Die Wilhelm Gustloff war ein Kabinen-Fahrgastschiff der NS-Organisation Deutsche Arbeitsfront (DAF), dessen Versenkung wenige Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa als eine der verlustreichsten Katastrophen der Seefahrt gilt.
Das Motorschiff wurde ab Frühjahr 1938 vom Amt für Reisen, Wandern und Urlaub (RWU) der DAF-Unterorganisation NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ (KdF) für Kreuzfahrten eingesetzt. Nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 wurden alle KdF-Schiffe von der Kriegsmarine als Lazarett-, Wohnschiff und Truppentransporter verwendet und ab Ende Januar 1945 im Rahmen des „Unternehmens Hannibal“ für Verwundeten- und Flüchtlingstransporte über die Ostsee eingesetzt.
Die mit Flüchtlingen und Wehrmachtsangehörigen überfüllte Gustloff wurde am 30. Januar 1945 vor der Küste Pommerns vom sowjetischen U-Boot S-13 torpediert. Bei der Versenkung starben – je nach Schätzung – zwischen 4.000 und über 9.000 Menschen.
Bau und Ausstattung mini|links|Modell der Wilhelm Gustloff im Marine-Ehrenmal Laboe mini|Vorbeifahrt an der Wilhelm Gustloff bei einer Hafenrundfahrt im Hamburger Hafen am 15. Juli 1938 mini|Vorbeifahrt an der Wilhelm Gustloff im Hamburger Hafen am 15. Juli 1938
Das neue Kreuzfahrtschiff wurde bei Blohm & Voss in Hamburg unter der Baunummer 511 im Auftrag der Deutschen Arbeitsfront gebaut. Die Kiellegung erfolgte am 1. Mai 1936 durch den DAF-Reichsleiter Robert Ley. Schiffseigner war somit die DAF; jedoch wurde die Wilhelm Gustloff von der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrtsgesellschaft (HSDG) bereedert, d. h. verwaltet, mit Besatzung versehen und gewartet.
Im Beisein Adolf Hitlers erfolgte am 5. Mai 1937 der Stapellauf nach der Schiffstaufe durch Hedwig Gustloff, Witwe des von den Nationalsozialisten zum „Blutzeugen der (NS)-Bewegung“ stilisierten Wilhelm Gustloff, der Anfang Februar 1936 in der Schweiz Opfer eines Attentats geworden war. Am 15. März 1938 war das Schiff fertiggestellt und Kapitän Carl Lübbe machte mit Werftarbeitern, ihren Angehörigen sowie weiteren Personen eine kurze Probefahrt die Unterelbe hinunter bis in die Nordsee. In der Woche darauf begann am 24. März die dreitägige Jungfernfahrt, die wieder in die Nordsee führte.
Kabinen Mit der Innenausstattung war der Architekt Woldemar Brinkmann beauftragt worden. Als „Schiff ohne Klassen“ war die Ausstattung der Kabinen für Fahrgäste und Besatzungsmitglieder im Wesentlichen gleich. Für die Passagiere gab es 224 Zwei- und 233 Vierbettkabinen mit einem bzw. zwei Etagenbett(en). Zusätzlich wurden für größere Familien drei Kabinen vorgehalten, die mit drei Etagenbetten möbliert waren. Jede Kabine hatte einen Kleiderschrank für jeden Bewohner, ein bzw. zwei (Vier- und Sechsbettkabinen) Waschbecken mit fließend kaltem und warmem Wasser sowie eine Sitzgruppe aus Tisch, Stühlen und Sofa. Wie auf den Fahrgastschiffen jener Zeit noch allgemein üblich, befanden sich WCs, Duschen (damals „Brausen“ genannt) und Badewannen als Gemeinschaftseinrichtungen außerhalb der Kabinen, waren jedoch für Passagiere und Besatzungen getrennt. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder waren ausschließlich in Außenkabinen untergebracht, lediglich auf dem bereits unter der Wasserlinie liegenden E-Deck gab es vor dem Schwimmbad mit einem 10 × 5 Meter großen Becken mittig einen großen Aufenthaltsraum mit 60 Sitzplätzen sowie zu beiden Seiten insgesamt sechs Schlafräume ohne Bullaugen. Dort waren jeweils fünf Etagenbetten aufgestellt, die der Hitlerjugend (HJ) bzw. dem Bund Deutscher Mädel (BDM) als „schwimmende Jugendherberge“ dienten.
Den Mitgliedern der Schiffsführung, Ingenieuren/Mechanikern, Funkern, Ärzten und Reiseleitern standen 40 Einzelkabinen zur Verfügung. Die restliche Besatzung wohnte in 39 Zweibett- und 77 Vierbettkabinen.
