Die Schachweltmeisterschaft 2012 wurde vom 10. bis 30. Mai 2012 als Zweikampf zwischen dem amtierenden Weltmeister Viswanathan Anand und Boris Gelfand, dem Sieger des Kandidatenturniers, in Moskau ausgetragen. Zur Bestimmung des neuen Schachweltmeisters wurden zuerst zwölf Partien mit normaler Bedenkzeit gespielt.Regulations (PDF; 334 kB) auf fide.com, abgerufen am 8. August 2011. Da es danach unentschieden stand, fiel die Entscheidung am 30. Mai im Tiebreak. Dieses entschied Anand mit 2,5:1,5 für sich und verteidigte damit erfolgreich seinen Titel.

Kandidatenturnier Seit seinem Sieg beim Weltmeisterschaftsturnier 2007 hatte Anand seinen Titel zweimal in Wettkämpfen verteidigt: 2008 spielte er in Bonn ein Revanchematch gegen den vorherigen Weltmeister Wladimir Kramnik (6,5:4,5), und 2010 besiegte er den Gewinner des Kandidatenfinales und früheren FIDE-Weltmeister Wesselin Topalow (6,5:5,5).

Die Regularien zur Ermittlung des Herausforderers bei der WM 2012 waren häufigen Änderungen unterworfen: Nach ersten Planungen hätte der Gewinner des Schach-Weltpokals 2009 gegen den Sieger des FIDE Grand Prix 2008–2010 einen Zweikampf spielen sollen, dessen Sieger direkt als Herausforderer qualifiziert gewesen wäre.New World Chess Championship cycle Auf: chessbase.com, 24. Juni 2007. Diese Planung verwarf die FIDE zugunsten eines Kandidatenturniers mit acht Teilnehmern,The 79th FIDE Congress completed its session in Dresden Auf: fide.com, 26. November 2008. was heftigen Protest unter den SpielernMagnus Carlsen withdraws from Grand Prix Auf: chessbase.com, 5. Dezember 2008.Levon Aronian: FIDE must reverse its decision! Auf: chessbase.com, 6. Dezember 2008.Adams withdraws from Grand Prix cycle Auf: chessbase.com, 11. Dezember 2008. und der Großmeisterorganisation ACPPressemitteilung der ACP auf chessbase.com, 16. Dezember 2008. hervorrief. Anfangs herrschte noch Unklarheit über den Austragungsmodus, da sowohl ein Rundenturnier als auch ein K.-o.-Turnier im Gespräch waren.Presidential Board meeting 1st quarter 2009 Auf: fide.com, 9. März 2009. Man entschied sich für letzteres. Nach ersten Äußerungen der FIDE sollte das Turnier vom 1. März bis 31. Mai 2011 in Baku, AserbaidschanFide Calender 2011, abgerufen am 25. Mai 2010 und einem anderen Land ausgetragen werden.FIDE Candidates Tournament split between two venues Auf: chessbase.com, 18. Oktober 2009. Nach erneuten Änderungen wurde das Turnier Ende November 2010 auf die Zeit vom 3. bis 27. Mai 2011 in Kasan, Tatarstan, Russland datiert.Pressemitteilung der FIDE, abgerufen am 24. November 2010 Trotz dieser Änderung des austragenden Landes durfte Şəhriyar Məmmədyarov, der vom aserbaidschanischen Schachverband nominiert wurde, seinen Startplatz behalten.

Auf Grund des langen WM-Zyklus und der Bedingungen der Qualifikation für den Zweikampf, namentlich der seines Erachtens mangelnden Transparenz der Qualifikationskriterien, zu kurzer Matches und der fehlenden Pause zwischen Halbfinale und Finale, hatte der norwegische Großmeister Magnus Carlsen Anfang November 2010 seinen Rückzug aus dem Kandidatenturnier erklärt, für das er über seine Elo-Zahl qualifiziert gewesen wäre. Dabei regte Carlsen für zukünftige Zyklen Rundenturniere an.Carlsens Brief vom 5. November 2010 Er wurde durch Alexander Grischtschuk ersetzt, der beim FIDE Grand Prix 2008–2010 Dritter geworden war.

