mini|Zürcher Stadtheilige auf einem Fresko im «Haus zum Königsstuhl» an der Stüssihofstatt in Zürich, um 1400/1425 mini|Das «Kaiserrelief» (12. Jh.nach 1100, vor 1220, vermutlich Mitte des 12. Jahrhunderts, eine der ältesten Darstellungen der Heiligen, neben einer Miniatur im Stuttgarter Passionale (um 1130).) auf einem Pfeilerkapitell im Grossmünster, Zürich, zeigt Karl den Grossen, dessen Pferd an der Stelle des Grabes von Felix und Regula auf die Knie sinkt. Daneben sind die beiden Heiligen dargestellt. Die Stadtheiligen sind mit Märtyrerpalme, aber noch nicht wie später üblich enthauptet gezeigt. mini|Grossmünster (Grablege der beiden Heiligen), Wasserkirche (Hinrichtungsstätte) und Fraumünster (Reliquien) bildeten im Mittelalter eine Prozessionsachse im Herzen der Stadt Zürich. Ausschnitt aus dem Plan des Jos Murer von Zürich aus dem Jahr 1576. mini|Älteste bekannte Darstellung der Stadtheiligen. Stuttgarter Passionale aus dem Jahr 1130, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart mini|Von Hans Waldmann gestiftetes Wandbild der Stadtheiligen an der Nordfassade des Fraumünsters, gestiftet um 1478

Felix und Regula sind zwei der drei Zürcher Stadtpatrone und Heilige der Koptisch-orthodoxen und Römisch-katholischen Kirche. Laut einer Legende des Frühmittelalters starben sie bei der diokletianischen Christenverfolgung als Märtyrer. Der dritte Stadtpatron, Exuperantius, ist dagegen erst seit dem 13. Jahrhundert als Figur in der Legende der Heiligen Felix und Regula überliefert. Die beiden Heiligen gehören zur Gruppe der Cephalophoren («Kopfträger»).

Bis zur Reformation wurden Felix und Regula in Zürich verehrt, und das Grossmünster, die Wasserkirche sowie das Fraumünster sind ihnen gewidmet. Ihr Gedenktag ist der 11. September.

Die Legende Frühkarolingische Fassung Die älteste Verschriftlichung der Legende von Felix und Regula liegt in der Stiftsbibliothek St. Gallen vor, in einer Handschrift aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts (Codex 225 ff., S. 473–478).St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 225, S. 473–478 (online). Eine Abschrift dieses Textes liegt ausserdem vor in einer Handschrift aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts (Codex 550).St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 550, S. 29–39 (online). Der Text aus Cod. 225 ist vermutlich eine Abschrift einer Zürcher Quelle, für die aber ein um ein Weniges höheres Alter angenommen wird. Die Entstehung der Legende ist damit kaum früher als um die Mitte des 8. Jh. anzusetzen; sie ist somit wesentlich jünger als die Verehrung der Thebäischen Legion, die in der Passio acaunensium martyrum, dem ältesten schriftlichen Zeugnis aus dem Gebiet der Schweiz überhaupt, bereits im späten 4. Jahrhundert überliefert wurde.

Die Legende gehört zur Gattung der Martyriumsgeschichten, die in der christlichen Hagiographie eine eigene Unterart bildet. Sie ist überschrieben mit «Passio sanctorum Felicis et Regula» («Leiden der Heiligen Felix und Regula»). Als Zeitraum und Hintergrund der Geschichte dient die diokletianische Christenverfolgung, die von 302 bis 305 andauerte und das Leben zahlreicher Christen forderte. Diokletian hatte Maximian im Jahr 286 zu seinem Mitkaiser ernannt. Als zweiter Regent erscheint er in vielen Märtyrerberichten als Urbild des tyrannischen Christenverfolgers.

Nach der Passio sollen die Geschwister Felix und Regula zusammen mit ihren Gefährten vom Kommandanten der Thebäischen Legion, Mauritius, «zur Wanderschaft berufen» worden sein. So entgingen sie dem Martyrium der Thebäischen Legion, die um 302/03 n. Chr. bei Agaunum (heute Saint-Maurice) im Wallis summarisch hingerichtet wurde.

Die Pilger seien durch das Glarnerland gezogen und schliesslich entlang der Linth zum Zürichsee gelangt. Die Beschreibung des Glarnerlandes als «wüste und öde Gegend» veranschaulicht hierbei das harte Leben eines Pilgers und ist somit nicht wörtlich zu verstehen. Der Ort war sowohl in der Spätantike als auch in karolingischer Zeit gut besiedelt.Urs Baur: Die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula. 1988, S. 26. Sie schlagen am Ausfluss der Limmat, nahe dem Kastell Turicum (Zürich), ihre Zelte auf und verbringen einige Zeit mit Fasten und im Gebet.

