mini|Spitzkegelige Kahlköpfe in der Natur mini|Frisch geerntete Spitzkegelige Kahlköpfe mini|Getrocknete Spitzkegelige Kahlköpfe

Psilocybinhaltige Pilze, auch Magic Mushrooms, Zauberpilze, halluzinogene Pilze, Psilos, Shrooms oder Narrische Schwammerl (in Österreich sowie Teilen Bayerns), sind eine Gruppe psychoaktiver Pilze. Zu dieser Gruppe gehörende Pilze enthalten Psilocybin, welches vom Körper in die psychedelisch wirkende Substanz Psilocin verstoffwechselt wird.

Der Konsum psilocybinhaltiger Pilze war schon vor tausenden Jahren zentraler Bestandteil verschiedener Kulturen. In den 1960er und 1970er Jahren wurden sie gemeinsam mit anderen Psychedelika fast weltweit verboten (meist indirekt über das Verbot von Psilocybin oder Psilocin). Seit einigen Jahren gewinnt Psilocybin allerdings an Relevanz als Medikament für die Psychotherapie zur Behandlung von verschiedenen psychischen Störungen (siehe Psychotherapie mit Psychedelika). Hierfür (teil-)legalisiert wurde es deshalb in den letzten Jahren unter anderem in der Schweiz, Tschechien und Australien.

Psilocybinhaltige Pilze sind weltweit verbreitet; die meisten finden sich in der Gattung der Kahlköpfe. Insgesamt sind über 180 Arten bekannt.G. Guzmán, J. W. Allen, J. Gartz: A Worldwide Geographical Distribution of the Neurotropic Fungi, An Analysis and Discussion. In: Annali dei Museo civico di Roverto. Italien, 2000, Bd. 14. Besonders verbreitet in Mitteleuropa ist der Spitzkegelige Kahlkopf (Psilocybe semilanceata), der häufig auf natürlich gedüngten Weiden anzutreffen ist. Zum Kauf (legal oder illegal) werden oft Kubanische Kahlköpfe (Psilocybe cubensis) angeboten.

Geschichte Es wird angenommen, dass psilocybinhaltige und andere psychoaktive Pilze in vielen Kulturen bekannt waren und vor allem für religiöse Zwecke genutzt wurden. Erste Funde, die auf einen Gebrauch schließen lassen, datieren auf 1000 bis 500 v. Chr., weitere Belege für einen Gebrauch finden sich in den folgenden Jahrhunderten aus unterschiedlichen Kulturen, vereinzelt bis in die Gegenwart. Der traditionelle religiöse Gebrauch wird im Artikel Psychoaktive Pilze, Abschnitt Anwendung als Entheogene genauer dargestellt.

Mittel- und Südamerika mini|Pilzsteine, etwa 30 cm

Am bekanntesten ist die schamanische Nutzung psychoaktiver Pilze in Lateinamerika. Dort finden sich sogenannte Pilzsteine, die auf 1000–500 v. Chr. datiert werden. Das erste schriftliche Zeugnis einer Nutzung halluzinogener Pilze in westlichen Aufzeichnungen stellt das Buch Historia general de las cosas de Nueva España von Bernardino de Sahagún aus dem 16. Jahrhundert dar. Darin wird an mehreren Stellen der Gebrauch und die Wirkung des von den Azteken so bezeichneten „Teonanacatl“„Es gibt in diesem Lande kleine Pilze, die Teonanacatl genannt werden, […] wer solche isst, erlebt Visionen“; zitiert nach: A. Cerletti: Teonanacatl und Psilocybin. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, Nr. 52, vom 25. Dezember 1959, S. 2317. (meist übersetzt als Fleisch Gottes/der Götter, heilige oder göttliche Pilze) dargestellt. So beschreibt er etwa eine Feier von Geschäftsleuten:

In späteren Aufzeichnungen der Kolonialisten über die indigenen Völker wird der Gebrauch von Pilzen seltener erwähnt. In den Augen der christlichen Missionare waren die Rituale heidnisch und daher zu bekämpfen. Insbesondere die Annahme der Indios, dass durch bestimmte Pflanzen oder hier Pilze Gott direkt zu ihnen spreche, stand im Gegensatz zur christlichen Heilslehre, in der die Kirche das Wort Gottes verkündet. Für die christlichen Missionare sprach der Teufel aus den Pilzen. Aufgrund dessen wurden die Rituale immer mehr zu Geheimkulten, weshalb sie wohl auch erst zu Mitte des 20. Jahrhunderts im Westen wiederentdeckt wurden. Die in Mittelamerika vorkommenden Arten werden zum Teil noch immer in schamanistischen Ritualen verwendet. Sie dienen oder dienten der Kontaktaufnahme mit Ahnen oder Göttern, wurden in Heilritualen eingesetzt, und auch zu rituell-feierlichen Anlässen genutzt.Vergleiche beispielsweise Albert Hofmann: Die psychotropen Wirkstoffe der mexikanischen Zauberpilze. Basel 1960; Wasson: Seeking the magic mushroom. In: Life magazine vom 10. Juni 1957.

