Die Psychoanalytische Pädagogik befasst sich mit der Anwendung der Erkenntnisse der Psychoanalyse auf Erziehung und Pädagogik.
Konzept Unter Psychoanalytischer Pädagogik wird die Anwendung der Psychoanalyse auf den pädagogischen Alltag verstanden. Zentrale Annahme ist, dass unbewusste Prozesse alle pädagogischen Beziehungen beeinflussen und im pädagogischen Alltag beachtet werden müssen. Die Psychoanalytische Pädagogik setzt sich mit innerpsychischen Prozessen, Beziehungen, Entwicklungen und Institutionalisierungen in den verschiedensten pädagogischen Praxisfeldern auseinander. „Jede Pädagogik, die die Wirksamkeit dynamisch-unbewusster Prozesse beachtet, ist psychoanalytische Pädagogik“, definiert Günther Bittner.zit. in Muck, Mario; Trescher, Hans-Georg: Grundlagen der Psychoanalytischen Pädagogik. Psychosozial-Verlag, Gießen 1993, S. 69. Hans-Georg Trescher sieht die pädagogische Anwendung der Psychoanalyse – in Anlehnung an Sigmund Freuds „Junktim von Heilen und Forschen“ – als Verbindung von „Fördern und Forschen“ oder „Erziehen und Forschen“. Nach Trescher geht es in der Psychoanalytischen Pädagogik um die theoretische und praktische Ausgestaltung geeigneter „pädagogischer Settings“. Psychoanalyse und Pädagogik sind nach Ort und Zeit ihrer Anwendung sowie nach Ziel und Methode grundverschieden. Während sich psychoanalytische Verfahren an der inneren, der Beziehungsrealität des Patienten orientieren, orientiert sich die pädagogische Praxis an der äußeren Realität. Nach Anna Freud ist es Aufgabe der Psychoanalytischen Pädagogik, einen Mittelweg zwischen den beiden Extremen von zu viel Erziehung bzw. Lenkung und zu wenig Erziehung bzw. Verwahrlosung zu finden und das passende Verhältnis von Triebbefriedigung und Triebeinschränkung abzuwägen.
Geschichte Anfänge „Von allen Anwendungen der Psychoanalyse hat keine so viel Interesse gefunden, so viel Hoffnungen geweckt und demzufolge so viele tüchtige Mitarbeiter herangezogen wie die auf die Theorie und Praxis der Kindererziehung.“ (Sigmund Freud)Freud, Sigmund (1925): Geleitwort zur ersten Auflage. In: Aichhorn, August: Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung. Hans Huber, Bern, Stuttgart, Toronto 1987, S. 7–8
Der Beginn der Psychoanalytischen Pädagogik lässt sich etwa um 1900 einordnen. Die Verbindung von frühkindlichen Erfahrungen und späteren psychischen Erkrankungen wurde durch Sigmund Freud in das Interesse der Psychologie gerückt. 1902 rief Freud die „Psychologische Mittwochsgesellschaft“ ins Leben. Bei diesen Versammlungen wurden auch pädagogische Fragestellungen diskutiert. Alfred Adler, der spätere Begründer der Individualpsychologie, war unter den ersten, die pädagogische Themen referierten. 1908 hielt Sándor Ferenczi auf dem Ersten Internationalen Psychoanalytischen Kongress einen Vortrag mit dem Titel Psychoanalyse und Pädagogik. Waren es zunächst praktizierende Psychoanalytiker, die sich theoretisch mit pädagogischen Fragestellungen befassten, so fanden bald Lehrer, Erzieher und andere Pädagogen ihren Weg zur Psychoanalyse in der Hoffnung, die pädagogische Praxis in Kindergarten, Schule, Sozialpädagogik u. a. durch die Psychoanalyse verbessern zu können. Freud selbst beschäftigte sich nur am Rande mit pädagogischen Fragestellungen, verfolgte die Aktivitäten der psychoanalytischen Pädagogen aber mit großem Wohlwollen. „Pioniere“ der Psychoanalytischen Pädagogik waren unter anderem August Aichhorn, Siegfried Bernfeld, Bruno Bettelheim, Anna Freud, Wilhelm Hoffer, Nelly Wolffheim, Heinrich Meng, Fritz Redl, sowie die Schweizer Ernst Schneider, Oskar Pfister, Wilhelm Reich und Hans Zulliger.
Blütezeit Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Monarchie konnte sich die Psychoanalytische Pädagogik frei entfalten und wurde zu einem neuen Zweig der Psychoanalyse, der regen Zulauf verzeichnete. In der Nachkriegszeit war Verwahrlosung ein soziales Problem und führte zur Gründung von Kinderheimen. Kinderheime, die nach psychoanalytisch-pädagogischen Konzepten arbeiteten, waren etwa Siegfried Bernfelds Kinderheim Baumgarten, Hildegard und Max Levy-Suhls Kinderheim in Amersfoort oder die von August Aichhorn geleiteten Erziehungsanstalten in Oberhollabrunn bzw. St. Andrä an der Traisen. Es wurden auch Überlegungen angestellt, wie die Psychoanalyse für die Schulpädagogik nutzbar gemacht werden könne. Intellektuelle Hemmungen (Lernstörungen, Lernschwierigkeiten, Schwierigkeiten der Auffassung) wurden in unbewussten Prozessen begründet gesehen. Zulliger machte darauf aufmerksam, dass eine positive Übertragung die Bedingung für die Behandlung von intellektuellen Hemmungen darstellt. Die Arbeit mit der Übertragung an Stelle der Arbeit an der Übertragung (wie es in der psychoanalytischen Kur der Fall ist) lag somit im Mittelpunkt des Interesses der Psychoanalytischen Pädagogik. Redl machte auf die praktischen Probleme von Lehrern aufmerksam, die mit den Auswirkungen unbewusster Prozesse der Kinder konfrontiert waren, über die sie kein Fachwissen besaßen. Er sah die Leistung der Psychoanalyse darin, Lehrpersonen praktisch-analytisch zu schulen, vor allem im Sinne einer eigenen Analyse. Erik Homburger-Erikson und andere thematisierten die sexuelle Neugier und Sexualforschung des Kindes, die sich die Schulpädagogik mithilfe der Psychoanalyse zunutze machen solle, um Wissbegierde zu unterstützen und eine „Psychologie des Interesses“ zu erschaffen. Durch das Rote Wien Anfang der 1920er Jahre und den damaligen Unterrichtsminister Otto Glöckel entstand ein politisch günstiges Klima für die Psychoanalytische Pädagogik der Schüler Freuds sowie für die in der Individualpsychologie Alfred Adlers engagierten Pädagogen. In diesem Zusammenhang kam es auch zur Gründung einer Vielzahl von Erziehungsberatungsstellen in Wien. Ab Mitte der 1920er Jahre wurden von der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung verschiedene Kurse für interessierte Pädagoginnen angeboten, die von Anna Freud, Wilhelm Hoffer und August Aichhorn geleitet wurden. Der „Erziehung der Erzieher“ durch psychoanalytische Selbsterfahrung wurde ein hoher Stellenwert beigemessen.
1926 erschien die erste Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik. Herausgegeben wurde sie von Heinrich Meng, Ernst Schneider und später auch von Anna Freud, Hans Zulliger, Siegfried Bernfeld, August Aichhorn und Paul Federn. Die Zeitschrift existierte bis ins Jahr 1937. Im selben Jahr fand in Budapest ein Symposium unter dem Titel Revision der Psychoanalytischen Pädagogik statt, bei dem neue Impulse für die Zusammenarbeit zwischen den beiden Disziplinen gegeben werden sollten. Zu diesem Zeitpunkt war bereits Ernüchterung in Bezug auf die ursprünglichen Hoffnungen eingetreten, im Rahmen psychoanalytisch-pädagogischer Erziehung „Neurosenprophylaxe“ betreiben und das Entstehen neurotischer Fehlentwicklungen verhindern zu können.
Zeit des Faschismus Durch den Faschismus in Österreich und Deutschland fand die Pionierzeit der Psychoanalytischen Pädagogik ein jähes Ende, die meisten ihrer Protagonisten wurden vertrieben oder wie Bruno Bettelheim oder Ernst Federn in Konzentrationslagern inhaftiert. Ein Anknüpfen nach der Zeit des Nationalsozialismus war schwierig, da die Anerkennung nur langsam wieder hergestellt werden konnte. Viele psychoanalytische Pädagogen waren emigriert und standen vor der Notwendigkeit, sich – vorwiegend im angloamerikanischen Raum – eine neue Existenz aufbauen zu müssen (wie z. B. Rudolf Ekstein). Zudem war es in der Zwischenzeit schwierig geworden, sich als „Laie“ ohne medizinische Ausbildung psychoanalytisch zu betätigen. Deshalb gelang es nicht, an das Engagement der Vor- und Zwischenkriegszeit anzuschließen.
