Die Giljak-Klasse (russisch: Гиляк) war eine Klasse von Kanonenbooten der Kaiserlich Russischen Marine, die vier Boote umfasste. Die ab 1905 gebauten Boote waren für den Einsatz im Fernen Osten vorgesehen, wurden jedoch schließlich in der Ostsee eingesetzt. Die Boote erhielten ihre Namen nach Schiffen, die im Russisch-Japanischen Krieg verloren gegangen waren. Zwei der Boote wurden während des Ersten Weltkrieges versenkt, die beiden anderen fielen 1918 in finnische bzw. estnische Hand.
Hintergrund mini|Kanonenboot Giljak, 1896
Während sich die Aktivitäten der russischen Flotte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen auf die Ostsee und das Schwarze Meer beschränkten, rückten zu diesem Zeitpunkt auch andere Meere in den Blickpunkt der russischen Marineführung. Ab den 1870er-Jahren versuchte die Kaiserlich Russische Marine, eine ständige Flottenpräsenz im Mittelmeer aufzubauen. Bereits 1731 war die Ochotskische Kriegsflottille aufgestellt worden, deren Stützpunkt 1850 von Ochotsk zunächst nach Petropawlowsk und 1871 nach Wladiwostok verlegt wurde. Durch ein zielgerichtetes Flottenrüstungsprogramm wurde ein Pazifikgeschwader aufgebaut, das der Durchsetzung russischer Interessen im Fernen Osten dienen sollte. Im Rahmen des „Great Game“ gerieten gegen Ende des Jahrhunderts auch die Seegebiete im Persischen Golf in den Blickpunkt russischer Interessen.
Zum Schutz der ausgedehnten Küsten wurden vorrangig kleinere Schiffe, wie Kreuzer, Minenleger und Kanonenboote eingesetzt. Im Stationsdienst und zur Durchführung diplomatischer Missionen eingesetzt, gaben sie der Kanonenbootpolitik ihren Namen. Dabei ergab sich gerade beim Einsatz im Fernen Osten das Problem, wie die ausgedehnten Mündungsgebiete großer Flüsse von Flottenkräften verteidigt bzw. überwacht werden konnten. Der Befehlshaber des Pazifikgeschwaders, Konteradmiral Pawel Petrowitsch Tyrtow (Павел Петрович Тыртов), formulierte in einer Meldung vom 25. Mai 1892 die Anforderungen an ein derartiges Boot. Hauptaufgabe sollte nicht der Kampf gegen gegnerische Schiffe, sondern die Bekämpfung von Befestigungsanlagen und feindlichen Truppen sowie die Unterstützung eigener Kräfte an Land sein. Der Tiefgang sollte nicht über 2,7 m liegen, die Höchstgeschwindigkeit nicht unter 12 Knoten, die Verdrängung bei ungefähr 750 t. Panzerung und Bewaffnung sollten sich nach dem hauptsächlichen Einsatzzweck, dem Kampf gegen Landstreitkräfte, richten. Tyrtow forderte vier 12,0-cm-Kanonen, vier 4,7-cm- oder 3,7-cm-Kanonen und eine Landungskanone mit dem Kaliber 6,5 cm. Die Panzerung sah er als unwesentlich an. Auf ein Rigg wurde von vornherein verzichtet, stattdessen war ein Stahlmast mit einem Mars vorgesehen, von dem aus Fluss und Ufer beobachtet werden konnten. Mit der Giljak stellte die russische Marine 1898 ein Boot in Dienst, dessen Auslegung im Wesentlichen den Vorstellungen Tyrtows folgte, und setzte es im Fernen Osten ein. Die Giljak blieb jedoch vorerst ein Einzelstück. Im Flottenrüstungsprogramm 1898 war ein weiteres Boot geplant, das jedoch nicht gebaut wurde.
mini|Kanonenboot Chiwinez, 1906
Im Jahr 1904 wurde die Chiwinez auf Kiel gelegt. Den außenpolitischen Ambitionen der russischen Führung folgend, war sie für einen Einsatz im Mittelmeer und im Persischen Golf vorgesehen. Sie war so ausgelegt, dass sie den Schatt al-Arab und den Unterlauf der Flüsse Euphrat und Tigris befahren konnte. Nach der Niederlage Russlands im Russisch-Japanischen Krieg hatte sich jedoch das internationale Kräfteverhältnis verschoben, zudem wurde deutlich, dass sich zwischen Anspruch und Möglichkeiten russischer Politik eine Schere auftat. Die Chiwinez kam deshalb nie in den Persischen Golf, wohl aber zum Stationsdienst in das Mittelmeer vor Kreta. Auch dieses Boot blieb ein Einzelstück.
