mini|Produktionsgebäude in Berlin-Lichtenberg, 2010
Der VEB Bärensiegel Berlin war ein Spirituosenhersteller in der DDR in der Rechtsform eines VEB in der Nachfolge zweier Likörfabriken. Sein Verwaltungssitz befand sich im Berliner Ortsteil Lichtenberg, er hatte Produktionsstandorte in der Rittergutstraße 82 (seit 1960: Josef-Orlopp-Straße) und am Glienicker Weg/Adlergestell in Berlin-Adlershof. Ab 1994 erfolgte die Privatisierung mit einer Aufsplittung des Unternehmens. Der Standort in Adlershof wurde zu dieser Zeit aufgegeben. Die verbliebenen Fabrikgebäude in Lichtenberg gelangten an einen Weingutbetreiber, der sie nach 2010 an die Brennerei Meininger abtrat. Meininger verlagerte den Firmensitz bald in den Berliner Ortsteil Friedrichshain, die Immobilie in Lichtenberg wurde aufgegeben. Das im Bild zu sehende Gebäude stand im Frühjahr 2020 leer und wird 2026 abgetragen. Nur drei Produkte haben bisher überlebt, darunter der Wurzelpeter.Website Wurzelpeter.berlin.de, abgerufen am 14. Juli 2026.
Firmengeschichte Von der Likörfabrik in Alt-Berlin zur Branntweinmonopolverwaltung in Adlershof
In der Kaiser-Wilhelm-Straße 18c in Alt-Berlin betrieb der Unternehmer Johannes Kahlbaum Ende des 19. Jahrhunderts eine Destillation in dritter Generation. Zur Erweiterung seiner Produktion erwarb er um das Jahr 1884 ein Gelände im damaligen Berliner Vorort Adlershof, am Glienicker Weg 15/17 Ecke Adlergestell 327–331, wohin er einen Teil seiner Firma umsiedelte. Auf der Fläche ließ Kahlbaum ab 1903 eine neue große Fabrik errichten; im Jahr 1906 konnte er die Spritreinigungsanstalt und Likörfabrik dort eröffnen.. In: Landesdenkmalamt Berlin, Denkmaldatenbank, Objekt-Nr. 09045251, auf: berlin.de. Der Name der Firma änderte sich bald in Chemische Fabrik Adlershof-Berlin und sie fertigte chemische Gerätschaften und medizinische Reinigungsmittel. Geschäftsführer wurde nach dem frühen Tod von Johannes Kahlbaum († 1909) Isidor Stern.
Im Jahr 1922 kam ein Teil der Chemischen Fabrik organisatorisch zur Berliner Reichsmonopolverwaltung in Lichtenberg und wurde damit zur Filiale dieser Einrichtung, verblieb jedoch in Adlershof. Weitere Betriebsteile der Kahlbaumschen Fabrik, die ihren Schwerpunkt auf die chemischen Geräte und technische Alkoholika gelegt hatten, wurden organisatorisch ausgegliedert, verblieben aber ebenfalls auf dem Gelände. Aus ihnen entstand später der Betrieb Berlin-Chemie.
Eine Stammbelegschaft von CAF Kahlbaum zog in den 1920er Jahren nach Berlin-Charlottenburg, in die damalige Spandauer Chaussee um, wo die Fabrik als Likörfabrik und Weinbrennerei weiter arbeitete. Hier entstanden die bereits seit mehr als 100 Jahren bekannten und gut bei den Berlinern eingeführten Liköre wie der Reiter Kräuter Edellikör.
Die in der Adlershofer Fabrik befindliche Reichsmonopolverwaltung für Branntwein, Abteilung Adlershof bestand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs weiter. Als Fabrikleiter ist im Jahr 1941 C. Kaminski angegeben.
Reichsmonopolverwaltung in Lichtenberg Auf der Basis eines 1918 beschlossenen Branntweinmonopols im Deutschen Reich entstand die Reichs-Branntweinmonopolverwaltung mit Filialen in allen deutschen Landesteilen. Die Berliner Verwaltung nahm ihren Sitz im damaligen Verwaltungsbezirk Lichtenberg in der Rittergutstraße 40 (seit 1950: Josef-Orlopp-Straße) und firmierte als Verwertungsstelle der Reichsmonopolverwaltung für Branntwein. Diese Einrichtung arbeitete bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als Aufgabe wurden die Branntweinreinigung und Lagerung angegeben. Es gab den kaufmännischen und den technischen Betriebsleiter sowie drei Angestellte.
Entwicklung nach 1945 Nach Kriegsende nahmen beide Spritmonopolverwaltungen ihre Arbeit wieder auf und destillierten selbst auch wieder Trinkbranntwein. Der Betriebsteil in der Lichtenberger Rittergutstraße erhielt auf Beschluss des Magistrats von Groß-Berlin am 1. März 1949 die Bezeichnung VEB Großberliner Getränkeindustrie und damit eine geänderte Aufgabenstellung. Am 4. August 1950 wurde das Unternehmen in VEB Bärensiegel Berlin umbenannt. Dieses Datum gilt damit als offizielles Gründungsdatum.
