mini|Pierre de la Rue Pierre de la Rue (* zwischen 1460 und 1470 sehr wahrscheinlich in Tournai; † 20. November 1518 in Kortrijk (französisch Courtrai)) war ein franko-flämischer Komponist, Sänger und Kleriker der Renaissance.Marc Honegger, Günther Massenkeil (Hrsg.): Das große Lexikon der Musik. Band 5: Köth – Mystischer Akkord. Herder, Freiburg im Breisgau u. a. 1981, ISBN 3-451-18055-3.
Leben und Wirken Der Name dieses Komponisten ist in zahlreichen Varianten überliefert (Pierchon, Petrus de Vico, Petrus de robore, Petrus Platensis, à Platea und andere, auch als Peter vander Straten, Identität weniger wahrscheinlich). Seine Eltern waren Gertrud de la Haye, die ihren Sohn überlebte, und Jehan de la Rue, der wohl im Jahr 1463 in Tournai eine Meisterwerkstatt als enlumineur (Buchmaler) eröffnete. Die Identität des Komponisten mit einem um 1452 geborenen Peter vander Straten wurde längere Zeit diskutiert; dieser sprach flämisch als Muttersprache und war zwischen 1469 und 1492 als Sänger in Brüssel, Gent, an der Marienkirche in Nieuwpoort und aus Köln kommend in der Marienbruderschaft in ’s-Hertogenbosch aktiv und erscheint in den Dokumenten immer als „Peteren vander Straten“. Er wurde als Tenorist bezeichnet und es sind keine Kompositionen unter diesem Namen überliefert. De la Rue sprach dagegen sehr wahrscheinlich französisch, seine Stimmlage ist nicht bekannt, und die fortschrittlichen Züge seiner Messkompositionen mit ihrer Neigung zur Fünf- bis Sechsstimmigkeit und der Anwendung der Parodietechnik sprechen stark für ein Geburtsjahr 10 bis 15 Jahre später als 1452. Damit wird Peter vander Straten von Musikhistorikern heute kaum noch für identisch mit Pierre de la Rue gehalten.
Pierre bekam seine Ausbildung vermutlich in der Maîtrise der Kathedrale Notre-Dame seines Heimatorts. Über seine Jugend und seine weitere Ausbildung ist nichts bekannt. Belegt ist, dass er in der Hierarchie der burgundischen Hofkapelle ganz unten anfing mit Besoldungsbelegen ab 17. November 1492. In dieser Institution blieb er bis zum Ende seiner Laufbahn. Insofern war er einer der ganz wenigen bedeutenden Komponisten seiner Epoche, die niemals in Italien gewesen sind. Kurz nach seinem Eintritt begleitete er seinen Dienstherrn Maximilian I. (Regierungszeit 1493/1508–1519) zusammen mit sieben Kapellkollegen nach ’s-Hertogenbosch und wurde dort formelles Mitglied der Marianischen Bruderschaft; hier wird er „Cantor Romanorum Regis“, also als Sänger des Königs bezeichnet. In dieser Hofkapelle führte de la Rue von da an das vergleichsweise sichere und ereignisarme Leben eines Hofbediensteten und stieg in der Hierarchie der Kapelle allmählich auf, wurde später Diakon, aber nie Priester, bekam dann auch seine erste, besonders ertragreiche Pfründe an einer Kollegiatkirche St. Ode (Ort nicht bekannt), die er bis zu seinem Tod behielt. Weitere Pfründen folgten bis zum Jahr 1509 in den Städten Namur, Kortrijk, Dendermonde und Gent. Er wurde merkwürdigerweise nie Kapellmeister, vielleicht gerade deswegen, weil er dort der mit Abstand bedeutendste Messenkomponist war.
