Elephantine (auch: Elefantine; ) ist eine Flussinsel im Nil in Ägypten. Sie erstreckt sich unterhalb des ersten Katarakts mit einer Länge von 1.200 Metern in Südwest-Nordost-Richtung und einer Breite bis zu 400 Metern in West-Ost-Richtung zwischen der kleineren Kitchener-Insel und dem östlichen Nilufer. Elephantine ist Teil der hauptsächlich am Ostufer des Nils gelegenen Stadt Assuan.
Die Ruinen der antiken Stadt Elephantine gehören seit 1979 als Teil der „Nubischen Denkmäler von Abu Simbel bis Philae“ zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Geografie Hier am Mittellauf des Nils unterhalb des ersten Katarakts ebnete sich der Fluss zum fünften Mal durch ein Granitmassiv seinen Weg und ließ so eine Granitinsel mit einer Senke entstehen, die ursprünglich die Insel zumindest für einige Wochen während der jährlichen Nilflut in zwei Inseln teilte.
Durch klimatische Änderungen sank zwischen Ende des 4. und Anfang des 3. Jahrtausends v. Chr. der Nilwasserpegel und die jährliche Nilfluthöhe um mehr als 5 Meter. Die zuvor erfolgte intensive Sedimentation sowie künstliche Geländeaufschüttungen und die in der Folgezeit konstant niedrigeren Nilfluthöhen haben in Verbindung mit dem einsetzenden Siedlungsbau dazu geführt, dass es seit dem Alten Reich im Normalfall keine Überflutungen mehr gab.Stephan Seidlmayer: Historische und moderne Nilstände. Berlin 2001, S. 81–82.
Elephantine erhielt durch den klimatisch bedingten neuen Status den Charakter einer „zusammengewachsenen Insel“. Auf Elephantine befinden sich große Vorkommen von prächtigem rotgrauem Rosengranit, der im Altertum sehr wertvoll war und den Pharaonen und ihren Bauwerken vorbehalten blieb. Auf dem südöstlichen Ende der Insel lag die gleichnamige Stadt.
Mythologie und Geschichte Im Alten Ägypten als Yebu („Elefant“) bekannt, befand sich Elephantine auf der Grenze zwischen Ägypten und Nubien. Sie bildete einen natürlichen Schiffspassagepunkt für den Flusshandel; die Insellage machte sie zu einem wichtigen strategischen Verteidigungsplatz im Altertum.
mini|links|Relief des widderköpfigen Gottes Chnum in Elephantine
Schon in der Zeit der 1. Dynastie wurde auf der östlichen Seite der Insel eine Festung errichtet mit Mauern aus Lehmziegeln, und es entstand eine Siedlung mit den Behausungen der Grenzsoldaten und ihrer Familien. Sie platzte bald aus ihren Nähten, und so musste eine der Festungsmauern wieder eingerissen werden, um Platz zu schaffen. Das haben Schweizer Archäologen inzwischen herausgefunden, die hier ihren ständigen Grabungssitz haben. Die Macht der 3. Dynastie (ca. 2707–2639 v. Chr.) wurde durch eine granitene Stufenpyramide (Pyramide von Elephantine) repräsentiert. Der erste Tempel galt der lokalen Göttin Satis, der „Herrin von Elephantine“. Er war zunächst aus Lehmziegeln errichtet. Pepi I. (ca. 2355–2285 v. Chr.), ein König der 6. Dynastie, baute der Satis einen steinernen Schrein. Der Widder-Gott Chnum erhielt zunächst im Satis-Tempel einen „Herrgottswinkel“. Während Satis die „Auslöserin der Nilflut“ war, fungierte Chnum als „ihr Helfer“.
In der Epoche des Mittleren Reiches (ca. 2119–1793 v. Chr.) wurden die Lehmziegelbauten größer und regelmäßiger. Sie gruppierten sich um zentrale Höfe oder bildeten ein sogenanntes Dreistreifenhaus. In dieser Zeit bekam der Satis-Tempel zunächst eine Versteifung aus Holz, dann ließ Pharao Mentuhotep II. (ca. 2046–1995 v. Chr.) ein steinernes Haus bauen, das unter Sesostris I. (1956–1911 v. Chr.) noch einmal erneuert wurde. Er ließ auch den ersten eigenen Chnum-Tempel auf dem höchsten Punkt Elephantines errichten.
