Das Forschungsfeld Philosophie im Nationalsozialismus beleuchtet die Rolle der Philosophen im Nationalsozialismus. Sie beinhaltet auch die Frage, ob „es eine NS-typische Philosophie oder nur ein eklektisches Sammelsurium von verschiedensten Ansätzen dazu“Hans Joachim Dahms, in: Frank-Rutger Hausmann (Hrsg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich, 1933–1945. München 2002, S. 194. gab.

Hochschullehrer und Studenten im Allgemeinen Vor der Machtergreifung traten nur wenige Philosophie-Hochschullehrer der NSDAP bei (dies waren: Hermann Schwarz, Ernst Bergmann, Carl August Emge, Friedrich Lipsius, Hermann Rudolf Bäcker und Heinrich Hasse). Die NS-Wahlaufrufe unterzeichneten vor dem 30. Januar 1933 zudem die Philosophen Felix Krueger, Alfred Baeumler, Erich Rudolf Jaensch und Erich Rothacker.George Leaman: Heidegger im Kontext: Gesamtüberblick zum NS-Engagement der Universitätsphilosophen. (= Ideologische Mächte im deutschen Faschismus. Band 5). Aus dem Amerikanischen von Rainer Alisch und Thomas Laugstien. Verlag Argument, Hamburg 1993, ISBN 3-88619-205-9, S. 99. Man neigte parteipolitisch vor allem zu den Deutschnationalen oder zur nationalliberalen DVP, wobei Unterschiede zwischen den Universitätsstandorten zu berücksichtigen sind. Hingegen wandte sich die Studentenschaft zu einem sehr frühen Zeitpunkt und mit außerordentlichem Enthusiasmus dem Nationalsozialismus zu. Schon bei den AStA-Wahlen von 1931 wurde der NSDStB stärkste Kraft. Im Jahr 1931 entschieden sich an den Universitäten 44,6 % aller Studenten für nationalsozialistische Listen. 1932 wuchs der Anteil auf 49,1 %.Michael Grüttner: Universitäten in der nationalsozialistischen Diktatur Stand der Forschung. In: Livia Prüll, Frank Hüther, Christian George: Universitätsgeschichte schreiben: Inhalte – Methoden – Fallbeispiele. Vandenhoeck & Ruprecht 2019, S. 92. Die Wahlbeteiligung lag stets zwischen 60 und 80 %.Michael Grüttner: Universität und Wissenschaft in der nationalsozialistischen Diktatur. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Philosophie im Nationalsozialismus. S. 32f.

Anfang der 1930er Jahre befanden sich die Universitäten in einer finanziellen und ideellen Krise: Zwischen 1930 und 1932 wurden die staatlichen Mittel um mehr als ein Drittel gekürzt, zum anderen rief die angebliche Lebensferne des akademischen Betriebs zunehmend Kritik hervor. Des Weiteren hatte sich seit der Jahrhundertwende der Anteil der nicht beamteten Hochschullehrer kontinuierlich erhöht. Im Sommersemester 1932 waren hinsichtlich sämtlicher Fächer von 5.000 Professoren und Privatdozenten nur 45 % verbeamtet.

Die Zahl der habilitierten Philosophie-Hochschullehrer betrug am Tag der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 180 und während des Zeitraumes von 1933 bis 1945 waren es 214. Von den 174 nicht emigrierten Hochschullehrern wurden 45 % Mitglied der NSDAP und 17 % Mitglied der SA, 4 wurden Mitglieder der SSGeorge Leaman: Heidegger im Kontext: Gesamtüberblick zum NS-Engagement der Universitätsphilosophen. (= Ideologische Mächte im deutschen Faschismus. Band 5). Aus dem Amerikanischen von Rainer Alisch und Thomas Laugstien. Verlag Argument, Hamburg 1993, ISBN 3-88619-205-9, S. 108. (darunter Hugo Dingler und Hans Lipps).

Gab es eine NS-spezifische Philosophie? Unbestritten ist, dass es vor 1933 Philosophen gab, die Nationalsozialisten waren, und dass sich nach der Machtergreifung Philosophen der NSDAP anschlossen und den Nationalsozialismus unterstützten. Strittig ist die Frage, ob es eine genuine NS-Philosophie gab.Hans Joachim Dahms, in: Frank-Rutger Hausmann (Hrsg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich, 1933–1945. München 2002, S. 204.Peter Vogt: „Diese paar Professoren, völlig Wurscht.“ Erkenntnis und Verballhornung: Gab es eine genuin nationalsozialistische Philosophie? In: FAZ. 27. September 2000.

