mini|200px|Der Dichter John Yau. Der mehrfache Literaturpreisträger wurde als Sohn chinesischer Einwanderer 1950 in Massachusetts geboren. Die chinesisch-amerikanische Literatur ist diejenige Literatur, die chinesische und chinesischstämmige Autoren in den Vereinigten Staaten oder für den Literaturmarkt der Vereinigten Staaten geschrieben haben.Die in diesem Artikel behandelten Autoren entstammen, streng genommen, einer Vielzahl ostasiatischer Ethnien und Kulturen. Yung Wing zum Beispiel kam – wie die Mehrzahl der Chinesen, die bis zur Aufhebung des Chinese Exclusion Act in die USA kamen – aus Guangdong und sprach Kantonesisch. Die Mehrzahl der jüngeren Autoren stammt aus Familien, in denen Hochchinesisch gesprochen wurde. Ihre Vorfahren kommen aus allen Teilen des chinesischen Festlandes, aber nur selten aus der Republik China (Taiwan). Ungeachtet dieser ethnischen und kulturellen Heterogenität identifizieren diese Autoren sich heute jedoch als „chinesisch-amerikanisch“, häufig sogar als „asiatisch-amerikanisch“. So tragen die Lehr- und Forschungseinrichtungen amerikanischer Universitäten, an denen die chinesisch-amerikanische Literatur studiert wird, mehrheitlich die Bezeichnung „Asian American Studies“ und decken neben den chinesischen auch alle anderen ost- und südostasiatischen Herkunftskulturen ab. Obwohl vereinzelte Werke bereits im 19. Jahrhundert nachgewiesen werden können, etablierte sich die chinesisch-amerikanische Literatur erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Einen regen Aufschwung nahm sie im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts mit Autoren wie Frank Chin, David Henry Hwang, Maxine Hong Kingston und Amy Tan. Von den interkulturellen Literaturen innerhalb der amerikanischen Literatur ist die chinesisch-amerikanische damit eine der jüngsten.
Oftmals werden der chinesisch-amerikanischen Literatur auch die Arbeiten von chinesischen Autoren zugerechnet, die – wie z. B. Bai Xianyong (Pai Hsien-yung) – in den USA leben, aber für den Buchmarkt der Volksrepublik China oder Taiwans schreiben.Russell C. Leong: Paths of Stone, Rivers of Ink: The Sineo-American World through Its Writers
Hintergrund und Übersicht mini|200px|Yung Wing, Diplomat und Autor des Memoirenbandes My Life in China and America (1909). Foto aus dem Jahre 1910. Die Geschichte der Chinesen in den Vereinigten Staaten begann Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Aufnahme der chinesisch-amerikanischen Seehandelsbeziehungen und dem kalifornischen Goldrausch, der sich als mächtiger Pull-Faktor für eine Massenmigration aus der vom Zweiten Opiumkrieg und Taiping-Aufstand besonders belasteten Provinz Guangdong erwies. Die chinesischen Einwanderer waren in den USA unwillkommen und lebten meist unter äußerst schlechten Bedingungen; ihr literarisches Leben ist wenig dokumentiert. Die literaturwissenschaftliche Forschung befasst sich mit der frühen chinesisch-amerikanischen Literatur, die von mehrheitlich kantonesischen Autoren teils in chinesischer Schrift, teils in englischer Sprache geschrieben ist, erst seit kurzer Zeit. Das Textkorpus, das ihr dabei zur Verfügung steht, beschränkt sich bisher weitgehend auf die Arbeiten von Autoren, die einer kleinen kosmopolitischen Bildungselite angehörten und sozial weitaus besser gestellt waren als die Goldgräber, Eisenbahnarbeiter, Fischer, landwirtschaftlichen Saisonarbeiter, Wäscher und Köche, die die Mehrzahl der chinesischen Einwanderer bildeten. Nur vereinzelt haben Literaturwissenschaftler auch Gedichte und Lieder anonymer chinesischer Einwanderer gesammelt.Zum Beispiel Marlon K. Hom: Jinshan Geiji, Songs of Gold Mountain, San Francisco 1911 und 1915 (wiederaufgelegt unter dem Titel Songs of Gold Mountain: Cantonese Rhymes from San Francisco Chinatown, University of California Press, 1992, ISBN 0-520-08104-8); Kim Mark Lai, Genny Lim, Judy Yung (Hrsg.): Island: Poetry and History of Chinese Immegrants on Angel Island 1910–1940, University of Washington Press, 1999, ISBN 0-295-97109-6