Der grausame Kaiser Maximian schickt ihnen aber seine Häscher nach. Mittags, als die Heiligen gerade ihr Gebet verrichten, werden sie von den kaiserlichen Soldaten überrascht. Ihr Anführer Decius stellt ihnen die Frage, ob sie Christen und Gefährten von Mauritius, Exuperius, Candidus und Viktor seien. Felix bestätigt dies unumwunden.

Decius verlangt nun, dass die Pilger die Götter Jupiter und Merkur anbeten. Als sie sich weigern, werden sie einer Reihe von grausamen Foltern ausgesetzt, die die Heiligen freudig erdulden. Schliesslich befiehlt Decius, die Heiligen zu enthaupten. Die Hinrichtung findet am Ufer der Limmat statt (von der Limmatinsel der Wasserkirche, wo die Hinrichtungsstätte später lokalisiert wird, ist noch keine Rede). Die Enthaupteten hätten danach ihre Häupter in die Hände genommen und sie vierzig dextri (Schritte) weit auf jenen Hügel, 200 dextri vom Kastell entfernt, getragen, wo sie nun ruhen.

Auf dem Hügel, wo die Heiligen bestattet wurden und noch «mit grossem Schmuck ruhen», seien bereits von alters her viele Blinde und Lahme geheilt worden. Das Fest der Heiligen werde am dritten Tag vor den Iden des Septembers gefeiert, also am 11. September.

Am Ende der Passio wird berichtet, die Geschichte von Felix und Regula sei dem heiligen Mönch Florencius durch den Heiligen Geist offenbart worden. Stadler (2008) geht davon aus, dass Florencius ein alemannischer Mönch in Zürich war, der im 8. Jahrhundert die Legende als erster aufschrieb. Iso Müller war in seiner Ausgabe des Textes von 1971 zurückhaltender, für ihn bleibt Florencius «ein Unbekannter».Iso Müller: Die frühkalingorische Passio der Zürcher Heiligen. In: Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte Bd. 65, S. 180–185. Ältere Historiker sehen einen «Florentinermönch», lesen also florencius als Herkunftsangabe und nicht als Eigennamen.Rudolf Luginbühl (Hrsg.): Heinrich Brennwalds Schweizerchronik. 1908, Bd. 1, S. 74 (online). Die moderne Forschung geht davon aus, dass der Anlass für die Niederschrift die Auffindung eines ausserordentlichen Grabes aus der Römerzeit war. Über der Grabstätte entstand dann im 9. Jahrhundert das Zürcher Grossmünster.

Die Passio bedient sich in Stil und Wortwahl stark an der Heiligen Schrift. Teilweise entstammen ganze Stellen wörtlich aus der Vulgata. Nebst diversen Psalmen wurden gewisse Redewendungen aneinandergereiht, wie sie in der lateinischen Bibel häufig vorkommen. «Zelte aufschlagen» für Wohnen, «dem Herrn anhängen», «mit Fasten und Wachen», «Tag und Nacht in Gebeten und im Wort Gottes verharren». Zusammengefügt ergeben diese Fragmente dann den Satz «… wo sie ihre Hütten aufschlugen und dem Herrn treu und fromm ergeben anhingen, indem sie Tag und Nacht in Fasten, Nachtwachen, Gebeten und im Wort Gottes verharrten».Urs Baur: Die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula. 1988, S. 21. An anderen Stellen wiederum sind biblische Sätze paraphrasiert, so ist der Satz «Unseren Leib hast du zwar in deiner Gewalt, unsere Seelen aber hast du nicht in deiner Gewalt, sondern allein Gott, der uns gebildet hat» eine Abwandlung von Jesu Ermahnung «Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, sondern fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib verderben kann in der Hölle» (Mt 10,28).

