mini|hochkant|Carl Spiecker 1948 auf der Rittersturz-Konferenz Carl (oft auch Karl) Spiecker (* 7. Januar 1888 in Mönchengladbach; † 16. November 1953 in Königstein im Taunus) war ein deutscher Journalist und Politiker (Zentrumspartei, CDU).

Leben Spiecker war Sohn eines Oberpostsekretärs. Er besuchte das städtische humanistische Gymnasium in Mönchengladbach. Ab 1906 studierte er Philosophie, Rechts- und Staatswissenschaften, Geschichte und Archäologie in Straßburg, Berlin und Rom. Wie lange er studierte, ist unklar. Er wurde später in amtlichen Unterlagen sowie informell oft als „Dr.“ Spiecker betitelt und soll das Studium 1909 als Doktor der Philosophie abgeschlossen haben; die Umstände dieser mutmaßlichen Promotion sind jedoch unklar.Sein Biograf Claudius Kiene hat ohne Ergebnis Dissertationsverzeichnisse und Universitätsarchive konsultiert:

Claudius Kiene: Karl Spiecker, die Weimarer Rechte und der Nationalsozialismus, eine andere Geschichte der christlichen Demokratie. Peter Lang, Berlin u. a. 2020, S. 36–37, mit Bezug auf einen Lebenslauf in einem Schreiben des Staatskommissars für öffentliche Ordnung, Robert Weismann, an den Präsidenten des Staatsministeriums [Preußen], 27. Mai 1920, im Bundesarchiv Berlin R 43-I/2405, Blatt 16f. (Digitalisat bei Invenio)

Anfänge im Journalismus Der Absolvent schrieb zunächst für zwei katholisch geprägte Tageszeitungen, die Essener Volkszeitung und das Bürgerblatt für den Niederrhein in Emmerich am Rhein.Claudius Kiene: Karl Spiecker, die Weimarer Rechte und der Nationalsozialismus, eine andere Geschichte der christlichen Demokratie. Peter Lang, Berlin u. a. 2020, S. 36–37, mit Bezug auf einen Lebenslauf in einem Schreiben des Staatskommissars für öffentliche Ordnung, Robert Weismann, an den Präsidenten des Staatsministeriums [Preußen], 27. Mai 1920, im Bundesarchiv Berlin R 43-I/2405, Blatt 16f. (Digitalisat bei Invenio) In der Jubiläumsausgabe des Bürgerblatts aus dem Jahre 1925 ist zu lesen: Die Zeitung hatte bis dahin (Jahr unbekannt) zwar eine katholische Tendenz, aber in politischer Hinsicht hatte sie noch nicht den Charakter eines ausgesprochenen Zentrumsorgan, den sie heute (1925) hat … Der erste Redakteur, der das Blatt in diesem Sinne leitete, war Dr. Carl Spiecker, der spätere Direktor der „Germania“.Beleg fehlt!

Dann wechselte er nach Berlin und wurde offenbar Mitglied der Zentrumspartei, denn er war von 1912 bis 1916 Redakteur der vom Augustinus-Verein herausgegebenen Centrums-Parlaments-Correspondenz (C. P. C., ab 1920: Zentrums-Parlaments-Korrespondenz) unter Chefredakteur Franz Fortmann. Dies war eine parteinahe Presseagentur, die vorrangig katholische Provinzzeitungen mit politischen Nachrichten und Leitartikeln belieferte sowie als offiziöser Pressedienst der Partei sowie der Fraktionen in Reichstag und Preußischem Landtag auftrat. Digitalisat Inlibra

Von Mai 1916 bis April 1917 leistete er im Landsturm Militärdienst. Er nahm an der Schlacht an der Somme teil. Er wurde erkrankt aus dem Militärdienst entlassen. Im September 1917 trat er in die Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes ein. Dort übernahm er ein Lektorat (Publikationen, Pressebeobachtung) für Osteuropa und den Balkan und bearbeitete, zeitweise als „Hilfsarbeiter“ dem Preußischen Staatsministerium überstellt, Presse- und politische Angelegenheiten für Robert Weismann.

