miniatur|Kasia von Szadurska auf einer Fotografie von Julius Staudt, um 1913 Kasia von Szadurska (* 23. Februar 1886 in Moskau; † 3. April 1942 in Berlin) war eine deutsche Malerin, Grafikerin und Illustratorin. Rund 25 Jahre lebte und arbeitete sie am Bodensee (Konstanz und Meersburg). Ihre Werke sind zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit einzuordnen. In ihrer Frühzeit schuf von Szadurska zahlreiche expressive Grafiken, später wandte sie sich vermehrt dem Porträt zu, aber auch Landschaften und Stillleben gehören zu ihren Genres. Ihren künstlerischen Höhepunkt hatte von Szadurska unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und in den 1920er-Jahren mit Grafiken, Buchillustrationen und Gemälden, die sich mit der zweiten Welle des Expressionismus oder der Neuen Sachlichkeit auseinandersetzten.
Stationen des Lebens Kasia von Szadurska wurde am 23. Februar 1886 als Margarethe Casmirowna Schadursky in Moskau als uneheliches Kind eines polnischen Adligen und einer Deutschen geboren.Susanna Partsch: Szadurska-Ehinger, Kasia von. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 107: Stuntz-Tandy. De Gruyter, Berlin 2020, ISBN 978-3-11-023273-8, S. 326. Im Alter von vier Jahren wird sie von der Familie Sternberg aus Dresden adoptiert.
Wanderjahre in Deutschland miniatur|hochkant|Kasia von Szardurska mit ihrer Adoptivmutter (1890) miniatur|hochkant|Kasia von Szardurska (Selbstbildnis) Im Rahmen ihrer künstlerischen Ausbildung ging Kasia 1903 für eineinhalb Jahre nach Düsseldorf und erhielt an der dortigen Damenkunstschule Zeichenunterricht bei Willy Spatz (1861–1931), der auch an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrte. Im Mai 1905 zog die Familie nach Hamburg. Dort erhielt Kasia Unterricht von Carl Rotte (1862–1910). Hier wandte sie sich verstärkt dem Porträt zu, aber auch die Tiere in Hagenbecks Tierpark faszinierten die angehende Künstlerin. Am 23. September 1907 verließ sie Hamburg und meldete sich in der Theresienstraße 66 in München an. Auf der Schülerinnenliste der Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins ist für die Jahre 1907/1908 und 1908/1909 eine Margarethe von Szadurska-Sternberg belegt. Unterricht hatte sie u. a. beim Illustrator und Jugendstilmaler Robert Engels (1866–1926), der in dieser Zeit das Kopf- und Aktzeichnen lehrte. Auch damals interessierte sie sich für die Porträtmalerei. Dem Aufenthalt in München schlossen sich mehrjährige Aufenthalte in Dresden und Berlin an, während derer sie sich mit der Grafik und Plakatkunst auseinandersetzte.
München, Meersburg, Konstanz
Kurz nach ihrer Ankunft in München lernte die Künstlerin den angehenden Juristen und Schriftsteller Otto Ehinger aus Meersburg kennen, am 26. April 1910 heirateten sie heimlich im böhmischen Niedergrund. Ehinger, Sohn eines Brauereibesitzers in Meersburg, hatte von 1902 bis 1908 Jura in Freiburg und München studiert. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Publizist und Reisejournalist. Um der Wehrpflicht zu entgehen, kehrte er 1914 alleine in die elterliche Brauerei in Meersburg zurück. Während er bereits am Bodensee weilte, war Kasia von Szadurska vermutlich nach Dresden gereist. Ihr Künstlerkollege Conrad Felixmüller fertigte dort 1915 eine Kohlezeichnung von ihr an.
