mini|Das Unterengadin, Blick nach Westen auf Lavin Das Unterengadin (, früher Engiadina Suot, abgeleitet vom rätoromanischen Namen des Flusses Inn: En) ist der untere Teil des schweizerischen Inntals. Gemeinsam mit dem Val Müstair bildet es im Kanton Graubünden die Region Engiadina Bassa/Val Müstair.
Geografie mini|hochkant|links|Piz Linard, höchster Gipfel des Unterengadins mini|Inn zwischen Susch und Lavin
Lage Das Engadin liegt im Südosten der Schweiz im Dreiländereck mit Österreich und Italien. Im Südwesten schliesst das Unterengadin an das deutlich flachere und breitere Oberengadin (Engiadin’Ota) an, mit dem es historisch durch die Punt Ota (Hohe Brücke) bei der Ortschaft Brail verbunden wird. Nordwestlich liegen das Landwassertal und Davos, nördlich das Prättigau und das Paznaun nordöstlich Samnaun und im Osten das Obere Gericht. Südöstlich liegt der Vinschgau, im Süden das Münstertal, im Südwesten Livigno.
Die Talschaft ist weit stärker (1610–1019 m) geneigt als das Oberengadin und enger und wilder. Bis zur österreichischen Grenze hinter Martina gräbt sich der Inn durch die Brailer, Zernezer, Ardezer, Scuoler und Finstermünzer Schlucht. In der wildesten dieser Schluchten, der von Finstermünz, verlässt er die Schweiz unter der österreichischen Grenzfeste Altfinstermünz.
mini|Zernez, neben Scuol das wichtigste Dorf im Unterengadin
Ausgangs der Brailschlucht liegt Zernez in einem Talkessel, nach Scuol (Schuls) die heute wichtigste Ortschaft des Unterengadins. Auch die meisten übrigen Orte liegen unmittelbar am Ufer des Inns (Susch, Lavin, Giarsun, Scuol, Sur En, Strada und Martina) oder auf den zahlreichen Südterrassen des Tales (Guarda, Bos-cha, Ardez, Ftan, Sent, Ramosch, Vnà und Seraplana, San Nicla und Tschlin). Einzig mit den Weilern von Tarasp erstreckt sich eine Ortschaft auf den rechten Terrassen des Inns.
Gebirge Das Unterengadin umfasst auf der linken (nördlichen) Innseite die östlichen Ausläufer der Albula-Alpen, die Südseite der Silvretta mit dem Piz Linard, Piz Buin, Dreiländerspitze und Silvrettahorn und die südlichen Ausläufer der Samnaungruppe mit dem Piz Mundin, Muttler und Piz Tschütta. Rechts des Inns befinden sich Ausläufer der Livigno-Alpen mit dem Piz Quattervals und die Gipfel der Sesvenna-Gruppe wie der Piz Pisoc, Piz Tavrü, Piz Plavna Dadaint, Piz Zuort und Piz Lischana, die oft als Engadiner Dolomiten bezeichnet werden. Ein grosser Teil des Gebirges rechts des Inns ist Bestandteil des Schweizerischen Nationalparks. Der höchste Gipfel des Unterengadins ist mit 3410 Metern der markante Piz Linard.
Seitentäler Zu den grössten Seitentälern zählen rechts des Inns das Val da Spöl, in dem in Zernez die Ofenpassstrasse ins Münstertal und in den Vinschgau beginnt, und das Val Plavna und Val S-charl bei Tarasp und Scuol. Links des Inn liegen das Val Susasca bei Susch, von dessen Passhöhe es über Davos ins Landwassertal und Prättigau geht, sowie das Val Tuoi, Val Tasna und Val Sinestra oberhalb von Guarda, Ardez und Sent, die Richtung Paznaun führen. An der Staatsgrenze nach Österreich zweigt links das abgelegene Samnauntal ab.
Ortschaften im Unterengadin mini|Scuol
Talabwärts: Gemeinde Zernez: Brail (geografisch und sprachlich-kulturell bereits dem Oberengadin zugerechnet), Zernez, Susch, Lavin; Gemeinde Scuol: Giarsun, Guarda, Bos-cha, Ardez, Ftan, die ehemalige Gemeinde Tarasp (mit den Fraktionen Fontana, Sparsels und Vulpera), Scuol, Sent; Gemeinde Valsot: Vnà, Ramosch, Seraplana und Raschvella (Fraktionen der ehemaligen Gemeinde Ramosch), Tschlin, Strada und Martina (Fraktionen der ehemaligen Gemeinde Tschlin); Samnaun: Samnaun-Dorf, Ravaisch, Plan, Laret und Compatsch.
