mini|Zwei tangotanzende Frauen auf einer sowjetischen Postkarte aus den 1920er Jahren

Der Queer Tango ist eine Variante des Tangos, bei dem die traditionellen Geschlechterrollen beliebig gewechselt werden können und auch gleichgeschlechtliche Tanzpaare möglich sind.Mariana Docampo: ¿Qué es Tango Queer? (spanisch) bzw. What is queer tango (englisch) In: Blog über die Queer-Tango-Szene in Buenos Aires. Abgerufen am 20. Mai 2010. Queer steht in diesem Zusammenhang nicht nur als Selbstbezeichnung für die LGBT-Gemeinschaft (vgl. Queer-Theorie), sondern schließt mit dem Begriff auch heterosexuelle Tanzpaare ein, die die konventionellen Geschlechterrollen ignorieren.

Bedeutung Traditioneller Mann-Frau-Tanz Im Tango vom Rio de la Plata, einem sinnlichen Paartanz, gibt es einen führenden und einen folgenden Tanzpartner. Traditionell führt der Mann, und die Frau folgt (oft mit geschlossenen Augen). Im Ursprungsgebiet des Tangos, in den Hafenstädten am Río de la Plata, beschreibt man dies mit dem Reim: El hombre conduce, la mujer seduce y se luce. („Der Mann führt, die Frau verführt und glänzt.“). Mit Tango verbindet man Machismus, männlichen Chauvinismus und Heterosexualität:Manuel González: Aufsatz, 2008. Johanna Neundlinger: Diplomarbeit, 2009. Rolf Thum: Essay, 2003. (Siehe Literatur.)

Im klassischen Tango ist das Bewegungsrepertoire betont geschlechtsspezifisch festgelegt. Der Frau fallen die „bodenferneren“, dekorativen und anmutigen Elemente des Tanzes zu. Sie „glänzt“ durch kunstvolle Verzierungen, z. B. boleos, und durch weiche, runde und hüftbetonte Bewegungen wie ochos (die Tänzerin beschreibt mit ihren Füßen eine Acht). Bei einer Sentada gibt sie gar den Bodenkontakt völlig auf und sitzt auf dem Oberschenkel des Mannes. Der Mann hingegen tanzt „bodennah“. Zu seinem Repertoire gehören die härteren, abrupteren Bewegungen wie beispielsweise paradas (Stopps), cortes (Unterbrechungen), sacadas (Wegschleudern des Beins der Partnerin), barridas (Fußschieber) und taconeo (Aufstampfen). Er ist für die Stabilität des Paares verantwortlich. Er stützt seine Partnerin bei allen Figuren, in denen sie sich im labilen Gleichgewicht befindet.

Während Standardtänze festgelegte Schrittfolgen besitzen, wird der Tango Argentino in völliger Improvisation getanzt; er kennt nur kleine Elemente, die frei kombinierbar sind. Jeder Schritt ist eine neue Entscheidung, und traditionell ist der Mann der Choreograph, der durch eindeutige Körpersprache den Tanz ganz spontan, ohne vorherigen Plan, organisiert. Dieses Wechselspiel heißt im Spanischen Marcar y responder („Zeichengeben und antworten“).Eckart Haerter: Anmerkungen von Eckart Haerter zu: „Raimund Allebrand: Das Frauenbild im Tango: Aufsatz in „Hispanorama: Zeitschrift des Deutschen Spanischlehrerverbandes (DSV)“ 103.2004.“ Ursprünglich in: Hispanorama, Heft 106, 2004, . Kopie in: Tango Productions Ulrike & Eckart Haerter, haerter-tango.de. Abgerufen am 12. März 2017. Ohne klare Signale (marcas) von Seiten des Mannes kann die Frau nicht antworten (responder), sich nicht entfalten. Diese Führungssignale des Mannes sind als „Einladung“ zu verstehen: folgt die Frau nicht, so muss der geschickte Tanguero – für Zuschauer unbemerkbar – sofort eine andere Bewegungsfolge vorschlagen:

Die Frau gleitet rückwärts über die Tanzfläche, der Mann schreitet vorwärts und muss alles im Blick haben, denn er trägt die Verantwortung, seine Partnerin sicher und ohne Zusammenstoß mit anderen Paaren über die Tanzfläche zu führen:

Ebenfalls im Rahmen der Aufforderungsrituale übernimmt der Mann auf traditionellen Milongas eine dominierende Rolle.

Der Tango gilt als erotischer Tanz, bei dem sich aufgrund der ungewohnt großen Nähe eine knisternde sinnlich-flirtende Spannung zwischen Mann und Frau aufbaut. Um dem traditionellen Frauenbild im Tango zu entsprechen, schön auszusehen und verführerisch zu wirken, werfen sich Tangueras, nicht nur in Shows, sehr oft in gewagte Mode:Ralf Sartori: Tango. Die einende Kraft des tanzenden Eros. Bastei-Lübbe, 2001, ISBN 978-3-404-70185-8.