Auf dem B-Deck gab es an Backbord hinter dem vorderen Treppenhaus die „Führer-Räume“, die aber von Hitler und seinem Gefolge nie genutzt wurden. Für das Begleitkommando waren zwei Vierbettkabinen vorgesehen, gefolgt von der Suite des Diktators. Diese hatte neben einem rund 25 m² großen Wohnzimmer ein geräumiges Schlafzimmer mit Einzelbett sowie ein Bad mit Dusche und Wanne. Nach achtern (links davon) befand sich eine kleinere Zimmerflucht mit Bad, die für den NSDAP-Reichsleiter Robert Ley reserviert war. Die beiden Suiten bzw. Kabinen mit den max. 13 Betten waren normalerweise nicht belegt.
Damit gab es an Bord Betten für max. 1471 Fahrgäste (incl. HJ/BDM-Schlafräume und den „Führer-Räumen“) und 426 (inkl. zwei Lotsen) Besatzungsmitglieder. Für diese 1897 Personen waren auch die 22 Rettungsboote bemessen. Auf jeder Seite waren Davits für zehn Motor-Rettungsboote (MRB) und ein Ruderboot installiert. Die von der Werft gebauten MRB waren für jeweils 95 Personen ausgelegt; davon waren zwei kleiner und fassten nur 39 Personen. Die beiden ganz vorn aufgehängten Ruderboote konnten je 65 Personen aufnehmen. In den Rettungsbooten war somit Platz für 1918 Menschen. Auf der letzten Fahrt der Gustloff waren aber nicht mehr alle Davits mit Booten belegt.
Die Wilhelm Gustloff war zwar als Passagierschiff konzipiert, doch bei der Konstruktion hatte man von Anfang an auch eine Nutzung als Hospitalschiff berücksichtigt. So waren z. B. die Aufzüge für den Transport von Krankenhausbetten ausgelegt und in den Kabinen gab es eine Verrohrung für die Sauerstoffversorgung.
Decks Kommandobrücke Sonnendeck (mit Laube/Tanzfläche, Turnhalle, Rettungsboote, Notdynamoraum) oberes Promenadendeck (mit Kabinen) unteres Promenadendeck (mit Musik- und Theaterhalle) A-Deck, Brückendeck (mit vorderem und hinterem Speisesaal, Küche und Zahnarzt/Hospital) B-Deck, I. Deck (mit Kabinen, „Führer-Räumen“, Wäscherei, Dunkelkammern und Damen-/Herrenfriseur) C-Deck, II. Deck/Schottendeck (mit Kabinen, Bäckerei und Schlachterei) D-Deck, III. Deck (mit Kabinen, Speiseraum für Besatzung und Werkstatt) E-Deck (mit Schwimmbad, HJ/BDM-Unterkunft, Haupt-/Hilfsmaschinenraum, Treiböltanks, Gepäckräumen, Vorräten und Proviant) Stauraum/Doppelboden (mit Maschinen-/Hilfsmaschinenraum, Treiböltanks, Proviant- und Kühlräumen, Schwimmbecken sowie Ballast- und Frischwassertanks)
Maschinenanlage Entsprechend der vorgesehenen Verwendung bei Kreuzfahrten, wo eine hohe Geschwindigkeit nicht erforderlich ist, hatte die Maschinenanlage eine für die Größe des Schiffes eher geringe Leistung. Insgesamt vier Zweitakt-Dieselmotoren, genauer: Achtzylinder-Tauchkolben-Reihenmotoren Bauart MAN G8Z 52/70 (Bohrung 52 cm, Hub 70 cm), die als Lizenzbau von der Werft gefertigt wurden, stellten eine Wellenleistung von zusammen 9500 PSe (6987 kW) bereit. Jeweils zwei dieser Motoren waren über ein Untersetzungsgetriebe mit einem Propeller gekoppelt. Die elektrische Energie für das Bordnetz (220 Volt Gleichspannung) erzeugten fünf Generatorsätze. Davon waren zwei im Hauptmaschinenraum und drei im davor gelegenen Hilfsmaschinenraum installiert. Sie bestanden aus je einem Sechszylinder-Dieselmotor mit 570 PSe Leistung, der einen Gleichstromgenerator mit 380 kVA antrieb. Bei Ausfall der Stromversorgung sorgte ein im Notdynamoraum auf dem Sonnendeck befindliches Stromerzeugungsaggregat für die Notbeleuchtung.
