mini|Bisammantel (ca. nach 1990) Das Bisamfell oder der Bisam (früher auch Bisambiber, Zibetratte, Zibetbiber oder MoschusratteChristian Franke, Johanna Kroll: Jury Fränkel’s Rauchwaren-Handbuch 1988/89, 10. überarbeitete und ergänzte Neuauflage. Rifra-Verlag Murrhardt) ist das Fell der Bisamratte, das zu Pelzbekleidung verarbeitet wird. Durch die Zucht ist das ehemals in Nordamerika bis Mexiko beheimatete Tier heute über ganz Eurasien einschließlich Japan, teils auch in Südamerika (Feuerland, Chile) verbreitet.
In Nordamerika bezeichnet man den Bisam ebenfalls fälschlich als Ratte, musk-rat, im englischsprachigen Europa und, weil besser klingend als Bisam„ratte“, generell im Pelzhandel bevorzugt, als musquash (indianisch).John C. Sachs: Furs and the Fur Trade. 3. Auflage. Sir Isaac Pitman & Sons, London, ohne Datum (1950er Jahre?), S. 76–78, 137 (englisch).
Beschreibung mini|Stoffmantel mit geschorener, naturfarbener Bisamwamme (2020) Bisam haben eine Felllänge bis zu 30 bis 36 cm, der seitlich abgeplattete haararme, 20 bis 25 cm lange Schwanz wird vor dem Gerben entfernt, er dient dem Bisamfänger häufig als Beleg zum Erhalt einer staatlichen Fangprämie (Schwanzprämie).
Typisch für schwimmende Pelztiere sind die leicht gebogenen, abgeplatteten Grannen. Der Haarstrich ist von vorn nach hinten gerichtet, nur auf der Brust und der Innenseite der Schenkel befinden sich Wirbel. An der Wamme sind die Wollhaare dichter und liegen mehr an als auf dem Rücken.
Das Winterfell ist seidig weich und dicht bis sehr dicht. Das Sommerfell weicht wie bei allen im Wasser lebenden Nagern (Biber, Nutria) nur wenig vom Winterfell ab. Es ist im Ganzen etwas heller und matter und hat weniger Grannen. Die Färbung ist dunkelbraun bis schwarzbraun (kastanienbraun), vom Rücken zum Bauch hin heller werdend. Der Grotzen ist wesentlich dunkler. Die Unterseite ist schmutziggrau, braungrau bis fast weiß mit leicht rötlichem, rostbraunem oder braunrötlichem Ton. Doch passen sich die Tiere in ihrer Färbung – dunkler, sandig, hell – stark ihrer Umgebung (Flussbett, Morast) an, so dass man mitunter graubraune und rötlich-gelblich-hellbraune, auch schwarzbraune bis fast schwarze (Blackbisam) antrifft. Auch Farbmutationen treten in freier Wildbahn auf, vor allem Weißlinge und Schecken. Die Unterwolle ist seidig, sehr fein, sehr weich, dicht bis sehr dicht, bläulich, hellgrau bis dunkelgrau (schiefergrau) oder bräunlich, an der Unterseite ist sie besonders dicht.
Die Tasthaare befinden sich nur auf Gesicht und Handwurzeln. Die bis zu 43 mm langen Leithaare sind spärlich über das Fell verteilt; die Grannen sind zahlreich. Die Rückengrannen stehen sehr dicht, sind etwa 25 mm lang und 0,09 bis 0,14 mm breit; am Bauch stehen sie vereinzelter und sind hier wesentlich kürzer. Die dicht stehenden, stark gewellten Wollhaare sind etwa 20 mm lang. Der Durchmesser der Wollhaare beträgt 10 μm. Auf 1 cm2 entfallen am Rücken 14.000 und am Bauch 16.000 Haare;Heinrich Dathe, Paul Schöps: Pelztieratlas. VEB Gustav Fischer Verlag, Leipzig 1986, S. 122. ein Fell hat etwa 6 bis 8 Millionen Haare.
Die Lederseite von Tieren, die sich im Haarwechsel befinden, ist grünbraun bis rostbraun, ebenso wie von erwachsenen Tieren während der Sommermonate (Mauserhaut-Zeichnung). Felle im Winter bis zum zeitigen Frühjahr gefangener Bisam haben ein graues bis weißes Leder.
