mini|Buzz Aldrin beim ersten Betreten des Mondes am 21. Juli 1969 Als Medienikone werden in Kulturwissenschaften und Medienwissenschaften medial herausragend präsente Bilder bezeichnet. Sind sie dauerhaft im kollektiven Bildgedächtnis eingeschrieben, können sie als „Ikonen des kollektiven Bildgedächtnisses“ bezeichnet werden.
Grundlagen und Abgrenzungen Der Begriff „Medienikone“ ist abgeleitet von der „Ikone“ (von „Bild, Abbild“), die ein in der orthodoxen Kirche kultisch verehrtes, nach kanonischen Vorgaben angefertigtes und rituell geweihtes Heiligenbild bezeichnet.Zitiert nach Kathrin Raminger: Ikone: Wie lässt sich dieser Gattungsbegriff auf einer allgemeinen Ebene in der Kunst- bzw. Bildwissenschaft anwenden? Was zeichnet ikonische Bilder aus und wie wirken sie?
Der Verfall der Aura des Kunstwerks, wie ihn Walter Benjamin im Jahr 1936 im Hinblick auf moderne Reproduktionstechniken beschrieb, kann als Ent-Ikonisierung interpretiert werden. Bereits in den Massenkulturen des 20. Jahrhunderts entstanden jedoch Bilder, die – religiösen Ikonen entfernt vergleichbar – übergeordnete Werte und Sinndeutungsmuster symbolisch verdichteten und, begünstigt durch neue Arten der Vervielfältigung, eine Aura des Mythischen erlangten.Gerhard Paul: Bilder, die Geschichte schrieben. 1900 bis heute. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 8, 4.
In den 1990er Jahren wurde in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit die Bilderflut der Massenmedien zum Thema. Diskutiert wurden die Verwendung, Wirkung und Interpretation der Bilder und das veränderte Denken in Bildern und über Bilder. „In Kenntnis der Bedeutung, die Bilder in der modernen Mediengesellschaft gewonnen haben, ist der Begriff ‚Ikone‘ in der Umgangssprache seit etwa den 1990er Jahren aus seinem eng definierten Zusammenhang mit den Heiligenbildern der Ostkirche herausgelöst worden.“Gerhard Paul: Bilder, die Geschichte schrieben. 1900 bis heute. Göttingen 2011, S. 8, 3. 1994 verwendet Gottfried Boehm in Wiederkehr der Bilder den dafür bezeichnenden Begriff Ikonische Wende (iconic turn). Aus der Diskussion um „die neue Macht der Bilder“ entstand ein neuer Begriff für Bilder, die kulturell prägend aus der Bilderflut herausragen: die Medienikonen.
Es waren „… besondere, technisch und elektronisch generierte Bilder, die die Kraft besaßen, Geschichte zu machen und zu schreiben. Aufgrund ihrer Reproduzierbarkeit und Verbreitungsgeschwindigkeit waren sie zugleich in der Lage, Gesellschaften zu durchdringen und Grenzen zu überspringen, also tendenziell omnipräsent und global zu sein. […] Von den Bildern oder Ikonen der Bildenden Kunst unterscheiden sich Medienikonen vor allem dadurch, dass sich die Eigenheiten und Gesetzmäßigkeit ihrer medialen Bildträger strukturell in sie eingeschrieben haben.“Gerhard Paul: Bilder, die Geschichte schrieben. 1900 bis heute. S. 7, 2. Davon zu unterscheiden sind wiederum Bilder aus der Bildenden Kunst, die, medial vermarktet und konsumiert, selbst zu Medienikonen geworden sind.
Medienikonen sind die Bilder und Bildsequenzen, die aus der seit Beginn der Mediengesellschaft des 20. Jahrhunderts technisch und elektronisch generierten Bilderflut herausragen, außerordentliche Erinnerungskraft besitzen und ständig reproduziert, verehrt, verteidigt oder attackiert werden.Gerhard Paul, S. 8, 1. Gemeinsam ist ihnen die mediale Wirkmächtigkeit: Sie greifen gestaltend in den historischen Prozess ein, „machen“ also Geschichte. Sie formen den Prozess der Erinnerung an ebendiese Geschichte, „schreiben“ also Geschichte. Sie verfügen über eine eigene Geschichte, ihre Bildgeschichte.Gerhard Paul, S. 7.
Ikonen des Fotojournalismus Der amerikanische Kommunikationswissenschaftler David D. Perlmutter erwähnt (in Photojournalism and foreign policy) Unterschiede und Merkmale, die in der Diskussion um Medienikonen ähnlich zu berücksichtigen sind.