Nutzung bis 1945 mini|Die Wilhelm Gustloff in Stettin als Lazarettschiff, kenntlich durch den weißen Anstrich und das ca. 1,8 m breite grüne Band, das unterhalb der Reling um den Rumpf herum läuft. Zusätzlich trägt der Schornstein das Symbol des Roten Kreuzes, 1939 mini|Deutsche Verwundete der Schlacht um Narvik auf der als Verwundetentransporter dienenden Wilhelm Gustloff, Juli 1940 mini|Meldung über die Versenkung der Wilhelm Gustloff in einem US-Propagandaflugblatt: „3700 U-Boot-Mannschaften und 5000 flüchtige NS-Beamte waren an Bord.“ mini|hochkant|1988 aus der Ostsee geborgenes Bullauge der Wilhelm Gustloff
Auf seiner ersten regulären Fahrt lief das Schiff am 2. April 1938 London an, um im Rahmen einer NS-Propagandaaktion den in England lebenden Deutschen und Österreichern Gelegenheit zu bieten, an der am 10. April stattfindenden Reichstagswahl teilzunehmen sowie über den rund vier Wochen vorher erfolgten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich abzustimmen.
Am 24. März 1938 unternahm das Schiff mit rund 1500 Passagieren eine zweitägige Fahrt nach Helgoland.
Vom 21. April bis 6. Mai 1938 fand von Hamburg aus die Frühjahrs-Lissabon-Madeira-Fahrt statt. Sie wurde als „Jungfernfahrt des KDF-Dampfers Wilhelm Gustloff“ beworben. Am zweiten Tag der Reise, dem 22. April, starb Kapitän Carl Lübbe im 58. Lebensjahr * 1. Juli 1880 in Hamburg-Reitbrook † 22. April 1938 auf See, auf: deutsche-digitale-bibliothek.de auf See an einem Herzinfarkt, woraufhin eine 48-stündige Bordtrauer angeordnet wurde. Kapitän Friedrich Petersen (1882–1960) * 14. März 1882 in Keitum (Sylt) † 26. April 1960 ebenda, auf: Familiendatenbank Sylt übernahm das Kommando, das er auch auf der letzten Fahrt der Gustloff innehatte. Am 28. April strahlte der Sender Leipzig den Hörbericht „Hallo, könnt ihr uns gut verstehen?“ von Bord des „KdF.-Dampfers ‚Wilhelm Gustloff‘ und seiner ersten Reise nach Madeira“ aus. Ob es sich um eine Liveübertragung handelte, ist unklar. Donnerstag, 28. April 1938 19.10 Uhr Leipzig Auf der Jungfernfahrt wurden 3.752 Seemeilen (6.739 Kilometer) zurückgelegt. Rund 1.400 Menschen hatten an der Reise teilgenommen.
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 wurde die Wilhelm Gustloff als Kreuzfahrtschiff genutzt. Von Genua aus unternahm sie sechs zehntägige Fahrten um das mit dem Dritten Reich verbündete Italien. Sechs fünftägige Kreuzfahrten führten nach Norwegen. Im Mai 1939 lief sie zusammen mit den KdF-Schiffen Robert Ley, Der Deutsche, Stuttgart, Sierra Cordoba und Oceana nach Vigo, um die Soldaten der Legion Condor, mit der Hitler den spanischen General Franco im Spanischen Bürgerkrieg unterstützt hatte, nach Hamburg zu transportieren. Danach erfolgte vom 19. bis 25. August 1939 von Hamburg aus unter dem Kommando von Kapitän Heinrich Bertram die 50. Reise, eine Kreuzfahrt nach Norwegen.
Nach Kriegsbeginn wurde die Wilhelm Gustloff am 22. September 1939 als Lazarettschiff der Kriegsmarine übergeben. Während der Besetzung Norwegens im Frühjahr 1940 diente sie als Verwundetentransporter. Ab 20. November 1940 wurde die Wilhelm Gustloff als Wohnschiff für die 2. U-Lehrdivision in Gotenhafen genutzt. Aufgrund dieser militärischen Verwendung erhielt sie Anfang 1941 einen Tarnanstrich in Marinegrau.
Die Versenkung Das nationalsozialistische Regime, insbesondere der Gauleiter Erich Koch, hatte eine frühzeitige Evakuierung Ostpreußens abgelehnt. Nach dem Durchbruch der Roten Armee an der Ostfront fanden sich daher zu Beginn des Jahres 1945 viele Einwohner der Provinz vom übrigen Reichsgebiet abgeschnitten. Am 21. Januar 1945 ordnete Admiral Hans-Georg von Friedeburg mit der Weisung Hannibal die Verlegung der 2. U-Boot-Lehrdivision, welche unter der Führung des Kapitän zur See Karl Neitzel stand, nach Westen an. Dies war der Beginn einer Reihe von Transportunternehmungen, in deren Rahmen verwundete Soldaten mit allen verfügbaren Schiffen in das westliche Reichsgebiet transportiert werden sollten. Mittlerweile war die Mitnahme von Zivilisten erlaubt worden, so dass 2,5 Millionen Menschen über die Ostsee entkommen konnten.