Der Europarundflug 1934 war der vierte und letzte internationale Flugzeugwettbewerb der FAI (französisch: Challenge International de Tourisme), welcher zwischen dem 28. August und 16. September in Warschau stattfand. Die vier Europarundflüge zwischen 1929 und 1934 waren die wichtigsten Vorkriegsluftwettbewerbe in Europa. 1934 gewann die Gesamtwertung der polnische Pilot Jerzy Bajan.
mini|hochkant=1.2|Die Eröffnungsparade. Von links: polnische Mannschaft, drei Flugzeuge tschechoslowakische Mannschaft, deutsche Mannschaft. Die italienische Mannschaft ist noch nicht angekommen.
Überblick Polen und der Polnische Aero Club organisierten diesen Rundflug, weil beim letzten Wettbewerb im Jahre 1932 der Pole Franciszek Żwirko gewonnen hatte. Im Juni 1933 wurden die Wettbewerbsregeln für 1934 ausgeschrieben. Wie im Wettbewerb zuvor wurden drei Kategorien bewertet: die Technik, ein Luftrennen über Europa und eine Geschwindigkeitswertung. Die hauptsächliche Idee des Wettbewerbes war es, die Konstruktion von Reiseflugzeugen voranzutreiben, dennoch kam es nicht auf die Qualität des Flugzeuges alleine an, die Fähigkeiten der Piloten war mindestens ebenso wichtig.
Die Eröffnungszeremonie wurde am 28. August 1934 mittags auf dem Flughafen Mokotów in Warschau abgehalten. Das italienische Team versäumte die Eröffnung, weil die Teilnehmer auf dem Weg von Italien nach Warschau in schlechtes Wetter gerieten.
Die Anzahl der Teams und deren Flugzeuge schrumpfte gegenüber dem Wettbewerb von 1932 von 43 auf 34, da die Erfüllung der Anforderungen der Ausschreibung immer aufwändiger wurde. Die teilnehmenden Flugzeuge waren mit zwei Personen besetzt, Pilot und Mechaniker. Im Jahre 1934 waren nur Mannschaften aus vier Ländern vertreten: Polen (12), Deutschland (13), Italien (6) und Tschechoslowakei (3). Der britische Pilot Walter MacPherson nahm als Mitglied der polnischen Mannschaft teil. Die französische Mannschaft zog ihre Meldung zum Wettbewerb mit 8 Flugzeugen wieder zurück, weil deren Flugzeug Caudron C.500 nicht in der vorgeschriebenen Zeit fertiggestellt wurde und zu schwer war. Der Wettbewerb war für den Gewinner mit 100.000 Französischen Franc (FF) dotiert, der Zweite gewann 40.000 FF, der Drittplatzierte 20.000 FF, der Vierte noch 10.000 FF und die 15 darauffolgenden Piloten wurden mit 6.000 FF belohnt.
Flugzeuge mini|Fieseler Fi 97 des Piloten Wolf Hirth Der Wettbewerb war ein Vergleich zwischen Sport- und Reiseflugzeugen, so mussten die Flugzeuge mindestens zwei Personen an Bord nehmen können, eine kurze Start- und Landestrecke haben und einen Überlandflug mit einer guten Reisegeschwindigkeit absolvieren. Anlässlich dieses Wettbewerbes hatten die Hersteller der teilnehmenden Länder, mit Ausnahme von MacPhersons modifizierter De Havilland DH.80 Puss Moth, neue Flugzeuge entwickelt. Alle Flugzeuge waren aus Ganzmetall oder Gemischtbauweise, einmotorig mit 3 oder 4 Sitzen, einer geschlossenen Kabine, Landeklappen und Vorflügeln.
mini|Polnische PZL.26 von Ignacy Giedgowd in Wettbewerbsfarben Die meisten Flugzeuge waren freitragende Tiefdecker: Die deutschen Bf 108A (4), Fieseler Fi 97 (5) und Klemm Kl 36 (4), die polnischen PZL.26 (5) und die italienischen Pallavicino PS-1 (2) oder verspannte Tiefdecker: die tschechoslowakische Aero A.200 (2) und die italienische Breda Ba.39 (2) und Ba-42 (2). Eine Ausnahme machte das Hauptflugzeug der polnischen Mannschaft – der abgestrebte Hochdecker RWD-9 (7), von denen einer von einem tschechischen Piloten geflogen wurde, und die Puss Moth. Die einzigen Flugzeuge mit einziehbarem Hauptfahrwerk waren die Bf 108 und die PS-1.
mini|De Havilland DH.80A Puss Moth von 1931 Die deutschen Flugzeuge hatten die Startnummern 12–26, die Italiener 41–46, die Tschechoslowaken 51–54 und die Polen 61–81. Die Startnummern wurden am Rumpf innerhalb eines schwarz umrahmten, weißen Quadrats aufgebracht.
