Das Europäische Kulturerbe-Siegel () ist eine staatliche Auszeichnung für Kulturdenkmale, Kulturlandschaften oder Gedenkstätten, die auf europäischer Ebene als bedeutend erachtet werden. Sie entstand 2006 aus einer zwischenstaatlichen Initiative europäischer Staaten und wurde 2011 in eine EU-Initiative mit aktualisierten Kriterien umgewandelt.

Zwischenstaatliche Initiative (2006–2011) mini|links|Europäisches Kulturerbe-Siegel (aktuelle, englische Version) Die Initiative für ein „Europäisches Kulturerbe-Siegel“ ging am 28. April 2006 zunächst von einzelnen Staaten der Europäischen Union bei einem Treffen in Granada (Spanien) aus; insbesondere Frankreich, sowie Spanien, Ungarn, Portugal und Griechenland.Sandra Ketterer: EU-Siegel für Denkmäler, Das Parlament, Nr. 48, 24. November 2008. Unmittelbarer Anlass waren die gescheiterten Volksabstimmungen in den EU-Mitgründungsstaaten Frankreich und Niederlande über eine gemeinsame Verfassung der EU im Jahre 2005, nach denen das Bewusstsein der Bevölkerung für Europa gestärkt werden sollte.

Der Rat der Europäischen Union hat am 20. November 2008 diese Initiative unterstützt und die EU-Kommission aufgefordert, einen Vorschlag für die Schaffung eines Europäischen Kulturerbe-Siegels durch die EU zu unterbreiten und die praktischen Modalitäten für die Durchführung dieses Projekts festzulegen. Der Initiative schlossen sich weitere Länder der EU sowie die Schweiz als Nichtmitglied an, insgesamt 18 Staaten. Seither vergaben diese Länder das Siegel an Stätten „mit grenzüberschreitendem oder gesamteuropäischem Charakter“. Die Länder wählten die materiellen oder immateriellen Kulturgüter jeweils in eigener Verantwortung aus, die Maßstäbe waren dabei von Land zu Land unterschiedlich. Das Sekretariat der Initiative war seit 2010 beim Kulturministerium Spaniens angesiedelt.Detailinformationen zum bisherigen European Heritage Label, Website des spanischen Kulturministeriums (englisch).

Ausgezeichnete Stätten nach dem alten System Belgien miniatur|Der Palast von Coudenberg, Belgien. Fürstbischöflicher Palast in Lüttich (Wallonien) Steinzeug aus Raeren (Deutschsprachige Gemeinschaft) Archäologische Ausgrabungsstätte Ehemaliger Palast in Brüssel-Coudenberg Archäologische Ausgrabungsstätte Historische Siedlung von Ename (Flandern)

Bulgarien Archäologische Stätte Debeltus bei Burgas Wassil-Lewski-Denkmal in Karlowo Historisches und Architektur-Ensemble Stadtkern Russe Musikzentrum „Boris Christoff“ in Sofia

Deutschland Netzwerk Stätten des Eisernen Vorhanges: Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth, Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn mit Grenzdenkmal Hötensleben, Gedenkstätte Berliner Mauer, Glienicker Brücke, Grenzlandmuseum Eichsfeld, Leipzig Innenstadtring, Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“, Nikolaikirche Leipzig, Point-Alpha-Stiftung, Schloss Cecilienhof, Villa Schöningen, Regierungsbunker Netzwerk Stätten der Reformation (20 wichtige Stätten)Anmeldungen der Länder, Webseite der Kultusministerkonferenz (KMK) zum Europäischen Kulturerbe-Siegel. 2010Die Bundesregierung: Europäisches Kulturerbe-Siegel. 2017: u. a. Kirche St. Michael in Schwäbisch Hall, Lutherstädte Eisleben, Wittenberg und Mansfeld

Frankreich miniatur|Ehrenhof des Papstpalastes in Avignon, Frankreich. Abtei Cluny Wohnhaus von Robert Schuman (ehem. Präsident des Europäischen Parlaments, gilt als einer der Gründervater der Europäischen Union) in Scy-Chazelles (bei Metz) Ehrenhof des Papstpalastes in Avignon

Griechenland Akropolis in Athen Palast von Knossos, Kreta Archäologische Stätte von Poliochni Byzantinische Ausgrabungsstätte von Monemvasia

Italien mini|Kapitolsplatz in Rom, Italien. Kapitolsplatz in Rom Insel Ventotene Museums-Geburtshäuser von Puccini, Rossini und Verdi Museums-Geburtshaus von Alcide de Gasperi in Pieve Tesino

Lettland miniatur|Panorama von Riga, Lettland. Historischer Stadtkern von Riga Schloss Rundāle (ehem. Ruhenthal) Stadt Kuldīga (ehem. Goldingen)