Nachkriegszeit und Gegenwart In den 1960er Jahren begannen Einzelpersonen und kleinere Gruppen, die Psychoanalytische Pädagogik wieder zu entdecken. 1964 etwa erschien der Sammelband Psychoanalyse und Erziehung (1964), in dem wichtige Aufsätze der Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik wieder publiziert wurden. Auch das Interesse der 68er-Generation an der Psychoanalyse wurde in dieser Zeit geweckt. Im Rahmen der Antiautoritären Erziehung wurden klassische psychoanalytisch-pädagogische Autoren rezipiert, allerdings einseitig und selektiv, um gegen rigide und triebfeindliche Erziehungsstile zu argumentieren. In den 1980er Jahren kam es zu einer erneuten Beschäftigung mit der Psychoanalytischen Pädagogik und zu einer systematischen Aufarbeitung der frühen psychoanalytisch-pädagogischen Positionen (u. a. durch Hans Füchtner, Aloys Leber, Hans-Georg Trescher, Willy Rehm, Günther Bittner und Reinhard Fatke). Durch das vermehrte Interesse an der Psychoanalytischen Pädagogik kam es zur Verankerung im universitären Bereich, und es entstehen bis heute verschiedene Vereine und Arbeitskreise. Hans-Georg Trescher und Christian Büttner begründeten als Herausgeber die Buchreihe Psychoanalytische Pädagogik. Als regelmäßige Publikation erscheint zudem seit 1989 das Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik.
Institutionelle Verankerung Universitärer Bereich Die Psychoanalytische Pädagogik ist an jeder vierten universitären erziehungswissenschaftlichen Einrichtung des deutschen Sprachraums (Deutschland, Österreich, Schweiz, Südtirol) in Lehre und/oder Forschung vertreten. Als Zentren der Psychoanalytischen Pädagogik gelten Hochschulstandorte wie Frankfurt/Main, Wien (Arbeitsbereich Psychoanalytische Pädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien unter der Leitung von Wilfried Datler), Berlin oder Würzburg. In den letzten Jahren kamen einige neue Standorte hinzu, u. a. Hamburg, Darmstadt, Zürich und Innsbruck. Die Psychoanalytische Pädagogik ist allerdings an den meisten Hochschulen kaum institutionell bzw. curricular verankert.
Außeruniversitärer Bereich Außerhalb der Universitäten institutionalisierte sich die Psychoanalytische Pädagogik z. B. in der Wiener Arbeitsgemeinschaft Psychoanalytische Pädagogik unter der Leitung von Helmuth Figdor, die sich die Verbreitung und Entwicklung der Psychoanalytischen Pädagogik in Forschung, Theorie und Praxis zum Ziel gesetzt hat oder im Frankfurter Arbeitskreis für Psychoanalytische Pädagogik. Dieser wurde 1983 von einer Gruppe um Aloys Leber gegründet, um psychoanalytisch-pädagogische Fort- und Weiterbildung anzubieten. Leiter des FAPP waren u. a. Hans-Georg Trescher und Urte Finger-Trescher. Während die Wiener Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalytische Pädagogik ihren Ausbildungsschwerpunkt im dreijährigen Lehrgang zum „Psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsberater“ hat, bietet der FAPP eine ebenso lange Weiterbildung zur Professionalisierung von Fachkräften in unterschiedlichen Praxisfeldern an.
Das Symposium Psychoanalyse – Grundlagenwissenschaft für die Pädagogik im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) 1984 führte 1993 zur Gründung der Kommission „Psychoanalytische Pädagogik“ in der DGfE. Margret Dörr, Rolf Göppel, Volker Fröhlich und Wilfried Datler bilden den Vorstand der Kommission.Datler, Wilfried u. a.: Zur Institutionalisierung der Psychoanalytischen Pädagogik in den 80er und 90er Jahren: Die Einrichtung der Kommission „Psychoanalytische Pädagogik“ in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. In: XX Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 6. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1994, S. 132–161.
Praxisfelder Die Psychoanalytische Pädagogik nutzt die Konzepte der klassischen Psychoanalyse wie die persönlichkeitstheoretischen Annahmen oder den Umgang mit Übertragung und Gegenübertragung und überträgt diese in einen pädagogischen Kontext.