Technische Wettbewerbe Am 29. August begann die technische Bewertung der zu vergleichenden Flugzeuge. Da es ein Wettbewerb von Sport- und Reiseflugzeugen war, wurde besonderes Augenmerk auf eine bequeme und übersichtliche Kabine gelegt, in die man zudem noch gut einsteigen können musste. Wichtig waren das Vorhandensein eines dritten oder vierten Sitzplatzes und die bequeme Anordnung der Sitze, eine gute Instrumentierung und Bedienung, leichtes Starten des Triebwerkes, einfaches Verfahren zum Anlegen der Tragflächen und Bauweise aus Ganzmetall oder Stahlrumpf mit Verkleidung. Alle diese Ausstattungsmerkmale wurden mit Punkten bewertet. Um die Sichtverhältnisse aus der geschlossenen Kabine zu beurteilen, wurde in einer abgedunkelten Halle in die Mitte der Kabine eine Leuchte platziert und danach die Erhellung der Halle beurteilt. Das zulässige Leergewicht betrug 560,56 kg und wurde von allen deutschen, zwei italienischen Flugzeugen und der Puss Moth überschritten und musste durch Ausbauen von Ausrüstung erreicht werden.
Die technische Bewertung dauerte bis zum 4. September und die meisten Punkte errangen die Bf 108 (450–452 Punkte), danach die Pallavicino PS-1 (438), Fi 97 (428–431), Aero A.200 (429) und RWD-9 (427). Die hinteren Ränge belegten die Klemm Kl 36 – (394–407), PZL.26 – (383), Puss Moth (373) und die Bredas (323–346).
Vom 3. bis 4. September wurde der Kurzstartwettbewerb ausgetragen. Hier mussten die Mannschaften über eine 8 Meter hohe Barriere fliegen, nachdem sie von einer möglichst kurzen Distanz davor gestartet waren. Der Gewinner war der Tscheche Vojtěch Žaček, der mit seiner Aero A.200 bereits nach 74,5 m das Hindernis überflog. Danach folgten Jerzy Bajan (RWD-9) und Ján Ambruš mit der zweiten A.200. Die polnischen RWD-9 und PZL.26 und die deutschen Fi 97 waren ebenfalls gut im Wettbewerb während die Italiener und die übrigen deutschen Mannschaften sehr schlecht abschnitten. Sie benötigten teilweise über 100 m. Im Europarundflug 1932 lag die Bestmarke noch bei 91,6 m.
Wettbewerb Kurzstart Pilot Nation Flugzeug Entfernung Punkte 1. Vojtěch Žaček Aero A.200 74,5 m 141 2. Jerzy Bajan RWD-9S 76,1 m 140 3. Ján Ambruš Aero A.200 77,6 m 138 4. Szczepan Grzeszczyk PZL.26 78,2 m 5. Gerhard Hubrich Fieseler Fi 97 78,3 m
Nach der technischen Beurteilung und des Kurzstartwettbewerbes am 4. September lagen die deutschen Bf 108 in Führung: Theo Osterkamp (597 Punkte), Werner Junck (596) und Otto Brindlinger (594), danach Vojtěch Žaček (A.200, 594), Jerzy Bajan (RWD-9, 591) und Ján Ambruš (A.200, 591), dahinter dann die Fi 97 und RWD-9.
Danach folgte am 4. und 5. September der Kurzlandewettbewerb. Ziel war es, hinter einer 8 Meter hohen Barriere möglichst kurz zum Stehen zu kommen. Das beste Ergebnis mit 75 m (210 Punkte) erreichte Hans Seidemann (Fi 97). In den ersten zehn Rängen standen mehrere Fieseler, dann die polnischen RWD-9 und PZL.26 und MacPhersons Puss Moth. Die tschechische A.200 wies die schlechtesten Ergebnisse auf, sie benötigte über 117 m. Gemeinsam mit den Bf 108 und den Breda belegten die Tschechen die hintersten Plätze. 1932 lag der beste Wert bei 92,4 m.
Wettbewerb Kurzlandung Pilot Nation Flugzeug Entfernung Punkte 1. Hans Seidemann Fieseler Fi 97 75 m 210 2. Tadeusz Karpiński PZL.26 78,2 m 138 3. Gerhard Hubrich Fieseler Fi 97 79 m 206 4. Andrzej Włodarkiewicz PZL.26 79,7 m 205 5. Jerzy Bajan RWD-9S 79,8 m 6. Walter MacPherson / DH-80A 80,8 m 203
Der Kraftstoffverbrauchswettbewerb auf einem 594 km langen Rundflug wurde am 5. September ausgetragen. Hier gewannen drei Bf 108, was 86–95 Punkte einbrachte, danach fünf Polen mit 73–79 Punkten. Die Italiener erreichten ebenfalls gute Ergebnisse, während die deutschen Fi 97 and Kl 36 und die Tschechen schlecht abschnitten.
