mini|Ewald-Heinrich von Kleist während der Münchner Sicherheitskonferenz (2009) Ewald-Heinrich Hermann Konrad Oskar Ulrich Wolf Alfred von Kleist-Schmenzin (* 10. Juli 1922 auf Gut Schmenzin, Pommern; † 8. März 2013 in Prien am Chiemsee) war ein deutscher Offizier der Wehrmacht (Oberleutnant) und Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er als Verleger und Herausgeber sowie von 1963 bis 1998 als Initiator der Wehrkundetagung in Erscheinung, die heute unter dem Namen Münchner Sicherheitskonferenz firmiert. Für sein Vermächtnis wurde er international hoch geehrt.
Leben Pommersche Herkunft mini|Rittergut Schmenzin, Geburtshaus von Ewald-Heinrich von Kleist Ewald-Heinrich von Kleist entstammt väterlicherseits einer alten preußischen Adelsfamilie. So zählt zu seinen direkten Vorfahren der Landrat Otto Bogislaff von Kleist (Urururgroßvater). Sein Großvater mütterlicherseits war der deutschnationale Politiker Oskar von der Osten-Warnitz. Kleist (junior) war das älteste der sechs Kinder von Ewald von Kleist-Schmenzin (1890–1945), Jurist und Politiker (DNVP), aus dessen erster Ehe mit Anna von der Osten (1900–1937) und wurde auf dem elterlichen Gut Schmenzin in Belgard, einem Kreis im pommerschen Regierungsbezirk Köslin, geboren. Sein Vater heiratete 1938 in zweiter Ehe eine Tochter des Generalmajors Horst Kuhlwein von Rathenow und wurde Vater von zwei weiteren Kindern.
Kleist (senior) verkehrte früh mit dem Widerstandskämpfer Hans Oster, Offizier in der Abwehrabteilung des Reichswehrministeriums, in Schmenzin und reiste im Auftrag deutscher Militärs nach England, um dort Beziehungen zu knüpfen. Am 21. Juli 1944 wurde er, Widerstandskämpfer und vorgesehen als Politischer Beauftragter für Pommern, in Schmenzin in „Sippenhaft“ genommen und nach dem Todesurteil im Februar 1945 vor dem Volksgerichtshof im April 1945 hingerichtet. Zuvor begegnete er wohl Kleist (junior) das letzte Mal im Zellengefängnis Lehrter Straße.
Da Kleist juniors Eltern ihn nicht von einem Hauslehrer unterrichten lassen wollten, besuchte er von 1936 bis 1940 das von dem Reformpädagogen Kurt Hahn gegründete Internat BirklehofInes Reich: Potsdam und der 20. Juli 1944. Auf den Spuren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Begleitschrift zur Ausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes und des Potsdam-Museums. Rombach, Freiburg im Breisgau 1994, ISBN 3-7930-0697-2, S. 79. bei Freiburg. Nach dem Abitur begann er eine Lehre in der Landwirtschaft in Pommern, um zukünftig den elterlichen Betrieb auf Gut Schmenzin übernehmen zu können.
Offizierausbildung in Potsdam und an der Ostfront Am 1. August 1941 trat er nach eigenen Angaben aus politischen Gründen freiwillig als Offizieranwärter (Fahnenjunker) in das Infanterie-Regiment 9 der Wehrmacht in Potsdam bei Berlin ein, wo viele (spätere) Widerstandskämpfer ihren Dienst taten (u. a. Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, dessen „Protegé“Mario Niemann: Der 20. Juli 1944 in Mecklenburg und Pommern. In: Hans Coppi junior u. a. Widerstand gegen das NS-Regime in den Regionen Mecklenburg und Vorpommern (= Reihe Beiträge zur Geschichte Mecklenburg-Vorpommern. Nr. 12). 2. Auflage, Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2005, ISBN 3-89892-399-1, S. 90–102, hier: S. 97; Peter Hoffmann: Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler (= Piper. 418). 4., neu überarbeitete und ergänzte Auflage, Neuausgabe, Piper, München u. a. 1985, ISBN 3-492-00718-X, S. 398. Kleist wurde, sowie Axel Freiherr von dem Bussche-Streithorst, Hans Karl Fritzsche, Ludwig Freiherr von Hammerstein-Equord, Friedrich Karl Klausing, Georg-Sigismund von Oppen und Henning von Tresckow) und welches als tendenziell demokratisch-konservativ galt. Ungeachtet dessen wurde er, wie ab 1934 verlangt, auf den Führer vereidigt.
