Ein Internationalismus ist ein Wort, das in mehreren Sprachen mit gleicher oder zumindest sehr ähnlicher Bedeutung und Herkunft vorhanden ist. Das Wort wird dabei in den verschiedenen Sprachen ähnlich gesprochen und gleich oder ähnlich geschrieben und ist somit in verschiedenen Sprachen verständlich (z. B. dt. Funktion, engl. function, frz. fonction, russ. функция funkcija usw.).
Je weiter ein Wort international verbreitet ist, desto eher gebührt ihm die Bezeichnung „Internationalismus“. Internationalismen werden zum Teil als „wichtige Vermittler zwischen den Kulturen“Kocsány, Piroska: Grundkurs Linguistik: ein Arbeitsbuch für Anfänger. Fink, Paderborn 2010, S. 72. und als „Vertreter eines positiven Globalismus auf der Ebene der Wissenschaften und der Moral“ angesehen. Die internationale Plansprache Interlingua basiert auf der Idee der Internationalismen.
Scheinbare oder echte Internationalismen oder Ähnlichkeiten sprachlicher Ausdrücke in der einen und in einer anderen Sprache bergen die Gefahr Falscher Freunde, d. h., sie vermitteln den Eindruck scheinbarer Bedeutungsidentität oder Bedeutungsverwandtschaft, was leicht zu Übersetzungsfehlern führt.
Ausbreitung Die Internationalismen breiten sich auf unterschiedliche Weise aus, sehr alte Internationalismen können sich aus gemeinsamen Wurzeln entwickelt haben. In den meisten Fällen hat jedoch Entlehnung zu ihrer Verbreitung beigetragen. Viele wurden aber auch erst in neuerer Zeit zu Internationalismen, vor allem bei der Bezeichnung neuer wissenschaftlicher oder technischer Begriffe oder Begriffe aus Sport und Gesellschaft.
Jede Sprache hat Besonderheiten in der Phonologie und Schreibweise von Internationalismen. Deklinationsendungen werden meist angepasst. Auch die Rechtschreibung wird oft angepasst.
Manchmal werden bestimmte Internationalismen verändert oder erleben eine Bedeutungsverschiebung oder -verengung, wenn sie in andere Sprachen übertragen werden. Bei typischen Internationalismen ist aber die wesentliche Bedeutung konstant.
Eine kleinere Anzahl von Wörtern, die man zu den Internationalismen rechnen kann, sind lautmalend und sozusagen aus der Natur entlehnt. Beispiele dafür sind Tiernamen wie Kuckuck, die den vom Tier hervorgebrachten Laut nachahmen, aber auch Wörter wie [mama] und [papa] oder [tata], die ihren Ursprung im Lallen von Säuglingen haben, mit einer von Erwachsenen zugeschriebenen Bedeutung.Roman Jakobson (1960): “Why ‘Mama’ and ‘Papa’?” Perspectives in Psychological Theory: Essays in Honor of Heinz Werner, ed. by B. Kaplan and S. Wagner, 124-134. New York: International Universities Press. Reprinted in Selected Writings of Roman Jakobson, vol 1 (1962), 538–545.
Weitestverbreitete Internationalismen Die am weitesten verbreiteten Internationalismen sind geografischer Art oder Namen von Völkern, Unternehmen und Markennamen. Außer Wörtern mit dem Charakter von Eigennamen gibt es eine Anzahl Termini, die von geografischen Namen oder von persönlichen Eigennamen hergeleitet sind. Hierzu gehören verschiedene „Ismen“ und deren „Isten“, Entdeckungen auf dem Gebiet der Medizin oder in einer anderen Wissenschaft, Maßeinheiten (Volt, Ampere, Ohm, Newton, Watt, Joule, Kelvin usw.), Rassen und Unterarten von Haustieren und Kulturpflanzen, Minerale und anderes mehr. Internationale Wörter oder Wortglieder dieser Art sind meistens in alle Sprachen eingedrungen, in denen der entsprechende Begriff überhaupt bekannt ist, also in alle Ausbausprachen.