Qualifiziert durch SpielerVerlierer der Schachweltmeisterschaft 2010Verlierer des Kandidatenfinales 2009Gewinner des FIDE Grand Prix 2008–2010Zweiter beim FIDE Grand Prix 2008–2010Gewinner des Schach-Weltpokals 2009Zwei Spieler mit nächsthöheren Elo-Zahlen(Durchschnitt vom Juli 2009Top 100 Spieler Juli 2009 Auf: fide.com, abgerufen am 13. Mai 2010. und Januar 2010Top 100 Spieler Januar 2010 Auf: fide.com, abgerufen am 13. Mai 2010.) (Verzicht), ersetzt durch (Dritter beim FIDE Grand Prix 2008–2010)Nominierung durch den Turnierveranstalter(Elo-Zahl über 2700 nötig)

Das Turnier fand vom 3. bis 27. Mai 2011 statt. Die Verlierer der ersten Runde erhielten jeweils 30.000 Euro, die Verlierer der zweiten Runde jeweils 60.000 Euro. Die beiden Finalisten bekamen unabhängig vom Ausgang des Wettkampfs jeweils 90.000 Euro.FIDE confirms pairings Candidates, Chessvibes.com, 7. Februar 2011.

In der ersten und zweiten Runde (Viertel- und Halbfinale) wurden vier und in der dritten Runde (Finale) sechs Partien gespielt; die Bedenkzeit war auf 120 Minuten für die ersten 40 Züge, 60 Minuten für die nächsten 20 Züge und dann 15 Minuten für den Rest der Partie plus zusätzlichen 30 Sekunden pro Zug, beginnend mit dem 61. Zug, festgelegt. Sollte der Zweikampf danach nicht entschieden sein, sollten vier Schnellschachpartien folgen, in denen eine Bedenkzeit von 25 Minuten pro Partie plus zehn Sekunden pro Zug gelten sollte. Bei weiterhin unentschiedenem Stand folgen zunächst zwei Blitzpartien mit jeweils fünf Minuten Bedenkzeit plus drei Sekunden pro Zug. Danach folgen bei weiterem Unentschieden bis zu vier weitere Zwei-Blitzpartie-Duelle und steht es dann (nach zehn Blitzpartien) immer noch unentschieden, wäre eine letzte Partie gespielt worden, bei der Weiß fünf Minuten, Schwarz vier Minuten Bedenkzeit sowie beide ab dem 61. Zug drei Sekunden zusätzlich erhalten hätte. Hätte die Partie remis geendet, wäre der schwarz-führende Spieler der Sieger des Matches gewesen.Rules & regulations for the Candidates Matches of the FIDE World Championship cycle 2009–2011 (PDF; 309 kB) abgerufen am 9. Mai 2011. Das Kandidatenturnier lief nach folgendem Spielplan ab:Pressemitteilung der FIDE vom 7. Februar 2011 abgerufen am 7. Februar 2011.

Bemerkenswert war die hohe Remisquote bei diesem Turnier: Von den insgesamt 30 Partien mit regulärer Bedenkzeit endeten nicht weniger als 27 Remis, einige schon nach wenigen Zügen. Der Präsident der Europäischen Schachvereinigung, Silvio Danailow kritisierte dieses Ergebnis und machte den Turniermodus dafür verantwortlich und forderte, dass künftig auch im Kandidatenturnier die Sofia-Regel gelten solle.Brief des ECU-Präsidenten und Replik der FIDE Ihm wurde entgegengehalten, dass das Ziel der Spieler darin bestehe, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren, und in einem Wettkampf über nur wenige Partien jeder Fehler das Aus bedeuten konnte. Jeder Spieler müsse das Recht haben, die Wettkampfstrategie zu wählen, von der er sich am meisten Erfolg verspreche.Kazan: the aftermath, Chessvibes.com, 28. Mai 2011.