Weder Zahl noch Eigenschaften der gebauten Boote waren für den Einsatz in den Flussgebieten des Fernen Ostens ausreichend. Abgesehen von der Anzahl hatte die Giljak einen zu großen Tiefgang. Außerdem gab ihre Mastkonstruktion ständig zu Befürchtungen bezüglich ihrer Stabilität Anlass. Daher wurde von russischen Militärs zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Problem der Küstenverteidigung in den Mündungsgebieten der Flüsse wieder aufgegriffen. Als besonders wichtig wurden der Amur und der Ussuri angesehen. Schwerpunkt war dabei weniger der Kampf gegen reguläre Feindkräfte als vielmehr die Bekämpfung von Banden und ähnlichen Gruppierungen. Der Befehlshaber der Amur-Militärbezirkes, General der Infanterie Nikolai Grodekow, forderte in seiner Jahresmeldung 1900:
Der russische Zar Nikolaus II. vermerkte handschriftlich auf der Vorlage und gab damit der Ministerialbürokratie den Anstoß, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen. Beim Hauptstab der Landstreitkräfte wurde eine Kommission gebildet, die sich mit der Organisation einer Flottille von Kanonenbooten auf dem Amur beschäftigte. Dies schloss Fragen der Festlegung der taktisch-technischen Eigenschaften der Boote, der Stationierung, der Organisationsstruktur und der Beschaffung der notwendigen Finanzen ein. Mitglieder waren unter anderem Vertreter aus dem Verkehrs- und dem Finanzministerium sowie dem Ministerium für staatliche Kontrolle. Vom Marineministerium wurde der Kapitän 1. Ranges M. P. Molas (М. П. Молас) zur Kommission abgestellt.
mini|Flusslauf des Amur, 1903 mini|Flusslauf des Amur, heutige Grenzen
Im November 1902 fragte die Kommission beim Generaladjutanten Je. I. Alexejew (Е. И. Алексеев), dem zukünftigen Statthalter im Fernen Osten, die notwendigen Anforderungen für die Verteidigung des Amur an. Schon ein halbes Jahr später empfahl Alexejew den Einsatz von Kanonenbooten. Diese sollten einen geringen Tiefgang sowie eine große Wendigkeit aufweisen. Damit wiederholte Alexejew lediglich die Forderungen Tyrtows, die dieser bereits elf Jahre zuvor wesentlich präziser aufgestellt hatte. Alexejew empfahl Boote nach dem Muster der Giljak, nur mit leistungsstärkeren Maschinen und Schnellfeuerkanonen geringeren Kalibers. Im Mai 1903 wurde Nikolaus II. die Jahresmeldung Grodekows vorgelegt, in der dieser die Frage der Amur-Flottille erneut ansprach. Nikolaus II. wies einen Bericht zum Sachstand an und übertrug anschließend alle Fragen der Organisation der Amur-Flottille dem Marineministerium. Im Juli 1903 fragte das Marineministerium bei Alexejew Vorgaben für die Konstruktion der Boote an. Bereits im November sah sich Alexejew zu einer Antwort in der Lage. In ihr wurde das Flusssystem des Amur bezüglich des Tiefgangs der Schiffe, die auf ihm verkehren konnten, in vier Abschnitte eingeteilt: von der Mündung bis nach Chabarowsk, Tiefgang 12 Fuß (3,66 m) von Chabarowsk bis nach Blagoweschtschensk, Tiefgang bis 2,5 Fuß (0,76 m) der Flusslauf des Sungari (Сунгари), Tiefgang bis 2,5 Fuß (0,76 m) von Blagoweschtschensk bis zum Ende des schiffbaren Bereiches und der Flusslauf des Argun (Аргунь), Tiefgang bis 2,0 Fuß (0,61 m) Für den Einsatz im ersten Abschnitt bis Chabarowsk wurden Boote vom Typ Giljak vorgesehen. Der Tiefgang sollte auf 8 Fuß (2,44 m) beschränkt werden. Im Bedarfsfall sollten diese Boote auch auf chinesischen Flüssen zum Einsatz kommen können. Für die Verteidigung der übrigen Abschnitte schlug Alexejew Flusskanonenboote mit einem Tiefgang von 0,61 m, einer Geschwindigkeit von 10 bis 12 Knoten und einer aus einer 7,5-cm-Kanone, einer 5,7-cm-Kanone sowie vier Maschinengewehren bestehenden Bewaffnung vor. Diese Vorschläge Alexejews bildeten die Grundlage für den Entwurf der Flusskanonenboote der Amur-Flottille. Das Marinetechnische Komitee des Marineministeriums erhielt am 11. Januar 1904 den Auftrag für die Projektierung der Boote. Im Flottenrüstungsprogramm wurde zusätzlich der Bau von vier Kanonenbooten des Typs Giljak und zehn Flusskanonenbooten aufgenommen.
