mini|250px|Macbeth, Banquo und die Hexen, Illustration der Holinshed Chronicles Macbeth () ist eine Tragödie von William Shakespeare. Das Werk handelt vom Aufstieg des königlichen Heerführers Macbeth zum König von Schottland, seinem Wandel zum Königsmörder und weiteren Mordtaten sowie seinem Fall. Shakespeare hat das Werk vermutlich um 1606 fertiggestellt. Die einzig erhaltene autoritative Textfassung findet sich in der First Folio von 1623. Der Autor verknüpfte in seinem Drama geschichtliche Fakten über den historischen Schottenkönig Macbeth und den zeitgenössischen englischen König Jakob I. mit Aberglauben, Mythologie und Fiktion. Die erste Erwähnung einer Aufführung datiert vermutlich auf den 20. April 1611.In einer Notiz von Simon Forman schreibt dieser, er habe das Werk am Donnerstag dem 20. April 1610 gesehen; in diesem Jahr war der entsprechende Tag aber ein Samstag. Vermutlich hat Forman das Jahr verwechselt. Vgl.: Brooke, Nicholas (Hrsg.) The Tragedy of Macbeth. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2008, S. 234.

Wichtige Figuren Die wichtigsten Handlungsträger sind:

Macbeth und Lady Macbeth Macbeth, zunächst Thane of Glamis und später auch von Cawdor, ist zu Beginn treuer Vasall des Königs Duncan von Schottland. Nachdem ihm aber drei Hexen prophezeit haben, König von Schottland zu werden, beschließen er und Lady Macbeth, seine ehrgeizige Frau, König Duncan zu ermorden. Nach dessen Ermordung lässt sich Macbeth zum König krönen und errichtet eine Tyrannenherrschaft. Sowohl seine Frau, die Lady, als auch Macbeth selbst sind von großem Ehrgeiz und Machtstreben erfüllt, verlieren aber im Lauf der Ereignisse über ihre Verbrechen den Verstand und ihre Menschlichkeit. Lady Macbeth fungiert dabei von der fünften Szene an sowohl als Parallel- wie auch als Kontrastfigur zum Protagonisten. Als Vertraute und Verschworene verkörpert sie den dramaturgisch erforderlichen Gesprächspartner für den Helden, der mit den meisten anderen Handelnden nicht mehr offen reden kann. Dabei stellt sie als einflussreiche, skrupellose Verführerin eine wichtige Antriebsfigur für den Protagonisten dar, indem sie dessen Potential zum Bösen aktiviert. Während Macbeth anfangs in der Planung des Königsmordes eher zaghaft und schwach wirkt, erscheint Lady Macbeth hier als dominierende, überlegene und härtere oder „männlichere“ Gestalt; einem scheinbar weibischen Mann steht eine scheinbar mannhafte Frau gegenüber.

Mit dieser Umkehr des nach den zeitgenössischen elisabethanischen Vorstellungen normalen, natürlichen Verhältnisses der Geschlechter wird damit ein zentraler Wesenszug des Bösen zum Ausdruck gebracht: Perversion und Unnatur. Die Furchtlosigkeit sowie die Entschlossenheit und Tatkraft von Lady Macbeth stellen jedoch Zerrbilder der tatsächlichen männlichen Tugenden dar; wie die Hexen ist sie eine Art Zwitterwesen, nicht mehr Frau, aber auch kein Mann, und damit zur Unfruchtbarkeit verdammt. Mit der von Lady Macbeth verkörperten Perversion als Wesenszug des Bösen wird zugleich die inhärente Unfruchtbarkeit des Verbrechens bereits zu Beginn angedeutet. Ihre kurzsichtige Denkweise illustriert zudem die grundsätzliche Kurzsichtigkeit und Unvernunft des Bösen.Vgl. Ulrich Suerbaum: Shakespeares Dramen. UTB, Stuttgart 2001, ISBN 3-8252-1907-0, S. 129–134. Siehe auch Horst Breuer: Macbeth. In: Interpretationen – Shakespeares Dramen. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-017513-5, S. 344 f., und Sabine Schülting: Macbeth. In: Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. 5., durchgesehene und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 558 f.