Der Adlershofer Betrieb wurde um 1950 zum VEB Spiritus, das heißt, er konzentrierte sich auf die Spiritus-Rektifikation.Inhaltsverzeichnis eines DEFA-Augenzeugen aus dem Jahr 1951; abgerufen am 8. Dezember 2018. Verkauf und Handel erfolgten in Lichtenberg. Er kam aber bald komplett zu Bärensiegel und nutzte keinen eigenen Namen mehr. Durch Fusion mit weiteren Brennereien wie der Spiritusfabrik Krakow am See (1946–1953) vergrößerte er seine Produktion weiter. Nun wurde das Unternehmen zu einem der größten Spirituosen-Anbieter der DDR.
Am 1. Januar 1970 wurde das Unternehmen Teil des VEB Getränkekombinat Berlin, zusammen mit den Brauereien Bürgerbräu, Schultheiß, Bärenquell, Engelhardt und der (Berliner) Weingroßkellerei. Als weiterer Betriebsteil (IV) kam das Branntwein-Vertriebslager Obstkellerei-Fruchtsaftgetränke Neuruppin hinzu. Allerdings wurden die in Adlershof beschäftigten Mitarbeiter auf weniger als 50 reduziert, die Verwaltung befand sich fast komplett in Lichtenberg.Adlershofer Zeitung, 2007: Von Kahlbaums Spritfabrik zum VEB Bärensiegel und dem AHK Adlershof/100 Jahre Spiritus in Adlershof. , abgerufen am 16. Dezember 2018; erneut abgerufen am 28. Juni 2024. Später hieß die übergeordnete Einrichtung VEB Kombinat Spirituosen, Wein und Sekt.Archivmaterialien in der Deutschen Digitalen Bibliothek zum Kombinat Spirituosen, Wein und Sekt, abgerufen am 12. Dezember 2018.Abbildung zweier Erzeugnisse. flickr; abgerufen am 16. Mai 2010
Die Julius-Kahlbaumsche Likörfabrik mit dementsprechendem Ausschank in der Mauerstraße wurde 1974 ebenfalls in das Getränkekombinat integriert.
Aus dem Adlershofer Betriebsteil gingen vor allem Primasprit und Sprit allgemein zur Weiterverarbeitung hervor. Neben den Bärenquell-Filialen belieferten die Mitarbeiter auch Schilkin, zahlreiche medizinische Einrichtungen und pharmazeutische Fabriken. Schließlich findet sich sogar der Hinweis, dass die Russenmagazine in Berlin-Karlshorst und in Wünsdorf mit harten Alkoholika versorgt wurden.
Betriebliche Erweiterungen mini|hochkant=0.5|Flasche Goldbrand, hergestellt vor 1990 Zum 1. Januar 1960 fusionierten auf Druck der Ost-Berliner Wirtschaftskommission die Betriebe CAF Kahlbaum aus Hohenschönhausen und Bärensiegel zum Berliner Großproduzenten VEB Kahlbaum-Bärensiegel Berlin. Im Zeitraum 1964 bis 1971 verkaufte der damalige Eigentümer der Firma Pöschke, Likörfabrik und Weingroßhandlung, seine Immobilien und die Markenrechte an den VEB Bärensiegel.Abwicklung und Verkauf der Fa. Pöschke (Inhaber Max Finke) an den VEB Bärensiegel. In: Landesarchiv Berlin, C Rep 105-M, Nr. 27669.
Im Jahr 1972 erhielt der Bärensiegel-Stammbetrieb Zuwachs durch einige bis dahin im Privatbesitz befindliche „Schnapsfabriken“, die auf politischen Druck zwangsverstaatlicht wurden. Dazu gehörten: die 1883 gegründete Likörfabrik und Weingroßhandlung Hermann Degener aus Neuruppin sowie die Wigra – Wilhelm Graßmann KG, Spirituosenfabrik Frankfurt (Oder), die der Kaufmann und Destillateur Wilhelm Grassmann im April 1947 in vorhandenen Gebäuden im Bereich Ferdinandshof (Gubener Straße 9) gegründet hatte.Telex-Verzeichnis der DDR von 1988, S. 60: Betriebsteil VI des VEB Bärensiegel in der Gubener Straße 9 in Frankfurt (Oder) isymaus.beepworld.de (PDF; 40 MB) Hier entstanden zu DDR-Zeiten unter anderem die alkoholhaltigen Erfrischungsgetränke Vipa und Virola. Aus dieser Fabrik wurde nun der Betriebsteil Frankfurter Spirituosenfabrik (auch kurz Betriebsteil VI) des VEB Bärensiegel Berlin.
Des Weiteren kam 1981 auch der VEB Schilkin aus Berlin-Kaulsdorf als Betriebsteil Kaulsdorf zu Bärensiegel.