Analyse und Aufbrechen der Geschlechterrollen Diese konventionellen tangospezifischen Geschlechterrollen zu übernehmen, fällt vielen Frauen und Männern nicht leicht:

Um diese heteronormative Geschlechterrollenverteilung aufzubrechen, um die Geschlechterrollen (gender roles) im Tanz spielerisch zu hinterfragen und um Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern – der LGBT-Gemeinschaft – eine Heimat im Tango zu geben, entstand in den 1980er Jahren die Idee des Queer Tangos.

Tangotanzen jenseits der Gender-Grenzen In der Queer-Tango-Szene werden beim Queer Tango – neben der traditionellen Form – die führenden und folgenden Rollen sowohl aus Frau-Frau-, Mann-Mann-, als auch aus Frau-Mann-Tanzpaare gebildet, die sich jenseits der traditionellen Klischees bewegen. Dabei tauschen Führende und Folgende während einer Tanda – manchmal sogar inmitten desselben Tanzes – die Rollen,Beispiel für Führen und Geführtwerden: Los Hermanos Macana tanzen die Milonga Reliquias Porteñas und wechseln mehrmals innerhalb desselben Tanzes die Führungsrolle: Youtube-Video bei 0:36, 0:45, 1:19, 1:33 und 1:46. um bessere Genderkompetenz, größere innere Achtsamkeit und höhere Sensibilität zu entwickeln.

Die Grundidee der Queer-Tango-Bewegung besteht darin, Tango unabhängig von sexuellen Identitäten verstehen zu wollen, wobei heterosexuelle Tangueras und Tangueros keineswegs ausgegrenzt werden sollen. Sie sind eingeladen, mit dem Rollentausch im Tango zu experimentieren. Dies stellt eine Herausforderung dar, denn der Rollentausch erfordert eine große emotionale und geistige Umstellung, einen Mindset-Change. Männer lernen, die grazilen Bewegungselemente des traditionell „weiblich“ genannten Repertoires zu tanzen und entwickeln eine schärfere Wahrnehmung für die Feinheiten des Geführtwerdens. Frauen erweitern im Rollentausch ihre tänzerische Kreativität. Sie lernen, choreographisch vorauszudenken und eignen sich die Techniken der führenden Körpersprache an:

Durch dieses Hineinschlüpfen in die jeweils andere Rolle erweitern Frauen und Männer nicht nur ihre tänzerische Kompetenz, sondern sie werden außerdem mit der Cross-Gender-Problematik konfrontiert und zur Reflexion über das Anliegen der Gender-Forschung, die Unterscheidung von biologischem Geschlecht und Geschlechterrollenverhalten, angehalten: Doing Tango – Performing Gender, wie Annette Hartmann (siehe Literatur) diesen geistig-emotionalen Prozess formelhaft auf den Punkt gebracht hat.

Geschichte der Queer-Tango-Bewegung Die genaueren Umstände der Entstehung des Tangos als Paartanz liegen im Dunkeln. Beim Rückblick in seine Geschichte leuchten immer wieder Bilder von gleichgeschlechtlichen Tanzpaaren auf. Auch Jorge Luis Borges vertrat die These, nach der Männer den Tangotanz erfanden und ihn ursprünglich nur als gleichgeschlechtliche Männerpaare untereinander tanzten, oft vor oder in Bordellen:

Als Motiv für die Bildung der Mann-Mann-Tanzpaare wird zum einen der Frauenmangel in der rioplatensischen Bevölkerung um 1900 angeführt und zum andern auf die Anrüchigkeit des engen Körperkontaktes verwiesen. Keine „anständige“ Frau durfte damals so in der Öffentlichkeit tanzen:

Als Mann-Frau-Paartanz wurde der Tango in Lateinamerika erst nach einem Umweg über Paris salonfähig, allerdings in einem von cortes und quebradas (abrupten Brüchen und Verrenkungen) bereinigten Stil. Gleichzeitig sind aus den Jahren 1910/1920 französische Postkarten überliefert, welche gleichgeschlechtliche Frauen-Tanzpaare darstellen.J. Alberto Mariñas: They dance alone… auf: esto.es. Abgerufen am 18. Juni 2010. Allerdings bleibt unklar, ob es sich dabei um Lesbenpaare handelt oder um gestellte Posen für voyeuristische Männeraugen.