Geschichte (Quelle: mindspring.com) Frühzeit und Antike Archäologische Funde belegen die kontinuierliche Besiedlung des Unterengadins seit der Bronzezeit, wichtige Fundorte waren etwa die Muotta dal Clüs bei Zernez, Padnal bei Susch, der Kirchenhügel in Scuol und die Motatta bei Ramosch. Die Unterengadiner der späten Bronzezeit und frühen Eisenzeit werden der Laugen-Melaun-Kultur zugeordnet, die der mittleren und späten Eisenzeit der Fritzens-Sanzeno-Zivilisation. 15 v. Chr. führten die Feldzüge der Augustus-Söhne Tiberius und Drusus auch durchs Engadin, die dort lebenden Räter wurden dem römischen Reich eingegliedert und im Verlauf der römischen Herrschaft romanisiert. Einige Münzfunde belegen die römische Herrschaft.
Im Zuge der Christianisierung entstand in Chur das erste Bistum nördlich der Alpen.
Frühmittelalter mini|Ramosch mit der Florinus-Kirche
Mit den Völkerwanderungen wurde die Provinz Raetia Prima bzw. Raetia Curiensis und damit auch das Unterengadin zunächst Teil des Ostgotischen Reiches, zwischen 533 und 548 fiel es dann an das Frankenreich. Die politische Kontrolle über Churrätien lag während der fränkischen Herrschaft bis 765 in der Hand der Churer Adelsfamilie der Viktoriden. Verschiedene Vertreter dieser Dynastie verbanden das alte politische Amt des praeses mit der Würde des Bischofs von Chur. So gelang es ihnen, sowohl das alte römische Kaiser- und Fiskalgut wie auch Kirchengüter zu kontrollieren. Karl der Grosse konnte ab 772/74 die bis dahin weitgehend selbständige Provinz enger an das Reich binden. Mit Remidius setzte er zunächst einen Bischof vom Kaiserhof ein, nach dessen Tod gelang ihm in Churrätien die Trennung zwischen Reichs- und Kirchengütern, dem Bischof wurde offenbar ein grosser Teil seiner Besitztümer entzogen. Gleichzeitig wurde mit der Grafschaftsverfassung auch die weltliche Gerichtsgewalt getrennt. Für das Unterengadin hatte das – im Gegensatz etwa zum Oberengadin – über Jahrhunderte währende Konflikte um die Vormachtstellung in der Talschaft zur Folge. Die vielfach sich durchkreuzenden Herrschafts- und Lehnrechte der Besitzer führten zu langen Fehden.
Als frühmittelalterliches Zentrum des Unterengadins gilt Ramosch, wo sich im 6. Jahrhundert die erste christliche Kirche des Engadins befand und von wo sich die christliche Gemeinde des Engadins entwickelte. Hier in Ramosch bzw. Remüs wirkte Florinus von Remüs als Pfarrer. Sein Grab wurde bis zur Reformation 1530 zum Pilgerort.
Hochmittelalter mini|Tarasp und Schloss Tarasp Die Markgrafschaft Churrätien gehörte zum 917 proklamierten Herzogtum Schwaben und damit zum aus dem karolingischen Ostfrankenreich entstandenen Heiligen Römischen Reich. Das Unterengadin war Bestandteil der Grafschaft Vinschgau, die Mitte des 12. Jahrhunderts an die Grafen von Tirol fiel. Die Tiroler Grafen hielten die Rechte der hohen Gerichtsbarkeit.
Währenddessen konnten die Bischöfe von Chur nach den Beschränkungen durch Karl den Grossen ihre weltlichen Einflüsse auf das Unterengadin über neuerlichen Streubesitz wieder ausdehnen: So übernahm das Bistum, das seine Ansprüche auf Schenkungen Ottos I. und Heinrich II. stützte und die niedere Gerichtsbarkeit innehatte, ab 1177 für ein paar Jahre die Burg Tarasp, die ab 1040 von einer wohl aus dem Vinschgau stammenden Familie errichtet worden war, 1209 die Festung Steinsberg bei Ardez, die das Bistum zu seinem Herrschaftsmittelpunkt im Unterengadin ausbaute, 1394 die Burg Ramosch, einem bedeutenden Verwaltungszentren des Unterengadins, etwas später die Festung Wildenberg-Planta in Zernez. Über das Unterengadin verteilt waren auch die Besitztümer der benachbarten Benediktinerklöster Marienberg im Vinschgau und Mustair im Val Müstair, die durch die Herren von Tarasp mit Lehnsrechten bedacht worden waren. Auch die Herren von Matsch, hervorgegangen aus der Familie derer von Tarasp, waren im Besitz etlicher Lehnsrechte im Unterengadin, sie verwalteten beispielsweise ab 1273 die Burg Tarasp, die 1239 an Graf Albert von Tirol gegangen war. Die Tiroler Grafen übertrugen die Rechtsprechung im Raum Nauders, zu dem auch das Unterengadin gehörte, an die Herren von Matsch.