Von Georg Lukács’ These der Zerstörung der Vernunft, in der eine Linie vom Spätwerk Schellings über Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche und die Lebensphilosophie hin zur politischen Wirksamkeit im Faschismus gezogen wird, hat sich die Forschung zur Philosophie im Nationalsozialismus mittlerweile distanziert.Peter Hoeres: Ein dreißigjähriger Krieg der deutschen Philosophie? Kriegsdeutungen im Ersten und Zweitem Weltkrieg. In: Bruno Thoß, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Erster Weltkrieg Zweiter Weltkrieg. Ein Vergleich. Paderborn 2002, S. 482.

Nach Monika Leskevgl. Monika Leske: Philosophien im "Dritten Reich". Studie zu Hochschul- und Philosophiebetrieb im faschistischen Deutschland. Berlin 1990, S. 117. lassen sich drei Grundlinien einer nationalsozialistischen Philosophie benennen:

Aktivismus, bzw. Voluntarismus Anspruch der Wirklichkeitsnähe Anspruch der Ganzheitlichkeit

Die NS-Ideologie zeigte ein gespaltenes Verhältnis zu den Geisteswissenschaften. Auf der einen Seite lehnten ihre Vertreter die akademische Philosophie als „artfremd“ ab und stellten ihr eine „erdverbundene“ und „ganzheitliche“ Denkweise gegenüber, die Gedanke und Tat vereinen sollte. Zum anderen wurde versucht, die Philosophie für den nationalsozialistischen Staatsaufbau in die Pflicht zu nehmen.

Vom Sicherheitsdienst des Reichsführers SS wurden in den "SD-Dossiers über Philosophie-Professoren" weltanschauliche Beurteilungen der Hochschullehrer aufgezeichnet, wobei diese in konfessionell gebunden, liberal, indifferent, politisch positiv, explizit nationalsozialistische Philosophen und positive Nachwuchskräfte klassifiziert wurden. Neben 25 als aus SS-Sicht politisch positiv bewerteten Philosophen (darunter Martin Heidegger) wurden 16 weitere besonders hervorgehoben – es galten als explizit nationalsozialistische Philosophie schaffende Hochschullehrer u. a. Ferdinand Weinhandl, Arnold Gehlen, Heinrich-Josef Nelis und Erwin Metzke, als NS-Nachwuchskräfte galten u. a. Bruno Liebrucks und Theodor Ballauff.Georg Leaman, Gerd Simon: Deutsche Philosophen aus der Sicht des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS. In: Jahrbuch für Soziologie-Geschichte. 1992, S. 261–292.

Der Philosoph und Logiker Oskar Becker schrieb gar eine „Nordische Metaphysik“ (1938)Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Philosophie im Nationalsozialismus. F. Meiner Verlag, 2009, ISBN 978-3-7873-1937-4. und erklärte, der Rhythmus in Nietzsches Dionysos-Dithyramben sei identisch mit dem Willen zur Macht und konkret im Sinne der Jugend identisch mit dem Marschrhythmus der SA.Karl Löwith: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933: Ein Bericht. Verlag J.B. Metzler, 2007, ISBN 978-3-476-02181-6.

Hinsichtlich der Philosophie der Mathematik war die hauptsächliche NS-Linie die sogenannte Deutsche Mathematik, die im Wesentlichen mit dem von L. E. J. BrouwerBrouwer selbst war von Rudolf Heß als "politisch verlässlich" beurteilt worden. Quelle: Olli Lehto: Korkeat maailmat. Rolf Nevanlinnan elämä. Otava 2001, ISBN 951-1-17200-X. begründeten Intuitionismus gleichgesetzt und vor allem von Ludwig Bieberbach und Theodor Vahlen vertreten wurde. Für eine „rein arische“ deutsche Vertretung in Brouwers Mathematik-Journal „Compositio Mathematica“ setzte sich Gustav Doetsch ein."MATHEMATICIANS AT WAR: POWER STRUGGLES IN NAZI GERMANY'S MATHEMATICAL COMMUNITY: GUSTAV DOETSCH AND WILHELM SÜSS", VOLKER R. REMMERT. Revue d'histoire des mathématiques. p. 7–59. 1999. Société Mathématique de France. 1999. Abgerufen am 20. Mai 2010. Eine andere Interpretation "Deutscher Mathematik" war die als mathematischer Idealismus bezeichnete Richtung von zum Dinglernahen "Gestaltkreis" gehörenden Mathematiker Max Steck.Eckart Menzler-Trott: Logic's Lost Genius: The Life of Gerhard Gentzen. American Mathematical Society, 2007, ISBN 978-0-8218-3550-0.