Litauen miniatur|Berg der Kreuze, Litauen. Werke des Komponisten und Malers Mikalojus Konstantinas Čiurlionis Historisches Stadtzentrum von Kaunas Heilige Wälder von Samogitien und der Berg der Kreuze Museum der Opfer des Genozids (zwischen 1940 und 1991) in Vilnius

Malta Katakomben von Rabat

Polen Schiffswerften in Danzig Hügel Lech (mit Kathedrale, Kirche, Episkopalpalast und Museum) in Gniezno Kathedrale St. Stanislaus und St. Wenzeslaus auf dem Wawel-Hügel in Krakau Stadtzentrum von Lublin im Zusammenhang mit der Union von Lublin

Portugal miniatur|Universitätsbibliothek Coimbra, Portugal. Kathedrale Sé Velha in Braga Convento de Jesus (Kloster und Klosterkirche) in Setúbal Bibliothek der Universität Coimbra Abschaffung der Todesstrafe

Rumänien Archäologische Stätte von Histria Palast der Phanariotendynastie der Cantacuzino in Bukarest Rumänisches Athenäum in Bukarest Brâncuși-Ensemble in Târgu Jiu

Schweiz miniatur|Schloss La Sarraz, Schweiz. Kathedrale St. Peter in Genf Schloss La Sarraz Hospiz St. Gotthard

Slowakei Vorrömische religiöse Bauten: Kirche Sankt Margarete in Kopčany und Kirche Sankt Georg in Kostoľany pod Tribečom Burg Červený Kameň Stadtzentrum von Brezová pod Bradlom Mincovňa Kremnica

Slowenien Friedhof Žale, Ljubljana Partisanenlazarett Franja in Dolenji Novaki Heiligengeistkirche in Javorca (bei Tolmin)

Spanien Archiv der Krone Aragon Königliches Kloster von Yuste Kap Finisterre Residencia de Estudiantes (Studentenheim, erstes Kulturzentrum Spaniens) in Madrid

Tschechische Republik miniatur|Zlín, Tschechische Republik. Schloss Kynžvart in Kynžvart (Königswart) Antonín-Dvořák-Gedenkstätte in Vysoká u Příbramě Industriegebiet von Zlín (Schuhfabrik Baťa) Kohlebergwerk in Vítkovice, Ostrau

Ungarn miniatur|Große Reformierte Kirche in Debrecen, Ungarn. Festung Szigetvár Reformierte Kirche und Reformiertes Kolleg in Debrecen Königsburg in Visegrád Königsburg in Esztergom

Zypern Befestigungen von Nikosia Burg Kolossi Archäologische Stätte von Kourion Ring von sechs Kirchen mit byzantinischen und nachbyzantinischen Fresken in der Region des Troodos-Gebirges

Umwandlung in eine EU-Initiative ab 2010 Im März 2010 schlug die Europäische Kommission die Umwandlung der bisher von Einzelstaaten getragenen Initiative in eine formelle EU-Initiative vor.

Die bisherigen Maßstäbe sollten nach dem Vorschlag durch europaweit einheitliche Kriterien ersetzt werden. Außerdem sollten die Kriterien verändert werden, um nicht mit bereits bestehenden ähnlichen Initiativen wie dem „UNESCO-Welterbe“ oder den „Kulturwegen Europas“ des Europarates, Webseite des Europarates. zu konkurrieren, die das Siegel lediglich ergänzen soll. Doppelauszeichnungen sollen weitgehend vermieden werden.

Ausgezeichnet werden sollen nunmehr solche Stätten, die „Symbole und Beispiele der europäischen Einigung, der Ideale und der Geschichte der EU sind“. Die Auswahl erfolgt nur nach dem symbolischen Wert der Stätten für Europa, nicht aufgrund der Schönheit oder architektonischen Qualität. Zudem soll die pädagogische Dimension, insbesondere mit Blick auf junge Menschen, eine maßgebliche Rolle spielen.

Bereits nach früherem System ausgezeichnete Stätten können das alte Siegel behalten und sich zusätzlich um die Auszeichnung nach dem neuen Reglement bewerben. In diesem Fall müssen sie dann nach den geänderten Kriterien nochmals neu bewertet werden. Nicht ausgeschlossen wird, dass die Möglichkeit zur Teilnahme später auch auf Länder ausgeweitet wird, die zwar nicht Mitglied der EU sind, jedoch am EU-Programm „Kultur“ teilnehmen. Da die Schweiz nicht Mitglied der EU ist und auch nicht am Programm Kultur teilnimmt, kann sie sich – zumindest bis zur ersten Evaluierung der Maßnahme – nicht mehr an der EU-Initiative zum Kulturerbe-Siegel beteiligen.EU-Kulturerbe-Label: Schweiz geht leer aus, Tages-Anzeiger, 11. März 2010