Unterdessen dehnten die Engadiner Bauern ihre Weidegründe über das Unterengadin hinaus aus: Die Nordhänge des Flüelapass im dünn besiedelten Raum um Davos gehörten zu den Almen Suschs, wurden mit der Besiedlung durch die Walser im 13. Jahrhundert zunächst an diese verpachtet und 1328 verkauft. Die Herren von Tarasp besassen schon im 11. Jahrhundert Alpen im Fimbertal (Val Fenga) und nahmen im 12. Jahrhundert gemeinsam mit dem Kloster Marienberg im mittleren Paznauntal um Ischgl Land. Freie Bauern aus Sent und Ardez besiedelten Galtür, Ischgl und Paznaun, die Gemeinde Sent erwarb dort Weiderechte. Auch kirchlich unterstand Galtür der Gemeinde Ardez, die eigene Pfarrkirche wurde erst 1383 geweiht. Ischgl gehörte kirchlich bis 1616 zu Sent, und noch heute liegen Teile des Fimbertals auf Senter Gebiet.
Spätmittelalter mini|Grenzfeste Finstermünz
1363 fiel Tirol an die Habsburger und damit an das Erbherzogtum Österreich. Die Habsburger versuchten seitdem, auch im Unterengadin ihre Besitztümer im Reich zusammenzufassen, zu sichern und auszuweiten, was zu Konflikten mit dem Bistum Chur führte. Als Gegengewicht zur Habsburger Expansion kam es 1365 in Zernez und 1367 in Chur zur Beeidigung des Gotteshausbundes, an der sich auch die Unterengadiner beteiligten.Geschichte der Gemeinde Tschlin Neben dem Bischof von Chur und neben Tirol bzw. dem Haus Habsburg entstand damit mit dem Gotteshausbund im Unterengadin ein dritter Machtfaktor. Um sich vor Überfällen aus dem Engadin zu schützen und an den Verkehrswegen vom Engadin und vom Vinschgau über den Reschenpass nach Tirol Zollgebühren kassieren zu können, errichteten die Österreicher ab 1427 die Grenzfeste Altfinstermünz in der gleichnamigen Schlucht am unteren Ende des Engadins.Altfinstermünz: Geschichtlicher Überblick Eine ähnliche, wenn auch deutlich kleinere Talsperre besteht mit La Serra in Zernez.
Register der Grafschaft Tirol von 1427 belegten für das Unterengadin rund 2'000 Einwohner, von denen ca. 800 der Grafschaft Tirol mit ihrem Sitz in Meran unterstellt waren. In Tschlin etwa unterstanden 78 Prozent, in Sent sogar 90 Prozent der Bevölkerung der Grafschaft, die ihre Rechte und Besitzungen durch den Vogt des benachbarten Nauders am Reschenpass im Obervinschgau verwalten liess. Die Hohe Gerichtsbarkeit bzw. Blutsgerichtsbarkeit lag in Nauders, also bei den Grafen von Tirol, denen auch die Jagd- und Fischereirechte, die Bergwerke, etwa in S-charl, und die Gewässer unterstanden und die die Wälder ausbeuten liessen.
Der damalige Gerichtsbezirk Sur Muntfallun (Oberhalb Munt Fallun) umfasste die Ortschaften Zernez, Susch (Süs), Lavin, Guarda, Ardez (Steinsberg) und Ftan, Suot Muntfallun (Unterhalb Munt Fallun) Scuol (Schuls), Sent (Sins), Ramosch (Remüs, mit Samnaun) und Tschlin (Schleins). Namensgeber war ein Hügel zwischen Scuol und Sent. Das Gericht Sur Muntfallun traf sich in Puniasca bei Susch, Suot Muntfallun in Chünettas unweit des Inns bei Sent. Unter den Vögten von Nauders und den Vertretern der Gerichte des Unterengadins und des Vinschgaus sowie Gesandten des Bischofs von Chur und der Klöster Marienberg und Müstair fand in Martina eine jährliche Landsprache statt. Diese sogenannte Landsgemeinde bestand bis ins 16. Jahrhundert.
Für die niedere Gerichtsbarkeit waren drei Gerichtsbezirke zuständig, die sich weitgehend mit den späteren drei Kreisen des Unterengadins decken: Der Gerichtsbezirk Sur Tasna umfasst die Ortschaften von der Punt Ota bis zum Val Tasna, also Zernez, Susch, Lavin, Guarda und Ardez, der Bezirk Suot Tasna die Orte Ftan, Scuol, Sent und Tschlin, der Bezirk Ramosch die zur Burg gehörigen Gebiete. Nach dem 15. Jahrhundert gehören auch Tschlin und Samnaun zum Kreis Ramosch. Das österreichische Tarasp kam erst 1803 zum Kreis Obtasna.