Die Geschichte keramischer Werkstoffe reicht 30.000 Jahre zurück.
Anfang bzw. Herkunft
Paläolithikum Die ältesten Figuren aus Keramik, die jungpaläolithische Venus von Dolní Věstonice und mehrere Tierfiguren (25.000 bis 29.000 Jahre alt, Gravettien), fand man an einem Lagerfeuer der Mammutjäger in Mähren, „neben einer Anzahl roh geformter Klumpen“ aus Ton.Karol Absolon: „Die Erforschung der diluvialen Mammutjägerstation“ von Unter-Wisternitz. 1924 (Arbeitsbericht). Die Tonklumpen sind mit pulverisiertem, verkohltem Elfenbein und Knochen gemischt,Miroslav Králík: Ancient ceramics and imprints on their surfaces. In: Jiři Svoboda: Pavlov – Excavations 2007–2011 (= Dolní Věstonice Studies, Band 18). Academy of Sciences of the Czech Republic, Brno 2011, ISBN 978-80-86023-85-4, S. 207–244 (Kapitel III.10.) was eine feuchte Aufbereitung erfordert. Diese magernden Zusätze können zur Arbeitserleichterung beim Schnitzen gedient haben, sie können aber auch aus kultischen Gründen erfolgt sein; die feuchte Aufbereitung braucht aber nicht zwingend zum plastischen Modellieren geführt zu haben. Diese Venus aus Ton fand sich an einem Brandplatz mit einer 80 Zentimeter hohen Aschenlage. mini|Venus von Dolní Věstonice Tierfiguren sind aus Dolní Věstonice, Pavlov und Krems-Wachtberg bekannt.Thomas Einwögerer: Die jungpaläolithische Station auf dem Wachtberg in Krems, Niederösterreich. Eine Rekonstruktion und wissenschaftliche Darlegung der Grabung von J. Bayer aus dem Jahre 1930. In: Mitteilungen der Prähistorischen Kommission Band 34. Wien 2000.
Die Entdeckung von Keramik als Töpferware aus Ton ist wahrscheinlich unabhängig voneinander in mehreren Regionen erfolgt.
Nordasien Die ältesten Keramikgefäße des russischen Fernen Ostens stammen aus dem östlichen Sibirien Amur-Gebiet und sind durch Beschleuniger-Daten der vegetabilen Magerung auf 15.000 BP datiert.Y. V. Kuzmin: The earliest centres of pottery origin in the Russian Far East and Siberia: review of chronology for the oldest Neolithic cultures. In: Documenta Praehistorica. 29, 2002, S. 37–46. Keramikgefäße sind auch aus der mesolithischen Jomon-Kultur Japans nachgewiesen, 12.350 ± 700 BC wurden die ersten niedrig gebrannten Zeremonialgefäße mit reichen plastischen Verzierungen hergestellt. Auch in Korea, China und der Mandschurei war frühe Keramik verbreitet, ohne dass dies mit einer neolithischen Wirtschaftsweise einhergingJeanette Werning: Früheste Scherben, frühester Reis, früheste Hirse. Zur Neolithisierung in China. In: Jörg Eckert, Ursula Eisenhauer, Andreas Zimmermann (Hrsg.): Archäologische Perspektiven. Analysen und Interpretationen im Wandel. FS Lüning Leidorf, Rahden/Westfalen 2003, S. 103–129.Elisabetta Boarettoa u. a.: Radiocarbon dating of charcoal and bone collagen associated with early pottery at Yuchanyan Cave, Hunan Province, China. In: PNAS. 2009, doi:10.1073/pnas.0900539106 Das Alter von Funden aus der Höhle von Xianrendong in der Provinz Jiangxi wird auf Grund ihrer stratigraphischen Position auf bis zu 20.000 Jahren geschätzt.Pottery 20,000 years old found in a Chinese cave. In: USA Today. 28. Juni 2012.Bruce Bower: Chinese pottery is oldest known. In: Science News 182/2, 2012, 15. .
Spitzbödige Töpfe wurden von Jägern und Sammlern in weiten Teilen Nordasiens hergestellt. In Europa finden sie sich im östlichen Ostseegebiet, der südlichen Ukraine, in Finnland und Karelien (Sperrings-Kultur), Skandinavien (Grübchenkeramik), Dänemark (Ertebölle-Kultur) und den nördlichen Niederlanden (Swifterbant-Kultur).