Der Haltbarkeitskoeffizient beträgt nach allgemeiner Erfahrung bei geschorenem oder grannigem Fell 50 bis 60 Prozent.Paul Schöps, H. Brauckhoff, K. Häse, Richard König, W. Straube-Daiber: Die Haltbarkeitskoeffizienten der Pelzfelle. In: Das Pelzgewerbe. Jahrgang XV, Neue Folge, 1964, Nr. 2, Hermelin Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin / Frankfurt am Main / Leipzig / Wien, S. 56–58.Die angegebenen vergleichenden Werte (Koeffizienten) sind das Ergebnis vergleichender Prüfung durch Kürschner und Rauchwarenhändler in Bezug auf den Grad der offenbaren Abnutzung. Die Zahlen sind nicht eindeutig, zu den subjektiven Beobachtungen der Haltbarkeit in der Praxis kommen in jedem Einzelfall Beeinflussungen durch Gerbung und Veredlung sowie zahlreiche weitere Faktoren hinzu. Eine genauere Angabe könnte nur auf wissenschaftlicher Grundlage ermittelt werden. Die Einteilung erfolgte in Stufen von jeweils 10 Prozent, nur die schwächsten Arten bekamen die Wertklasse von 5 bis 10 Prozent. Die nach praktischer Erfahrung haltbarsten Fellarten wurden auf 100 Prozent gesetzt. Eine andere Liste setzte die Haltbarkeit auf 51 bis 57 Prozent und ordnet sie an die 18. Stelle einer unvollständigen Haltbarkeitsskala ein, die traditionell mit dem als am haltbarsten angenommenen Fell des Seeotters beginnt, und hier mit dem Hasenfell auf der 41. Position endet. Eine amerikanische Studie ordnete das Bisamfell anhand von mikroskopischen Haaruntersuchungen bei 45 Prozent ein.Redaktion: Die Haltbarkeit des Pelzhaares. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 26, Leipzig, 28. Juni 1940, S. 12. Primärquelle: American Fur Breeder, USA (Anmerkung: Alle Vergleiche setzen das Seeotterfell auf 100 Prozent). → Haltbarkeitsvergleich.
Eingeteilt in die Feinheitsklassen seidig, fein, mittelfein, gröber und hart wurde das Bisamhaar als mittelfein eingestuft.Paul Schöps, Kurt Häse: Die Feinheit der Behaarung - Die Feinheits-Klassen. In: Das Pelzgewerbe. Jg. VI / Neue Folge, 1955 Nr. 2, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Leipzig / Berlin / Frankfurt am Main, S. 39–40.
Jagd, Fang und Zucht Nachdem durch teilweise übergroße Nachstellung der Bestand in ihrer nordamerikanischen Heimat beträchtlich zurückgegangen war, wurde begonnen, Bisamratten zu züchten oder anderweitig auszusetzen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde von John Duffield berichtet, der Eigentümer einer Bisamfarm an der Ostküste der USA in der wasserreichen Gegend von Cedarville im Staat New Jersey war. Er hoffte, die jährliche Produktion von 10.000 Fellen zu erreichen.Paul Larisch, Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk. I. Teil, Nr. 3–4, Kapitel 1, Die Züchtung der Pelztiere - Bisam-Farm. Verlag Larisch und Schmid, Paris 1902, S. 2. In einer Gegend, in der es einmal große Mengen der Tiere gab, 460 Luftkilometer nördlich von Winnipeg auf einer Insel im sumpfigen Delta des Saskatchewan, gründete der Kanadier Tomb Lamb 1932 mit großem Aufwand die sehr schnell größte Bisamrattenfarm der Welt. Es gelang ihm innerhalb von drei Jahren den natürlichen Restbestand von knapp 400 Tieren so zu erhöhen, dass er dabei bereits 24.000 Pelze im Jahr 1935 ernten konnte.Bruno Fritz: Der größte Bisamrattenzuchtbetrieb der Welt. In: Der deutsche Pelztierzüchter. 11. Jg. Heft 20, Berlin 15. Oktober 1936, S. 426–430.
mini|Bisamratten. Kaufen Sie Ihre Zuchttiere aus dem Heimatland der Bisamratte. Große dunkle fruchtbare Zuchttiere, in 7864 Fußhöhe über dem Meere gezüchtet. Die besten Tiere Amerikas. Preis $ 10,- pro Paar. Geschlecht garantiert. Sky-High Fur Farms, Inc., La Jara, Colorado, U. S. A. Anzeige in „Der Deutsche Pelztierzüchter“ (1930) Ursprünglich nur in Nordamerika verbreitet, hat sich der Bisam seit der ersten Aussetzung kanadischer Tiere in Böhmen im Jahr 1905 durch den Fürsten Colloredo-Mansfeld unaufhaltsam über ganz Europa verbreitet.
