Das Kurtheater Norderney befindet sich am nördlichen Rand des Kurplatzes im Ortszentrum der Nordseeinsel Norderney. Das im Stil eines kleinen Residenztheaters nach dem Vorbild des Opernhauses in Hannover gestaltete Kurtheater wurde 1894 eröffnet und ist damit eines der ältesten Theater in Ostfriesland. Es wurde in den 1920er-Jahren von der Stadt Norderney übernommen und dient seit den 1950er-Jahren als Spielstätte der Landesbühne Niedersachsen Nord (LBNN). Seit 1923 wird das Haus auch als Kino genutzt, das sich einen Namen unter anderem als Veranstaltungsort des Internationalen Filmfestes Emden-Norderney gemacht hat. 1987 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Im Oktober 2019 wurden Risse im Mauerwerk des Gebäudes festgestellt. Das Haus wurde daraufhin zur Sicherheit geschlossen. Die Sanierungsarbeiten dauerten bis zum Herbst 2021.
Geschichte Vorgeschichte Norderney gehörte zwischen 1815 und 1866 zum Königreich Hannover. In dieser Zeit entwickelte sich der Badeort, der ab 1836 Sommerresidenz von König Georg V. war, zu einem Zentrum des höfischen und gesellschaftlichen Lebens. Das Welfenhaus lud mehrfach international bekannte Künstler auf die Insel ein. Neben der schwedischen Opernsängerin Jenny Lind, die 1854 zwei Wohltätigkeitskonzerte im Conversationshaus gab, reiste der Hofschauspieler Karl August Devrient 1857 zu einem Rezitationsabend an. Regelrechte Theateraufführungen scheint es auf Norderney jedoch nicht vor 1868 gegeben zu haben. In diesem Jahr war die Truppe des Emder Theaterdirektors Adolf Basté zu einem Gastspiel auf die Insel eingeladen worden. Als erste regelrechte Theatersaison gilt der Sommer 1872, als das Hannoveraner Theater an 16 Abenden Lustspiele, vor allem Einakter, darbot. In den darauffolgenden Jahren gab es lediglich punktuell Theateraufführungen „zur Unterhaltung bei Regenwetter“, so etwa Sketch-Programme und Lesungen.
Ein kontinuierlicher Theaterbetrieb entwickelte sich nicht vor den 1890er-Jahren. Lange bemühten sich die Gastronomen der Insel darum, ihren Gästen Zerstreuung zu bieten. Sie organisierten vornehmlich Kleinkunstvorführungen und engagierten mehrmals den Zauberkünstler Samuel Bellachini oder Bauchredner. Allmählich wuchs jedoch der Bedarf für ein festes Theater mit Spielbetrieb im Sommer.
Erste Spielzeiten mini|Kurtheater Norderney um 1900
Der Hotelier Gustav Weidemann, der eines der führenden Häuser auf Norderney, das Deutsche Haus (später Schuchards Hotel), leitete, begann im November 1893 im großen Restaurationsgarten seines Hotels ein Theatergebäude zu errichten. Der Standort in der Nähe des Kurzentrums war für Einheimische und Gäste bequem zu erreichen. Schon im darauffolgenden Sommer war der Bau des Hannoveraner Architekten Johannes Holekamp, der insgesamt 80.000 Mark gekostet hatte,Norderneyer Badezeitung, 2. Juni 1894 fertiggestellt. Feierlich eröffnet wurde das Theater am 1. Juli 1894 mit der Komödie Der Herr Senator von Franz von Schönthan und Gustav Kadelburg. Das Kur-Theater (damalige Schreibweise) stand in dieser ersten Spielzeit unter der Direktion von Carl Waldmann, dem Eigentümer des privaten Residenz-Theaters in Hannover. Das Ensemble der beiden Häuser bestand aus 21 Damen und 21 Herren sowie 26 Technikern. Mit dem Repertoire, das vor allem aus Lustspielen von Erfolgsautoren wie Adolph L’Arronge, Ludwig Fulda und Franz von Schönthan bestand, passte sich Waldmann dem Unterhaltungsbedürfnis des Badepublikums an; nicht fehlen durften die Klassiker Charleys Tante und Der Raub der Sabinerinnen. Als Besonderheit stand mit der einaktigen Operette Lieschen und Fritzchen von Jacques Offenbach auch ein kleineres Werk des Musiktheaters auf dem Programm. Die letzte Vorstellung der ersten Saison fand am 16. September 1894 statt.