Nachdem Maximilian im Jahr 1493 zum deutschen König gekrönt wurde, übernahm sein Sohn Erzherzog Philipp der Schöne von Kastilien (Regierungszeit 1478–1506) die sogenannte Grande Chapelle mit Pierre de la Rue. Die Kapelle diente als Instrument der Repräsentation, mit der Folge, dass der Komponist an vielen Staatsakten und zahlreichen Reisen des Hofes teilnahm. So gab es ab 4. November 1501 bis Mai 1502 eine Reise von Brüssel über Paris, Blois und Orléans nach Spanien, wo sich die Hofgesellschaft für viele Monate am Hof von Ferdinand II von Aragón (Regierungszeit 1479–1516) aufhielt. Dessen Frau Isabella I. von Kastilien war die Schwiegermutter von Philipp dem Schönen. Außer Pierre de la Rue gehörten der Kapelle die Komponisten Alexander Agricola, Marbriano de Orto, Antonius Divitis und Nicolas Champion an. In Frankreich und Spanien wirkte die Hofkapelle an vielen prunkvollen Messfeiern mit mehrstimmiger Musik mit, zum Teil im Wechsel mit der französischen Hofkapelle. Auf der Rückreise im Frühjahr 1502 traf de la Rue in Lyon vielleicht mit Josquin Desprez zusammen, und Philipp der Schöne traf seine Schwester Margarete von Österreich, Herzogin von Savoyen, mit deren Hofkapelle in Bourg-en-Bresse am 11. April 1503; deren bedeutendster Musiker war Antoine de Févin. Hier hatte Pierre de la Rue erstmals Kontakt mit seiner späteren Dienstherrin. Am 23. Juli 1503 erreichte Philipp mit der Hofkapelle wieder burgundisches Gebiet. Es folgten im September 1503 die denkwürdigen Zusammentreffen der Hofkapellen Philipps und Maximilians in Augsburg und Innsbruck, wo de la Rue vielleicht Jacob Obrecht auf dessen Durchreise nach Italien traf. Schließlich zog die Hofkapelle über Heidelberg und Köln wieder zurück nach Mecheln. Dass Pierre de la Rue bei seinem Dienstherrn in hohem Ansehen stand, ergibt sich daraus, dass ihm Philipp ein Kanonikat an der Liebfrauenkirche in Kortrijk verlieh.
Ab Ende 1505 reiste Philipp der Schöne mit seiner Hofkapelle zum zweiten Mal nach Spanien, um Erbansprüche seiner Gemahlin Johanna der Wahnsinnigen (1479–1555) auf Kastilien nach dem Tod von deren Mutter Isabella (26. November 1504) durchzusetzen. Der Hof hatte sich für eine Reise auf dem Wasserweg entschieden, wobei die Sänger und Instrumentalisten ein eigenes Schiff hatten. Am 13. Januar 1506 trieb ein Sturm einen Teil der Flotte, auch das Schiff der Musiker, bis nach Falmouth an der Küste Südwestenglands, wobei zwei Sänger vermisst blieben. Schließlich kam die Flotte am 27. April 1506 in A Coruña an. Diese Reise endete jedoch mit einer Katastrophe. Nachdem Philipp und sein Gefolge für den Sommer nach Valladolid und Burgos gezogen waren, erkrankte der Herzog an Fieber und starb in Burgos am 25. September 1506. Die Hofkapelle Philipps löste sich auf, einige der Mitglieder reisten zurück nach Burgund, andere, auch Pierre de la Rue, traten in die Hofkapelle der Witwe Johanna von Kastilien ein, die in der Entlohnung der Kapelle noch großzügiger war. Zu den Bediensteten dieses Hofs gehörte auch der bedeutendste spanische Komponist dieser Zeit, Juan de Anchieta (1462–1523), der wie de la Rue eine Messe „Nuncqua fiu pena maior“ geschrieben hat. Pierre rückte nach der Abreise des früheren Kapellmeisters Marbriano de Orto in dessen Stellung auf und erhielt ein doppelt so hohes Gehalt wie die übrigen Kapellmitglieder. Nachdem Johanna durch ihren Vater Ferdinand im August 1508 entmachtet worden war, löste sich auch die kastilische Hofkapelle auf, die burgundischen Mitglieder bekamen Reisespesen für ihre Heimreise ausbezahlt, und Pierre de la Rue verließ das Land am 19. August 1508.