Emigration Von den Effekten akademischer „Säuberungsaktionen“ war die Philosophie überproportional betroffen.Hans Joachim Dahms, In: Frank-Rutger Hausmann (Hrsg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich, 1933–1945. München 2002, S. 202. Viele Philosophen, vor allem Linke und Juden, gingen in die Emigration. Durch diesen intellektuellen Aderlass wurde das geistige Spektrum der deutschen Philosophie eingeschränkt, eine Entwicklung, die von der NSDAP begrüßt wurde. Gab es in der Weimarer Republik noch an den Universitäten 56 Philosophie-Professuren, so sank diese Zahl im Dritten Reich auf 36.Philosophie im NS-Regime Die Gesamtzahl der Emigranten betrug 40.

Unterstützende Philosophen Die am häufigsten als Philosophen des Nationalsozialismus benannten Denker Alfred Baeumler und Ernst Krieck konnten sich gegen die NS-Ideologie unter der Führung eines Alfred Rosenberg jedoch nicht behaupten. In Rosenbergs Organisation "Kampfbund für deutsche Kultur" (bzw. die NS-Kulturgemeinde) waren bis 1935 Alfred Baeumler (TH Dresden), Otto Friedrich Bollnow (Göttingen), Wilhelm Grebe (Frankfurt/Main), Eugen Herrigel (Erlangen), Erich Jaensch (Marburg), Eugen Kühnemann (Breslau), Richard Oehler (Frankfurt/Main), Hans Rupp (1880–1954, Berlin) und Ferdinand Weinhandl (Kiel) eingetreten.Norbert Kapferer: Die Nazifizierung der Philosophie an der Universität Breslau 1933–1945. LIT Verlag, 2002, ISBN 3-8258-5451-5. Die erste philosophische Arbeitstagung des Amtes Rosenberg fand im März 1939 auf Schloss Buderose statt, um Nachwuchs-Philosophie in Rosenbergs Sinn zu sondieren. Außerdem hervorzuheben ist Hans Heyse. Heyse wurde im Herbst 1933 Rektor in Königsberg und im Sommer 1935 Herausgeber der Kant-Studien. Gegen den Willen der dortigen Philosophischen Fakultät wurde er nach Göttingen berufen (nach der Vertreibung des angesehenen Ordinarius, des Dilthey-Schülers Georg Misch) und schuf eine Akademie der Wissenschaften des NS-Dozentenbundes. 1937 war Heyse Leiter der deutschen Delegation beim 7. Internationalen Philosophie-Kongress in Paris.Hans Joachim Dahms, in: Frank-Rutger Hausmann (Hrsg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich, 1933–1945. München 2002, S. 222. Zu den völkischen Philosophen der NS-Zeit (und der Weimarer Republik) zählen insbesondere die im Fach durchaus anerkannten Philosophen Max Wundt und Bruno Bauch, auch das langjährige Parteimitglied Hermann Schwarz. Einige berühmte Philosophen standen dem Nationalsozialismus nur in der Anfangsphase positiv gegenüber, so z. B. Martin Heidegger, Erich Rothacker und Arnold Gehlen. Gehlen arbeitete in den Sommermonaten 1933 und 1934 an einer Schrift über Die Philosophie des Nationalsozialismus, die allerdings nicht erschien. In Der Idealismus und die Gegenwart (1935) stellte sich Gehlen die Aufgabe einer „nationalsozialistischen Philosophie und Wissenschaftslehre“ (S. 354). Mit der Unterzeichnung des Wahlaufrufs für Hitler im Völkischen Beobachter vom 29. Juli 1932 leisteten die Philosophen Erich Rothacker, Carl August Emge, Erich Rudolf Jaensch und Ernst Krieck dem Nationalsozialismus schon vor der Machtergreifung Unterstützung.Hans Joachim Dahms, in: Frank-Rutger Hausmann (Hrsg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich, 1933–1945. München 2002, S. 215. Zu den Unterzeichnern des Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler zählte neben Heidegger, der es mit verfasste, auch Hans-Georg Gadamer.

Der Fall Martin Heidegger

Der prominenteste deutsche Philosoph, der zum Anhänger des Nationalsozialismus wurde, war Martin Heidegger. Heidegger war von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP.