Die Unister Holding GmbH, kurz Unister, war ein deutsches Unternehmen mit Hauptsitz in Leipzig, welches Webportale betrieb und vermarktete.

Geschichte Unister wurde im Juli 2002 von dem Leipziger BWL-Studenten Thomas Wagner gegründet,netz-trends.de: Unister zehn Jahre alt: Erfolgsgeschichte von Thomas Wagner und seinem 1.500 Mitarbeiter Unternehmen der mit Unterbrechung bis zu seinem Tod 2016 einer der Geschäftsführer war. Im Oktober 2002 ging eine Studententauschbörse, unister-netz.de, unter der Adresse unister.de online. Zwischenzeitlich erhöhte sich die Zahl der eigenen Internetseiten auf über 40, zum Teil durch Neugründungen, zum Teil durch Zukäufe. Das Unternehmen war vor allem in den Geschäftsbereichen Reise, Finanzen, Automobile, Medien, Immobilien und Social Media tätig. Um die Seiten bekannt zu machen, kaufte Unister bei Google Werbeplätze und drehte fürs Fernsehen Testimonials mit Michael Ballack und Reiner Calmund. Rückblickend bewertete Heinz-Roger Dohms auf tagesschau.de den Werbeeinsatz wie folgt: „Von der vermeintlichen ‚Erfolgsstory Unister‘ profitierten letztlich vor allem zwei: Google und die Fernsehsender.“

Im Februar 2008 wurde die Unister Media GmbH gegründet, welche sich auf die Vermarktung von Online-Portalen spezialisierte. Außerdem gründete das Unternehmen ein Marktforschungsunternehmen UMA Unister Market Research & Analysis.

Das Unternehmen mit Sitz in Leipzig hatte 2010 etwa 1670 Angestellte und verfügte über Niederlassungen in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Dresden, Stralsund, Magdeburg, Jena und Chemnitz., abgerufen am 1. April 2010 Die Unister Holding erzielte im Geschäftsjahr 2010 einen Umsatz von rund 227 Millionen Euro und einen Verlust von etwa zwei Millionen Euro. Unister gehörte zu den größten deutschen selbständigen Internetunternehmen und verzeichnete mehr als 10 Mio. Seitennutzer im Monat (Unique user) laut Arbeitsgemeinschaft Onlineforschung. vom 26. Dezember 2012. Hauptgesellschafter bei Unister war bis zu seinem Tod Thomas Wagner.

Bis 2011 erwirtschaftete das Unternehmen einen Großteil seiner Überschüsse mittels Google-Arbitrage: Eigene geschaltete Anzeigen brachten mehr Einnahmen, als die bei Google geschalteten Anzeigen kosteten. 2011 untersagte Google diese Praktik. Ab dann wurden rechtlich nicht einwandfreie Zusatzprodukte kreiert, um die Einnahmeverluste auszugleichen.Unister-Geschäftsmodell platzte schon vor Jahren, capital.de, 15. August 2016 Bezüglich dieser Zusatzprodukte gab es staatsanwaltliche Ermittlungen.Die Firma ist pleite, der Chef starb unter mysteriösen Umständen, Staatsanwälte ermitteln. Wer will diesen Laden kaufen?, Die Zeit, 21. August 2016

Das Unternehmen gehörte zu den großen deutschen E-Commerce-Anbietern. Unister entwickelte und vermarktete Internetportale. Es war unter anderem im Reisemarkt und in der Vermittlung von Versicherungen und Krediten aktiv, wobei es Kritik im Hinblick auf Verbraucherfreundlichkeit und den Umgang mit Wettbewerbern gab.Christian Schlesinger: Unister: Die dubiosen Methoden des Reiseriesen. In: Wirtschaftswoche, 15. September 2011, abgerufen am 9. Juni 2012.

Im September 2011 verließen einige leitende Mitarbeiter, vor allem aus dem Touristikbereich, Unister. Die Wirtschaftswoche vermutete dahinter teilweise moralische Gründe; Unister genieße in der Reisebranche einen zweifelhaften Ruf.Alarmzeichen für Unister-Chef Wagner. In: Wirtschaftswoche, abgerufen am 12. Juni 2012.

Ein Unister-Sprecher sagte im Februar 2012 nach Kritik der Verbraucherzentrale Sachsen am Portal fluege.de, man solle „genau hinschauen, bevor man buche“. Der Hintergrund waren Beschwerden von Verbrauchern, die eine Buchung abgebrochen hatten, etwa weil sie eine der angebotenen Zahlungsmethoden von Unister nicht anwenden wollten, und daraufhin vom Unternehmen gemahnt wurden, den vollen Reisepreis zu zahlen.