1986–1990 Im Jahr 1986 finden sich im Ost-Berliner Telefon-Adressbuch folgende Betriebsteile des VEB Bärensiegel: Verwaltung Spirituosenabfüllung, 1030 Berlin, Josef-Orlopp-Straße 82, Betriebsteil (BT) Pankow, Spirituosenabfüllung; 1110 Berlin, Treskowstraße 60, Exportabteilung, 1099 Berlin (Malchow), Dorfstraße 9 (auf dem Gelände des ehemaligen Gutshofes der Stadt Berlin), Kornbrennerei, 1092 Berlin (Hohenschönhausen), Berliner Straße 14,An dieser Adresse hatte Anfang der 1940er Jahre die in der Landsberger Allee angesiedelte Industriegelände Berl.-Hohenschönhausen AG einen Betriebsteil, der ein Zulieferer der Löwenbrauerei war. In den angeschlossenen Gebäuden wohnten laut Adressbuch ein Diplom-Betriebs-Ingenieur (Dr. H. Wellhörner) sowie zwei Braumeister. Spiritus-Rektifikation, 1199 Berlin (Adlershof), Adlergestell 327, Alte Julius Kahlbaumstube, 1080 Berlin (Mitte), Mauerstraße 85.
Im Jahr 1989 produzierte der VEB Bärensiegel mit etwa 400 Mitarbeitern in allen seinen Betriebsteilen 26 Millionen Flaschen Spirituosen.Ost-Exporte bringen Frohsinn. In: Berliner Zeitung, 25. Juli 1994.
Bärensiegel ab 1990 mini|Verlassenes Fabrikgebäude von Bärensiegel in Adlershof
Bärensiegel gesamt Nach der politischen Wende wurde der Betrieb in eine GmbH umgewandelt und trat danach (in leicht geänderter Schreibweise) als Berliner BärenSiegel GmbH am Markt auf. Um das Jahr 1992 erfolgte die Einstellung der Erzeugung der Berliner Spirituosen in allen Bärensiegel-Einrichtungen, weil die nötigen Umsätze nicht mehr erreicht werden konnten.Koch-Klaucke: Aufgemöbelte Schnapsfabrik, ... Die vorherigen Betriebsteile außerhalb Berlins wurden 1994 aufgegeben und entweder reprivatisiert oder einer anderen Nutzung zugeführt.
Standort Adlershof Die Spritherstellung in Adlershof wurde bereits am 1. Oktober 1990 vollständig eingestellt. Dieser Maßnahme war eine Qualitätsprüfung der Adlershofer Sprit-Großproduktion durch Mitarbeiter der Bundesmonopolverwaltung zwecks einer eventuellen Übernahme vorausgegangen. Das Urteil lautete „unbrauchbar“. Deshalb mussten alle Apparaturen abgeschaltet werden und die Mitarbeiter wurden entlassen. Einige engagierte ehemalige Bärensiegler unternahmen noch im gleichen Jahr den Versuch, hier in Adlershof unter Einbeziehung einer in der DDR-Zeit begonnenen Baumaßnahme für ein Großtanklager direkt am Teltowkanal, als Alkohol Handelskontor Ost GmbH zu überleben. Sie waren außerdem auf der Suche nach Investoren für ihre Idee und wurden 1992 schließlich mit dem Unternehmen Berkel Pfälzische Spritfabrik fündig. Die Treuhandanstalt ließ die angefangenen Bauten am Teltowkanal fertig stellen und vermietet sie seitdem an die genannte Spritfabrik: der eigene Name Handelskontor Ost konnte dagegen nicht etabliert werden. Die Filiale in Berlin heißt nun Berkel AHK Alkoholhandel GmbH & Co. KG., abgerufen am 16. Dezember 2018.
Standort Lichtenberg In den Jahren 1991/1992 enthält das Berliner Telefonbuch die nunmehr privatisierte Firma Bärensiegel GmbH, Zentrale in der Josef-Orlopp-Straße. Der Vertrieb wurde auf das übliche Vertretersystem umgestellt.
Die neue Firmenleitung hatte Probleme bezüglich der Nutzfläche in der Josef-Orlopp-Straße, eine kleine Fremdfläche ragte auf das Bärensiegel-Areal. Um zu einem Ergebnis zu kommen, drohte die Chefetage von Bärensiegel der Treuhandanstalt damit, die gesamte Produktion in das Land Brandenburg zu verlegen.In Brandenburg wäre Bauland billiger. In: Neues Deutschland, 17. Juni 1993; Leseprobe, ganzer Artikel kostenpflichtig; abgerufen am 8. März 2019. Es muss dann so ausgegangen sein, dass eine Flächenbereinigung stattfinden konnte. Denn die Treuhandanstalt verkaufte 1994 die GmbH an das Weinunternehmen Franz Wilhelm Langguth Erben, deren Eigentümer eine Aufteilung der Produktionsbereiche in BärenSiegel GmbH, Moritz Thienelt GmbH und Eskalony & Sons GmbH vornahmen.Aus den Firmenschildern am Standort Berlin-Lichtenberg, Josef-Orlopp-Straße 72, entnommen (Mai 2010).