Im zweiten Teil des Dramas ist Lady Macbeth nicht länger ein Faktor der äußeren Handlung, spielt nach ihrem plötzlichen, unvermittelten Zusammenbruch jedoch für die Sühnethematik des Dramas eine wichtige Rolle, indem Shakespeare sie in das Zentrum des Motivkreises der inneren Hölle und Vereinsamung des Verbrechers stellt. Nachdem sie zerbrochen und dem Wahnsinn verfallen ist, gewinnt Macbeth als eigentlicher Protagonist an Dominanz und erweist sich auch in seinen Untaten und Verbrechen als die überragende Gestalt, indem er den einmal eingeschlagenen Weg des Bösen mit seinem Handeln konsequent weiter beschreitet, wobei er durchaus unterschiedliche psychische Stadien wie Furcht, Gefühl der Bedrohung, erneute Entschlossenheit, Panik, trügerische Sicherheit oder Abstumpfung und Nihilismus durchläuft.Vgl. Ulrich Suerbaum: Shakespeares Dramen. UTB, Stuttgart 2001, ISBN 3-8252-1907-0, S. 129–134, vor allem S. 134.

König Duncan und seine Söhne Duncan ist zu Beginn des Stücks rechtmäßiger König von Schottland, seine Söhne sind der ältere Malcolm und der jüngere Donalbain. Nach der Niederschlagung der Rebellion ernennt Duncan Malcolm zu seinem Nachfolger. Später wird Duncan von Macbeth und dessen Frau ermordet; Duncans Söhne werden der Tat beschuldigt und fliehen außer Landes. Malcolm kehrt später zurück und wird nach Macbeths Tod neuer König.

Die Thanes Die Thanes (Fürsten) nehmen im Stück unterschiedliche Rollen ein.

Banquo ist anfangs königlicher Heerführer und Freund Macbeths. Ihm wird prophezeit, Stammvater von Königen zu werden. Nach Macbeths Machtergreifung wendet sich Banquo zunehmend von ihm ab. Um die Erfüllung der Prophezeiung zu verhindern, lässt Macbeth Banquo ermorden. Banquos Sohn Fleance gelingt jedoch die Flucht.

Macduff, der Thane of Fife, ist Macbeths stärkster Widersacher. Er missbilligt dessen Machtergreifung und bezweifelt seine Behauptung, Duncan sei von seinen eigenen Söhnen ermordet worden. Als er nach England flieht, um dort ein Bündnis gegen den Tyrannen zu schmieden, lässt Macbeth seine Familie ermorden.

Die Thanes Lennox, Rosse, Menteith, Angus und Caithness nehmen zunächst eine wohlwollende oder zumindest neutrale Haltung gegenüber dem neuen König ein. Erst als sich Macbeths Wahn immer mehr steigert und immer zahlreichere Opfer fordert, wechseln sie zur Gegenseite über. mini|David Garrick als Macbeth. Radierung von Charles White, 1775

Hecate und die drei Hexen Die drei Hexen, die in englischen Ausgaben auch als The Weird Sisters bzw. in deutschen Übersetzungen als die „unheimlichen Schwestern“ oder mitunter auch als die „Schicksalsschwestern“ bezeichnet werden, fassen zu Beginn den Plan, mit Macbeth zusammenzutreffen, und prophezeien ihm, dass er König von Schottland und Banquo Stammvater eines Königsgeschlechts sein werden. Nach seiner Machtergreifung sucht Macbeth die Hexen abermals auf, um sich sein weiteres Schicksal weissagen zu lassen, und wähnt sich durch die zweideutigen Prophezeiungen der Hexen in Sicherheit.

In der ersten Druckfassung der Folio-Ausgabe von 1623 bestärkt Hecate, Göttin der Hexerei, die Schwestern in ihrem Vorgehen und treibt sie zusätzlich an. Zusammen mit den Hexen verkörpert sie hier die übernatürlichen und widernatürlichen Seiten des Schicksals.