Die Lebenssituation der chinesischen Einwanderer war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vom Chinese Exclusion Act geprägt, einem 1882 eingeführten US-Bundesgesetz, das die chinesische Einwanderung regelte, den Nachzug von Familienangehörigen abriegelte und dazu führte, dass die chinesisch-amerikanische Bevölkerungsgruppe eine weitgehend frauen- und kinderlose Junggesellengemeinschaft war, in der normalgesellschaftliche Strukturen und Institutionen wie z. B. Schulen oder Kulturorganisationen, wie sie für andere Einwanderergruppen eine Selbstverständlichkeit waren, kaum entstehen konnten. Zu den wenigen chinesischstämmigen Autoren, die in dieser Zeit für den amerikanischen Buchmarkt geschrieben haben, zählen die als Töchter einer chinesischen Mutter geborenen Schwestern Edith Maude Eaton alias Sui Sin Far (1865–1914) und Winnifred Eaton (1875–1954) alias Onoto Watanna, zwei Grenzgängerinnen, die ihr erwachsenes Leben teils in Kanada, teils in den USA verbracht haben.Onoto Watanna: A Japanese Nightingale, 1902 ()
Die Einreisebeschränkungen für chinesische Einwanderer wurden von 1943 bis 1965 nach und nach abgeschafft. Das demografische Ungleichgewicht innerhalb der chinesisch-amerikanischen Gemeinschaft wurde durch den Nachzug von Frauen und Kindern nach und nach ausgeglichen und die chinesischen Amerikaner etablierten sich innerhalb der multiethnischen amerikanischen Gesellschaft als eine normale Bevölkerungsgruppe. Bereits am Vorabend dieser Entwicklung entstand eine erste kleine chinesisch-amerikanische Literaturszene, die über die eigene ethnische Gemeinschaft hinaus allerdings noch kaum beachtet wurde. Ihre Protagonisten – Pardee Lowe, Lin Yutang, Helena Kuo, Hazel Ai Chun Lin und Diana Chang – schrieben fast ausschließlich in englischer Sprache, eine Gepflogenheit, die in der chinesisch-amerikanischen Literatur bis heute verbindlich geblieben ist, zumal ein Großteil der Nachfahren der Einwanderer nur noch schlecht chinesisch lesen kann.
mini|200px|Die Schriftstellerin Maxine Hong Kingston. Foto aus dem Jahre 2006. Mit dem Sieg der Kommunistischen Partei im chinesischen Bürgerkrieg und der Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 entstand ein neuer Typus chinesischer USA-Migranten, der bis in die Gegenwart vorherrschend geblieben ist.51,7 Prozent der Sino-Amerikaner über 25 Jahre haben heute einen Collegeabschluss, aber nur 27 Prozent der erwachsenen Gesamtbevölkerung der USA (). Die Vereinigten Staaten wurden nämlich ein interessantes Ziel für chinesische Wissenschaftler und Intellektuelle, die im kommunistischen China keine ausreichenden Karrierechancen fanden; auch Tausende von hochbegabten jungen Leuten, die als Auslandsstudenten in die USA gekommen waren, kehrten nach 1949 nicht mehr in ihre Heimat zurück. Dieser Strukturwandel der chinesisch-amerikanischen Gemeinschaft fiel zusammen mit der Entstehung der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen, des gesellschaftlichen Ansehens und des Selbstbewusstseins nicht nur der Afroamerikaner, sondern aller sichtbaren ethnischen Minderheiten führte. In den 1950er Jahren wurden chinesisch-amerikanische Autoren erstmals nicht nur innerhalb der chinesisch-amerikanischen Gemeinschaft, sondern weit darüber hinaus wahrgenommen, darunter Jade Snow Wong, die 1950 ihren ersten Memoirenband veröffentlichte, und Chin Yang Lee, dessen Roman Flower Drum Song von Rodgers und Hammerstein 1958 zu einem populären Musical adaptiert wurde. Behindert wurde die Entfaltung des chinesisch-amerikanischen Literaturlebens in den 1950er Jahren andererseits von der Red-Scare-Hysterie der McCarthy-Ära; viele chinesisch-amerikanische Schriftsteller und Intellektuelle, die die politischen Entwicklungen in China begrüßten, wurden vorübergehend in den Untergrund gezwungen.
