Das Deutsche Institut für Zeitgeschichte (DIZ) war eine Einrichtung der DDR von 1949 bis 1971. Mit verschiedenen Beständen aus Bibliotheken und Sammlungen der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus stellte es eine der bedeutenden Einrichtungen zu Dokumenten und anderen Quellen der deutschen Zeitgeschichte seit etwa 1871 dar. Im Jahre 1971 wurde das Institut in das neu gegründete Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW) überführt.
Kriegsende in Berlin 1945 und Entwicklung bis 1949 Seit dem 1. Dezember 1928 war Eugen Fischer-Baling der Direktor der Reichstagsbibliothek bis zum Kriegsende Anfang Mai 1945. Am 18. Juni 1945 wurde er vom Magistrat von Groß-Berlin zum Chef der „Restverwaltung des Reichstags“ ernannt. Diese Aufgabe erfüllte er bis zu seiner Abberufung am 28. Februar 1946.Die Restverwaltung des Reichstags unterstand dem Magistrat von Berlin. Gerhard Hahn erwähnt sie als „Restverwaltung des ehemaligen Reichsfinanzministeriums“, welche als eine Dienststelle vom 31. Januar 1946 bis zum 4. Dezember 1946 existierte. Siehe: Gerhard Hahn: Die Reichstagsbibliothek zu Berlin – ein Spiegel deutscher Geschichte. Düsseldorf 1997, S. 509 FN 37. Seine vordringliche Aufgabe bestand darin, Bestände der Bibliotheken im zerstörten Berlin zusammenzuführen. Darunter befanden sich auch noch 8.000 Bände aus dem Keller im Reichstagsgebäude. Dieser Auftrag wurde auf andere Bestände zur deutschen Zeitgeschichte in Berlin erweitert, als am 26. September 1945 die „Dokumentationszentrale für Neueste Deutsche Geschichte“ gegründet wurde.Gerhard Hahn, ebenda, S. 519. Am gleichen Tag wurde er abberufen und Karl Kaspar zum Leiter der Dokumentationszentrale ernannt. Die praktische Tätigkeit der Dokumentationszentrale wurde am 24. Oktober 1945 aufgenommen.
Die Dokumentationszentrale befand sich im Reichstagspräsidentenpalais. Zum 1. März 1946 wurde die Dokumentationszentrale in „Zentralstelle für Zeitgeschichte“ umbenannt und die Bestände in die Breite Straße (Berlin-Mitte) 36 umgelagert.Im Text zur Chronik Berlins vom Berliner Senat zum 1. März 1946 hieß es dazu: „Die Zentralstelle für Zeitgeschichte in Berlin wird als städtische Institut gegründet“. Der Hintergrund dieser Maßnahme bestand darin, dass es erste Auseinandersetzungen unter den politischen Kräften in Berlin über die Konzeption dieser Einrichtung gab.Gerhard Hahn, ebenda, S. 526 FN 9. Am 21. April 1947 wurden die Bestände der Zentralstelle von der sowjetischen Militärverwaltung unter dem Vorwand beschlagnahmt, dass die Zentralstelle 12.000 Bände einer Sammlung von NS-Literatur verwahrte. Damit war ein Umzug des Inventars nach Berlin-Friedrichsfelde in die Straße Alt-Friedrichsfelde 1–2 an der Ecke zur Rosenfelder Straße verbunden, und es erfolgte eine Unterstellung der Zentralstelle in den Geschäftsbereich der „Zentralverwaltung für Volksbildung“.Gerhard Hahn, ebenda, S. 530–531. Dort hatte sich das im Februar 1946 neu gegründete Institut für Publizistik befunden, dessen Personal und Bestände teilweise übernommen wurden.Stefan Doernberg: 25 Jahre Deutsches Institut für Zeitgeschichte 1946 bis 1971. In: Dokumentation der Zeit. Band 23, 1971, S. 4–13, hier: S. 4.Siegfried Schwarz: Eine DDR-Zeitschrift mit gesamtdeutschem Anspruch – „Dokumentation der Zeit“ 1949–1955. In: Deutschland Archiv. 31. Jg., 1998, S. 783–790.Michael Kubina: Von Utopie, Widerstand und Kaltem Krieg – Das unzeitgemäße Leben des Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland (1906–1978). Hamburg 2001, S. 189.Michael B. Klein behauptete dagegen noch 1999 in seiner veröffentlichten Dissertation, dass das DIZ aus einer Zusammenfassung im Juli 1947 mit einem „Institut für Zeitungskunde“ hervorgegangen sei (siehe: Institut für Internationale Politik und Wirtschaft der DDR in seiner Gründungsphase 1971 bis 1974. Berlin 1999, S. 74 FN 218). Auch Karl Wilhelm Fricke hatte diese Behauptung im Jahre 1972 aufgestellt.Karl Wilhelm Fricke: Ein Zentrum der DDR-Forschung. In: Deutschland Archiv. 