Afrika Im Sudan wurde Töpferware (Wavy line) von semisesshaften Jägern und Sammlern hergestellt. Keramik wurde von Jäger- und Sammlergruppen im heutigen westafrikanischen Mali im 10. Jahrtausend v. Chr. hergestellt (Fundplatz Ounjougou).Eric Huysecom: Wann begann Afrikas Jungsteinzeit? In: Spektrum der Wissenschaft. 8/2008, S. 62–67. Im Nildelta trat Keramik erstmals im 9.–8. Jahrtausend v. Chr. auf.
Neolithikum Lange Zeit sah die Forschung die Gefäßkeramik als ein charakteristisches Merkmal der neolithischen Revolution, Teil der „Neolithic package“. Inzwischen ist jedoch deutlich geworden, dass es in Vorderasien eine akeramische Phase gab, die durch Sesshaftigkeit und Viehzucht charakterisiert wurde (PPNA, PPNB). Im Gegensatz dazu wurde Keramik in manchen Gegenden auch von Jägern und Sammlern hergestellt.Peter Hommel: Ceramic Technology. In: Vicki Cummings, Peter Jordan, Marek Zvelebil (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Archaeology and Anthropology of Hunter-Gatherers. Oxford University Press, Oxford Online Publication, Oct 2013, doi:10.1093/oxfordhb/9780199551224.013.008
Vorderasien Die frühesten, noch ungebrannten Tongefäße fand man aus der Zeit um 7600–6300 v. Chr. in El-Khiam in der Wüste Juda in Westjordanland. Sie hatten wegen ihrer hohen Trockenbiegefestigkeit die Jahrtausende überstanden. Die ersten schwach gebrannten modellierten einfachen Formen fand man aus 7000 bis 6000 in Karim Schahir bei Jarmo im Zagros. Höher gebrannte und mit einem farbigen Streifen aus fein geschlämmtem Ton (Engobe) bemalte archaic painted ware gab es zwischen 6000 und 5600 in Tell Hassuna in Nord-Mesopotamien.Seton Lloyd, Fuad Safar, Robert J. Braidwood: Tell Hassuna Excavations by the Iraq Government Directorate General of Antiquities in 1943 and 1944. In: Journal of Near Eastern Studies, 4/4, 1945, fig. 7.I, In der Halaf-Kultur findet sich eine dreifarbige Bemalung der Keramik, zum Beispiel in Tell Halaf und Arpachiya in Nord-Syrien.
In Tappe Sialk im Iran wurde im 4. Jahrtausend ein kuppelförmiger Ofen mit Lochtenne zu einem liegenden Ofen umkonstruiert, indem die Feuergase zum Absteigen gezwungen und durch einen Schornstein ins Freie gezogen wurden.Lindsay Scott: A History of Technology. Band 1. Oxford 1956
3400 bis 2900 begann man Gefäße auf einem Stück Scherben zu drehen; das war die langsam laufende Töpferscheibe (Tournette). Schließlich kam es 3250 ±250 v. Chr.Fundort? Kalibriert oder unkalibriert? (Uruk-Zeit) in Südmesopotamien zur Erfindung der Töpferscheibe.
Welches hohe Niveau die Töpferei zu dieser Zeit erreicht hatte, beweisen die nordmesopotamischen Kochtöpfe aus Stoneware oder metallic ware der frühdynastischen- und Akkadzeit, wie sie zum Beispiel in Tell Brak und Tell Chuera gefunden wurden. Sie sind stark versintert. Sie waren mit grobkörnigem Kalk gemagert und so flammfest, dass man sie in das offene Feuer stellen konnte. Nach Ansicht von G. Schneider ahmen sie metallische Formen nach.Gerwulf Schneider: A technological Study of North-Mesopotamian Stone Ware. In: World Archaeology, 21, Nr. 1, 1989, S. 30–50,
China In der Yangshao-Kultur am Gelben Fluss im 8. Jahrtausend v. Chr. wurden meist Gefäße aus rotem, selten aus weißem Ton hergestellt, häufig mit eingedrückten Schnurmustern und Ritzlinien verziert, auch schwarz in geometrischen Mustern und sogar mit Tierdarstellungen und menschlichen Köpfen auf den Gefäßhälsen bemalt. Sie wurden im Hammer-und-Amboss-Verfahren oder aus Tonwülsten hergestellt. Daneben gab es eine Schwarz-Keramik, das heißt, das reduzierende Brennen war bekannt. Es wurden Erdöfen mit vorgelagerter Brenngrube und Lochtenne verwendet (Lung-Shan-Ofen seit dem 8. Jahrtausend v. Chr.).
Europa alt=Linear Pottery 001|mini|Gefäß der jüngeren Linearbandkeramik aus Rauschenberg-Bracht (Hessen) In Europa war die Töpferei schon seit dem 7. Jahrtausend v. Chr., seit dem frühen Neolithikum bekannt. Die Technik wurde vermutlich von Einwanderern aus Anatolien eingeführt. Viele neolithischen Kulturen sind nach den charakteristischen Keramiken benannt (z. B. Linearbandkeramik, Cardial-Kultur, Trichterbecher-Kultur, Glockenbecher-Kultur, Schnurkeramik). Auf dem Balkan war bemalte Keramik schon im Früh-Neolithikum gebräuchlich (Karanovo I/II). Weiter im Westen sind bemalte Gefäße nur sporadisch bekannt, dies mag an den schlechteren Überlieferungsbedingungen liegen. Die frühneolithische Cardial-Keramik des Mittelmeerraums war vor allem durch Muschelabdrücke verziert. Auch die Keramik der La-Hoguette-Gruppe ist abdruckverziert. In Teilen von Nordeuropa waren spitzbodige Gefäße in der Tradition des Waldneolithikums in Gebrauch (s. o.).
Antike Auf Kreta war die Töpferscheibe seit minoischer Zeit in Gebrauch.Tim Darvill: Potter’s wheel. The Concise Oxford Dictionary of Archaeology. Oxford, Oxford University Press 2008, ISBN 978-0-19-172713-9
In der frühen Eisenzeit kamen schwarzfigurige und etruskische Gefäße in den Norden und beeinflussten die heimische Töpferei der Latènezeit. Die Töpferscheibe war in Mitteleuropa seit der Lt-Zeit bekannt, nun finden sich auch die ersten mehrkammrigen Keramikbrennöfen.
Die Herstellung von Terrakotten (terra cotta, italienisch für gebrannte Erde) begann im Paläolithikum. Aus neolithischer Zeit sind aus Südost- und Mitteleuropa zahlreiche Menschen- und Tierfiguren überliefert, meist zwischen 10 und 20 cm groß. Auch im minoischen Kreta wurden Menschen- und Tierstatuetten hergestellt. mini|Minoische Stier- und Frauenstatuette Mit zierlichen und reich bemalten Mädchenstatuetten der Werkstatt von Tanagra in Böotien kam es im 4. Jahrhundert v. Chr., ausgehend von Attika, zur Blütezeit der griechischen Terrakotta. Auch die römische Kaiserzeit kannte eine reiche Terrakotta-Produktion; zum Teil von hoher Qualität, wie die architektonisch verwendeten Campana-Reliefs (vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis gegen Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr.), die ebenfalls farbig bemalt waren.
Griechische Töpfer bemalten ihre Tonvasen mit schwarzen Figuren. Sie benutzten dazu einen eisengefärbten illitischen Feintonschlicker. Das war eine Technik, bei der durch verschiedene Auftragsdicken der Malfarbe und durch oxidierenden (luftreichen) und reduzierenden (luftarmen) Brand Schwarz und Rot erhalten wurden. Die Athener brachten die um 700 v. Chr. in Korinth erfundene schwarzfigurige Malerei zur höchsten Blüte. Es folgte um 530 die rotfigurige (mit rotbrennendem Ton bei Reoxidation, rot „ausgesparten“ Figuren und schwarz abgedecktem Hintergrund) und um 480 die weißgrundige Malerei (mit reduzierter kupferroter Malerei auf einem weißbrennenden kaolinitischen Ton, dem Pottasche hinzugefügt wurde). Zum ersten Mal wurde die Keramik signiert.
In den griechischen Kolonien Unteritaliens und auch in Etrurien wurde in großem Umfang Feinkeramik produziert, die technisch wie ikonographisch an Vorbilder aus Korinth, Athen und Ostgriechenland anknüpft. Die im 4. Jahrhundert v. Chr. in Apulien hergestellten Gnathiavasen stellen einen letzten Höhepunkt dar.