Nach einer zügigen Rückkehr in seine Heimat kam de la Rue im April 1509 wieder in das Blickfeld von Margarete von Österreich, die zwischenzeitlich Statthalterin in Burgund und Vormund des späteren Kaisers Karl V. geworden war. Sie residierte in Mecheln und Brüssel und bat ihren Vater Maximilian um eine Pfründe für Pierre de la Rue an der Kirche Sainte-Faraïde in Gent, mit der Absicht, ihn wieder für die Hofkapelle zu gewinnen, offenbar mit Erfolg, weil de la Rue für den Monat Mai 1509 wieder in der Gehaltsliste der Sänger der Grande Chapelle erscheint. Der Komponist blieb in den folgenden Jahren am Hof der Statthalterin in Mecheln, deren Lieblingskomponist er wurde, und zu deren Ehren er zahlreiche Gelegenheitskompositionen schrieb. Margarete hatte Humanisten und Künstler um sich versammelt und hatte wegen ihrer vielen erlittenen Schicksalsschläge eine besondere höfische Trauerkultur entwickelt. Als der zuvor minderjährige Karl im Jahr 1515 für volljährig erklärt wurde, ging die Hofkapelle auf ihn über; belegt ist eine Reise mit der Kapelle in die Niederlande. Die letzte (vermutlich nachträgliche) Gehaltszahlung an Pierre de la Rue erfolgte am 21. Januar 1516; er war aber möglicherweise schon im Sommer 1515 aus dem Hofdienst ausgeschieden. Er zog sich im Juni 1516 nach Kortrijk zurück, kaufte dort ein Haus und wurde ein ortsansässiger Kanoniker. Sein Testament vom 16. Juni 1516 weist ihn als vermögenden Mann aus. Er starb am 20. November 1518 in Kortrijk und wurde hier auf dem Friedhof der Onze Liewe Vrouwkerk beigesetzt. Sein Grab und das Grabmal mit der lateinischen Inschrift sind nicht erhalten geblieben, jedoch ist diese Inschrift in mehreren Abschriften überliefert und feiert ihn als Meister der geistlichen Musik: „In tumulo Petrus de Vico conditor isto, nobile cui nomen musica sacra dedit“.
Bedeutung und Würdigung Die Überlieferung der Werke von Pierre de la Rue ist einzigartig in ihrer Zeit. Sie ist ein unverkennbares Zeichen für seinen Ruhm in der Epoche Josquins und natürlich eine Folge seines lebenslangen Dienstes an einem einzigen, kulturell und politisch herausgehobenen Hof. Unter den franko-flämischen Komponisten seiner Zeit muss er als Vertreter eines fundamental kontrapunktischen Stils gelten. Dies wird vor allem durch die 31 Messen bezeugt, die das Zentrum seines Schaffens darstellen. Die meisten seiner Werke, vor allem die Messen, sind vorrangig in Prunk-Handschriften überliefert, die von der Buchwerkstatt am habsburgisch-burgundischen Hof in Mecheln geschrieben und dort aufbewahrt wurden, auch als diplomatische Repräsentationsgeschenke an befreundete Höfe und an hohe Persönlichkeiten gingen, aber auch von Kirchen, begüterten bürgerlichen Musikfreunden und Büchersammlern direkt bei der Werkstatt gekauft wurden. In dieser einzigartigen Quellengruppe ist Pierre de la Rue mit fast 200 Einträgen der mit Abstand am stärksten vertretene Komponist, deutlich vor Josquin und erst recht vor den anderen dort tätigen Komponisten, wie Alexander Agricola, Antonius Divitis, Marbriano de Orto oder Gaspar van Weerbeke. In den deutschen protestantischen Kapellhandschriften (Verleger in Leipzig und Pirna) finden sich seine Messen erst spät, nach Abflauen der Gesamtüberlieferung in den 1530er Jahren, bei den Drucken von Johannes Petreius und Hieronymus Formschneider (beide 1539), mit de la Rues Motetten und besonders Kontrafakturen seiner Messen. In Italien war die Überlieferung seiner Werke insgesamt schwach und zeigten einen Schwerpunkt bei den weltlichen Werken.
Der musikalische Stil von Pierre de la Rue ist durch eine Reihe von ungewöhnlichen und gleichbleibenden Merkmalen besonders gut umrissen. Abgesehen von seiner persönlichen Entwicklung ist hier gerade bei den Messen der Stilunterschied zwischen den vierstimmigen und den fünfstimmigen Werken auffällig. Die vierstimmigen Messen sind grundsätzlich traditioneller, einfacher und stärker auf den „Normalstil“ um 1500 bezogen, während die fünfstimmigen hochkompliziert sind und „modern“ wirken. Bei letzteren herrscht die prinzipielle Satztechnik der Linearität und erzeugt aus der Leitidee der Varietät eine höchst vielgestaltige Struktur. Hier fehlt vollkommen die Klarheit, Systematik und Vorhersehbarkeit des Satzes von Josquin Desprez. Bei de la Rue herrscht außerdem in der Großstruktur eine ausgeprägte Neigung zum Kanon und ebenso eine Vorliebe für tiefe Klanglagen vor, in der Kleinstruktur eine straffe Linearität, eine „entwickelnde Variation“, ein Reichtum an Dissonanzen, eine vorantreibende Rhythmik und eine Abneigung gegen Kadenzen mit ihrer gliedernden Macht. Seine allgemeine Vorliebe für tiefe Klangregister ist vielleicht auch das Ergebnis seiner Studien der Werke von Johannes Ockeghem.