Der Syrisch-Libanesische Feldzug, auch bekannt unter dem alliierten Operationsnamen Operation Exporter, war eine von britischen, Commonwealth- und freifranzösischen Truppen durchgeführte Offensive gegen das von Vichy-Frankreich noch kontrollierte syrisch-libanesische Mandatsgebiet während des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1941. Die Operation endete mit einem alliierten Erfolg.

Ziel des Unternehmens war es, die Kontrolle über das von Vichy-Frankreich verwaltete Mandatsgebiet zu erlangen, da die Alliierten befürchteten, dass die Region als Basis für die Achsenmächte dienen könnte. Insbesondere eine mögliche Nutzung der dortigen Flugplätze durch die deutsche Luftwaffe stellte eine Bedrohung für die strategisch wichtigen britischen Interessen im Nahen Osten dar, darunter die Ölfelder im Irak und die Verbindungen nach Ägypten und Indien.

Die alliierten Streitkräfte führten die Invasion gegen die Vichy-Truppen durch, die unter dem Kommando von General Henri Dentz standen. Die Kämpfe verliefen entlang mehrerer Fronten, darunter die Küstenstraße im Libanon, das zentrale Hochland und die Region um Damaskus. Trotz heftigen Widerstands der Vichy-Truppen, darunter auch Unterstützung durch die französische Marine und Luftwaffe, konnten die Alliierten nach wochenlangen Gefechten die Oberhand gewinnen. Am 14. Juli 1941 kapitulierten die Vichy-Streitkräfte offiziell mit dem Waffenstillstand von Saint Jean d’Acre. Die freifranzösischen Streitkräfte übernahmen die Verwaltung von Syrien und Libanon, womit die Gefahr einer Achsenpräsenz in der Region beseitigt war.

Der Feldzug war wenig bekannt, selbst in den Ländern, die beteiligt waren. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Briten wichtige Fakten zensiert haben, um Berichte über die heftigen Kämpfe zu vermeiden. Sie befürchteten, dass Nachrichten über Kämpfe gegen Franzosen sich negativ auf die öffentliche Meinung auswirken könnten.

Hintergrund Nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 wurden die Völkerbundmandatsgebiete Syrien und Libanon von der Vichy-Regierung verwaltet, die mit dem Deutschen Reich kollaborierte. Die Region hatte für die Alliierten eine immense Bedeutung, da sie eine wichtige Verbindung zwischen den britischen Kolonien in Indien und Ägypten darstellte. Zudem bedrohte die Nähe zu den Ölfeldern im Irak und Iran die Versorgung der Alliierten mit Treibstoff, falls die Achsenmächte oder ihre Verbündeten diese Gebiete übernehmen würden. Die britische Regierung stellte sich jedoch zunächst auf den Standpunkt, die vichy-treue Präsenz in der Levante zu dulden und infolgedessen keinen Angriff der Forces françaises libres unter Charles de Gaulle in der Kolonie zu unterstützen, solange auf dem Mandatsgebiet keine Truppen ihrer Kriegsgegner operierten.Grainger: 2013, S. 83–84.

Im Mai 1941 hatten deutsche und italienische Flugzeuge mit französischer Genehmigung syrische Flugplätze als Zwischenstopp für ihren Einsatz bei den Kämpfen im Irak benutzt. Außerdem war Ende des Monats Kreta in die Hände der Deutschen gefallen. Auf britischer Seite bestand nunmehr die Sorge, dass sich die Achsenmächte in Syrien und dem Libanon dauerhaft etablieren und von hier aus Palästina und Ägypten angreifen könnten, was eine Gefährdung der britischen Ölnachschubwege in der Region durch Luftangriffe der Achsenmächte mit sich gebracht hätte. Grainger:2013, S. 85–88.