So unterscheidet er zwischen „discrete icon“ und „generic Icon“ (vgl. Katharina Lobinger: Visuelle Kommunikationsforschung.) Beim generic icon können die Akteure die Situation oder die Orte wechseln, das Motiv bleibt jedoch dasselbe. Als Beispiel nennt Perlmutter den Bildtypus „Hungerndes Kind in Afrika“. Dagegen ist das discrete icon ein einzelnes Foto, mit bestimmten Bildelementen und unter anderem folgenden Merkmalen: mini|hochkant|Der „Kapuzenmann“ erfüllt die Kriterien eines discrete icon Berühmtheit: Das Foto wird zumindest innerhalb einer Generation wiedererkannt. Politiker, Medienleute oder Wissenschaftler schreiben ihm außergewöhnliche Bedeutung zu. Augenblicklichkeit: Das Foto wurde schnell berühmt und wird noch nach Jahren publiziert. Ereignisrelevanz: Das Foto geht aus einem relevanten Ereignis hervor. Komposition: Das Foto hat eine auffällige und überzeugende Komposition. Profit: Das Foto ist ein rentables kommerzielles Produkt. Darstellungsprominenz: Das Foto wird auf Titelseiten von Medien gedruckt. Frequenz: Das Bild wird häufig abgedruckt. Transponierbarkeit: Das Foto wird in verschiedenen Medien, wie Büchern oder Zeitungen, abgedruckt. Ursprünglichkeit und kulturelle Resonanz: Das Foto rekurriert auf Szenen aus Religion und Geschichte und bezieht sich somit auf frühere ikonische Bilder. Metonymie: Das Foto scheint einen Moment eines Ereignisses zu verdichten und symbolisch das gesamte Geschehen zum Ausdruck zu bringen.
Varianten Der Begriff Ikone im Sinne von Medienikone tendiert zum inflatorischen Gebrauch. Es sind weitere Varianten unterscheidbar. Schreiben sich die Bilder in das kollektive Bildgedächtnis ein, werden sie zu „Ikonen des kollektiven Bildgedächtnisses“ erklärt (populärwissenschaftlich zu „Schlüsselbildern, die die Welt bewegen“).
Manche Medienikonen werden als „Superikone“ bezeichnet, beispielsweise wenn sie, wie die Fotografie des Kapuzenmannes von Abu Ghuraib, auf das „superlativische Bild“ des gekreuzigten oder leidenden Christus verweisen, oder anderen ikonischen Vorläufern nachgebildet sind, wie das Porträt Mao Zedongs am Tor des Himmlischen Friedens, das als „Mona Lisa Chinas“ medial verwertet wurde.Gerhard Paul, S. 9, 5 f.
Die einzelnen Medien selbst haben ihre eigenen Ikonen hervorgebracht.Gerhard Paul, S. 8, 2 f. Es wird von „Ikonen der Pressefotografie“, von „Ikonen der zeitgenössischen Kunst“ und von „Ikonen der Filmgeschichte“ gesprochen.
Vielfach werden Bilder und Produkte einer bestimmten Art von Medienikonen zugeordnet: Die Coca-Cola-Flasche gilt als Werbeikone, der VW Käfer als Designikone.
Unabhängig vom Diskurs der „Ikonischen Wende“ wird der Begriff Ikone als Auszeichnung des für einen Bereich in seiner Zeit Wegweisenden, Einzigartigen und sinnbildlich Gewordenen, verwendet, etwa als „Architekturikone“ (wie der Eiffelturm oder das Sydney Opera House), als „Ikone der Astronomie“ (das Hubble-Weltraumteleskop) oder als „Versand-Ikone“ (Neckermann).
Beispiele Aus unterschiedlichen Quellen und Blickwinkeln ergeben sich unterschiedliche Zusammenstellungen von Beispielen. Im ursprünglich engeren Sinn wird nur eine bestimmte Abbildung oder Bildsequenz als Medienikone beschrieben. Im inflationären Gebrauch kommt es vor, dass bereits ein Ereignis oder eine Person zur Ikone oder Medienikone erhoben wird, sobald damit ein herausragendes Motiv in der Flut der Bilder, Abbildungen, Fotos oder Abdrucke markiert werden kann.