Entdeckung und Erforschung im Westen Die Existenz psychoaktiver Pilze, wie sie in frühen Zeugnissen aus Mittelamerika beschrieben wurden, wurde von vielen für unwahrscheinlich oder einen Mythos gehalten. 1915 kam beispielsweise der Ethnobotaniker W. Safford nach einigen Studien zum Schluss, dass die Aufzeichnungen früher Kolonialisten ein Irrtum seien. Er nahm an, dass der getrocknete Peyote-Kaktus versehentlich für einen Pilz gehalten worden war. Dagegen äußerte der aus Österreich stammende mexikanische Arzt Blas Pablo Reko ab den 1920er Jahren immer wieder die Behauptung, dass die Pilze tatsächlich existieren würden, identifizierte diese jedoch als Fliegenpilze. Letztlich gelang es erst R. Gordon Wasson und seiner Frau Dr. Valentina Pavlovna Wasson mit Hilfe der Schamanin Maria Sabina die Existenz der Pilze zur Mitte des Jahrhunderts zu beweisen. Nach dem Zusammentragen von Hinweisen aus der Literatur kamen sie zu dem Schluss, diese in Mexiko zu suchen. 1953 konnte Wasson ein Pilz-Ritual beobachten, das Elemente christlicher und traditioneller Religion enthielt. 1955 konnte er gemeinsam mit Allen Richardson selbst aktiv an einer Zeremonie teilnehmen und sich so von der Wirkung überzeugen.Wasson’s First Voyage. The Rediscovery of Entheogenic Mushrooms. In: John Allen: Mushroom Pioneers. 2002.

1956 unternahm er mit dem französischen Mykologen Roger Heim eine weitere Expedition und Teilnahme an einem Ritual. In Folge wurden von Heim entsprechende Pilze gesammelt, kultiviert und bestimmt. Zwischen 1953 und 1962 unternahm Wasson insgesamt zehn Feldstudien, unter anderem mit Personen wie Gastón Guzmán oder Albert Hofmann. Diesem gelang es schließlich 1958, den Hauptwirkstoff Psilocybin sowie das Psilocin zu isolieren. In den letzten 20 Jahren publizierte J. Gartz die meisten Arbeiten zur Chemie der Pilze in führenden botanischen Zeitschriften. Weitere Publizisten zur Mykologie und Ethnobotanik sind P. Stamets, J. Ott sowie G. Samorini mit einer großen Anzahl Artikeln und mehreren Büchern.

Pilzkultur im Westen mini|Im Haus aufgezogene Psilocybe cubensis mini|Getrocknete Psilocybe cubensis Breite Bekanntheit erlangten psychoaktive Pilze im Mai 1957 durch einen von Gordon Wasson verfassten Life-Artikel sowie einen von Valentina Wasson verfassten Bericht im Magazin This Week, in dem sie ihre Erkenntnisse darlegten. EMCDDA, Lissabon Juni 2006. S. 6. (englisch) Ähnlich wie LSD wurden die Pilze innerhalb von alternativen Gesellschaftsgruppen konsumiert, wie auch teilweise in Künstler- und Intellektuellenkreisen (siehe auch psychedelische Kunst). Sie erlangten jedoch nie die Bedeutung von LSD.

Ab den 1990er Jahren verstärkte sich das Interesse an psychoaktiven Pilzen wieder. Dies wurde zurückgeführt auf den entstandenen kommerziellen Vertrieb in Smartshops und ebenso in Verbindung gebracht mit einem zunehmenden Trend „Zurück zur Natur“ sowie vollkommen veränderten Vertriebs- und Informationsmöglichkeiten durch das Internet. Die Smartshops agierten in unklaren gesetzlichen Bereichen bzw. vom Gesetzgeber offengelassenen oder geduldeten Lücken. In Smartshops wurden nicht nur fertige Pilze verkauft, sondern auch Material zum Eigenanbau. Es wurde auf die seit den 1960er Jahren entwickelten Techniken zur Kultivierung von Pilzen unter einfachen Bedingungen zurückgegriffen, die wesentlich durch Experimente mit psychoaktiven Pilzen vorangetrieben wurden. So waren Pilze nicht nur in vielen Gegenden sammelbar, sondern ebenso legal oder illegal käuflich erhältlich, genauso wie die Materialien und das Wissen über ihre Aufzucht. Während der Verkauf in den Niederlanden de facto legalisiert wurde, begann ab den 2000er Jahren ein Trend zu einer Verschärfung der gesetzlichen Lage in einigen Ländern Europas, was schließlich auch wieder zu einer Verschärfung der niederländischen Gesetze führte. EMCDDA, Lissabon Juni 2006. S. 4. (englisch) Es finden sich trotzdem weiterhin im EU-Raum legale oder halblegale Angebote, was den Pilzen eine Sonderstellung ähnlich dem Cannabis einräumt, wenn auch meist restriktiver. Ähnlich dem Cannabis gibt es im Internet auch Interessengruppen, meistens in Form von Informationsforen, worauf auch die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht zum Informationsgewinn zurückgreift.