Während des Ersten Weltkriegs zog Kasia von Szadurska an den See nach Konstanz, in die Nähe ihres Ehemanns, der weiterhin in Meersburg wohnte. Die Konstanzer Zeitung berichtete im Dezember 1915 über Künstlerpostkarten und erste Werke, welche von der „jungen, begabten, vor kurzem am Bodensee niedergelassenen“ Künstlerin Kasia von Szadurska stammten. 1916 übernahm Ehinger die Geschäfte des Familienunternehmens. Das Verschweigen seiner Ehe führte für Ehinger zum politischen Skandal: Als vermeintlich alleinstehender, junger Mann der Meersburger Oberschicht mischte er sich in die dortige Politik ein. Seinen zahlreichen Gegnern blieb nicht verborgen, dass er regelmäßig an den Wochenenden nach Konstanz fuhr. In Folge gab er seine Kandidatur zum Abgeordneten bei den Badischen Landtagswahlen am 12. Januar 1919 auf. 1922 zog von Szadurska zu ihrem Ehemann nach Meersburg und richtete sich ein Atelier im Ehinger-Wohnhaus am Droste-Hülshoff-Weg ein.Susanne Satzer-Spree: Kasia von Szadurska - Portrait einer Künstlerin. In: Meersburg. Spaziergänge durch die Geschichte einer alten Stadt. Verlag Robert Gessler, Friedrichshafen 1999, ISBN 3-86136-045-4. S. 232–235
1935 wurde die Ehe geschieden. Ulrike Niederhöfer: Meersburg würdigt in einer Ausstellung Kasia von Szadurska. In: Südkurier vom 3. April 2010 Die Schuld am Scheitern der Ehe wurde der Künstlerin zugewiesen, weil sie ein Verhältnis mit dem Konstanzer Maler Johannes Kutscher zugab. Das Sorgerecht für die beiden Söhne Till (* 1920) und Thorgrim (* 1923) wurde Ehinger zugesprochen.
Verfemung
Bereits ein Jahr vor der Scheidung kehrte Kasia von Szadurska nach Konstanz zurück und wandte sich verstärkt der Porträtmalerei zu; aber auch einige großformatige Bilder mit Blumensträußen und Landschaften entstanden. Mit der Herrschaft der Nationalsozialisten wandelte sich der Kunstgeschmack und als alleinstehende Frau war sie auf Aufträge angewiesen. Als einfühlsame Porträtistin überzeugte sie nach wie vor, auch wenn das Bodenständige oder Liebliche gelegentlich überhandnahm. Ihre Stärke in der Komposition, Detailausarbeitung und Farbgebung weisen auch ihre Spätwerke auf.
Im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ wurden aus dem Bestand der Städtischen Wessenberg-Galerie Konstanz das Ölgemälde Fährehafen von Meersburg von Kasia von Szadurska und die vier Bildnisstudien der Tatjana Barbakoff, beide 1929 angekauft, beschlagnahmt. Ausgerechnet die Zeichnungen dieser Tänzerin, die im Konzentrationslager starb, wurden der Galerie ein Jahr später zurückgegeben.Bildnis von Barbakoff durch Kasia von Szadurska Das vergleichsweise „harmlose“ Fähre-Ölbild war bei der Rückgabe nicht dabei.
Rückzug nach Berlin
Ab Ende 1937 verlagerten sich die Kontakte vom Bodensee nach Berlin. Sie unternahm immer längere Reisen in die Hauptstadt, trat 1940 in den Verein der Berliner Künstlerinnen ein und nahm an mindestens zwei Ausstellungen teil. Sie hatte eine Wohnung in Berlin-Wilmersdorf.Susanne Satzer-Spree: Kasia von Szadurska - Portrait einer Künstlerin. In: Meersburg. Spaziergänge durch die Geschichte einer alten Stadt. Verlag Robert Gessler, Friedrichshafen 1999, ISBN 3-86136-045-4. S. 232–235 In Berlin war sie bereits eine gebrochene Frau: Die Trennung von den Kindern und ihr schlechter Gesundheitszustand – ein Attest aus dem Nachlass notiert eine Brust-Amputation – führten die Künstlerin zu Beginn des Jahres 1942 in ein Berliner Krankenhaus, in dem sie am 3. April desselben Jahres verstarb.
Malstil und Interessengebiete Am Bodensee ist die Künstlerin russischer Herkunft als Dame der Großstadt bekannt, die es durch die Heirat mit einem Meersburger Bürgersohn in die Provinz verschlug. Die Kleinstadt am Bodensee hatte in den 1920er Jahren kaum mehr als 2000 Einwohner und schien kein geeigneter Ort für eine Malerin, die zuvor in Berlin und München gewirkt hatte. Der Schriftsteller John Jönsson beschrieb 1925 die Situation folgendermaßen: „Leichter sie sich zu denken in einer Bohème-Mansarde der Großstadt als in einer Meersburger Villa als Gattin der Stütze der Gesellschaft.“ Aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sind kaum Werke von ihr bekannt, obwohl die Konstanzer Zeitung Ende des Jahres 1915 von einigen Werken berichtet.