Ikonen der Bildenden Kunst mini|Die Erschaffung Adams, Detail aus dem Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle mini| Eugène Delacroix: Die Freiheit führt das Volk (1830) Ikonen der Bildenden Kunst und Ikonen der modernen Massenmedien unterscheiden sich in ihrem Entstehungsprozess.Gerhard Paul, S. 8, 6 Als „Superikonen“ oder „superlativischen Bilder“ der Kunst, die wiederum Vorbild für zahlreiche spätere Bildschöpfungen wurden, gelten etwa die ägyptische Büste der Nofretete (1353–1336 v. Chr.) In: berlin.de, abgerufen am 7. Dezember 2012. die Römische Pietà des Michelangelo im Petersdom (1498/99)Gerhard Paul, S. 9, 1 das Lächeln der Mona Lisa, von Leonardo da Vinci um 1510 die Erschaffung Adams, als der Finger Gottes fast den Finger Adams berührt, von Michelangelo ca. 1511 die beiden Puttenfiguren am unteren Bildrand der Sixtinischen Madonna, von Raffael 1512/13 das Bild der Marianne, als Symbol der Freiheit, in dem Gemälde Die Freiheit führt das Volk, von Eugène Delacroix, geschaffen 1830 In: nvcc.edu, abgerufen am 5. Juli 2012. als Meisterwerk des Expressionismus, Der Schrei, von Edvard Munch (1893) als „Ikone der Moderne“ Das Schwarze Quadrat (1915 erstmals ausgestellt), von Kasimir MalewitschDas Schwarze Quadrat. In: art-perfect.de, abgerufen am 3. Oktober 2012. als „Antikriegsikone“ und „Ikone des 20. Jahrhunderts“, Guernica (1937), von Pablo Picasso der tief konzentrierte Blick von Joseph Beuys und seines Sohnes Wenzel von Liselotte StrelowLiselotte Strelow: Joseph Beuys. 1967.
Ikonen der Moderne Joe Rosenthals Foto Raising the Flag on Iwo Jima und Jewgeni Chaldejs Bild der sowjetischen Flagge auf dem Berliner Reichstag Robert Capas Aufnahme von 1948, die Pablo Picasso zeigt, wie er die vorausgehende Françoise Gilot am Strand von Golfe-Juan mit einem Sonnenschirm schütztRobert Capa: Pablo Picasso und Françoise Gilot am Strand. 1948.Ingeborg Wiensowski: Selbstdarsteller Picasso auf Fotos. Der Ich-kann-alles-Kerl. In: Spiegel Online, 10. Juli 2012; abgerufen am 8. Juli 2014. mini|Che Guevara: Guerrillero Heroico. Foto: Alberto Korda Arthur Sasses Fotografie Albert Einstein mit herausgestreckter ZungeDas berühmte Zungenfoto, planetwissen.deSuzanne Cords: Warum Einstein seine Zunge raustreckt (sic!) In: dw.com, 14. März 2021, abgerufen am 14. März 2021 die von Sam Shaw angefertigte Standfotografie Marilyn Monroes aus den Dreharbeiten zu Das verflixte siebte Jahr, auf der ihr weißes Kleid durch den Luftzug eines U-Bahn-Schachts angehoben wirdRoya Nikkah: Marilyn Monroe’s 'Seven Year Itch’ dress to go on show at V&A. In: telegraph.co.uk, 14. Oktober 2012; abgerufen am 5. Januar 2015 (englisch) Alberto Kordas Aufnahme von Che Guevara aus dem März 1960 als eines der bekanntesten Fotos einer Person überhaupt. Nach dem Tod Guevaras wurde es weltweit vermarktet und stilisierte ihn zu einer Art Pop-IkoneIkone Che Guevara. Sein Konterfei ist Sprengstoff. Interview mit René Burri. In: einestages, 2. Juni 2008 Robert Lebecks Foto vom „Degendieb von Léopoldville“, entstanden am 29. Juni 1960 in Léopoldville, auf dem ein junger Kongolese den Degen des belgischen Königs Baudouin aus der offenen Limousine stiehlt, mit der der König durch die Stadt fährt – ein Symbol für die Dekolonisation AfrikasBaudouin I. In: lebeck.de; abgerufen am 7. Juni 2015.Jörn Glasenapp: Der Degendieb von Léopoldville. Robert Lebecks Schlüsselbild der Dekolonisation Afrikas. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder: 1949 bis heute, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-30012-1, S. 242–249. aus der Erforschung der DNA – das Modell der Doppelhelix von James Watson und Francis CrickGábor Paál: (PDF; 96 kB), S. 158. Zitat: „… ist die Doppelhelix zum Ikon der Genforschung geworden und findet sich heute auf mindestens jeder zweiten Werbeanzeige einer Life-Science-Firma.“ das Bild eines Atompilzes – der Funktionswert reicht von „Symbol für den technologischen Fortschritt“ bis „Symbol für die Apokalypse der Moderne“Gerhard Paul: Mushroom Clouds. Entstehung, Struktur und Funktion einer Medienikone des 20. Jahrhunderts im interkulturellen Vergleich. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History: ein Studienbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, 2006, ISBN 3-525-36289-7, S. 243. (Digitalisat bei Google Books). Peter Leibings Fotografie Sprung in die Freiheit, 15. August 1961: Zwei Tage nach dem Beginn des Berliner Mauerbaus sprang der 19-jährige DDR-Bereitschaftspolizist Conrad Schumann an der Bernauer Straße über den provisorisch ausgerollten Stacheldraht in den WestenSprung in die Freiheit. 1961.