5. Jg., 1972, S. 802–805, hier: S. 803. In einer Veröffentlichung des DIZ hatte Gerhard Arnold im Jahre 1966 diese Behauptung wiederholt.Gerhard Arnold: 20 Jahre Deutsches Institut für Zeitgeschichte. In: Dokumentation der Zeit, Heft 350, 18. Jg., 1966, S. 36–37, hier: S. 36. Erstmals hatte wohl Karl Bittel im Jahre 1956 diese Zusammenlegung erwähnt.Karl Bittel: Arbeit und Aufgaben des Deutschen Instituts für Zeitgeschichte in Berlin. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 6, Band 4, 1956, S. 1253–1255, hier: S. 1252. Zur Existenz des „Instituts für Publizistik“ hatte die Zeitung Der Kurier am 12. Februar 1947 eine Nachricht gebracht, die sich auf die Adresse in Friedrichsfelde bezog und als Leiter Alfred Weiland anführte. Das „Deutsche Institut für Zeitungskunde“, auf das sich die Autoren bezogen, wurde im Juni 1924 gegründetBernd Sösemann: Emil Dovifat – Studien und Dokumente zu Leben und Werk. Berlin 1998, S. 449. und hatte im Jahre 1933 seine Räume in der Breitestraße 36.Christian Härtel: Stromlinien – Wilfrid Bade – Eine Karriere im Dritten Reich. be.bra-Verlag Wissenschaft, Berlin 2004, S. 46. Im Zeitraum von Ende 1946/Anfang 1947 versuchte Emil Dovifat ein zeitungswissenschaftliches Institut an der Berliner Universität neu aufzubauen, was jedoch zu diesem Zeitpunkt als Konkurrenzeinrichtung abgelehnt wurde.Michael Kubina, ebenda, S. 187.
Schon am 2. April 1947 wurde in der Zeitung Tägliche Rundschau ein Artikel unter der Überschrift Die Berliner sollten Zeitgeschichte lernen veröffentlicht. Darin wurde gefordert, dass die Zentralstelle der Volksbildungsabteilung des Magistrats unterstellt werden sollte. Außerdem sollte die Einrichtung der Universität angegliedert werden. Aber die Universität gehörte zur Zentralverwaltung für Volksbildung der Sowjetischen Besatzungszone. Am 6. Februar 1948 wurde die Einrichtung unter dem Namen „Institut für Zeitgeschichte“ wieder eröffnet. Im Oktober 1949 erfolgte eine Umbenennung der Einrichtung in „Deutsches Institut für Zeitgeschichte“. Das DIZ wurde am 7. Oktober 1949 dem „Amt für Information bei der Regierung der DDR“ unterstellt.Gerhard Hahn behauptete dagegen, dass die Umbenennung in DIZ im Juli 1949 stattgefunden hätte. Siehe: Gerhard Hahn: Die Reichstagsbibliothek zu Berlin. Ebenda, S. 533. Stefan Doernberg führte dazu an, dass die Reorganisation als „Deutsches Institut für Zeitgeschichte“ des „Instituts für Zeitgeschichte“ im Juli 1949 begonnen wurde.Stefan Doernberg: 25 Jahre Deutsches Institut für Zeitgeschichte. Ebenda, S. 4.
Bestände des DIZ bis 1971 Gerhard Hahn gibt an, dass die Bestände der Sondersammlung NS-Bibliothek mit 12.000 Bänden bis zum Ende des Instituts im Jahre 1972 erhalten blieben und im Jahre 1993 der „Teilbibliothek Deutsche und Allgemeine Geschichte“ als Einrichtung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften übergeben wurden.Gerhard Hahn, ebenda, S. 535. Die Restbestände der Reichstagsbibliothek, Teile der Bibliothek des Reichspostministeriums und des Auswärtigen Amtes bestanden noch bis zum Ende der 1960er Jahre in der Bibliothek des DIZ, wurden dann aber an die „Zentralstelle für Wissenschaftliche Altbestände“ (ZWA) der Deutschen Staatsbibliothek in Berlin Unter den Linden abgegeben. Ab 1990 übernahm die „Zweigbibliothek Sozialwissenschaften“ der Humboldt-Universität zu Berlin die Buchbestände des DIZ, die das IPW übernommen hatte.