An zweiter Stelle kommen Bezeichnungen für früher unbekannte chemische Stoffe und Rohstoffe (Minerale und hergestellte Materialien, zum Beispiel Textilien, Kunststoffe, Legierungen und Verbundwerkstoffe, natürliche und künstliche Drogen, Genussmittel und anderes mehr). Die meisten dieser Wörter haben sich aus dem Abendland oder durch abendländische Vermittlung in fast alle Sprachen verbreitet, die außerhalb von China gesprochen werden. Die Chinesen ziehen Lehnübersetzungen und eigene Neologismen vor, weil Lehnwörter meistens schwer an die Struktur der Sprache anzupassen und nicht ohne weiteres mit chinesischen Schriftzeichen wiederzugeben sind. Problemfrei sind nur solche Neologismen, die im Japanischen eingeführt und schon dort mit chinesischen Schriftzeichen (Kanji) wiedergegeben worden sind.
Zu den Ausnahmen, die es geschafft haben, auch in China einzudringen, gehören die Wörter für Kaffee (咖啡 ka fei, auch 咖啡因 ka fei yin ‚Koffein‘) und Schokolade (巧克力 qiao ke li). Diese Stoffe heißen ungefähr so in fast allen Sprachen.
Das Wort Kaffee kommt vom arabischen qahwa und Schokolade vom aztekischen chicolatl, das aus Nahuatl chicol ‚Schneebesen‘ + a ‚Wasser‘ + tl (Substantivsuffix) gebildet ist.Karen Dakin, Søren Wichmann (2000): “CACAO AND CHOCOLATE A Uto-Aztecan perspective” Ancient Mesoamerica, 11, 55–75. Das Wort mit einem [i] in der ersten Silbe scheint zuerst in Europa bekannt geworden zu sein, und ist in einer Anzahl Romanischer Dialekte und Kleinsprachen, wie auch im Türkischen noch bewahrt. Die ebenfalls aus dem Nahuatl kommende Form mit einem [o] wurde später durch spanische Vermittlung verbreitet.
Das Wort Kakao hatten die Azteken aus einer Mayasprache entlehnt, und es gab auch ein Wort kakauatl für ein aus Kakao und Mais zubereitetes Getränk.
Für neue Arzneistoffe wird heutzutage oft sowohl ein geschützter Markenname als auch ein gemeinsprachlicher Gattungsname für denselben Stoff eingeführt, z. B. Sildenafil für Viagra. Es kommt ansonsten häufig vor, dass Markennamen für populäre Produkte in der Praxis ihren Status als Markennamen verlieren und auch für die entsprechenden Produkte anderer Hersteller Verwendung finden. Das ist z. B. mit dem Wort Aspirin geschehen, welches 1899 von der Bayer AG für ein Acetylsalicylsäurepräparat eingeführt worden ist, aber gegenwärtig fast in der ganzen Welt, auch in China, aber nicht in Schweden, die gemeinsprachliche Bedeutung ‚Acetylsalicylsäurepräparat‘ angenommen hat.
Ein neues Phänomen besteht darin, dass auch der Gebrauch althergebrachter gemeinsprachlicher Internationalismen gesetzlich eingeschränkt wird. Dies kann auf Initiative kommerzieller Interessengruppen geschehen, die bestrebt sind, die Bedeutung von Wörtern wie Marmelade oder Schokolade auf Produkte aus ihrem eigenen Sortiment zu beschränken. So kommt es, dass Blockschokolade nunmehr als „Block“ und Alpenmilchschokolade sogar als „Alpenmilch“ verkauft wird.
Einige weitere Internationalismen, die im Deutschen alltäglich sind und alle in ähnlicher Form und Bedeutung in den Sprachen von mehr als zwei Milliarden Menschen vorkommen:
Akademie – Ananas – Antenne – Athlet – Atom – Bar – Bus – Diktator – Diplom – Direktor – Gorilla – Harmonie – Hotel – Inspektion – Internet – Kabel – Kabine – Kolonie – Komödie – Kopie – Korridor – Kupon – Liga – Magnet – Margarine – Marmelade – Maschine – Medaille – Mikrofon – Mikroskop – Motor – Nummer – OK – Olympiade – Operation – Partei – Pedal – Pistole – Poliklinik – Polizei – Radio – Register – Sandale – Sardine – Satan – Signal – Sport – Station – Studio – Taxi – Television – Tennis – Test – Traktor – Transport – Trolleybus – Tsunami – Visum – Zentrum.
Kulturkreisgebundene Internationalismen Internationalismen sind in gewissen Fachbereichen, wie der Medizin und der Technik, besonders weiträumig verbreitet, aber die meisten, insbesondere die älteren, sind auf einen Kulturkreis, d. h. auf eine Zivilisation begrenzt. In der jetzigen Welt gibt es vier vorherrschende Zivilisationen mit mehr als tausendjähriger Tradition: die abendländische, die islamische, die indische und die ostasiatische. Jede dieser Zivilisationen oder Kulturkreise umfasst mehr als eine Milliarde Menschen, und jede von ihnen hat einen eigenen Vorrat an Internationalismen.
Abendländische Der abendländische, ursprünglich europäische Kulturkreis umfasst die gesamte Westliche Welt, einschließlich der Völker mit orthodoxer Tradition. Die abendländische Zivilisation der Gegenwart hat starke Wurzeln im antiken Griechenland, im Christentum und in der Aufklärung.
Viele der in europäischen Sprachen gängigen Internationalismen sind ihrer Herkunft nach altgriechisch, lateinisch, aus altgriechischen und lateinischen Elementen neu gebildet, französisch, englisch oder von exotischen Quellen durch diese Sprachen vermittelt worden, wie etwa Bumerang, Katamaran, Tabu und Tomahawk. Das Spanische hat etliche Produkte und deren Bezeichnungen aus Amerika vermittelt, neben der Schokolade zum Beispiel auch die Tomate (mancherorts anders genannt). Auch die deutsche Sprache hat einige Internationalismen hervorgebracht, z. B. Edelweiß, Kitsch, Mittelschmerz, Müsli, Quarz, Schnorchel und zickzack. Häufig entstehen Internationalismen aus den lokalen Bezeichnungen für bestimmte Gegebenheiten oder Gegenstände, die für die Regionen charakteristisch sind oder zunächst waren. So hat das Italienische eine Reihe Internationalismen zu den Fachsprachen der Musik (z. B. crescendo, Oper) und des Finanzwesens (z. B. Bank, Kredit) beigesteuert.
Schon im Lateinischen gab es viele Lehnwörter aus dem Altgriechischen. Im Französischen gibt es außer Erbwörtern aus dem Lateinischen, die manchmal schon dort aus dem Griechischen entlehnt waren, auch viele Neubildungen aus griechischen oder lateinischen Elementen. Solche Neubildungen sind auch von anderen Europäern geschaffen worden, vor allem im Bereich der Wissenschaften. Viele französische Wörter sind im Verlauf der vergangenen sechs Jahrhunderte vom Englischen aufgenommen worden. Dort werden sie meistens genauso geschrieben, wie im Französischen, aber erheblich abweichend ausgesprochen. Auch die Bedeutung ist manchmal nicht dieselbe in den zwei Sprachen. In solchen Fällen spricht man von „falschen Freunden“, die Zweitsprachler in die Irre führen können. Besonders vom 17. bis zum 19. Jahrhundert sind Lehnwörter aus dem Französischen auch massenweise in kontinentaleuropäische Sprachen eingeführt worden, im Osten manchmal durch deutsche und weiter bis nach Zentralasien durch russische Vermittlung. In diesen Fällen weicht die Aussprache nicht so sehr von der französischen ab. Im 20. Jahrhundert ist das Englische die dominierende Quellsprache geworden.
Seit dem 20. Jahrhundert nehmen das Japanische und das Koreanische die neuen abendländischen Internationalismen auf, meist aus dem amerikanischen Englischen, aber auch direkt aus anderen europäischen Sprachen. Auch das Türkische und das Indonesische (nicht so sehr das Malaiische) hat sich für die Aufnahme europäischer Internationalismen aus dem Französischen beziehungsweise dem Niederländischen geöffnet. In den nicht-abendländischen Sprachen des Britischen Weltreichs ist eine kleinere, gemeinsprachliche Auswahl an Lehnwörtern aus dem Englischen heimisch geworden. Dabei ist es die gesprochene Form, die entlehnt wird, während sich das Englische den anderen europäischen Sprachen besser in der geschriebenen Form anschließt.
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