rom, um mit Anton Dolin am Teatro dell’Opera di Roma das Stück Boléro zu choreografieren. Nach einem Frankreichaufenthalt ließ er sich 1963 wieder in Madrid nieder, um seine erste eigene Tanzkompanie zu gründen. Daneben wirkte er in ersten Filmen mit. Im Jahr 1964 gelang Antonio Gades auf der Weltausstellung in New York mit seiner eigenen Kompanie der künstlerische Durchbruch.Anna Kisselgoff: Antonio Gades, 67, Artistic Flamenco Dancer. In: New York Times, 22. Juli 2004. Abgerufen am 5. Januar 2015. (englisch)

Im darauffolgenden Jahr inszenierte er Don Juan, seine erste Choreografie, am Teatro de la Zarzuela. Seine von franquistischen Kulturzensoren als Provokation empfundene InterpretationKersten Knipp: Flamenco 2006, S. 196. des Don-Juan-Themas rief gemischte Publikumsreaktionen hervor.ESTRENO BE LA TRAGICOMEDIA MUSICAL PON JUAN EN LA ZARZUELA. In: ABC, 19. November 1965. Abgerufen am 5. Januar 2015. (spanisch) Finanziell war die Aufführung ein Desaster, die Kompanie war wirtschaftlich ruiniert.

In den nächsten zwei Jahren wirkte er in weiteren Filmen mit, die alle große Erfolge waren und internationale Beachtung durch Nominierungen für den Oscar oder für die Goldene Palme fanden, wie El amor brujo (1967) von Francisco Rovira Beleta. Er erhielt Engagements an die großen Bühnen der Welt, unter anderem tanzte er an der Mailänder Scala mit Carla Fracci und Rudolf Nurejew.Il mondo della danza ricorda Nureyev. La Fracci: «uomo di profonda solitudine e grandi tenerezze». In: Il Sole 24 Ore, 5. Januar 2012. Abgerufen am 5. Januar 2015. (italienisch) Antonio Gades’ tänzerische Leistung wurde dabei von Nurejew übertrumpft,Rubén Amón: Diez años sin el duende de Antonio Gades. In: El Mundo, 18. Juli 2014. Abgerufen am 5. Januar 2015. (spanisch) doch man sagt, er habe später selbstbewusst erklärt, dass er „der beste lebende Tänzer“ sei. Nurejew hörte davon und quittierte dies anerkennend mit den Worten: „Willkommen im Club.“

Jahre von 1969 bis 1990 Im Jahr 1969 choreografierte Antonio Gades das Ballett El amor brujo von Manuel de Falla am Chicago Opera Theater. Die Aufführung wurde ein großer Erfolg und seine Kompanie ging mit dem Stück auf Welttournee. Antonio Gades engagierte im selben Jahr Cristina Hoyos als Erste Tänzerin und sie begleitete die Compañía Antonio Gades für die nächsten 19 Jahre.Yolanda García Villaluenga: El 'amor brujo' de Cristina Hoyos y Antonio Gades, esta semana en 'Imprescindibles'. Radiotelevisión Española, 1. April 2011. Abgerufen am 5. Januar 2015. (spanisch)

Im Jahr 1974 inszenierte er am Teatro Olimpico in Rom Bluthochzeit (Bodas de sangre) von Federico García Lorca. Eine Hommage an den spanischen Schriftsteller, der Antonio Gades dazu inspirierte, die durch die „gewöhnlichen touristische Darbietungen“, welche staatlich gefordert wurden, „die fast nicht mehr existierende Flamenco Kultur zu beleben“. Das Stück wurde ein überragender Erfolg und begründete Antonio Gades’ internationalen Ruf als Choreograf. Bodas de sangre wurde 1981 von Carlos Saura verfilmt, die Choreografie von 1974 gilt aber als Meilenstein des spanischen Tanzes. In: Website: esflamenco.com, 7. April 2009. Abgerufen am 5. Januar 2015. (spanisch) Der „traditionelle spanische Tanz“ wurde somit „durch die Verschmelzung von klassischem Ballett und Flamenco“ zum „großen Ballett“.

Im Herbst 1975 wurden in Spanien Todesurteile gegen fünf junge Guerillas ausgesprochen und vollzogen.Franco: Eingegraben zum letzten Gefecht. In: Der Spiegel, 6. Oktober 1975. Abgerufen am 5. Januar 2015. Antonio Gades löste als Reaktion und aus Protest gegen das Franco-Regime Ende des Jahres 1975 seine Tanzkompanie auf und zog sich als Privatier in die spanische Küstenstadt Altea zurück. Im März 1977 übersiedelte er nach Kuba, um dort mit der Tänzerin Alicia Alonso, die ihn drängte, das Tanzen nicht aufzugeben, Ad Libitum und Giselle einzustudieren. Giselle wurde mit großem Erfolg an der Metropolitan Opera in New York aufgeführt.

Im April 1979 kehrte Antonio Gades nach Spanien zurück, da er 1978 zum ersten Direktor des neu gegründeten Ballet Nacional de España berufen wurde. Er baute das Ballett auf und schuf eine spanische Tanzkultur, die die verschiedenen spanischen Tanztraditionen auf höchstem Niveau verschmolz. Das Ballett war mit seinen Aufführungen erfolgreich und wurde mit Preisen ausgezeichnet, doch bereits im März 1980 wurde er, da er mit dem verantwortlichen Kulturministerium keine Einigung bezüglich der künstlerischen und ideellen Ausrichtung des Balletts erzielen konnte,Kersten Knipp: Flamenco 2006, S. 197. unter dem Vorwand einer notwendigen strukturellen ÄnderungRosa Maria Pereda: Antonio Gades: „He preferido tener más ética que el ministro“. In: El País, 8. März 1980. Abgerufen am 5. Januar 2015. (spanisch) vom amtierenden Kulturminister Ricardo De la Cierva, einem Parteigänger Francos, entlassen. links|mini|400x400px|Die Compagnie Antonio Gadès bei einer Aufführung im Februar 2008 im Centre international de Deauville. Antonio Gades gründete nun eine unabhängige Gruppe von Tanzkünstlern (Grupo Independiente de Artistas de la Danza, kurz giad) und begann gleichzeitig eine Zusammenarbeit mit dem spanischen Filmregisseur Carlos Saura.Kersten Knipp: Flamenco 2006, S. 197.

Saura, der Proben des spanischen Nationalballetts gesehen hatte, entwickelte aus seinen Eindrücken die Idee für einen Tanzfilm, „um zu zeigen, wie so eine Aufführung erarbeitet wird, wie es anfängt, wie sich die Tänzer aufwärmen, wie sie sich fertigmachen, wie die Bewegungsabläufe aufgebaut sind“. In den nächsten Jahren entstanden unter der Regie Sauras Bluthochzeit (1981), Carmen (1983) und Liebeszauber (1986) mit Antonio Gades in den Hauptrollen. Besonders erfolgreich wurde der Film Carmen, der zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Die Filmserie machte Antonio Gades einem internationalen Publikum bekannt.

Im Jahr 1983 inszenierte er Carmen, dessen Uraufführung am Théâtre de Paris stattfand. Der Erfolg war überwältigend. 1989 folgte die Uraufführung seiner Ballettinszenierung Fuego, eine Neuinterpretation von El amor brujo, zu Deutsch Liebeszauber, am Théâtre du Châtelet in Paris. Antonio Esteve Ródenas alias Antonio Gades befand sich damit auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Jahre von 1991 bis 1993 Antonio Gades benötigte eine künstlerische Pause. Die viele Arbeit der letzten Jahre und auch die Verantwortung für seine Ensemblemitglieder hatten ihn erschöpft. Er zog sich im Dezember 1991 aus allen Verpflichtungen zurück und startete mit seiner dritten Ehefrau, der Schweizerin Daniela Frey, im Januar 1992 mit einem Boot von Ibiza aus zu einer Atlantiküberquerung nach Havanna.

Jahre von 1994 bis 2004 Im Jahr 1994 gründete er erneut eine Compañía Antonio Gades, mit 36 Mitgliedern sein bisher größtes Ensemble, das er paritätisch mit erfahrenen und jungen Tänzern besetzte.Josel Oehrlein: Carmen und der tyrannische Komtur. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Oktober 1996.