Der Konsum von Pilzen blieb immer ein gesellschaftliches Randphänomen, wie auch die Einnahmen bei den meisten Konsumenten auf einige Versuche beschränkt bleibt. Die größte Benutzergruppe stellen drogenerfahrene Personen dar. Auch für spirituelle und selbstfindende oder bewusstseinserweiternde Zwecke werden psilocybinhaltige Pilze konsumiert.

Arten und Verbreitung mini|Angenommene Verbreitung Psilocybe cubensis. Anmerkung: Eine Verbreitung des Pilzes ist auch für Südafrika nachgewiesen. mini|Angenommene Verbreitung Psilocybe cyanescens

Insgesamt sind weltweit 186 Arten bekannt, davon 116 in der Gattung Psilocybe (Kahlköpfe). Weitere Arten finden sich in den Gattungen Gymnopilus (Flämmlinge) (14), Panaeolus (Düngerlinge) (13), Copelandia (12), Hypholoma, Inocybe (Risspilze), Pluteus (jeweils 6), Conocybe (Samthäubchen), Paneolina (jeweils 4), Gerronema (2), Agrocybe (Ackerlinge), Galerina (Häublinge) und Mycena (Helmlinge) (jeweils 1).G. Guzmán, J. W. Allen, J. Gartz: World Wide Distribution of Magic Mushrooms. In: Annali del Museo civico di Rovereto Bd. 14, 1998, S. 198–280 (PDF; 1,9 MB).

Im Spätsommer und Herbst wächst in Deutschland und den Nachbarländern oftmals der Spitzkegelige Kahlkopf auf natürlich gedüngten Weiden. Jedoch breitete sich Psilocybe cyanescens auf Holzresten in den letzten 15 Jahren stark aus und ist lokal in Massen zu finden, wie z. B. in Mitteldeutschland. Ihre starke Blauverfärbung bei Druck und im Alter ist für den Pilz charakteristisch und sonst in Europa nur noch bei den Röhrlingen zu finden, die jedoch nicht psychoaktiv sind. Auch im Grünlichgrauen Dachpilz (Pluteus salicinus) wurden die psychoaktiven Substanzen Psilocybin und Psilocin nachgewiesen.A. Gminder, T. Böhning: Kosmos Naturführer: Pilze. Franckh-Kosmos-Verlag, ISBN 3-440-10797-3. Psilocybe-Pilze können verhältnismäßig leicht mit anderen Arten verwechselt werden, von denen einige tödliche Vergiftungen auslösen können (z. B. Galerina marginata, Galerina autumnalis oder Galerina venenata).

Gehalte psychoaktiver Stoffe Der Gehalt an Psilocybin und Psilocin in Pilzen variiert signifikant zwischen unterschiedlichen Spezies und auch innerhalb dieser, über unterschiedliche Variationen bis hin von Pilz zu Pilz. Auch ist der Wirkstoffgehalt innerhalb der Pilze unterschiedlich verteilt. Bei der Spezies Psilocybe samuiensis wurde beispielsweise die höchste Konzentration in der Kappe nachgewiesen.J. Gartz, J. W. Allen, M. D. Merlin: Ethnomycology, biochemistry, and cultivation of Psilocybe samuiensis Guzmán, Bandala and Allen, a new psychoactive fungus from Koh Samui, Thailand. In: Journal of ethnopharmacology. Bd. 43, Nummer 2, Juli 1994, S. 73–80, . PMID 7967658. Der Gehalt an Psilocybin und Psilocin liegt in getrockneten Pilzen oftmals zwischen 0,1 % und 2 % des Gewichts bzw. zwischen 0,01 % und 0,2 % in frischen Pilzen, er kann diese Werte aber auch deutlich übersteigen.