In der gegenwärtigen Shakespeare-Forschung und Textkritik ist es allerdings umstritten, inwieweit die Rolle Hecates und die ihr zugeschriebenen Textpassagen in der ersten Folio-Edition tatsächlich auf Shakespeare zurückgehen oder aber nachträgliche, nicht-autoritative Ergänzungen der ursprünglichen Werkfassung durch andere Autoren wie etwa Middleton darstellen.Vgl. dazu Michael Dobson, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Companion to Shakespeare. 2. Ausgabe. Oxford University Press, Oxford 2015, ISBN 978-0-19-870873-5. S. 288, Stanley Wells, Gary Taylor: William Shakespeare: A Textual Companion. Oxford University Press, Oxford 1987, ISBN 0-393-31667-X, S. 543. Jonathan Bate, Eric Rasmussen (Hrsg.): The Tragedy of Macbeth. In: William Shakespeare: Complete Works. The RSC Shakespeare. MacMillan, London 2007, ISBN 978-0-230-20095-1, S. 1862, oder detailliert William Shakespeare: Macbeth. The Oxford Shakespeare. Oxford Worlds Classics. Edited by Nicholas Brooke. OUP 1990, ISBN 978-0-19-953583-5, Introduction, S. 51–55 sowie 57 ff., 64 ff. Ebenso ausführlich Appendix 1, Part Two: The Folio Text and its Integrity. In: William Shakespeare: Macbeth. The Arden Shakespeare. Third Series. Edited by Sandra Clark and Pamela Mason. Bloomsbury Academic, 3. Auflage 2015, London et al., S. 321–336. Siehe auch Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer. 3., rev. Auflage. Reclam, Ditzingen 2006, ISBN 3-15-017663-8, 2015, ISBN 978-3-15-020395-8, S. 378, Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare Handbuch. 5., rev. Ausgabe. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 554 f., sowie William Shakespeare: Macbeth. The New Cambridge Shakespeare. Edited by A. R. Braunmuller. CUP überarbeitete Ausgabe 2008, Neuauflage 2010, ISBN 978-0-521-68098-1, Introduction, S. 271 ff. Zur Bedeutung der „Weird Sisters“ oder auch „Weyard Sisters“ vgl. in der von Nicholas Brooke herausgegebenen Textausgabe der Oxford Worlds Classics die Introduction, S. 2 ff., sowie William Shakespeare: Macbeth. The New Cambridge Shakespeare. Edited by A. R. Braunmuller. CUP überarbeitete Ausgabe 2008, Neuauflage 2010, ISBN 978-0-521-68098-1, Introduction, S. 29 ff. Im Deutschen wird neben der Übersetzung als „unheimliche Schwestern“ mitunter auch die Bezeichnung als „Schicksalsschwestern“ vor allem in älteren Texten verwendet, siehe beispielsweise Louis Lewes: Shakespeares Frauengestalten. Salzwasser-Verlag GmbH, Paderborn 2014, ISBN 978-3-8460-9822-6, S. 292 (Erstausgabe 1893).

Wie Lady Macbeth, die die Geister anruft, um ihr Geschlecht zu überwinden und die nährende Mutterliebe in rücksichtslose Gewalt zu verwandeln, symbolisieren die Hexen einerseits eine dämonisierte oder diabolische Weiblichkeit, die als Katalysator für den Königsmord sowie die weiteren Verbrechen und Untaten des Protagonisten fungiert, damit jedoch zugleich eine tödliche Bedrohung oder Gefahr für die patriarchale Ordnung oder Herrschaft darstellt.

Andererseits besetzen die Hexen, die nur in den Bühnenanweisungen so genannt werden und ansonsten als „Weird Sisters“ erscheinen, in dem Stück einen Raum, in dem existierende Ordnungen instabil werden. „Weird“ oder in der ursprünglichen Fassung „weyward“, bedeutet nicht nur unheimlich, übernatürlich oder schicksalhaft, sondern zugleich auch eigenwillig, verbohrt oder unberechenbar.

So besitzen die Hexen keine individuelle Gestalt oder Identität; selbst ihr Geschlecht ist unklar, da sie zwar weibliche Züge haben, aber zugleich Bärte tragen. Gleichermaßen werfen ihr plötzliches Erscheinen und Verschwinden oder Macbeths und Banquos Zweifel, ob sie nicht nur eine Illusion sind, Fragen nach ihrer eigentlichen Natur auf. Das Scheitern Macbeths liegt gerade darin begründet, dass er nicht erkennt, dass in ihrer uneindeutigen Sprache die nachvollziehbare zeitliche Ordnung von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem aufgelöst wird. Er nimmt ihre Prophezeiungen nur wörtlich. Die Hexen sind zwar mit der Welt des schottischen Königtums verknüpft, ohne dessen Herrschaftsstrukturen zu unterliegen; es bleibt aber unklar, inwieweit sie tatsächlich auf die Geschehnisse einwirken und diese bestimmen wollen oder können. Nach Akt IV, Szene 1, tauchen sie überhaupt nicht mehr auf und werden auch nicht durch Malcolm oder Macduff gebannt bzw. „exorziert“.Siehe dazu Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare Handbuch. 5., rev. Ausgabe. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 558 f. Vgl. ebenso William Shakespeare: Macbeth. The Oxford Shakespeare. Oxford Worlds Classics. Edited by Nicholas Brooke. OUP 1990, Introduction S. 2 ff. Siehe ebenfalls Stephan Orgel: Macbeth and the Antic Round (1999). In: Catherine M. S. Alexander und Terence Hawkes (Hrsg.): The Cambridge Library Volume II: Criticism. CUP 2003, S. 336–345, hier S. 339.

Handlung Akt I Im 1. Akt werden die zentralen Figuren sowie Setting und Thema vorgestellt (Exposition): Macbeth bekommt von den drei Hexen seinen Aufstieg zum König prophezeit.