Kräfteverhältnisse und Planung mini|links|General de Gaulle zeichnet freifranzösische Soldaten aus (britische Militärbasis Qastina, Mandatsgebiet Palästina, Mai 1941). Die vichy-treuen französischen Truppen in Syrien und im Libanon, die Armée du Levant unter General Henri Fernand Dentz, bestanden aus rund 35.000 Militärangehörigen. Vier Fünftel dieser Soldaten waren keine Franzosen, sondern Kolonialsoldaten oder Fremdenlegionäre. Die Armée du Levant verfügte im April 1941 über 27 Infanteriebataillone. Der Hauptteil der Infanterie machten zehn nordafrikanische Bataillone und vier Fremdenlegionsbataillone aus. Ebenso gab es senegalesische Einheiten und drei gemischte französisch-senegalesische Bataillone. Im Juni 1941 verfügten die Vichy-Truppen in der Levante über 90 leichte Panzer des Typs Renault R-35 und 70 Panzerwagen. Der Armee waren 90 moderne Flugzeuge angegliedert. Material und Betriebsstoffbevorratung sollten rund sechs Wochen Gefechte ermöglichen. Ein Teil der Panzerwagen war in Beirut durch die Armee selbst auf Basis von US-amerikanischen Lastkraftwagen improvisiert worden.John D. Grainger: Traditional Enemies. Britain’s War with Vichy France 1940–1942. Pen & Sword Military, Barnsley 2013, ISBN 978-1-78159-154-3, S. 96.Henri de Wailly: Invasion Syria 1941. Churchill and de Gaulle’s Forgotten War. I.B. Tauris, New York 2016, S. 31–33. Zur See standen den vichy-treuen französischen Kräften insgesamt vier Zerstörer, der Aviso Élan,Janusz Piekałkiewicz: Seekrieg 1939 – 1945. Bechtermünz, Augsburg 1998, S. 143. und drei U-Boote zur Verfügung. mini|Die auf freifranzösischer Seite kämpfende tscherkessische Kavallerieeinheit unter Colonel Philibert Collet. Collet ist in der Bildmitte rechterhand zu erkennen.

Die alliierten Truppen, welche zur Operation abgestellt wurden, umfassten 34.000 Soldaten unter General Henry Maitland Wilson. Die Mehrheit stellten 18.000 Australier, gefolgt von 9.000 Soldaten der British Army und 2.000 Mann der British Indian Army. Hinzu kamen 5.400 Mann von de Gaulles freifranzösischen Truppen, wobei der Kern dieser Einheiten aus der 1. (leichten) freifranzösischen Division (1re Division Légère Française Libre) unter General Paul Legentilhomme bestand.David Sutton, Graham Turner: Syria and Lebanon 1941. The Allied Fight Against the Vichy French. Osprey/Bloomsbury Publishing. Oxford, New York 2022, S. 13. Auf freifranzösischer Seite kämpfte auch eine rund 350 Mann starke tscherkessische Kavallerieeinheit unter Colonel Philibert Collet; hierbei handelte es sich um Deserteure, welche von der vichy-treuen tscherkessischen Kavalleriegruppe (Groupement d'Escadrons Tcherkess) zu den Alliierten übergelaufen waren.Sutton, Turner: Syria and Lebanon 1941, S. 14. Den alliierten Kräften fehlten indessen moderne Panzer in nennenswerter Anzahl, so konnten die britischen Kräfte nur auf einige wenige veraltete Light Tank Mk VI zurückgreifen; ferner stand eine mit zwölf leichten Hotchkiss H-39-Panzern ausgestattete freifranzösische Panzerkompanie zur Verfügung. Daneben mangelte es auch an Artilleriegeschützen, Motorfahrzeugen für Nachschub und Transport sowie modernen Panzerabwehrwaffen.Henri de Wailly: Invasion Syria 1941. Churchill and de Gaulle’s Forgotten War. I.B. Tauris, New York 2016, S. 126f. Von Vorteil für die alliierten Verbände war jedoch, dass die britische Marine mit insgesamt fünf Kreuzern und neun Zerstörern eine beinahe vollständige Blockade der Küstenlinien durchsetzen konnte.

Der von Wilson ausgearbeitete Invasionsplan der Alliierten sah einen dreigliedrigen Angriff vor. Entlang des Mittelmeers sollte die 21. australische Infanteriebrigade (Brigadier Jack Stevens) in Richtung Damaskus und Beirut vorrücken. Die 25. australische Infanteriebrigade (Brigadier A. R. B. Cox) sollte von Metulla aus in den Libanon eindringen und nach Rayak vorrücken. Die 5. indische Brigadegruppe (Brigadier Wilfrid Lewis Lloyd) sollte die Golanhöhen überqueren, in den Hauran vorrücken und Quneitra und Deraa einnehmen. Auf diese Weise würde sie einen Brückenkopf bilden, über den die französische Brigade von General Legentilhomme über Kiswe nach Damaskus vorstoßen würde, während die tscherkessische Kavallerie unter Colonel Collet nach Norden über Fiq nach Quneitra vordringen würde. Im Falle eines deutschen Luftlandevorstoßes von Kreta aus würde das 11. schottische Kommando den Vorstoß an der Küste unterstützen.