Während des Neuen Reiches erneuerte und vergrößerte Hatschepsut den Tempel der Satis. Daneben ist die Verehrung der nubischen Göttin Miket mehrfach belegt. An der südlichsten Spitze der Insel befinden sich die Ruinen eines späteren Tempels, der in der Spätperiode (30. Dynastie) wieder errichtet wurde. Durch die intensive Bautätigkeit der Jahrtausende entstand ein beträchtlicher Siedlungshügel.
In persischer Zeit wurde eine Garnison jüdischer Soldaten auf Elephantine stationiert. Sie bildeten eine eigene jüdische Gemeinde mit eigenem Tempel. In der Neuzeit wurde ein Teil des Hügels abgetragen, der Lehm mit Wasser versetzt und neues Baumaterial daraus geformt. So ging ein Teil der Geschichte zwar verloren, an der Abbruchwand können aber heute die Archäologen die historische Abfolge ausgezeichnet studieren. Bis 1822 befanden sich dort die Tempel Thutmosis III. und Amenhotep III. in einem relativ intakten Zustand. Sie wurden aber im selben Jahr durch die Osmanen zerstört und durch die türkischen Gouverneure geplündert.
Elephantine war der südlichste Punkt von Herodots Reise nach Ägypten um ca. 448 v. Chr.
Festkalender von Elephantine Auf Grund der Inschriften und Stiftungen ist der Festkalender gut bezeugt. Die besondere Bedeutung von Elephantine als Quelle der Nilflut sowie Ort der Verjüngung war wohl der Anlass eines eigenen Festkalenders, der vom allgemeinen Festkalender des Landes abwich:
1. Achet I: Amun und Chnum 15. Achet II: Amun 18. Achet II: Chnum und Anukis 28. Achet II: Satis und Anukis 9. Achet III: Amun 30. Achet III: Anukis
Archäologie Die von Martin Ziermann durchgeführten neuen Grabungskampagnen belegen das dramatische Absinken der Nilfluthöhen. Während zur Zeit der 1. Dynastie die Inselfestung noch auf einem Fundament in etwa 96 Meter über Meereshöhe stand, verringerte sich im weiteren Verlauf die Bebauungsgrenze teilweise auf etwa 91,5 Meter. Ausgrabungen durch das Schweizerische Institut für Ägyptische Bauforschung und das Deutsche Archäologische Institut haben zahlreiche Fundstücke zutage gefördert, die heute im Elephantine-Museum ausgestellt sind. Artefakte aus vordynastischer Zeit wurden ebenfalls auf Elephantine gefunden. Ein kleines Heiligtum des aus der 6. Dynastie stammenden Lokalheiligen Heka-ib datiert in das Mittlere Reich. Daneben konnten Teile der Stadtmauer aus der 1. Dynastie und Teile der Wohnstadt aller Epochen freigelegt werden.
Gegenüber der Gegenwart herrschten im späten vierten Jahrtausend v. Chr. noch veränderte klimatische Bedingungen, die Nilfluten bis etwa 99 Meter ermöglichten, weshalb die Siedlungen immer wieder neu aufgebaut werden mussten. Durch die Veränderung des Klimas sanken die Nilfluten bis zur 1. Dynastie auf durchschnittlich 94,5 Meter, um sich im weiteren Verlauf des dritten Jahrtausends v. Chr. bei etwa 91 Meter einzupendeln. Mit dieser Entwicklung ging eine zunehmende Besiedlung einher.
mini|Alter Nilometer des Satis-Tempels auf der Insel Elephantine
Die drei Nilometer Auf Elephantine existierte zunächst nur ein Nilometer im Satis-Tempel. Frühestens zu Beginn der 26. Dynastie, jedoch spätestens unter Nektanebos II. erhielt auch der Chnum-Tempel nachträglich eine Nilometer-Erweiterung. In griechisch-römischer Zeit folgte abschließend der Aufbau einer rituellen Monumentaltreppe, so dass sich von dieser Zeit an auf Elephantine drei Nilometer befanden, die noch bis Ende des 19. Jahrhunderts genutzt wurden. Die zum Fluss hinabführenden 90 Stufen des zum Satis-Tempel gehörenden Nilometers sind mit arabischen, römischen und hieroglyphischen Zahlen markiert, und Inschriften belegen, dass der Fels in der 17. Dynastie bearbeitet wurde.