Rapide entfaltete die chinesisch-amerikanische Literatur sich erst in den 1970er Jahren. Frank Chin war in dieser Zeit der erste chinesisch-amerikanische Dramatiker, der ein Werk erfolgreich in ein New Yorker Theater brachte. Bald folgten David Henry Hwang und Elizabeth Wong. Als ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung der asiatisch-amerikanischen Literatur gilt die Veröffentlichung des von Jeffery Paul Chan, Frank Chin, Lawson Fusao Inada und Shawn Wong herausgegebenen Sammelbandes Aiiieeeee! An Anthology of Asian American Writers (1974).Guiyou Huang: Asian American autobiographers: A Bio-Bibliographical Critical Sourcebook, S. 57 () Maxine Hong Kingston errang mit ihrem 1975 veröffentlichten Memoirenband The Woman Warrior den bedeutenden National Book Critics Circle Award. Amy Tan gewann mit ihrem Roman The Joy Luck Club (1989) u. a. einen National Book Award. Erfolgreiche chinesisch-amerikanische Autoren der jüngeren Zeit sind Gish Jen, Shirley Geok-lin Lim und Sandra Tsin Loh.
Gattungen, Genres und Themen Der Heterogenität ihrer Autorenschaft entsprechend, weist die chinesisch-amerikanische Literatur eine erhebliche thematische Bandbreite auf. Chinesisch-amerikanische Autoren sind heute in allen Genres, die auf dem amerikanischen Buchmarkt nachgefragt sind, vertreten und schreiben z. B. Kriminal-, Science-Fiction-, Fantasy- oder homosexuelle Romane. Einige Themen sind jedoch für die chinesisch-amerikanische Literatur spezifisch und kehren immer wieder: die chinesisch-amerikanische Migrationserfahrung, die Schwierigkeiten der Assimilation in die Kultur und Gesellschaft der angloamerikanischen Mehrheit, die Auseinandersetzungen zwischen den (unterschiedlich stark assimilierten) Generationen und die Anstrengung um die Bewahrung und eventuell auch Wiederaneignung des chinesischen kulturellen Erbes.Guiyou Huang: Asian American Literary Studies, Columbia University Press, 2006, ISBN 978-0-7486-2013-5
Ihren Lesern gewährt diese Literatur Einblicke in das immer wieder sich wandelnde chinesisch-amerikanische Verhältnis und die gedankliche Konzeption, die die westliche Welt von China hat, sie zeigt aber auch den Westen, wie Chinesen ihn wahrnehmen.
Autobiografien und Memoiren Ein Ausgangspunkt der chinesisch-amerikanischen Literatur sind die Autobiografien und Memoiren, die chinesische Einwanderer und deren Nachkommen in den Vereinigten Staaten geschrieben und publiziert haben. Eine der frühesten bekannten Arbeiten in diesem Textkorpus ist das um 1887 veröffentlichte Erinnerungsbuch When I Was a Boy in China von Lee Yan Phou. 1909 folgte Yung Wings Bericht My Life in China and America. Lee und Yung waren Yale-Absolventen und zwei der ersten Chinesen, die in den USA einen Hochschulabschluss erwarben.
Bereits in den 1930er und 1940er Jahren gab es in der chinesisch-amerikanischen Gemeinschaft eine gebildete und kosmopolitische kleine Minderheit, die sich eine literarische Tätigkeit leisten konnte und der chinesisch-amerikanischen Memoirenliteratur zu einem ersten Aufschwung verhalf. Als der erste Chinese mit amerikanischer Staatsangehörigkeit, der ein Buch veröffentlicht hat, gilt Pardee Lowe, der 1904 in San Francisco geboren ist und als junger Mann in Stanford und Harvard studiert hat. In seiner 1937 publizierten Autobiografie Father and Glorious Descendant beschreibt Lowe das Verhältnis zu seinem geliebten und verehrten Vater, kritisiert aber auch die Diskriminierung, mit der chinesische Amerikaner damals konfrontiert sind.Judy Yung, Gordon H. Chang, H. Mark Lai: Chinese American voices: From the Gold Rush to the Present, S. 165 ()
mini|200px|Die Autorin Mai-mai Sze (1910–1992). Fotografiert von Carl van Vechten im Jahre 1935.