Oberschlesien Ab Februar 1920 leitete Spiecker als Vertreter des Staatskommissars für die Überwachung der öffentlichen Ordnung, Weismann, in Breslau die „Organisation Spiecker“, die in den Auseinandersetzungen um die staatliche Zugehörigkeit Oberschlesiens die deutsche Seite unterstützte. Zum einen baute Spiecker, der sich oft unter Decknamen im Abstimmungsgebiet aufhielt, einen Presse- und Propagandaapparat auf. Die „Presseabteilung Spiecker“ koordinierte in Zusammenarbeit mit Reichszentrale für Heimatdienst und preußischem Innenministerium Plakat- und Flugblattaktionen, Subventionen für Rednertrupps, Zeitungen und Zeitschriften. Als Gegengründung zum antideutschen Kampagnen-Witzblatt Kocynder (Tagedieb) ließ Spiecker die Zeitschrift Pieron (Blitz, Wochenauflage ca. 45.000 Exemplare) erscheinen. Ihr Inhalt war scharfe, derbe, meist demagogische Satire gegen die Polen.Beispielhafte Pieron–Ausgaben in der Schlesischen Digitalen Bibliothek / Śląska Biblioteka Cyfrowa Pieron 1. Jg., Nr. 3, 31. Juli 1920 Pieron 2. Jg., Nr. 1, 1. Januar 1921 Dafür beauftragte er den Berliner Korrespondenzverlag Rudolf Dammert, der im Juni 1920 als Redaktionsleiter Kurt Tucholsky engagierte. Er redigierte das Blatt von Berlin aus, reiste aber auch mit Spiecker durch Schlesien. Spieckers Verbindung mit Pieron war in Pressekreisen bekannt. Für die Aggressivität der Zeitschrift wurde er selbst in Deutschland angegriffen, sogar vom ihm nahestehenden Zentrums-Organ Germania.

Zum anderen beaufsichtigte und beauftragte Spiecker Selbstschutz- und Spionageorganisationen wie die Spezialpolizei des Oberschlesischen Selbstschutzes.Stefan Zwicker: »Nationale Märtyrer«: Albert Leo Schlageter und Julius Fučík. Heldenkult, Propaganda und Erinnerungskultur. Schöningh, Paderborn 2006, ISBN 978-3-506-72936-1, S. 48. Zu den Gruppen, die Spiecker unterstanden, gehörte die „Organisation Heinz“, ein von Heinz Oskar Hauenstein geleitetes Freikorps, das in Oberschlesien an zahlreichen Fememorden beteiligt war. Hauenstein gab 1928 in einem Gerichtsprozess an, seine Organisation habe im Einverständnis mit Spiecker zahlreiche „deutsche Verräter“ ermordet.Bernhard Sauer: „Verräter waren bei uns in Mengen erschossen worden.“ Die Fememorde in Oberschlesien 1921. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 2006 (54), , S. 644–662, hier S. 656. Spiecker bestritt vor Gericht Hauensteins Angaben; ein gegen Spiecker eingeleitetes Ermittlungsverfahren wegen Anstiftung zum Mord wurde im September 1929 eingestellt.Sauer, Verräter, S. 659 alternativtext=Dr. Karl Spiecker|mini|219x219px|Dr. Karl Spiecker (1926), Porträt aus der Zeitschrift Zeitungswissenschaft

Pressechef und Verleger 1922 übernahm Spiecker die Verlagsleitung des Zentrum-Organs Germania.

Vom 4. Dezember 1923 bis zum 16. Januar 1925 amtierte er dann als „Pressechef“ des Reichskanzlers Wilhelm Marx (Zentrum) und Leiter der Vereinigten Presseabteilung der Reichsregierung, also als Regierungssprecher. Von diesem Amt trat er gleichzeitig mit der Demission des Kabinetts Marx II zurück. Über seine erst 1919 gegründete Dienststelle, die er „Reichspresseamt“ nannte, obwohl dies nicht der amtliche Name war, schrieb er 1926 in der Fachzeitschrift Zeitungswissenschaft eine der ersten Abhandlungen und kommentierte in der Fachzeitschrift Deutsche Presse gemeinsam mit Georg Bernhard das Verhältnis zwischen Regierung und Journalismus.

Anschließend schied er aus dem Staatsdienst aus, um den Reichsdienst der deutschen Presse (manchmal auch: Reichsdienst für die deutsche Presse oder Reichsdienst deutscher Presse), einen umfangreichen Korrespondenzdienst, zu gründen. Die Firma Deutsche Nachrichten- und Korrespondenz-Gesellschaft mbH (DNKG) mit Sitz in der Jägerstraße 11, Berlin W8, gründete er im Mai/Juni 1925.Handelsregister Berlin Nr. 36594 Deutsche Nachrichten- und Korrespondenzgesellschaft mit beschränkter Haftung, Berlin, Geschäftsführer Ministerialdirektor z. D. Dr. Karl Spieker, Berlin-Dahlem. Deutscher Reichsanzeiger Nr. 174, 1925-07-28 S. 11 Digitalisat 1 (Volltextscan) Digitalisat 2 (Originalseite) mini|Handelsregister Berlin Nr. 36594 Deutsche Nachrichten- und Korrespondenzgesellschaft mit beschränkter Haftung, Berlin, Geschäftsführer Ministerialdirektor z. D. Dr. Karl Spieker, Berlin-Dahlem. Der Abschluss des Gesellschaftervertrags an drei Daten (25. Mai, 27. Juni und 7. Juli 1925) deutet auf komplexere Partnerschaften hin. Sein Reichsdienst lieferte vor allem kommentierende und Hintergrundartikel in mehreren politischen Tagesausgaben lieferte (Leitartikel, Glossen, Nachrichten, Politische Informationen, Außenpolitische Rundschau), wobei parteigebundene Zeitungen (vorrangig liberale, aber separat durch ein „Büro für die Zentrumspresse“ auch für Zeitungen der katholischen Zentrumspartei) und überparteiliche Zeitungen jeweils passende Sonderdienste beziehen konnten. Als Wirtschaftsdienste wurde die Konjunktur-Korrespondenz sowie Volkstümliche Wirtschaftsberichte angeboten. Die Agentur übernahm die Berliner Vertretung auswärtiger Zeitungen.Werbeanzeige in: Maximilian Müller-Jabusch (Hrsg.) Politischer Almanach 1927. Jahrbuch des öffentlichen Lebens, der Wirtschaft und der Organisation. 4. Jg. Verlag K. F. Koehler, Berlin/Leipzig 1927, S. 409 Digitalisat