Expressionismus In Konstanz gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der expressionistischen Vereinigung „Breidablik“ von 1919, der ersten Malervereinigung am Bodensee. Auffallend – besonders im Gegensatz zum „Kreis“ – ist, dass nur sechs Künstler beteiligt waren: neben Hans Breinlinger, Karl Einhart, Fritz Gaum und den beiden Kunsthandwerkern Albert Schatz und Fritz Schmidt Kasia von Szadurska. Die Verkaufsausstellung fand in der späteren Wohnung von Szadurskas, dem ehemaligen Gartenhäuschen an der Laube in Konstanz statt. Unterstützt wurde die Künstlergruppe von Fritz Leib, einem Kaufmann, der von den verkauften Kunstwerken 30 % Provision erhob. Glaubt man der verschlüsselten Schlussbemerkung im Jahresbericht von 1919 im Bodenseebuch von 1921, dann soll das Verhalten dieses Kaufmanns der Grund für den kurzen, nur ein paar Monate dauernden Zusammenhalt der Gruppe sein.
Grafiken miniatur|hochkant|Porträt von Fritz Mauthner (1916) miniatur|hochkant|Porträt von Helga Schlegel (1933) Kasia von Szadurska war vor allem eine hervorragende Grafikerin, die ihre Eindrücke mit sicherem, schnellem Strich festhielt. Ihre Vorliebe für düstere Szenen und erotische Frauendarstellungen sind stilistisch dem ausklingenden Expressionismus verpflichtet, inhaltlich jedoch eigenständig. Das ab 1914 von Norbert Jacques herausgebrachte Bodenseebuch bot für Illustrationen eine Plattform, bei der Kasia von Szadurska ihre zeichnerischen Fähigkeiten immer wieder unter Beweis stellen konnte.Bodenseebuch 1923, mit Umschlagbild Obertor Meersburg von Kasia Szadurska Ferner illustrierte sie zahlreiche Publikationen für örtliche Verlage wie Reuss & IttaKurt Münzer: Zwischen zwei Welten. Seltsame Geschichten. Mit Bildern von Kasia von Szadurska (zwei Blätter mit Tuschzeichnungen). Verlag Reuß & Itta, Konstanz 1916.Siegfried Jacobsohn: Die ersten Tage. Illustriert durch Kasia von Szadurska. Verlag Reuß & Itta, Konstanz 1916.Fritz Mauthner: Der goldene Fiedelbogen. Zwei Novellen aus Böhmen. Einbandentwurf von Kasia von Szadurska. Verlag Reuß & Itta, Konstanz 1917. oder Otto Wöhrle in Konstanz, für Bücher von Wilhelm von Scholz und nahm an vielen Ausstellungen teil, die nicht zuletzt auch die Künstlervereinigung „Der Kreis“ (Bodenseegebiet)Edeltraud Fürst: 40 Künstler in Wort in Bild. In: Edeltraud Fürst: Die Künstlervereinigung „Der Kreis“. Maler und Bildhauer am Bodensee 1925-1938. Friedrichshafen 1992, S. 116/117 organisierte.
Von dem in Meersburg im Glaserhäusle lebenden Philosophen Fritz Mauthner fertigte sie 1916 eine Porträtzeichnung an.Burkhard Bittrich: – mit Porträt-Zeichnung von Mauthner durch Kasia von Szadurska aus dem Jahr 1916 Um bürgerliche Konventionen und Barrieren der Schicklichkeit sorgte sich die Künstlerin nicht – ihre 1921 in limitierter Auflage erschienene Mappe Zehn Akte beispielsweise ist eine zarte Hommage an die lesbische Liebe. In ihren frühen Werken verarbeitete sie ähnliche Themen auch als Ölgemälde, in denen meist expressive Farben dominieren. Darüber hinaus nahm sie an großen Ausstellungen teil, z. B. 1925 und 1927 in Berlin und 1930 in Freiburg. Ferner existiert ein interessanter Artikel über Künstlerinnen, in dem von Szadurska in dem illustren Kreis von Käthe Kollwitz, Marie Laurencin und Emy Roeder vorgestellt wird.
Zeitlebens kokettierte Kasia von Szadurska mit ihrer geheimnisvollen, fremdländischen Herkunft. In Sujets wie Nachtszenen, Spelunken-, Mörder-, Gefängnisdarstellungen, Masken- oder Katzenporträts setzte sie sich mit befremdlichen und düsteren Themen auseinander, welche allerdings auch für Arbeiten vieler Künstler nach dem Ersten Weltkrieg bezeichnend sind. Zwei frühe Ölgemälde in Privatbesitz, welche eine Zirkusdarstellung und einen Seiltänzer zeigen, dokumentieren den motivisch engen Zusammenhang zwischen der Grafik und der Ölmalerei. Fein in der Darstellung und Anlage überzeugen die Motive in der farblich expressiven Umsetzung und spielen mit dem Geheimnisvollen.
Fährebilder