Der Bundesgerichtshof hatte Unister bereits 2011 zur Umsetzung einer EU-Richtlinie verurteilt und damit ein vorinstanzliches Urteil bestätigt. Nach dieser Richtlinie muss der jeweilige Endpreis bei Flugbuchungen in transparenter Weise frühzeitig ausgewiesen werden. Eine Endpreisangabe erst zum Abschluss der Buchung soll damit unterbunden werden. Unister hatte sich geweigert, diese Bestimmungen im Rahmen einer Selbstverpflichtung in der Reisebranche umzusetzen. Bei den kritisierten Buchungsabläufen wurden zumindest bis Sommer 2012 Zusatzleistungen in das ausgewählte Reise-Paket des Buchenden bereits voreingestellt eingebunden. Der Interessent war daher angehalten, Zusatzleistungen als solche zu erkennen und diese vor abschließender Buchung abzuwählen.

Unister teilte am 10. Juli 2012 mit, man habe diese Voreinstellungen, besonders im Bereich der Reiserücktrittsversicherung, nun beendet.Verbraucherschützer warnen vor Abzocke. Versteckte Gebühren beim Reiseportal „fluege.de“. bild.de, abgerufen am 12. Juni 2012. Der Unister-Sprecher bezeichnete die Vorhalte der Verbraucherzentrale als branchenübliche Praxis; Fluege.de agiere nicht anders als andere große Buchungsportale auch. Die Opt-out-Funktion (man muss Versicherungen abwählen) gebe es bei vielen großen Portalen.

Außerdem hatte Unister ein Siegel vom VBS Verbraucherschutz e. V. (verbraucherschutz.de) erhalten; dessen Nutzung auf der Website fluege.de untersagte das Oberlandesgericht Dresden aber am 3. Juli 2012 unter Androhung einer Ordnungsstrafe in Höhe von bis zu 250.000 Euro. Bei Verbrauchern komme der Eindruck auf, dieser Verein sei eine unabhängige Prüfinstanz. Tatsächlich verkauft er aber Dienstleistungen an Unternehmen; der Verein hat nichts mit den Verbraucherzentralen zu tun.

Im Juli 2012 veröffentlichte die Zeitschrift Computer Bild einen umfangreichen Artikel über die Methoden der Unister-Gruppe.Unister: COMPUTER BILD deckt Abzocke auf. Artikel bei computerbild.de als e-paper, abgerufen am 2. Juli 2012. Unister reagierte mit einer strafbewehrten Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung und warf der Zeitschrift unrichtige Tatsachenbehauptungen vor. Gerichte gaben Unister in einigen Punkten Recht, Computer Bild blieb aber in den meisten Punkten bei seiner Darstellung. Unister ließ (Stand April 2013) Blogger abmahnen, die auf die entsprechende kritische Berichterstattung verweisen.Unister lässt Abmahnungen wegen kritischer Blog-Artikel versenden.

Im Dezember 2012 gab Unister-Gründer Thomas Wagner der FAZ ein Interview. Er antwortete auf die Frage, warum Unister auch nach zehn Jahren am Markt immer wieder den Eindruck erwecke, „nicht auf der Höhe der Zeit zu sein“, man habe „in der Vergangenheit viele Projekte parallel aufgebaut. Natürlich kommt es dabei auch zu Fehlern. Wir lernen daraus und verbessern uns stetig.“FAZ.net / Martin Gropp 21. Dezember 2012: Unister-Geschäftsführer: Vorwürfe unbegründet.

2014 sollte die Unister Holding verkauft werden, schreibt der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg. Der Verkaufspreis sei auf um die 1,5 Milliarden Euro taxiert (2,1 Mrd. US-Dollar).

Im Juli 2015 kündigte Unister den Abbau von insgesamt 250 Stellen an. 2014 waren bereits 200 Mitarbeiter entlassen worden.welt.de: Unister entlässt rund ein Zehntel seiner Mitarbeiter, 20. Juli 2015

Im Mai 2016 wurde das Unister-Versicherungsvermittlungsportal Geld.de an die JDC Group verkauft. Eine im Juli 2015 angekündigte Kauf-Option durch die HanseMerkur-Versicherungsgruppe wurde dadurch zunächst nicht wirksam. Allerdings kam es im Oktober 2015 zu einem Vorstandswechsel bei dem Hamburger Versicherungsriesen. Kurz darauf wurde die Rückzahlung eines Kredits über 55 Millionen Euro der HanseMerkur fällig, wovon nur 20 Millionen Euro gezahlt werden konnten. Dies brachte Unister in ernste Zahlungsprobleme und in den Folgemonaten zahlreiche weitere Probleme.