Die Elephantine-Papyri Auch die Elephantine-Papyri wurden auf der Insel von Archäologen entdeckt. Sie bilden eine Sammlung von Rechtsdokumenten und Briefen in aramäischer Sprache auf Papyrusrollen. Sie belegen, dass hier verschiedene Garnisonen aramäischsprachiger Ethnien während der persischen Okkupation Ägyptens stationiert waren, die hier auch ihrem eigenen Kult nachgingen. Die Dokumente umfassen die Periode von 495–399 v. Chr. Sie enthalten neben zahlreichen Privat- und Wirtschaftstexten (Kauf- und Pachtverträge, Heiratsurkunden, Inventarlisten, Steuerlisten und vieles mehr) unter anderem auch die Archivabschrift eines Briefes an den persischen Statthalter, in dem von der Zerstörung und Plünderung des Tempels im Jahr 410 v. Chr. auf Veranlassung der Priesterschaft des Chnum-Tempels berichtet und um Erlaubnis zum Wiederaufbau gebeten wird,Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. München 1997, S. 108. Anweisungen für die Feier einzelner Feste, aber vor allem Verträge und Korrespondenz unter anderem mit der Priesterschaft in Jerusalem sowie auch mit den Gouverneuren von Juda und Samaria.
Der Jahu-Tempel und seine Gemeinde Die Elephantine-Papyri bezeugen die Existenz einer aramäischsprachigen jüdischen Gemeinschaft unter dem Vorsitz eines gewissen Jedanja oder Jadanja auf der Insel. Die Gemeinde besaß einen Tempel des Gottes Jahu (JHWH), der in den Texten aber stets Jhw oder (selten) Jhh, aber niemals JHWH geschrieben wird.Bernd U. Schipper: Die Judäer/Aramäer von Elephantine und ihre Religion. In: Zeitschrift Für Die Alttestamentliche Wissenschaft. 2020, Band 132, Nr. 1, S. 57–83, doi:10.1515/zaw-2020-0007. Möglicherweise ist dies auf (nord-)israelitische Tradition zurückzuführen – es lässt sich aber zeigen, dass ihnen auch die Schreibung des Tetragramms als JHWH bekannt gewesen sein muss. Über den Zeitpunkt der Gründung der Gemeinde weiß man nur, dass sie bereits existierte, ehe die Perser unter Kambyses II. 525 v. Chr. Ägypten eroberten.Anke Joisten-Pruschke: Das religiöse Leben der Juden von Elephantine in der Achämenidenzeit (= Göttinger Orientforschungen. Band III; Reihe: Iranica). Wiesbaden 2008, S. 68. Die Herkunft dieser Gemeinde ist nicht mehr eindeutig bestimmbar. Ein Teil, vermutlich die Judäer, wanderte vielleicht nach dem Untergang Judas 587 v. Chr. ein, andere Aramäer hatten möglicherweise schon an den Feldzügen des assyrischen Königs Asarhaddon 670 v. Chr. gegen Ägypten teilgenommen.Michael Weigl: Die aramäischen Achikar-Sprüche aus Elephantine und die alttestamentliche Weisheitsliteratur. de Gruyter, Berlin 2010, ISBN 978-3-11-021208-2, S. 25–26. Dass die Papyri in aramäischer Sprache und achämenidisch-aramäischer Kursivschrift geschrieben sind, liegt an der multi-ethnischen und multi-religiösen Zusammensetzung der Militärkolonie und ihrer teilweise internationalen Korrespondenz. Aramäisch war internationale Verkehrssprache.