Am 1. Dezember 1942 erfolgte die Beförderung zum Leutnant (später zum OberleutnantSiehe Register: Peter Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Biographie. Pantheon, München 2007, ISBN 978-3-570-55046-5, S. 707; Bernhard R. Kroener: Generaloberst Fritz Fromm und der deutsche Widerstand. Annäherung an eine umstrittene Persönlichkeit. In: Thomas Vogel (Hrsg.): Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933–1945. Begleitband zur Wanderausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, 5. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, Mittler, Hamburg u. a. 2000, ISBN 3-8132-0708-0, S. 411–431, hier: 422; Horst Mühleisen: Hellmuth Stieff und der deutsche Widerstand. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 39 (1991) 3, S. 339–377, hier: S. 356; Bodo Scheurig: Ewald von Kleist-Schmenzin. Ein Konservativer gegen Hitler. Biographie. Propyläen, Berlin u. a. 1994, ISBN 3-549-05324-X, S. 184; Mario Niemann: Der 20. Juli 1944 in Mecklenburg und Pommern. In: Hans Coppi junior u. a. Widerstand gegen das NS-Regime in den Regionen Mecklenburg und Vorpommern (= Reihe Beiträge zur Geschichte Mecklenburg-Vorpommern. Nr. 12). 2. Auflage, Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2005, ISBN 3-89892-399-1, S. 90–102, hier: S. 97; Ulrich Schlie: „Es lebe das heilige Deutschland“. Ein Tag im Leben des Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Ein biografisches Portrait. Herder, Freiburg im Breisgau u. a. 2009, ISBN 978-3-451-29875-2, S. 22; Wolfgang Schieder: Faschistische Diktaturen. Studien zu Italien und Deutschland. Wallstein Verlag, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0358-4, S. 296; Guido Knopp: Das Ende 1945 (= Der verdammte Krieg). Bertelsmann, München 1995, S. 92.). Kleist diente als Kompaniechef an der Ostfront (nach eigenen Angaben am LadogaseeRalf Neukirch, Martin Doerry: Spiegel-Gespräch. Angst halte ich für sehr vernünftig. In: Der Spiegel, 9/2011, 28. Februar 2011, S. 42–44, hier: S. 44., siehe auch Ladoga-Schlachten vor LeningradGerd Schmückle: Ewald-Heinrich von Kleist. In: Europäische Wehrkunde 37 (1988) 3, S. 126.), wo er im Juli 1943 verwundet wurde. Als Konsequenz wurde er im Dezember 1943 in das Infanterie-Ersatzbataillon 9 nach Potsdam versetzt.
Widerstand gegen den Nationalsozialismus Verschwörung und Attentatsplanungen
In der Garnisonsstadt Potsdam integrierte er sich in das „sozial-konspirative Netz der nationalkonservativen Hitlergegner“.Ines Reich: Potsdam und der 20. Juli 1944. Auf den Spuren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Begleitschrift zur Ausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes und des Potsdam-Museums. Rombach, Freiburg im Breisgau 1994, ISBN 3-7930-0697-2, S. 48. Er gehörte zu den Gästen der Familien von Oberst a. D. Freiherr von SchillingInes Reich: Potsdam und der 20. Juli 1944. Auf den Spuren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Begleitschrift zur Ausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes und des Potsdam-Museums. Rombach, Freiburg im Breisgau 1994, ISBN 3-7930-0697-2, S. 52. (Aussage der Tochter Schillings) und von OppenInes Reich: Potsdam und der 20. Juli 1944. Auf den Spuren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Begleitschrift zur Ausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes und des Potsdam-Museums. Rombach, Freiburg im Breisgau 1994, S. 53. in Potsdam sowie auf Schloss NeuhardenbergAntje Vollmer, Lars-Broder Keil: Ewald-Heinrich von Kleist (1922–2013) über seine Teilnahme am Widerstand gegen Hitler »Der Tod war ein großes Thema«. In: Ders.: Stauffenbergs Gefährten [Elektronische Ressource]. Das Schicksal der unbekannten Verschwörer. Hanser Berlin, München 2013, ISBN 978-3-446-24281-4, o. S. (Aussage Kleists) des Grafen Hardenberg östlich Berlins. Im Frühjahr 1944 besuchten er, Schulenburg und FritzscheInes Reich: Potsdam und der 20. Juli 1944. Auf den Spuren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Begleitschrift zur Ausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes und des Potsdam-Museums. Rombach, Freiburg im Breisgau 1994, ISBN 3-7930-0697-2, S. 61. den Prozess (Vorsitz: Crohne) gegen den Potsdamer Verleger und Buchhändler August Bonneß vor dem Volksgerichtshof in Berlin, aus dem Kleist jedenfalls nach eigenen Angaben lernte, niemals ein Geständnis abzulegen.