Die Hydrographische Verwaltung untersuchte jedoch nochmals die Tauchtiefen am Unterlauf des Amur und der chinesischen Flüsse Yalu, Pin-Jang, Liao He und Hai He. Die Untersuchung ergab, dass Boote mit einem Tiefgang von 2,13 m bis 2,43 m freizügig auf diesen Flüssen eingesetzt werden konnten. Lediglich am Unterlauf des Hai He gab es Bereiche mit Einschränkungen, da das Wasser bei ungünstigen Windverhältnissen dort nur 1,8 m tief war. Damit wurde deutlich, dass der Einsatz der Giljak, die einen Tiefgang von 2,58 m besaß, ohne Änderungen am Projekt nicht möglich war.
Da das Marinetechnische Komitee zu diesem Zeitpunkt schon über gewisse Erfahrungen bei der Projektierung von seegehenden Kanonenbooten mit geringem Tiefgang verfügte, nahmen die Konstruktionsarbeiten nicht übermäßig viel Zeit in Anspruch. Am 21. September 1904 wurde auf der Sitzung des Komitees das Projekt eines „Kanonenbootes mit geringem Tiefgang für den Einsatz auf den Amur und einer Wasserverdrängung von 858 t“ bestätigt.
Konstruktion Insgesamt stellte der Entwurf nur eine Überarbeitung des Projektes der Chiwinez dar. Im Wesentlichen wurde eine Reduzierung von Abmessungen und Gewichten vorgenommen, neue Elemente wurden nicht eingeführt. In seinen entscheidenden Parametern erfüllte der Entwurf nun die Anforderungen Tyrtows, die dieser bereits 1892 aufgestellt hatte.
Die Forderung Alexejews nach leistungsstarken Maschinen wurde wegen der vorgegebenen Begrenzung des Tiefgangs nicht umgesetzt. Damit wiederholten die Konstrukteure jedoch einen entscheidenden Fehler, der schon bei der Giljak aufgetreten war: Der Wind hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Steuerbarkeit der Boote. Während der Seeerprobungen im Herbst 1907 wurde weiterhin deutlich, dass das Boot bei Seegang stark rollte und vom Steuerkurs abdriftete. Damit war der Typ auf hoher See praktisch nicht einsetzbar. Um Abdrift und Rollen zu beseitigen, wurde später der Anbau eines zusätzlichen Kiels gefordert und realisiert. Diese Erhöhung der Stabilität ging jedoch zu Lasten des geforderten geringen Tiefgangs.
Rumpf Der Entwurf lehnte sich im äußeren Erscheinungsbild, der Form des Rumpfes und der Lage der Aufbauten eng an den Entwurf der Chiwinez an. Auch die Aufstellung der Artillerie und die Unterbringung der Schiffsmaschinenanlagen wurden analog zur Chiwinez gelöst. In der Form erinnerten diese Boote eher an kleine Kreuzer als an die bislang bei der russischen Marine eingeführten Kanonenboote. Der Entwurf war geringfügig kürzer und schmaler, die Verdrängung deutlich kleiner, um den geforderten Tiefgang zu erreichen. Maße der Boote Parameter Forderung Tyrtows (1892) Giljak Chiwinez Projekt 858-t-Boot Verdrängung, t 750 963 1316 858 Länge in der Wasserlinie, m – 63,09 69,80 63,80 Breite in der Wasserlinie, m – 11,15 11,28 10,99 Breite über alles, m – 11,28 11,28 10,99 Freibord, m – 5,58 6,10 4,88 Tiefgang bei normaler Verdrängung, m – 2,59 3,28 2,13 Tiefgang bei maximaler Verdrängung, m 2,70 2,78 3,448 2,21 Verdrängung je 1 cm Tiefgang, t – 5,16 5,43 5,24 Fläche Hauptspant, m – 25,9 31,3 20,5 Fläche Wasserlinie, m – 505,8 538,5 536,6
Wie schon bei den Vorgängern, wurde bei den Booten ein sehr flacher Boden vorgesehen. Dieser war notwendig, um bei vorgegebenem Tiefgang eine möglichst große Verdrängung zu erreichen. Außerdem war er gegen Beschädigungen bei Grundberührungen besser geschützt und machte die Boote außerdem zu einer stabilen Waffenplattform. Allerdings war er auch eine Ursache für die mangelhafte Kursstabilität der Boote.