Vorbereitungen Ursprünglich war London als Austragungsort der Schach-WM 2012 im Gespräch. Nach Unstimmigkeiten mit dem Weltschachverband FIDE zogen die englischen Organisatoren im Februar 2011 ihr Angebot zurück.London withdraws its 2012 World Championship bid, Chessbase.com, 3. Februar 2011. Im August 2011 vergab die FIDE die Ausrichtung nach Moskau. Der vom privat mit Gelfand befreundeten russischen Mäzen Andrei Filatow bereitgestellteFür die Russen ist Gelfand einer von ihnen. Interview von Harry Schaack mit Mark Gluchowski. In: KARL, Ausgabe 2/2012, S. 52–54. Preisfonds betrug 2.550.000 US-Dollar, wovon der Sieger 60 Prozent (1.530.000 US-Dollar) und der Verlierer 40 Prozent (1.020.000 US-Dollar) erhalten sollten, sofern die Entscheidung in den zwölf regulären Partien fiele. Andernfalls – und dies trat ein – war eine Aufteilung von 55 % zu 45 % zugunsten des Siegers vorgesehen,Die letzte Partie endet remis, Zeit Online, 28. Mai 2012. was etwa 1,4 zu 1,15 Millionen US-Dollar entspricht. Ein Angebot der All India Chess Federation, den Wettkampf im indischen Chennai auszurichten, wurde trotz eines höheren Gebotes abgelehnt., Whychess.com, 8. August 2011.

Am 26. November 2011 unterschrieben Anand und Gelfand den Vertrag für ihre Teilnahme. Als Austragungsort wurde die Tretjakow-Galerie in Moskau festgelegt, als Hauptschiedsrichter der Armenier Ashot Vardapetyan benannt., Whychess.org, 26. November 2011.

Gespielt wurden zwölf Partien mit klassischer Bedenkzeit (120 Minuten für die ersten 40 Züge und 60 Minuten für die nächsten 20 Züge). Ab dem 61. Zug erhielten die Spieler 15 Minuten Bedenkzeit für den Rest der Partie plus 30 Sekunden pro Zug. Bei einem Gleichstand nach zwölf Partien, der auch tatsächlich eintrat, wurden vier Schnellpartien (25 Minuten Bedenkzeit plus zehn Sekunden pro Zug) gespielt. Hätten auch diese keine Entscheidung gebracht, wären bis zu zehn Blitzpartien (fünf Minuten Bedenkzeit plus drei Sekunden pro Zug) ausgetragen worden, danach eine Sudden-Death-Blitzpartie, bei der Weiß einen Bedenkzeitvorteil von fünf gegen vier Minuten erhält, aber gewinnen muss.

Anands Sekundanten Peter Heine Nielsen, Rustam Kasimjanov, Surya Shekhar Ganguly und Radosław Wojtaszek unterstützten ihn bereits in früheren Weltmeisterschaftskämpfen. Gelfand arbeitete in der Vorbereitung mit Oleksandr Chusman, Maxim Rodshtein und Pawel Eljanow zusammen.Chessdom.com, 10. Mai 2012.

Bilanz vor Beginn der WM

Vor dem Weltmeisterschaftskampf spielten die Kontrahenten 35 Turnierpartien gegeneinander, dabei konnte Gelfand zuletzt 1993 eine Partie gegen Anand gewinnen; im gleichen Jahr hatte Anand erstmals gegen Gelfand gewonnen., Fide.com, abgerufen am 12. Mai 2012.