An einigen Stellen wird der biblische Wortlaut abgeändert. Etwa die Stelle «Kommt ihr Gesegneten meines Vaters, empfangt das Reich, das euch Gott seit Anbeginn bereitet hat» weicht von der Überlieferung der Vulgata (Mt 25,34) ab. Die Verheissung der Heiligen «Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen, die guten Willens sind. Herr Jesus Christus, wir loben dich, wir preisen dich in die Ewigkeiten der Ewigkeit. Amen» stimmt mit der Version überein, die in karolingischen Liturgiebüchern gelehrt wird.Iso Müller: Die frühkalingorische Passio der Zürcher Heiligen. In: Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte Bd. 65, S. 152–153. Der Satz der singenden Engel gegen Ende der Passio «Ins Paradies mögen euch die Engel führen und mit Herrlichkeit die Märtyrer euch aufnehmen» stammt zudem aus der gelasianisch-gallikanischen Totenliturgie des 8. Jahrhunderts, wie sie auf dem Weg von der Kirche zum Friedhof gebetet wurde. In gewissen Beerdigungsriten der katholischen Kirche begleiten diese Worte auch heute noch die Toten ins Grab. Die Passio ist die älteste Quelle, die das Gebet in vollem Wortlaut wiedergibt.

Spätere Überlieferung Ausgehend von der ersten Niederschrift in Latein, verbreitete sich die Legende in den folgenden Jahrhunderten. Die Figur des Exuperantius taucht erst im 13. Jahrhundert auf und war nicht Teil der frühmittelalterlichen Legende. Die letzte mittelalterliche Nacherzählung stammt vom Zürcher Chronisten Heinrich Brennwald. Die Entstehung seiner Schweizer Chronik, die auch eine Neufassung der Legende enthielt, fiel in die Jahre 1508 bis 1516, die Zeit kurz vor der Reformation. Sein Manuskript wurde massgeblich von seiner Verehrung für die katholische Kirche und die Heiligen Felix und Regula beeinflusst, obwohl er im Frühjahr 1523 zum neuen Glauben überwechselte.

Brennwalds Chronik steht in der Tradition der Schweizer Chroniken des 15. Jahrhunderts und ist auf Deutsch verfasst. Damit ist auch seine Schilderung der Heiligenlegende die erste überlieferte deutschsprachige Version der Erzählung. Sie stellt den voll ausgebauten Zustand der Heiligenlegende am Vorabend der Reformation dar. 1576 wurde die Chronik vom Wettinger Abt Christoph Silberysen ein weiteres Mal veröffentlicht. Dieser liess in seiner Version noch kolorierte Federzeichnungen hinzufügen.

Brennwalds Erzählung ist etwas länger als die karolingische Fassung und fügt einige Elemente hinzu, stimmt aber in vielen Details noch exakt mit der ältesten Passio überein. Das Land Glarus wird auch hier noch als «ruch und unerpuwen» beschrieben. Die Heiligen bauen sich auch hier «kleini hüttli» am Limmatufer als Wohnungen usw. Im Unterschied zur Beschreibung einer ganzen Schar von Märtyrern, also Felix, Regula und eine unbekannte Zahl von Gefährten (socii), ist hier spezifisch nur noch von drei Personen die Rede, den Geschwistern Felix und Regula sowie Exuperantius, ihrem Diener, der als alter Mann beschrieben wird (mit Exeprancio, irem diner, der ein alt man was). Das Lager der Heiligen habe sich dort befunden, wo jetzt die Wasserkirche steht, und sie seien bei ihrer Gefangennahme bei dem Brunnen gesessen, der unter dem Altar der Wasserkirche eingefasst wurde.

Bei Brennwald ist Decius nicht mehr ein Häscher, der die Heiligen seit dem Wallis verfolgt hat und nun einholt, stattdessen ist er der Landvogt des Kastells Turicum, der den Auftrag erhält, die Flüchtigen abzufangen. Decius schickt seine Diener in das Lager der Heiligen, um sie gefangen zu nehmen. Durch ein Wunder werden die Heiligen aber für die Diener unsichtbar, und Felix entscheidet sich, sich den Dienern bemerkbar zu machen, um die Märtyrerkrone zu erlangen.

Die Heiligen werden nun nicht direkt vor Ort gefoltert und hingerichtet, sondern sie werden zunächst gefangen nach Zürich gebracht und Decius vorgeführt. Die Folterungen finden zunächst auf der Hofstatt des späteren Klosters Oetenbach statt und danach im Kerker des Kastells, an der Stelle, wo später die Lindenhofkapelle erbaut wurde (wo auf dem Lindenhof diese Kapelle genau stand, ist heute unbekannt, sie war jedenfalls Station in den ab 1271 belegten Prozessionen der Heiligenreliquien zwischen Wasserkirche, Grossmünster und Fraumünster).Ernst C. Büchi: Mittelalterliche Skelette vom Lindenhof Zürich. Schriften aus dem Anthropologischen Institut der Universität Zürich. Bern 1950.