Die „Zentralstelle für Zeitgeschichte“ hatte ab April 1946 eine Bestandsaufnahme von 20.000 Bänden an Büchern registriert, darunter 8.000 Bände des Restbestandes der Reichstagsbibliothek. Weiterhin hatten Mikrofilme des alphabetischen Kataloges und des Realkataloges der Bibliothek des Reichstags die Zerstörungen und andere Ereignisse der Kriegszeit überstanden. Im Zuge der Sammlungen von anderen Bibliotheken und Einrichtungen übernahm die Zentralstelle Restbestände des „Instituts für Auslands- und Grenzland-Deutschtum“ (Berlin), der Zeitungs- und Zeitschriftensammlung des „Instituts für Zeitungswissenschaften“ der Friedrich-Wilhelms-Universität (Berlin) und Akten des „Geheimen Staatsarchivs“. Allerdings wurden diese übernommenen Bestände nicht in die Registrierung der Zentralstelle aufgenommen.Gerhard Hahn, ebenda, S. 528.
Die Aufarbeitung der Bestände und Dokumente reichte in Einzelfällen bis zum Jahre 1871 zurück, sonst aber schon ab 1918. Schon im September 1946 war die Bibliothek auf etwa 40.000 Bände angewachsen. Flugblätter und Plakate gab es ab 1914 und eine Fotosammlung. Aus dem Amt Rosenberg kam eine Sammlung von Dokumenten und Archivalien. Hinzu kamen Denkschriften von NS-Einrichtungen, sogenannte „Stimmungsbrichte“ von Gauleitern und Geheimakten von NS-Dienststellen. Es gab auch eine Sammlung der Widerstandsliteratur aus der NS-Zeit und Unterlagen über den Reichstagsbrand und den zugehörigen Prozess. Auch ein erstes Archiv von 50.000 Zeitungsausschnitten war vorhanden.Gerhard Hahn, ebenda, S. 528–529. Die Zeitung Tägliche Rundschau schrieb über den Bestand der Zentralstelle am 18. Juli 1946:
„In ganz Deutschland gibt es wohl zur Zeit kein Institut, das über ein derartig reichhaltiges Material aus dem politischen Leben seit 1870 verfügt“.„Zentralstelle für Zeitgeschichte“ – Reiches Tatsachenmaterial wird der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In: Tägliche Rundschau vom 18. Juli 1946.
Nach eigenen Angaben verfügte das DIZ im Jahre 1949 noch über vollständige Zeitungs- und Zeitschriftenreihen der letzten 80 Jahre, ein Archiv über Zeitungsausschnitte aus den letzten 20 Jahren, systematisch nach 8.000 Begriffen geordnet, und eine bibliographische Kartei über Zeitschriftenartikel mit mehr als 10.000 Titeln.Karl Wilhelm Fricke: Ein Zentrum der Westforschung. In: Deutschland Archiv, 5. Jg., 1971, S. 802–805 – Fricke zitierte die Angaben, wobei die Anzahl der Zeitungsausschnitte 500.000 betrug, während Hahn nur 50.000 angab. Weiterhin war eine Sammlung von Plakaten und Flugblättern im Umfang von etwa 4.000 Stück vorhanden. Daneben existierte noch ein Archiv für Bilder, Rundfunk- und Filmbänder.Siegfried Prokop: Karl Bittel als Publizist und Zeithistoriker in Berlin. In: Siegfried Bock et al.: Helsinki 1975 – genutzte Möglichkeiten und verpasste Chancen: Beiträge einer wissenschaftlichen Konferenz zu Ehren von Prof. Dr. Stefan Doernberg anlässlich seines 75. Geburtstages. Berlin 2000, Reihe Pankower Vorträge Nr. 21, S. 57–61, hier: S. 59.
Karl Bittel berichtete im Jahre 1956, dass die Bibliothek nun 60.000 Bände hatte und etwa 1,5 Millionen Zeitungsausschnitte in Mappen oder Karteien nach einer einheitlichen Dezimalklassifikation erfasst wurden. Benutzer könnten auf Materialien auf diese Weise zugreifen. In diesem Jahr wurden auch 170 Zeitungen und 450 Zeitschriften aus dem In- und Ausland vom Lektorat ausgewählt und durchgearbeitet. Darunter befänden sich auch mehr als 50 Zeitungen des Auslands in neun Sprachen.Karl Bittel: Arbeit und Aufgaben des Deutschen Instituts für Zeitgeschichte. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 6, Band 4, 1956, S. 1253–1255.