Wettbewerb minimaler Kraftstoffverbrauch Pilot Nation Flugzeug kg/100 km Punkte 1. Karl Francke Bf 108A 10,5 95 2. Werner Junck 11,07 90 3. Theo Osterkamp 11,48 86 4. Jerzy Bajan RWD-9S 12,11 79 5. Szczepan Grzeszczyk PZL.26 12,26 78
Nachdem am 5. September alle Prüfungen abgeschlossen waren, lauteten die Gesamtführenden: Jerzy Bajan (RWD-9S, 875 Punkte), Tadeusz Karpiński (RWD-9S, 856), Hans Seidemann (Fi 97, 850), Gerhard Hubrich (Fi 97, 848), Stanisław Płonczyński (RWD-9, 844), danach Karl Francke (Bf 108A), Jan Buczyński (RWD-9), Wolf Hirth (Fi 97), Szczepan Grzeszczyk (PZL.26).
Ein Wettbewerb im Langsamflug startete am 31. August, konnte aber erst am 2. September wegen ungünstigen Wetters fortgesetzt werden. Einige Mannschaften beendeten den Wettbewerb erst am 6. September. Der Pole Jerzy Bajan flog mit seiner RWD-9 am langsamsten. Nur 54,14 km/h erreichte er als Mindestfahrt. Die übrigen Polen blieben ebenfalls unter 60 km/h, gefolgt von den Tschechen und den deutschen Kl 36 and Fi 97, die italienische Breda mit über 75 km/h wurde nicht gewertet, weil sich deren Vorflügelkonstruktion als praxisuntauglich erwies.
Wettbewerb Langsamflug Pilot Nation Flugzeug Mindestfahrt Punkte 1. Jerzy Bajan RWD-9S 54,14 km/h 83 2. Jan Anderle RWD-9W 55,24 km/h 79 3. Ján Ambruš Aero A.200 55,88 km/h 76 4. Stanisław Płonczyński RWD-9S 56,72 km/h 73 5. Wolfgang Stein Klemm Kl 36 57,67 km/h 69 6. Fritz Morzik 57,78 km/h 68
mini|Bajans RWD-9 beim Anklappen der Tragflächen Am 1. September fand der Wettbewerb statt, in dem die Praktikabilität des Tragflächenanklappens bewertet wurde. Das Anklappen der Tragflächen spart Platz im Hangar und war Bestandteil der Ausschreibungsanforderungen. Bewertet wurden der Platzbedarf des Flugzeuges und die Mechanik sowie das praktische Vorgehen. Am 6. September standen die Sieger fest: Die ersten sieben Plätze wurden von den RWD-9 mit 36 Punkten gehalten, gefolgt von vier Italienern.
Ein deutsches (Bf 108) und ein italienisches (PS-1) Flugzeug wurden bei den technischen Wettbewerben beschädigt und mussten aufgeben. Nach den technischen Wettbewerben waren die vorderen Platzierungen von den RWD-9 und Fi 97 belegt während die Bf 108, Kl 36 and PZL.26 eher durchschnittlich waren. Die italienischen Flugzeuge konnten nicht überzeugen und belegten nur hintere Ränge mit 559–801 Punkten.
Endergebnis des technischen Wettbewerbes Pilot Nation Flugzeug Punkte 1. Jerzy Bajan RWD-9S 994 2. Tadeusz Karpiński 954 3. Stanisław Płonczyński 953 4. Hans Seidemann Fieseler Fi 97 939 5. Gerhard Hubrich 936 6. Jan Buczyński RWD-9S 920 7. Stefan Florjanowicz RWD-9W 919 8. Wolf Hirth Fieseler Fi 97 915 8. Ján Ambruš Aero A.200 8. Jan Anderle RWD-9W
Luftrennen über Europa Der zweite Hauptteil des Wettbewerbes war ein 9537,4 km langes Luftrennen über Europa und Nordafrika auf einer vorgegebenen Strecke: Warschau – Königsberg – Berlin – Köln – Brüssel – Paris – Bordeaux – Pau – Madrid – Sevilla – Casablanca – Meknès – Sidi Bel Abbes – Algier – Biskra – Tunis – Palermo – Neapel – Rom – Rimini – Zagreb – Wien – Brünn – Prag – Kattowitz – Lemberg – Vilnius – Warschau. Insgesamt waren acht Kontrollpunkte aufgestellt, unter anderem in Tanger, Messina und Castelfranco Veneto. Die Flugstrecke war länger und schwieriger als in den vorangegangenen Europarundflügen. Bewertet wurden die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit und die Einhaltung der Flugstrecke. Wer länger als drei Nächte nach der erwarteten Ankunft an den Kontrollpunkten eintraf oder weniger als 130 km/h Reisegeschwindigkeit flog, wurde disqualifiziert.
Das Rennen startete am 7. September zwischen 5:00 und 5:30 Uhr. Die Bf 108A konnten einen deutlichen Vorsprung herausfliegen und überflogen als erste Berlin. Die 24 schnellsten Flugzeuge erreichten an diesem Tag nach 1752,4 km bereits Paris (10 Polen, 8 Deutsche, 3 Tschechen und 3 Italiener). Der Deutsche Wolfgang Stein (Kl 36) und der italienische Mannschaftskapitän Ambrogio Colombo (Ba-42) mussten wegen Motorschäden aufgeben, einige andere Mannschaften hatten ebenfalls technische Probleme, konnten diese aber beheben.