Am 14. Juli 2016 starben der Geschäftsführer Thomas Wagner (38) und Unister-Mitgesellschafter Oliver Schilling (39), ein Wagner-Jugendfreund, sowie ein 65-jähriger Kreditvermittler und der 73-jährige Pilot bei einem Flugzeugabsturz in einer Piper PA-32 bei Ajdovščina in Slowenien. Sie waren auf dem Rückflug von Venedig zum Flughafen Hof-Plauen. Vier Tage später entschieden sich drei der überlebenden Gesellschafterparteien, Insolvenz anzumelden. Man traute sich eine Fortführung des verschachtelten Internet-Konzerns, zu dem europaweit über 60 Reiseportale gehörten, auch Hotels der Travel24.com AG oder Portale in den Bereichen Automobile (Auto.de), Preisvergleich (Preisvergleich.de), Nachrichten (News.de, Börsennews.de) oder Versicherungen (private-krankenversicherung.de) nicht weiter zu. Am Tag vor dem Absturz des Internetmillionärs Thomas Wagners war dieser in Venedig Opfer eines sogenannten Geldwechselbetrug-Geschäfts geworden, eines sogenannten Rip-Deals. Darüber berichtete die ARD in einer 45-minütigen TV-Dokumentation für die Reihe Die Story im Jahr 2018 unter dem Titel Der Absturz: Aufstieg und Fall eines Internetimperiums. Der Flugzeugabsturz von Thomas Wagner sorgte international für Schlagzeilen. So titelte beispielsweise die Londoner Financial Times am 15. August 2016:

Als Täter des Millionen-Rip-Deals an Unister wird eine Gruppe internationaler organisierter Kriminalität aus Italien genannt, die sich „Levy Vass“ nennt. Sie traten im Namen eines diskret arbeitenden israelischen Milliardärs auf, der seit Jahren solche Kreditgeschäfte betreibe. Diese Gruppe hatte Wagner über Mittelsmänner in Leipzig und Hannover einen Überbrückungskredit für einen geplanten Unister-Börsengang in Höhe von 15 Millionen Euro als Privatkredit angeboten. Der diesem Geschäft zu Grunde liegende „Darlehensvertrag“ war zuvor von der Unister-Hauskanzlei CMS Hasche Sigle geprüft worden. Kurz zuvor hatte der Internetstar nach Angaben der Süddeutschen Zeitung ein Verkaufsangebot für Unister in Höhe von 900 Millionen Euro abgelehnt, da er die Marke von einer Milliarde Euro knacken wollte.

Am 18. Juli 2016 meldete Unister Insolvenz an. Am Folgetag teilte Insolvenzverwalter Lucas F. FlötherWer Unister nun durch die Insolvenz steuert. wiwo.de, 18. Juli 2016. mit, dass auch das Tochterunternehmen Urlaubstours einen Insolvenzantrag gestellt habe. Die bei dem Reiseveranstalter getätigten Kundenbuchungen seien durch eine Versicherung abgedeckt.Reiseportale: Erste Unister-Tochter meldet Insolvenz an, heise.de, 20. Juli 2015. Unister sollte laut dem Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther als Ganzes an Investoren verkauft werden, was aber nicht klappte., mdr.de, 21. Juli 2016. Bis zum 21. Juli 2016 meldeten drei weitere Tochterunternehmen von Unister Insolvenz an, die Unister Travel Betriebsgesellschaft, U-Deals und die Unister GmbH.Tochter U-Deals insolvent Unister: Offenbar Tausende Kunden betroffen, n-tv.de, 21. Juli 2016. Im Zuge des Insolvenzverfahrens bis Ende Juli 2016, die außer der Holding 12 Tochter-GmbHs angemeldet haben, waren circa 900 der noch 1000 Mitarbeiter betroffen, und zwar an zahlreichen Standorten: Leipzig, aber auch Hamburg, Berlin, Chemnitz oder Dresden. Holding und zwölf Unister-Töchter insolvent Knapp 900 Unister-Mitarbeiter von Insolvenz betroffen, Manager Magazin, 29. Juli 2016.

Im August 2016 wurde bekannt, dass zwei Rechtsextreme, Reinhard Rade und Hans Jörg Schimanek, umstrittene Geschäfte mit dem Unternehmen abwickelten.Rechtsextreme bestimmen bei Unister mit, Die Zeit 35/2016, 18. August 2016. Anfang September 2016 beantragte auch die Unternehmenstochter ab-in-den-urlaub Betriebsgesellschaft mbH Insolvenz.Unister-Tochter: Ab-in-den-Urlaub.de beantragt Insolvenz. Spiegel Online, 1. September 2016.

Die Leipziger Volkszeitung berichtete 2019, im Rahmen des Insolvenzverfahren seien die meisten Reisemarken des einstmals größten deutschen Online-Reisekonzerns für 75 bis 80 Millionen Euro an die tschechisch-chinesische Reisegruppe INVIA GROUP verkauft worden. Der relativ niedrige Verkaufspreis beruhte auf dem Insolvenzverfahren.

Kontroverse um neuen Unternehmenssitz