Auch wenn sich die Konzerte der Königlichen Badekapelle noch größerer Beliebtheit erfreuten, konnte sich das Theater als neue Attraktion etablieren. An der Ausrichtung des Programms änderte sich in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg zunächst wenig. Es wurden ausschließlich gängige Stücke des leichten Genres gegeben, die nicht nur den Zuschauern gefielen, sondern auch den Vorteil hatten, dass sie auf die traditionellen Rollenfächer ausgerichtet waren. Notwendige Neubesetzungen waren auf diese Weise innerhalb kurzer Zeit zu bewerkstelligen, und auch prominente Darsteller konnten relativ problemlos auftreten. So gastierte als Höhepunkt der zweiten Saison der bekannte Hamburger Schauspieler Robert Nhil in einer Fulda-Inszenierung.
Die Direktion des Kurtheaters wechselte häufig. Nach dem Tod Waldmanns war kurzfristig Hans Gelling, der Leiter des Mecklenburgischen Hofschauspiels, für die Bühne zuständig. Später stellte Victor Arnold ein Ensemble mit Schauspielern unter anderem aus Berlin, Danzig und Magdeburg zusammen. In kleineren Ansätzen versuchte er vom konventionellen Unterhaltungstheater abzuweichen. 1904 und 1906 trat er selbst als Professor Dühring in Frank Wedekinds Stück Der Kammersänger auf und erhielt gute Kritiken.Norderneyer Badezeitung, 21. Juli 1906 Zum 100. Todestag von Friedrich Schiller gelangte 1905 das Schauspiel Die Räuber auf die Bühne des Kurtheaters; in der Rolle des alten Moor war mit Jann Berghaus der spätere Präsident des Regierungsbezirks Aurich zu sehen. 1908 hatte die Bühne mit der Militärhumoreske Der Kaisertoast eine ihrer wenigen Uraufführungen. Autor war neben Walter Turszinsky ein Freiherr von Schlicht, ein Pseudonym, hinter dem sich der Berliner Satiriker Wolf Ernst Hugo Emil von Baudissin verbarg. Die wichtigsten Schauspieler des Kurtheaters wurden, wie an renommierteren Häusern, einmal pro Saison mit einer Benefizvorstellung geehrt, bei der sie mit einer Glanzrolle auftreten durften und den Löwenanteil der Einnahmen erhielten.
1914 bis 1945 Der Badebetrieb kam während des Ersten Weltkrieges völlig zum Erliegen, und auch nach 1918 entwickelte sich der Tourismus nur langsam. Am 18. April 1921 beschloss die Stadt Norderney, die Bühne, die sich zuletzt im Besitz des Hoteliers Werner Friedrich befunden hatte, für einen Preis von 155.000 Mark zu übernehmen. Teile der Ausstattung waren während der Kriegsjahre auf mysteriöse Weise verschwunden, auch entsprach das Theater nicht mehr in allen technischen Details den gestiegenen Ansprüchen. Das Haus erhielt deshalb unter anderem eine neue Bühnenbeleuchtung und wurde auch sonst aufwendig renoviert. Trotz dieser Maßnahmen erwies sich die Bespielung des Hauses als außerordentlich schwierig. Die Konzertdirektion Leonhardt in Berlin, die mit der Programmgestaltung beauftragt worden war, spielte zunächst mit dem Gedanken eines Opernschwerpunktes unter Aufbietung von bekannten Solisten wie Grete Merrem-Nikisch und Richard Tauber, doch sie wagte es letztendlich nicht, das finanzielle Risiko einzugehen. Stattdessen organisierte die Direktion Einzelabende mit wechselnden Gastspielen, die allerdings das Publikum nicht in erwünschtem Maße erreichten. Die darauffolgende Saison (Sommer 1922) wurde bei nach wie vor mäßigem Besucherzuspruch größtenteils vom Oldenburgischen Landestheater und vom Hamburger Thalia-Theater bestritten. Binnen zweier Jahre häufte sich ein beträchtliches Defizit an; die Saison im Inflationsjahr 1923 musste sogar ganz entfallen.