Die heutige Queer-Tango-Bewegung ist sich dieses gleichgeschlechtlichen historischen Ursprungs des Tangos mit seiner meist verheimlichten homoerotischen Konnotation bewusst und knüpft daran an.Tina Fritsche: Tango meets Transgender. Das 3. Internationale Queer Tango Festival lädt zum Spiel mit den Geschlechterrollen. Aus: ak – analyse + kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis. Nr. 476, 19. September 2003. Artikel online. Abgerufen am 18. Juni 2010. Sie entstand in der schwul-lesbischen Tangoszene Hamburgs, wo sich Mitte der 1980er Jahre die ersten Tangobegeisterten in einem kleinen Schwulen-Café namens Tuc Tuc in Altona trafen.

Im Jahre 2001 wurde das International Queer Tango Festival in Hamburg ins Leben gerufen.queer-tango.de: 1. International Queer Tango Festival Hamburg Nach dem Hamburger Vorbild bildete sich nach und nach in einzelnen deutschen Städten eine queere Tangoszene, wie zum Beispiel in Berlin und Köln. Es gibt Tangounterricht für Schwule und Lesben, queere Tango-Workshops, queere Milongas und lokale Queer Tango Festivals.Katharina Böcherer: Offene Atmosphäre. Die schwullesbische Tangoszene in Berlin. In: tangokultur.info, Ausgabe Januar 2007. Abgerufen am 20. Mai 2010. Das letzte Hamburger Festival wurde im Jahr 2011 durchgeführt. Im selben Jahr entstand das Internationale QueerTango-Festival in Berlin unter der Leitung von Astrid Weiske, das sich in der Folge als größtes Queer-Tango-Festival weltweit etablierte.

Von Deutschland ausgehend verbreitete sich die Queer-Tango-Idee. Regelmäßige Queer-Tango-Festivals gibt es mittlerweile in Berlin, Buenos Aires, Kopenhagen, Mexiko-Stadt, Stockholm, San Francisco, New York und Sankt Petersburg.Argentinien: Programmwebsite des ‚Festival Internacional de Tango Queer de Buenos Aires‘, 22. bis 28. November 2010 (in spanischer Sprache), Dänemark: , Schweden: Programmwebsite des 4th International Queer Tango Festival Stockholm, 14. bis 16. Mai 2010, USA: .

In Buenos Aires wurde der Tango bis in das 21. Jahrhundert hinein in der Öffentlichkeit fast ausschließlich in traditioneller Rollenverteilung getanzt, zu Beginn der 2020er Jahre ist das gleichgeschlechtliche Tanzen aber kein Anlass mehr für Clubverweise. 2002 etablierte Augusto Balizano einen wöchentlichen Queer-Tango-Salon, La Marshàll, der seit seiner Gründung von ihm geleitet wird. Darüber hinaus betrieb Mariana Docampo seit 2005 eine wöchentliche Queer Milonga im Buenos Aires Club.Webseite der Milonga Tango Queer. Abgerufen am 28. Dezember 2017. Mit dem Entstehen weiterer Angebote zum Queer Tango in Buenos Aires schlossen Balizano und Docampo ihre beiden Events zu einem gemeinsamen monatlichen Tanzabend im Centro Cultural Macedonia unter dem Namen Milonga Tango Queer La Marshall Milonga zusammen. Seit 2006 betreiben sie ebenfalls zusammen das jährliche Buenos Aires Queer Tango Festival.

Literatur Annette Hartmann: Doing Tango – Performing Gender. Zur (De-)Konstruktion von Geschlechtsidentitäten in Literatur und Tanz. In: Gabriele Klein, Christa Zipprich (Hrsg.): Tanz Theorie Text. Münster, Lit 2002, ISBN 3-8258-5901-0, S. 367–381 (). Melina Sedó: Geschlechterrollen im argentinischen Tango. Diplomarbeit an der Universität des Saarlandes, Saarbrücken 2003 (Kurzfassung). (Volltext (PDF; 883 kB) auf melinasedo.com. Abgerufen am 21. November 2025.) Paula-Irene Villa: Mit dem Ernst des Körpers spielen: Körper, Diskurse und Emotionen im Argentinischen Tango. In: Thomas Alkemeyer, Robert Schmidt (Hrsg.): Aufs Spiel gesetzte Körper. Aufführungen des Sozialen in Sport und populärer Kultur. Konstanz 2003, S. 131–156. (Volltext (PDF; 672 kB) auf queer-tango.de. Abgerufen am 24. Mai 2010.) Magali Saikin: Tango und Gender. Identitäten und Geschlechterrollen im Argentinischen Tango. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-89657-611-9. Manuel González: El Tango es machista? In: Punto Tango, Nr. 26, Dezember 2008. Ute Walter: Tango und innere Achtsamkeit oder ein anderer Zugang zum Tangotanzen. Die Bedeutung der inneren Achtsamkeit im Tango Argentino und deren Vermittlung im Unterricht durch Einbezug ausgewählter Aspekte der Methode Dialogprozess. Diplomarbeit an der Universität Hamburg, Hamburg 2008.