Kleinwüchsigen wurde im Alten Ägypten eine besondere Stellung am Königshof und in der öffentlichen Gesellschaft eingeräumt. Könige und Mitglieder der Elite erfreuten sich besonders während der Frühzeit und des Alten Reiches daran, einen Kleinwüchsigen am Hof unterhalten zu dürfen.C. Kozma: Dwarfs in Ancient Egypt. Hoboken (NJ) 2006, S. 304.
Darstellungen von Kleinwüchsigen sind eher selten, die frühesten Beispiele stammen aus der frühdynastischen Epoche. Aus der Zeit des Alten Reiches sind die ersten genaueren Bezeichnungen und Beschreibungen von Kleinwüchsigen überliefert. Aus dieser Epoche sind auch die häufigsten Abbildungen und Inschriften über Kleinwüchsige erhalten. Kleinwüchsige Menschen wurden mit besonderen Ämtern, Berufen und Aufgaben betraut. Wie auch normalwüchsigen Menschen war ihnen jederzeit ein Karriereaufstieg und die Gründung einer eigenen Familie möglich. Ab dem Neuen Reich scheinen Respekt und Wertschätzung gegenüber Kleinwüchsigen (aber auch anderen behinderten Menschen) allmählich nachgelassen zu haben. Aus dieser Zeit stammen erste Mahnschriften, die an die einstmalige Hochachtung und Wertschätzung gegenüber Kleinwüchsigen erinnern und zu mehr Respekt aufrufen.William R. Dawson: Pygmies and dwarfs in ancient Egypt. In: The Journal of Egyptian Archaeology. Band 24, Nr. 2, 1938, S. 185–189.V. Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece. Oxford u. a. 2013, S. 149.
Kleinwüchsige wurden in die religiös-kultische Glaubenswelt der Alten Ägypter eingebunden. Während zum Beispiel Bes selbst eine reine Zwergengottheit war, wurden anderen Göttern (besonders Re und Ptah) zumindest zwergengestaltige Erscheinungsformen zugesprochen.V. Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece. Oxford u. a. 2013, S. 47, 48, 50–51, 62.
Bezeichnungen und Darstellungen mini|hochkant|Grabstele des Hofzwergs Ser Inpu (1. Dynastie), Fundort: Abydos.W. M. Flinders Petrie: The Royal Tombs of the First Dynasties. Part 1 (= Memoir of the Egypt Exploration Fund. Band 18, ). Egypt Exploration Fund u. a., London u. a. 1900, Bildtafel XXXII., Objekt 17.
Die Alten Ägypter hatten drei verschiedene Bezeichnungen für Kleinwüchsige. Ab dem Alten Reich verwendeten sie je nach Transkription das Wort Deneg, Daneg oder kurz Dag, was sich mit „kleiner Mensch“, „Zwerg“ oder „Pygmäe“ übersetzen lässt. Das Wort konnte sowohl voll ausgeschrieben, mit dem Determinativ eines Kleinwüchsigen kombiniert oder nur durch das Determinativ selbst ausgedrückt werden. Es gab eine männliche Schreibform (Deneg/Dag) und eine weibliche Schreibform (Deneget/Daget).V. Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece. Oxford u. a. 2013, S. 304. Kombiniert mit dem Determinativ für „Tänzer“ (Gardiner-Zeichen A32) werden Kleinwüchsige als „Tanzzwerg“ (ägypt. deneg ibau) beschrieben. In Kombination mit dem Zeichen für „Kleidung“ (Gardiner-Zeichen S28) hingegen werden Kleinwüchsige als „Kleiderzwerg“ (deneg chebes) bezeichnet.V. Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece. Oxford u. a. 2013, S. 27. Ab dem Mittleren Reich tritt das Wort Nemu auf, was „Verwachsener“ bedeutet und für Zwerge in religiösen, magischen und mythologischen Kontexten verwendet wurde.V. Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece. Oxford u. a. 2013, S. 30. Eine dritte Bezeichnung, Hewa, bedeutet eigentlich „Treiber“ oder „Hirte“. In Bezug auf Zwerge bedeutet es hingegen „der Gekrümmte“, was auf die körperliche Gestalt von Kleinwüchsigen abzielt.V. Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece. Oxford u. a. 2013, S. 31.
Dargestellt wurden Kleinwüchsige meist mit normal proportioniertem Oberkörper und Gesicht, jedoch mit stark gedrungenen, verkürzten Gliedmaßen, was auf Kleinwuchs durch Achondroplasie oder Hypochondroplasie schließen lässt.V. Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece. Oxford u. a. 2013, S. 110. Es gibt allerdings auch Darstellungen von Kleinwüchsigen mit völlig normal proportionierten Gliedmaßen, wobei hier offen ist, ob die abgebildeten Personen tatsächlich Mitglieder einer bestimmten afrikanischen Ethnie mit geringer Durchschnittsgröße waren, oder ob sie nur so klein dargestellt wurden, um a) ihre niedere Stellung auszudrücken (Bedeutungsgröße) oder b) das Hauptmotiv des Reliefs deutlicher hervortreten zu lassen.V. