mini|Gedenkstätte mit Obelisk (2008) Maly Trostinez (, Maly Trostenez; , Maly Traszjanez), auch als Vernichtungsstätte Maly Trostinez bezeichnet, befand sich in einer ländlichen Gegend etwa zwölf Kilometer südöstlich von Minsk und unterstand dem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) für Belarus. Zwischen 1942 und 1944 wurden bei Maly Trostinez 40.000 bis 60.000 Menschen ermordet, weit überwiegend Juden sowie sowjetische Kriegsgefangene und Partisanenverdächtige. Die Opfer wurden zumeist im nahegelegenen Wald von Blagowschtschina und ab 1943 im Wald von Schaschkowka erschossen oder in Gaswagen ermordet, ohne zuvor im Lager selbst gewesen zu sein.Petra Rentrop: Tatorte der „Endlösung“. Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte von Maly Trostinez. Berlin 2011, ISBN 978-3-86331-038-7, S. 198f.

Entstehung Nachdem Hitler im September 1941 die Deportation von Juden aus den größeren Städten des Reichs angeordnet hatte, sollten nach den Plänen des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) 25.000 deutsche, österreichische und tschechische Juden gegen den Widerstand des Generalkommissariats Weißruthenien unter Wilhelm Kube nach Minsk gebracht werden. Adolf Eichmann und wenig später Heinrich Himmler reisten im März 1942 zu Gesprächen mit Kube. Bei diesen wurde wahrscheinlich beschlossen, die Juden nicht mehr in das überfüllte Ghetto Minsk der Zivilverwaltung, sondern an den Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) Eduard Strauch zu überstellen. Reinhard Heydrich beauftragte Strauchs Dienststelle kurz darauf, die eintreffenden Juden unmittelbar nach deren Ankunft zu töten.Petra Rentrop: Maly Trostenez. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57238-8, S. 573 f.

Im April 1942 übernahm der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD Strauch die ehemalige Kolchose „Karl Marx“ beim Dörfchen Trostenez elf Kilometer südöstlich von Minsk zum Aufbau eines Mordzentrums. Die 250 Hektar umfassende Kolchose wurde zu einem Landgut (Gut des Kommandeurs) mit einem Arbeitslager ausgebaut, im einen Kilometer entfernten Wald von Blagowschtschina eine schlecht einsehbare Exekutionsstätte eingerichtet und der stillgelegte Gleisanschluss von Kolodisze als Bahnanschluss für Deportationszüge Mitte August 1942 wieder in Betrieb genommen.Petra Rentrop: Maly Trostenez. S. 574. Trostenez fungierte als provisorischer Ersatz für ein in Mogilew geplantes, aber nicht fertiggestelltes Vernichtungslager.Petra Rentrop: Weißrussland. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9, C.H. Beck, München 2009, S. 384.

Das Zwangsarbeitslager Die KZ-Häftlinge arbeiteten neben der Landwirtschaft auch in verschiedenen Handwerksbetrieben des Guts. Weiter gab es eine Wäscherei, Schmiede und Schlosserei, Tischlerei, Glaserei, Gerberei, eine Mühle und ein Sägewerk. Produziert wurde überwiegend für den Bedarf der KdS-Angehörigen und der Minsker Ordnungspolizei. Wie auch in Vernichtungslagern gab es später kleine Arbeitskommandos, die in der Kleidersortierung, Schneiderei und Schusterei an der Verwertung des Besitzes der deportierten Juden eingesetzt waren.

Die „Arbeitsjuden“ waren in mehreren Baracken untergebracht. Es gab einen Galgen auf dem dreifach mit Stacheldraht umzäunten Gelände. Die Zahl der Häftlinge schwankte zwischen 500 und 1000 Personen. Nach der Auflösung des Ghettos in Minsk im Oktober 1943 sank sie auf etwa 200.

Verwalter des Gutes und Lagerleiter war der baltendeutsche SS-Unterscharführer Heinrich Eiche, der im Herbst 1943 vom österreichischen Hauptscharführer Rieder abgelöst wurde.Petra Rentrop: Maly Trostenez, S. 574. Bewacht wurden die Häftlinge von Teilen eines ukrainischen Schutzmannschaftsbataillons, das auf dem Gut stationiert war und der Ordnungspolizei unterstand.

Die Nomenklatur des Lagers lässt sich aus Quellenmangel kaum noch ermitteln. In einem Fernschreiben wird das Lager als „Ersatzgefängnis KL. Trostinez“ geführt, während ein überlebender Häftling angab, es sei als „Erweitertes SS- und Polizeigefängnis“ bezeichnet worden.Petra Rentrop: Maly Trostenez, S. 578 f.

Mordstätte in Blagowschtschina Die Planungen für ein großes Vernichtungslager in Mahiljou (Mogiljow), für das bereits im November 1941 mehrere Verbrennungsöfen bestellt worden waren, wurden aus verkehrstechnischen Gründen aufgegeben.Christian Gerlach: Failure of Plans for an SS Extermination Camp in Mogilev, Belarussia. In: Holocaust and Genocide Studies 11(1997), S. 60–78. Dafür wurden in Maly Trostinez ab Mai 1942 vorwiegend aus Wien mit dem Zug nach Minsk und sofort weiter nach Maly Trostinez deportierte Juden aus dem Deutschen Reich (das ist das „Altreich“ Deutschland und mit der „Ostmark“ das „angeschlossene“ Österreich), aus dem Protektorat Böhmen und Mähren und aus dem Ghetto Theresienstadt in der besetzten Tschechoslowakei teils – ab Juni 1942Petra Rentrop: „Maly Trostinez“, S. 575. – durch Gaswagen, größtenteils aber durch Erschießungen ermordet. Im Laufe des Sommers wurden weißrussische Juden vor allem aus dem Ghetto von Minsk in die Vernichtungsaktionen einbezogen.

Am 22. April begann der II. Zug (ein Unteroffizier und zehn Mann) der dem KdS unterstellten kleinen Waffen-SS-Einheit in Maly Trostinez mit acht Tage dauernden Erdarbeiten, um die ersten Leichengruben auszuheben. Am 30. April beteiligte sich der gesamte Zug an einer „Aktion zur Ausräumung des Gefängnisses in Minsk“. Am 4. Mai wurden erneut Gruben ausgehoben für eintreffende Transporte. Zum 17. Mai 1942 vermerkte der Zugführer der Waffen-SS, der SS-Unterscharführer Gerhard Arlt, in seinem Tätigkeitsbericht:

Es handelt sich hier um den ersten für Maly Trostinez zweifelsfrei durch zeitgenössische Quellen belegten Massenmord, bei dem fast alle Deportierten bei der Ankunft erschossen wurden. Zur Exekutionsstätte von Maly Trostinez, einem Kiefernwäldchen, wurden die Insassen der Sonderzüge mit Lastkraftwagen gebracht und dort von rund 80 Schutzpolizisten und Angehörigen der Waffen-SS erschossen.Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die ‚Judendeportationen’. S. 235.

Gaswagen wurden spätestens ab Juni 1942 eingesetzt, um die Massenmorde effizienter zu machen und die Psyche der Exekutionskommandos zu schonen. Zunächst waren zwei Lkw der Marke Diamond und ein größerer der Marke Saurer im Einsatz. Mitte Juli kam ein weiterer Gaswagen aus Serbien kommend hinzu und die Einsatzgruppe B stellte zeitweise Gaswagen an den Minsker KdS ab.Petra Rentrop: Maly Trostenez. S. 575 f.

Mordstätte in Schaschkowka Wegen der Spurenbeseitigung im Wald von Blagowschtschina und häufigeren Attacken von weißrussischen Partisanen-Einheiten beschloss der BdS Ende 1943 künftige Exekutionen in der Nähe des stark bewachten Gutes im Wald von Schaschkowka durchzuführen. Dazu wurde Anfang 1944 eine Verbrennungsgrube als provisorisches Krematorium angelegt, in der die Leichen aus den Gaswagen verbrannt wurden. Ab März 1944 wurden dort auch Exekutionen durchgeführt. Die Getöteten waren nichtjüdische Zivilisten, die während Partisanen-Aktionen in den weißrussischen Dörfern gefangen genommen und als arbeitsunfähig eingestuft worden waren, d. h. hauptsächlich Frauen mit Säuglingen und Kleinkindern, Alte und Gebrechliche.Petra Rentrop: Maly Trostenez. S. 581 f.

Deportationen nach Maly Trostinez Zwischen Mai und Oktober 1942 wurden überwiegend Juden aus Wien – nämlich 9 von 16 Deportationszügen – und Theresienstadt – nämlich 5 von 16 Deportationszügen – nach Maly Trostinez gebracht. Fast jeder dieser Deportationszüge umfasste 1000 Personen. Bisweilen wurden einige wenige Personen ausgesondert und ins Arbeitslager gebracht, alle anderen wurden bei ihrer Ankunft am Bahnhof Minsk sofort mit Lastwagen zum Exekutionsort gefahren oder in Gaswagen auf dem Weg nach Blagowschtschina ermordet. Ab August 1942 wurden die Eisenbahnzüge über ein Stichgleis direkt bis nach Maly Trostinez in die unmittelbare Nähe der Blagowschtschina geführt.

+Deportationen nach Maly TrostinezPetra Rentrop: Tatorte der Endlösung. S. 206. Zug Abgangsort Datum Ankunftsort Ankunft Anzahl Da 201 Wien 6. Mai 1942 Minsk 11. Mai 1942 994/1000 Da 202 Wien 20. Mai 1942 Minsk 23./26. Mai 1942 986/1000 Da 204 Wien 27. Mai 1942 Minsk 1. Juni 1942 981 Da 205 Wien 2. Juni 1942 Minsk 5./9. Juni 1942 999 Da 206 Wien 9. Juni 1942 Minsk 13./15. Juni 1942 1006 Da 40 Königsberg/Berlin 24. Juni 1942 Minsk 26. Juni 1942 770 Da 220/Aax Theresienstadt 14. Juli 1942 Minsk 17. Juli 1942 1000 Da 219 Köln 20. Juli 1942 Minsk 24. Juli 1942 1164 Da 222/Aaz Theresienstadt 4. August 1942 Trostinez 10. August 1942 993/995 Da 223 Wien 17. August 1942 Trostinez 21. August 1942 1003 Da 224/Bc Theresienstadt 25. August 1942 Trostinez 28. August 1942 1000 Da 225 Wien 31. August 1942 Trostinez 2./4. September 1942 967 Da 226/Bk Theresienstadt 8. September 1942 Trostinez 11./12. September 1942 1000 Da 227 Wien 14. September 1942 Trostinez 16./18. September 1942 992 Da 228/Bn Theresienstadt 22. September 1942 Trostinez 25. September 1942 992 Da 230 Wien 5. Oktober 1942 Trostinez 9. Oktober 1942 544/547

Ein weiterer Zug, der Theresienstadt am 28. Juli mit 996 Menschen mit dem Ziel Maly Trostinez verließ (Da 221 Aay), wurde 145 km vor Minsk in Baranowitschi angehalten und die Insassen dort liquidiert. Grund war die Belastung der SS-Angehörigen während der großen Liquidierungsaktion im Ghetto Minsk.Tomáš Fedorovič: Vernichtungsstätte Malyj Trostenez und die Juden aus dem Ghetto Theresienstadt. In: Der Vernichtungsort Trostenez in der europäischen Erinnerung, Materialien zur internationalen Konferenz vom 21.-24. März 2013 in Minsk, Hrsg.: Peter Junge-Wentrup, Internationales Bildungs- und Begegnungswerk, S. 41.Alfred Gottwaldt: Logik und Logistik von 1300 Eisenbahnkilometern. In: Ermordet in Maly Trostinec – Die österreichischen Opfer der Shoa in Weißrussland. Hrsg.: Waltraud Barton, New Academic Press, Wien 2012. ISBN 978-3-7003-1845-3, S. 54.

Durch die etwa 10.000 dort ermordeten Wiener Juden ist Maly Trostinez nach Auschwitz-Birkenau (ca. 12.000) der Ort mit den meisten österreichischen Opfern des Holocaust.Winfried R. Garscha: „Ein unermüdliches Beharren auf Empirie und Nüchternheit“. Die Erforschung der Vernichtungsstätte Maly Trostinec. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Deportation und Vernichtung – Maly Trostinec (= Jahrbuch 2019). Wien 2019, S. 65–92; Jonny Moser: Demographie der jüdischen Bevölkerung Österreichs 1938–1945 (= Schriftenreihe des DÖW zur Geschichte der NS-Gewaltverbrechen). Wien 1999; Petra Rentrop: Tatorte der „Endlösung“. Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte von Maly Trostinez. Metropol, Berlin 2011; Andreas Kranebitter: Jenseits des Zählbaren. Quantitative Analysen […], in: DÖW (Hrsg.), Forschungen zu Vertreibung und Holocaust (= Jahrbuch 2018), Wien 2018.

Spurenbeseitigung Männer des Sonderkommandos 1005-Mitte begannen am 27. Oktober 1943, eine Woche nach der Ermordung der letzten Gefangenen des Ghettos Minsk, mit der Beseitigung der Spuren im Wald von Blagowschtschina. Die zunächst zu den Exhumierungsarbeiten vorgesehenen 100 jungen jüdischen Männer ließ der Kommandoführer Arthur Harder in zwei Gaswagen ermorden und durch 100 russische Gefangene ersetzen. Die exhumierten Leichen der Massaker wurden von den Arbeitern zu Scheiterhaufen gestapelt und dann verbrannt, die Überreste nach Zahn- und Schmuckgold durchsiebt. Im November 1943 wurde Harder durch Friedrich Seekel und dieser im Dezember 1943 durch Max Krahner ersetzt. Spätestens am 16. Dezember 1943 wurde die Spurenverwischung beendet, die Arbeiter wurden in einem Gaswagen ermordet und dann verbrannt.