Bilanz vor Beginn der WMAnandRemisGelfandGesamtKlassischAnand weiß510015Gelfand weiß114520Gesamt624535Schnellschach819128Blitzschach3407

Verlauf mini|Boris Gelfand und Viswanathan Anand vor Beginn des WM-Kampfes

Am 10. Mai 2012 fand die Eröffnungszeremonie statt. Die erste Partie wurde am 11. Mai ausgetragen, zu der FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow symbolisch für Weltmeister Anand den ersten Zug ausführte.

Tabelle PartieDatumWeißSchwarzErgebnisEröffnungECO-CodeZügeAnandGelfandLive-Stream 1 11. Mai 2012 Anand Gelfand ½ : ½ Grünfeld-Indisch D85 24 0,5 0,5 Video 01 2 12. Mai 2012 Gelfand Anand ½ : ½ Halbslawische Verteidigung D45 25 1 1 Video 02 3 14. Mai 2012 Anand Gelfand ½ : ½ Grünfeld-Indisch D70 37 1,5 1,5 Video 03 4 15. Mai 2012 Gelfand Anand ½ : ½ Halbslawische Verteidigung D45 34 2 2 Video 04 5 17. Mai 2012 Anand Gelfand ½ : ½ Sweschnikow-Variante B33 27 2,5 2,5 Video 05 6 18. Mai 2012 Gelfand Anand ½ : ½ Halbslawische Verteidigung D45 29 3 3 Video 06 7 20. Mai 2012 Gelfand Anand 1 : 0 Halbslawische Verteidigung D45 38 3 4 Video 07 8 21. Mai 2012 Anand Gelfand 1 : 0 Königsindische Verteidigung E60 17 4 4 Video 08 9 23. Mai 2012 Gelfand Anand ½ : ½ Nimzowitsch-Indisch E54 49 4,5 4,5 Video 09 10 24. Mai 2012 Anand Gelfand ½ : ½ Sizilianische Verteidigung B30 25 5 5 Video 10 11 26. Mai 2012 Gelfand Anand ½ : ½ Nimzowitsch-Indisch E54 24 5,55,5 Video 11 12 28. Mai 2012 Anand Gelfand ½ : ½ Sizilianische Verteidigung B30 22 6 6 Video 12

Die Partien fanden jeweils ab 15 Uhr Moskauer Zeit statt.Anmerkung: Dies entspricht 13 Uhr in der Zeitzone UTC+2, die während des Wettkampfs unter anderem in Deutschland, Österreich und der Schweiz galt. Da nach den zwölf Partien der Spielstand ausgeglichen war, kam es am 30. Mai 2012 ab 12 Uhr Moskauer Zeit zum Tiebreak.Anmerkung: Dies entspricht 10 Uhr im deutschsprachigen Raum. Es wurden daraufhin vier Schnellschachpartien gespielt, in denen Anand durch einen Sieg mit 2½:1½ Punkten seinen Weltmeistertitel verteidigte.

Langpartien 1. Partie

Anand-Gelfand ½:½ Moskau, 11. Mai 2012 Grünfeld-Indische Verteidigung, D85 1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 d5 4. Sf3 Lg7 5. cxd5 Sxd5 6. e4 Sxc3 7. bxc3 c5 8. Lb5+ Sc6 9. d5 Da5 10. Tb1 a6 11. Lxc6+ bxc6 12. 0–0 Dxa2 13. Tb2 Da5 14. d6 Ta7 15. Lg5 exd6 16. Dxd6 Td7 17. Dxc6 Dc7 18. Dxc7 Txc7 19. Lf4 Tb7 20. Tc2 0–0 21. Ld6 Te8 22. Sd2 f5 23. f3 fxe4 24. Sxe4 Lf5 ½:½

Gelfand spielte zum ersten Mal in seiner Karriere die Grünfeld-Indische Verteidigung, gegen die Anand keinen Vorteil erzielen konnte.

2. Partie

Gelfand-Anand ½:½ Moskau, 12. Mai 2012 Halbslawische Verteidigung, D45