Das neue Europäische Kulturerbe-Siegel soll nach Auffassung der EU-Kommission insbesondere: „zu einer besseren Kenntnis und einer größeren Verbundenheit der europäischen Bürger – und insbesondere auch der jungen Menschen – mit ihrem vielfältigen gemeinsamen Kulturerbe und ihrer Geschichte beitragen, die Werte der Demokratie und der Menschenrechte, auf denen das europäische Einigungswerk beruht, fördern, neben der nationalen Loyalität das Zugehörigkeitsgefühl zur Europäischen Union verstärken und die Bürger anregen, sich aktiv am europäischen Demokratieprozess zu beteiligen, zur wirtschaftlichen Attraktivität und zur nachhaltigen Entwicklung der Gebiete, insbesondere durch den Kulturtourismus, einen Beitrag leisten.“ (PDF; 111 kB), 4. März 2009.

Der aus dem Programm Kultur der EU bestrittene finanzielle Aufwand soll auf die Betreuung und das Marketing des Siegels sowie die Unterstützung des Netzwerks begrenzt bleiben; eine finanzielle Beteiligung an der Restaurierung europäischer Kulturerbestätten ist nicht vorgesehen.

Die Beratungen zur inhaltlichen und finanziellen Umsetzung der EU-Initiative Kulturerbe-Siegel wurden mit der 2. Lesung im Europäischen Parlament am 16. November 2011 abgeschlossen. Mit Veröffentlichung im EU-Amtsblatt. trat das Siegel zum 23. November 2011 offiziell in Kraft und wird seit 2013 verliehen. Die bisherige zwischenstaatliche Initiative ist mit dem Inkrafttreten der EU-Initiative abgeschlossen.

Das neue Logo des Europäischen Kulturerbe-Siegels wurde von der Europäischen Kommission Ende 2012 in einer Bürgerumfrage gesucht.Bürgerumfrage zu einem Logo für das Europäische Kulturerbe-Siegel

Gemeinsames Europäisches Kulturerbe-Siegel seit 2013 Jeder der 27 EU-Mitgliedstaaten soll künftig alle zwei Jahre bis zu zwei Stätten für das Kulturerbe-Siegel vorschlagen dürfen. Eine europäische Jury aus 13 unabhängigen Experten wird die Vorschläge prüfen und jeweils maximal eine Stätte pro Mitgliedstaat auswählen. Die endgültige Zuerkennung erfolgt durch die EU-Kommission. Die Stätten, denen seit 2006 das Siegel unter dem alten Kultursiegel-Programm verliehen wurde, können sich für das neue Siegel erneut bewerben. Das Kulturerbe-Siegel soll bestehende Kulturerbe-Initiativen ergänzen, z. B. die UNESCO-Welterbe-Liste, die Repräsentative UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit und die Initiative des Europarats (Kulturweg des Europarats). Doppelförderungen bestimmter Objekte sollen möglichst vermieden werden, so dass Objekte und Initiativen, die bereits in Kulturwegen des Europarats berücksichtigt werden, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht das Europäische Kulturerbe-Siegel erhalten.

Bisher ausgezeichnete Stätten nach dem aktuellen System Stand: 20. April 2021. Quelle:Stätten des europäischen Kulturerbe-Siegels, culture/ec.europa.eu mini|Hambacher Schloss, Deutschland mini|Europaviertel in Straßburg, Frankreich mini|Friedenspalast in Den Haag, Niederlande mini|Hofburg in Wien, Österreich mini|Kriegsfriedhof Nr. 123 in Łużna, Polen mini|Přemyslidenburg und Erzdiözesanmuseum in Olmütz, Tschechien mini|Großer Saal der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest, Ungarn Belgien Armenkolonien der Maatschappij van Weldadigheid (Gesellschaft der Wohltätigkeit) Bergwerk Bois du Cazier Mundaneum, Mons

Deutschland Hambacher Schloss, Neustadt an der Weinstraße Kulturlandschaft Oderbruch (2022) Leipzig: Neun Stätten des musikalischen Erbes der Stadt seit dem 13. Jahrhundert Stätten des Westfälischen Friedens: Historisches Rathaus Münster und Rathaus Osnabrück Werkbundsiedlungen in Europa – Werkbundsiedlung Stuttgart

Estland Haus der Großen Gilde, Tallinn Historisches Ensemble der Universität Tartu

Frankreich Abtei Cluny, Burgund Europaviertel, Straßburg Ehemaliges Wohnhaus von Robert Schuman in Scy-Chazelles Gedenkstätte für Judenrettungen in Le Chambon-sur-Lignon während des Holocausts Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass samt seiner Außenlager

Griechenland