Der Begriff der Biosphäre [] (von griechisch βίος, bíos = Leben und σφαίρα, sfaira = Kugel) wurde im 19. Jahrhundert geprägt. Ab den 1920er Jahren ging er verstärkt in die wissenschaftliche Diskussion ein. Außerhalb der Fachwissenschaften wurde er erst Ende der 1960er bekannt. Seit seiner Prägung erfuhr der Begriff verschiedene Bedeutungswandlungen. Aktuell wird zumindest in den Biowissenschaften vor allem ein ökologischer Biosphäre-Begriff verwendet. Damit steht er in Konkurrenz zu einer Reihe weiterer Begriffe, vor allem zum Begriff Ökosphäre.

Biosphäre in Bio- und Geowissenschaften Anfänge mini|hochkant|Bei Platon scheint der erste schriftliche Beleg für das Bild von einem lebendigen Planeten Erde nachlesbar.

Dass zur irdischen Welt etwas umfassend Lebendiges gehört, scheint keine Erkenntnis der letzten Jahrhunderte zu sein.E. Willerding: Die Gaia-Hypothese. Bonn 2004, S. 4. (pdf) Das erste Mal könnte ein solcher Gedanke bereits in der Antike niedergeschrieben worden sein und möglicherweise aus den Texten des griechischen Philosophen Platon (427–347 v. u. Z.) hervorgehen. Die Idee könnte demnach schon sehr lange Bestandteil der abendländischen Weltanschauung gewesen sein:

mini|hochkant|Johannes Kepler beschrieb die Erde wie einen lebenden Organismus.

Etwa zweitausend Jahre später wurde dann der deutsche Astronom Johannes Kepler (1571–1630) im Jahr 1619 sehr konkret. Er begriff aber nicht nur die unmittelbare Umwelt der Organismen, sondern die gesamte Erde als lebendig. Demzufolge gingen seine Gedanken zur lebendigen Erde sogar über das hinaus, was heutzutage unter Biosphäre definiert wird. Heute spiegeln sich aber derlei ganzheitliche (holistische) Erdbetrachtungen wieder in den verhältnismäßig jungen Begriffen Gaia, System Erde oder auch Bioplanet Erde:

mini|James Hutton sprach von einer „living world“. Ähnliches wie Kepler könnte nach etwa 170 Jahre wieder der schottische Naturforscher James Hutton (1726–1797) gemeint haben, als er die Erde wiederholt als „living world“ bezeichnete. Dies geschah vor breiterem Publikum das erste Mal in zwei Lesungen, die am 7. März und am 4. April 1785 vor der Royal Society of Edinburgh stattfanden. Zu den Lesungen kursierte eine privat gedruckte Kurzfassung.J. Hutton: Concerning the System of the Earth, its Duration, and Stability. Edinburgh 1785 Das vollständige Skriptum erschien drei Jahre später.J. Hutton: THEORY of the EARTH; or an INVESTIGATION of the Laws observable in the Composition, Dissolution, and Restoration of Land upon the Globe. In: Transactions of the Royal Society of Edinburgh · Volume I · Part II. S. 209–304. Dadurch wurden Huttons Gedanken einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. In dem Skriptum kann zudem nachgelesen werden, dass Hutton die Erde in verschiedene Teilaspekte („bodies“) gliederte. Er wies die drei unbelebten irdischen Teilaspekte der festen Erde, des Wassers und der Luft aus. Diese setzte er aber in Beziehung zu einem vierten irdischen Teilaspekt – dem Teilaspekt der Lebewesen. Damit war Huttons Theory of the Earth vollständig formuliert. Er stellte sie noch einmal 1795 in einem zweibändigen Werk ausführlich dar.J. Hutton: Theory of the Earth. Edinburgh 1795. fullbooks.comJ. E. Lovelock: Das Gaia-Prinzip. Zürich / München 1991, ISBN 3-7608-1050-0, S. 31.

James Hutton war es nicht nur gelungen, die Wichtigkeit des Lebens zum Verständnis des gesamten Systems Erde herauszustellen. Er konnte gleichzeitig vermitteln, dass die Erde aus vier verhältnismäßig separaten „bodies“ bestehen würde. Hierin äußert sich ein grundsätzlicher Wandel im Naturverständnis, denn James Hutton ließ die bisherige, eher holistische Erdbetrachtung hinter sich und ersetzte sie durch einen geowissenschaftlichen Reduktionismus. Statt in ihrer hochkomplexen planetaren Gänze konnten fortan einzelne Teilaspekte der Erde für sich herausgegriffen, betrachtet und erforscht werden.J. E. Lovelock: Gaia: The Practical Science of Planetary Medicine. London 1991, ISBN 1-85675-040-X, S. 21–34.

19. Jahrhundert: Lamarck und Suess mini|Jean-Baptiste de Lamarck formulierte die Idee einer Biosphäre.

Näher fassbar wurde die Idee der Biosphäre im Jahr 1802 durch den französischen Naturforscher Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1828). Denn er schrieb davon, dass die Biologie ein unabdingbar nötiger Teil zum vollständigen Studium der Erde wäre:

mini|Eduard Suess erfand den Begriff der Biosphäre.

Für seine Idee prägte Lamarck noch keinen eigenen Begriff. Erst der österreichische Geologe Eduard Suess (1831–1914) erfand 1875 den Ausdruck Biosphäre für sein Buch Die Entstehung der Alpen:

Biosphäre nach Eduard Suess: Der unbelebte Raum, in dem die irdischen Organismen leben. Biosphäre wird als räumlicher Begriff verwendet.

Mit der Ausweisung von Atmosphäre, Hydrosphäre, Lithosphäre und Biosphäre vollendete Eduard Suess das Konzept der vier „bodies“, von denen James Hutton geschrieben hatte. Das bedeutete gleichzeitig, dass der Begriff der Biosphäre aus Huttons reduktionistischem Weltverständnis entstanden war.

Einige Jahre darauf erwähnte Suess den Biosphäre-Begriff erneut in seinem Hauptwerk Das Antlitz der Erde.E. Suess: Das Antlitz der Erde. Wien 1883 bis 1909. Die mehrbändige Veröffentlichung wurde für viele Jahre als geologisches Lehrwerk genutzt.

20. Jahrhundert: Wernadski und Teilhard de Chardin Das Antlitz der Erde gelangte auch in die Hände des russischen Geowissenschaftlers Wladimir Iwanowitsch Wernadski (Владимир Иванович Вернадский, 1863–1945). Während eines Aufenthalts in Österreich traf er 1911 sogar mit Eduard Suess persönlich zusammen.D. Möller: Chemistry of the Climate System. Berlin / New York 2010, ISBN 978-3-11-019791-4, 119. Ab 1917 setzte sich Wernadski intensiv mit der Idee einer Biosphäre auseinander.V. Vernadsky: The Biosphere. New York 1998, ISBN 0-387-98268-X, S. 40. Dabei war er wahrscheinlich nicht nur durch Eduard Suess beeinflusst. Zumindest geringfügig könnten ebenfalls die Vorstellungen seines Onkels eine Rolle gespielt haben, dem ukrainischen Philosophen Evgraf Maksimovich Korolenko (1810–1880). Während langer nächtlicher Spaziergänge hatte Korolenko dem Neffen seine Überzeugung dargelegt, dass die gesamte Erde als lebendiger Organismus anzusehen wäre.R. K. Balandin: Vladimir Vernadsky. Moskau 1982, S. 24.

mini|Wladimir Iwanowitsch Wernadski entwickelte einen ökologischen Biosphäre-Begriff.Zwischen 1922 und 1925 hielt sich Wernadski in Paris auf. Dort lernte er den französischen Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) kennen. Teilhard de Chardin hatte um 1920 ebenfalls Das Antlitz der Erde gelesen und darüber 1921 eine begeisterte Abhandlung geschrieben.M-J. P. Teilhard de Chardin: La face de la terre. In: Études. 169, 1921, S. 585–602. Teilhard de Chardin studierte Paläontologie in Paris und errang darin 1922 einen Doktortitel. Die beiden Geowissenschaftler trafen sich nun häufiger, zusammen mit Teilhard de Chardins gutem Freund Édouard Le Roy (1870–1954). In den Gesprächen dieser drei Männer wurden die modernen Anschauungen zur Biosphäre geformt.

Darauf folgend konnte Wernadski Gedanken zur Biosphäre das erste Mal 1922 und 1923 vor einem größeren Publikum erläutern. Denn er hielt Vorlesungen an der Pariser Sorbonne über Geochemie. Zu seinen Zuhörern zählte neben Teilhard de Chardin und Le Roy auch Henri Bergson (1859–1941). Ein Essay zur Vorlesung wurde 1924 veröffentlicht.V. I. Vernadsky: La Géochimie. Paris 1924.

Nach weiteren Überlegungen folgte 1926 ein kurzes Buch in russischer Sprache mit dem Titel биосфера.В. И. Вернадский: биосфера [Biosfera]. Leningrad 1926. Es wurde 1929 ins Französische übersetzt.V. I. Vernadsky: La Biosphère. Paris 1929.

Biosphäre nach Wladimir Iwanowitsch Wernadski: Die Gesamtheit der irdischen Organismen mitsamt dem Raum, den sie bewohnen, mit dem sie wechselwirken und den sie mit formen. Biosphäre wird als ökologischer Begriff verwendet.

Mit der Veröffentlichung und einer ersten Übersetzung seines Hauptwerks hätte Wernadskis Biosphäre-Begriff einer breiteren internationalen Wissenschaftsgemeinde zugänglich gemacht werden können.M. Piqueras: Meeting the Biosphere: on the translations of Vernadsky's work. In: Int. Microbiol. 1, 1998, S. 165–170. Dies wurde anfänglich allerdings aus drei Gründen verhindert: Wegen fehlender Russischkenntnisse konnte биосфера (1926) nur von wenigen westeuropäischen Wissenschaftlern gelesen werden. Auch die französische Übersetzung La Biosphère (1929) wurde kaum beachtet. Außerdem hatte 1925 und 1926 Pierre Teilhard de Chardin inzwischen eigene Essays zum Thema Biosphäre veröffentlicht. Im Gegensatz zu Wernadskis Büchern wurden Teilhard de Chardins Schriften weithin gelesen. Allerdings meinte Teilhard de Chardin etwas Anderes als Wernadski, wenn er von der Biosphäre schrieb.P. Teilhard de Chardin: L'Hominisation. In: La Vision du Passé. Paris 1957, S. 80.

mini|hochkant|Pierre Teilhard de Chardin verbreitete einen biotischen Biosphäre-Begriff.

Der Biosphäre-Begriff von Teilhard de Chardin erschien noch vor Wernadskis La Biosphère und wurde weitläufiger beachtet. Darum setzte sich vorerst dieser Biosphäre-Begriff durch, nicht jener von Wernadski.

Biosphäre nach Pierre Teilhard de Chardin: Die Gesamtheit der irdischen Organismen. Biosphäre wird als biotischer Begriff verwendet. Er ist gleichbedeutend mit globale BiotaJ. E. Lovelock: The Ages of Gaia: a Biography of Our Living Earth. Oxford 1988, ISBN 0-19-286217-0, S. 10. oder globale Biozönose.

Teilhard de Chardin folgte nicht dem ökologischen Biosphäre-Begriff von Wernadski – obwohl er den russischen Gelehrten persönlich aus Paris kannte und zusammen mit ihm und Édouard Le Roy die moderne Auffassung von Biosphäre mit entwickelt hatte. Eine Erklärung für den prinzipiellen Unterschied der beiden Biosphäre-Begriffe liegt in der Lektüre von Wernadkis Buch биосфера. Darin findet sich nirgendwo eine prägnante oder explizite Definition von Wernadskis ökologischem Biosphäre-Begriff. Stattdessen erschließt sich der ökologische Biosphäre-Begriff erst allmählich beim Gang durch die Kapitel.V. Vernadsky: The Biosphere. New York 1998, ISBN 0-387-98268-X. Andererseits gibt es in dem Buch zumindest einen Textabschnitt, der für sich genommen ganz nach einem biotischen Biosphäre-Begriff klingt: In den Kapiteln 44 bis 46 schätzte Wernadski die Gesamtmasse der Biosphäre. Wernadski meinte mit dieser Gesamtmasse allerdings nicht die Masse aller Lebewesen zusammen mit der gesamten Masse der von ihr beeinflussten abiotischen Umwelt. Nur eine solche Gesamtmasse wäre aber die Gesamtmasse im Sinne eines ökologischen Biosphäre-Begriffs gewesen. Stattdessen meinte Wernadski mit der biosphärischen Gesamtmasse ausschließlich die Masse aller Lebewesen. Damit folgte zumindest dieser Textabschnitt einem biotischen Biosphäre-Begriff.V. Vernadsky: The Biosphere. New York 1998, ISBN 0-387-98268-X, S. 71–72. Demnach verwendete Wernadski in den 1920ern nicht immer einen eindeutigen Biosphäre-Begriff, sondern schwankte zwischen der ökologischen und der biotischen Bedeutung. Allerdings tendierten seine Schriften weit überwiegend in Richtung des ökologischen Biosphäre-Begriffs. Letztlich unterschied er sich eben hier von Teilhard de Chardin – und der Jesuit trieb in seinen Publikationen konsequent den biotischen Biosphäre-Begriff voran.