Auf diese Probleme reagierte man mit zum Teil neuen Konzepten. Schon 1922 wurde ein Theater in den Dünen vorbereitet, das sich auf das zu dieser Zeit populär werdende Freilichttheater spezialisierte. Zur Aufführung gelangte unter anderem ein mit Lokalkolorit angereichertes Laienspiel (Gudrun) des deutschen Kunsthistorikers Walter Curt Zwanziger, an dem 27 junge Norderneyer teilnahmen. 1923 erfolgte im Kurtheater der Einbau einer Einrichtung für Filmvorführungen, die das Spektrum der Kulturangebote auf Norderney erweiterte. Mitte der zwanziger Jahre wurde außerdem der Heimatverein Norderney ins Leben gerufen, der der Bühne neue inhaltliche Impulse vermittelte. Den Anstoß zur Gründung des Heimatvereins hatte vor allem eine Inszenierung des Alten Norderneyer Pfingstspiels gegeben, die im Mai 1926 durch den Vorsitzenden des Sächsischen Heimatbundes, den Puppenspieler Oswald Hempel, erarbeitet worden war. Die „Pflege des Heimatsinns“, zu der man sich nun bekannte, führte 1927 zu einer Produktion des niederdeutschen Märchens De Fischer un sien Fru, der weitere Theateraufführungen in plattdeutscher Sprache sowie regelmäßig „ostfriesische Heimatabende“ folgten. Im Laufe der Jahre präsentierte die Bühne zahlreiche Klassiker der niederdeutschen Bühnenliteratur von Autoren wie August Hinrichs, Gorch Fock, Alma Rogge und Karl Bunje.
Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Norderney, wie schon zwischen 1914 und 1918, zur Seefestung ausgebaut, doch brach der Kulturbetrieb diesmal nicht völlig zusammen. Bis in die letzte Phase des Krieges wurden Filme im Kurtheater gezeigt und gelegentlich niederdeutsche Theaterstücke aufgeführt. Im Juli 1944 konstituierte sich die Soldatenbühne Norderney, die auf eine Initiative von Herbert Paris zurückging, einem Leutnant der Marine aus einer theaterbegeisterten Familie. Als künstlerischer Leiter der neuen, im Kurtheater beheimateten Bühne fungierte der Obergefreite Kurt Schmengler, der in Danzig eine Schauspielschule besucht hatte und auf Norderney seine ersten größeren Rollen spielte. Nach dem Krieg gehörte er zeitweise dem Berliner Ensemble an; (PDF-Datei; 321 kB) www.meiningen.de (abgerufen am 19. August 2024) seine Paraderolle in Bertolt Brechts Galilei führte ihn in den siebziger Jahren an das Kurtheater zurück. Auch Schmengler versorgte sein Publikum, nun überwiegend Soldaten, mit Boulevardtheater, das nun jedoch nicht nur zur Unterhaltung beitrug, sondern auch die Kriegsmoral heben sollte.Zur Bedeutung von Unterhaltungsstoffen im Film und in der Dramatik des Dritten Reiches vgl. Karsten Witte, Lachende Erben, toller Tag, Berlin 1995, ISBN 3-930916-03-7. Neben Schwänken wie Friedrich Forsters Antiquitäten oder Die keusche Kunigunde brachte er mit dem Dreiakter Eismeervolk der überzeugten norwegischen Nationalsozialisten Lars Hansen und Karl Holter ein Schauspiel auf die Bühne, das im Dritten Reich eine große Popularität erreicht hatte.
Nach 1945 mini|hochkant=0.9|Szene aus Meta, Norddeich, Saison 2009/2010
Nach Kriegsende war das Bedürfnis nach traditioneller Bildung und einem ideologiefreien Kulturangebot überall in Deutschland groß. In Ostfriesland entstanden in den ersten Nachkriegsjahren nicht weniger als 46 verschiedene Theater; selbst kleinere Orte wie Greetsiel oder Pewsum unterhielten eigene Häuser. Auf Norderney etablierte sich, wiederum unter Leitung von Herbert Paris, die Neue Bühne, die sich vor allem auf die Laienschauspieler der ehemaligen Soldatenbühne stützen konnte. Hinzu kamen weibliche Darsteller und einige wenige Berufsschauspieler. Dieses Ensemble benutzte das Kurtheater regelmäßig als Spielort. Im Winter, außerhalb der Badesaison, mangelte es an Publikum auf der Insel, so dass die Neue Bühne auch einzelne Orte auf dem Festland ansteuerte, beispielsweise Norden und Marienhafe. Auf Dauer verfügte die Neue Bühne jedoch über kein gesichertes finanzielles Fundament. Sie ging schließlich eine Fusion mit den in Leer ansässigen Ostfriesischen Kammerspielen ein. Das auf diese Weise neu entstandene Theater bezeichnete sich ab Juni 1948 als Ostfriesische Landesbühne und hatte seinen Sitz in Leer. 1952 entstand aus dem Theater die noch existierende Landesbühne Niedersachsen Nord (LBNN) mit Stammhaus in Wilhelmshaven. Von Anfang an gehörte Norderney zum Spielgebiet des Theaters, das turnusgemäß das Kurtheater besuchte.