Verlauf Bereits Ende Mai 1941 hatte es vereinzelt Zusammenstöße zwischen vichy-französischen und britischen Flugzeugen gegeben. So hatte am 28. Mai 1941 ein MS.406-Jäger einen im Irak gestarteten britischen Bristol-Blenheim-Aufklärer über Syrien abschießen können. Zwischen dem 24. und dem 28. Mai ließ die Vichy-Regierung rund 20 Dewoitine D.520 von Algerien nach Syrien verlegen (wobei allerdings zwei Maschinen wegen Defekten in der Türkei notlanden mussten). Daraufhin griffen drei britische Bomber am 5. Juni 1941 den Flugplatz von Aleppo an und zerstörten ein Flugzeug am Boden. Am 8. Juni überquerten zwei Brigaden der australischen 7. Infanteriedivision unter General John Lavarack nördlich von Akkon und Tiberias die Grenze und marschierten in Richtung Beirut und Rayak. Die britisch-indische 5. Infanterie-Brigade und FFI-Truppen unter General Paul Legentilhomme drangen zur gleichen Zeit weiter östlich bei Darʿa ins Landesinnere ein, um auf Damaskus vorzustoßen. Einen Tag später kam es zur Schlacht am Litani, wo australisch-britische Truppen gegen Soldaten des Vichy-Regimes kämpften, die ohne Erfolg versuchten, den Vorstoß der Australier nach Beirut aufzuhalten. mini|links|Britisches Landungsboot-Mutterschiff Glengyle, das in der Nacht des 8./9. Juni 1941 eine Kommandoeinheit von 406 Mann nördlich von Tyros absetzte.

Im Vorfeld der Gefechte am Litani war in der Nacht des 8./9. Juni 1941 das 11. schottische Kommando (No. 11 (Scottish) Commando) unter Lieutenant Colonel Richard Pedder – herangebracht von dem Landungsboot-Mutterschiff Glengyle und unter dem Schutz des Flugabwehrkreuzers Coventry sowie zweier Zerstörer – nördlich von Tyros gelandet, um eine wichtige Brücke über den Litani zu sichern. Die 406 Mann starke Kommandoeinheit fand die Brücke jedoch bereits von vichy-französischen Kräften gesprengt vor und verlor bei nachfolgenden Gefechten gegen das hartnäckigen Widerstand leistende 22. algerische Tirailleur-Regiment (22e Régiment de Tirailleurs Algériens) rund ein Drittel ihres Mannschaftsbestandes. Unter den Gefallenen befand sich auch Lieutenant Colonel Pedder. Trotz dieser beträchtlichen Verluste gelang es den Kommandoeinheiten jedoch – in einem 29 Stunden andauernden Gefecht –, den im Laufe des 9. Juni heranrückenden australischen Einheiten den weiteren und raschen Vorstoß gen Beirut zu ermöglichen.George Saunders: 1959, S. 58f. mini|links|Einheiten der British Indian Army auf dem Weg in Richtung Damaskus (Ende Juni 1941). In der Bildmitte rechterhand ist ein offenkundig aufgegebener Panzer vom Typ Renault FT zu sehen.

Vier Tage später kam es wieder zu Kämpfen zwischen australischen und vichy-französischen Soldaten. Am 13. Juni geriet der australisch-britische Vorstoß infolge heftiger Gefechte ins Stocken, wobei auch die Schwächen der alliierten Verbände bezüglich Panzerabwehrwaffen und Panzern aufgezeigt wurden. Starke Gegenangriffe vichy-treuer Truppen, unterstützt von rund 40 Panzern, zwangen am 16. Juni ein Bataillon der Royal Fusiliers bei Quneitra zur Kapitulation.Sutton: 2022, S. 7. Rund 470 britische Soldaten gingen in Gefangenschaft.

General Wavell entschied sich darauf, die alliierten Streitkräfte bei Damaskus durch die 6. britische Infanteriedivision aus Ägypten zu verstärken. Mit diesen Verstärkungen gelang nur Tage später die Rückeroberung des Gebietes um Quneitra. Zur Unterstützung der zunehmend in Bedrängnis geratenden Vichy-Franzosen griffen am 15. Juni von Kreta aus operierende deutsche Ju 88-Bomber des Lehrgeschwaders 1 britische Kriegsschiffe auf der Reede von Sidon an und beschädigten die beiden Zerstörer Isis und Ilex schwer. Zwei weitere britische Zerstörer, Janus und Jackal, waren bereits am 9. Juni kurzzeitig mit den beiden aus Beirut ausgelaufenen vichy-französischen Großzerstörern Guépard und Valmy ins Gefecht gekommen und hatten teils erhebliche Beschädigungen erlitten.