An der Deutsche Nachrichten- und Korrespondenz-Gesellschaft mbH beteiligte sich 1925 der der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) nahestehende Verlag Neue Staat. Planungen der DDP-Spitze, die DDP-eigene Korrespondenz Demokratischer Zeitungsdienst mit Spieckers Reichsdienst zu verbinden, d. h. Spiecker mit der Herausgeberschaft und Redaktion zu beauftragen, scheiterten am internen Widerstand bei den Liberalen, weil Spiecker Zentrums- und nicht DDP-Mitglied war.Werner Stephan. Acht Jahrzehnte erlebtes Deutschland. Droste, Düsseldorf 1982, S. 135

Werner Stephan. Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus 1918–1933. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973, S. 311f. mini|Werbeanzeige der DNKG für den Reichsdienst der deutschen Presse in Müller-Jabuschs Politischem Almanach 1927. Hinter der Verlagsbeteiligung und dem Drängen auf die Beauftragung von Spieckers Büro standen die drei der DDP nahestehenden Großverlage Ullstein (u. a. Vossische Zeitung, Berliner Morgenpost, B. Z. am Mittag, Berliner Abendpost), Mosse (Berliner Tageblatt, Berliner Volks-Zeitung) und die Frankfurter Societät (Frankfurter Zeitung), mit denen Spiecker als Regierungssprecher eng zusammengearbeitet hatte. Der Verlag und Spieckers Korrespondenz galten daher bald als Gemeinschaftsgründung der drei Großverlage.Richard Lewinsohn (Morus). Das Geld in der Politik. S. Fischer, Berlin 1930, S. 200

Kurt Pritzkoleit. Wem gehört Deutschland. Kurt Desch, Wien / München / Basel 1597, S. 152 Digitalisat Mit dem Einstieg der Investoren gab Spiecker im Februar 1926 die kaufmännische Geschäftsführung der DNKG mbH ab an die neuen Geschäftsführer Wilhelm Vogel und Ilse Albrecht; sein Redakteur Walter Asmuß erhielt als Vertrauensmann der Anteilseigner Prokura.Handelsregisterauszug: „Bei Nr. 36 594 Deutsche Nachrichten - und Korrespondenzgesellschaft mit beschränkter Haftung: Laut Beschluß vom 5. Februar 1926 ist der Gesellschaftsvertrag bezüglich der Vertretungsbefugnis geändert. Die Geschäftsführer Vogel und Fräulein Albrecht vertreten die Gesellschaft entweder gemeinsam oder jeder gemeinsam mit einem Prokuristen. Dr. Karl Spiecker ist nicht mehr Geschäftsführer. Chefredakteur Wilhelm Vogel, Fräulein Ilse Albrecht, beide in Berlin-Wilmersdorf, sind zu Geschäftsführern bestellt. Dem Redakteur Walter Aßmus in Berlin-Wilmersdorf ist Prokura derart erteilt, daß er die Gesellschaft gemeinsam mit einem Geschäftsführer zu vertreten berechtigt ist.“

Deutscher Reichsanzeiger Nr. 77 1929-04-01 S. 7 Digitalisat

Spiecker war Aufsichtsrat des Verlags Germania AG. Durch den Großaktionär des Verlags, Franz von Papen, wurde Spiecker bei der Generalversammlung im Mai 1925 bei der starken Verkleinerung des Aufsichtsrats aus dem Gremium entfernt.Papen verfügte über etwa 47 Prozent der Germania-Aktien. Vermutlich arbeitete er mit dem stellvertretenden Zentrums-Parteivorsitzenden Florian Klöckner zusammen, als er bei der Generalversammlung am 18. Mai 1925 durchsetzte, den bisher 17-köpfigen Aufsichtsrat auf acht Mitglieder, die sich durch Aktienbesitz legitimieren mussten, zu verkleinern.

Gottwald, Herbert. "Franz von Papen und die ,Germania'. Ein Beitrag zur Geschichte des politischen Katholizismus und der Zentrumspresse in der Weimarer Republik". Jahrbuch für Geschichte Band 6, 1972, S. 539–604.

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