Es hieß damals, dass diese Pelzlieferanten „wertlose Sümpfe zu goldenen Quellen machen“.Fritz Schmidt: Erinnerungen an Puschkino, die I. Moskauer Zoofarm. In: Das Pelzgewerbe Nr. 2, 1966, Berlin u. a., S. 66. Wegen der durch die Wühlarbeit verursachten Schäden ist die Zucht der Bisamratte in den meisten europäischen Ländern jedoch inzwischen verboten. Zu ihrer Bekämpfung werden ausgebildete Bisamjäger eingesetzt, doch scheint eine Verminderung der Bestände nicht einzutreten, da die Tiere jährlich zwei bis vier Würfe mit drei bis sieben Jungtieren zur Welt bringen. In Deutschland wird die Bisamratte ganzjährig bekämpft. 2009 erhielt der von der Gemeinde eingesetzte Bisamfänger aus Delbrück bei Paderborn 5,50 € für jedes erlegte Tier.WDR 2: OWL auf Bisam-Jagd. Interview: Beate Depping, Bisamfänger: Josef Sandheinrich. 23. März 2009, Script der Sendung
Allerdings waren auch einige andere Länder dazu übergegangen, zur Pelzgewinnung Bisamratten in entlegenen Mooren und Sümpfen auszusetzen, wo sie sich ebenfalls ungeheuer vermehrt haben. So importierte 1929 die Sowjetunion 900 Bisamratten aus Kanada, die zunächst in der Zoofarm Puschkino bei Moskau gehalten und dann u. a. im Raum von Krasnojarsk, Archangelsk und Tjumensk (Westsibirien) angesiedelt wurden. Die Tiere vermehrten sich derart, dass bereits 1935 versuchsweise 3000 Felle angeboten wurden. 1940 waren es schon 542.000 und 1950 knapp 3 Millionen. Auch in Finnland wurden im Jahr 1920 2400 nordamerikanische Tiere ausgesetzt, mit einem Fellanfall um das Jahr 1987 von etwa 250.000 war die Bisamratte damit für beide Länder zu großer wirtschaftlicher Bedeutung gelangt. Von den in der Sowjetunion ausgesetzten Tieren sind viele nach China, der Mongolei und Korea ausgewandert. Inzwischen dürften von dort, je nach Bedarf, auch bereits beträchtliche Mengen auf den Markt kommen.
Um 1988 betrug der Anfall von Rohfellen in den USA etwa 4,5 Millionen nördliche und 3500 südliche Bisam, bei fallender Tendenz. Für Kanada wurden 1,5 Millionen genannt. Der Anfall aus westeuropäischen Ländern betrug 1,5 bis 2 Millionen. Aus der Sowjetunion kam 1956 das höchste Angebot auf den Weltmarkt mit 6,1 Millionen Fellen, 1970 waren es 1,7 Millionen. Der Rückgang wurde mit verstärktem Eigenbedarf, außerdem der Trockenlegung riesiger Sumpfgebiete, starker Industrialisierung u. a., erklärt. In späteren Jahren gab es kein Auktionsangebot.
Das Fell der Florida-Wasserratte, im Englischen als „rundschwänzige Bisamratte“ bezeichnet (round tailed muskrat), wurde nie für kommerzielle Pelzzwecke genutzt, obwohl das Tier Schäden in Floridas Zuckerrohrplantagen anrichtet und in ein Kontrollprogram für störende Tiere aufgenommen wurde. Das Fell gleicht sehr der braunen oder dunkelbraunen Bisamratte, das Haar ist jedoch erheblich kürzer und die Unterwolle erheblich dunkler.Martyn E. Obbard: Fur Grading and Pelt Identification. In: Wild Furbearer Management and Conservation in North America. Ministry of Natural Resources, Ontario, 1987, S. 732 (englisch), ISBN 0-7743-9365-3.
Handel Bisamfelle werden vergleichsweise noch nicht lange verarbeitet, jedoch waren zum Beispiel in British Columbia und Oregon die Felle bei den Einwohnern zur Anfertigung von Kleidung beliebt. Im ganzen 19. Jahrhundert kamen nur einige tausend Stück jährlich auf den europäischen Markt. 1750 importierte die Hudson’s Bay Company (HBC) über London 550 Stück nach Europa, 1800 waren es bereits 15.000 aus Kanada und 12.000 aus den USA. Als um 1830 die Mode mit Biberfilzhüten ihren Höhepunkt erreichte, wurden auch Bisamfelle mehr nachgefragt, die HBC führte in diesem Jahr 80.000 Felle über London ein, die USA lieferten 15.000. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Mode bereits von Biber- auf Seidenhüte gewechselt.Weltausstellung 1851, London. - Sect. III. Class 16. Leather, saddlery and harness, skins, fur, and hair. S. 530 (englisch). Abgerufen am 13. März 2022. Jetzt für Pelzzwecke, kamen um 1910 von der HBC jährlich etwa 500.000 bis 600.000 Bisamfelle, aus den USA 5 bis 6 Millionen. Um 1910 wurden allein über das Pelzzentrum Leipzig etwa 1 Million Felle nach Deutschland eingeführt. Die Nachfrage war inzwischen so groß, dass man sich Gedanken um den Erhalt der Bestände machte und in den einzelnen Staaten anfing, Schonzeiten einzuführen.Emil Brass: Aus dem Reiche der Pelze. Verlag neue Pelzwaren-Zeitung, Berlin 1911, S. 603–609.
Im Jahr 1974 betrug der Import in die Bundesrepublik Deutschland über 2,4 Millionen Bisamfelle.Jochen Sager: Was sind „Nierenstellen“ bei Bisamfellen. In: Rund um den Pelz. Rhenania-Verlag, Koblenz November 1975, S. 8.
Europa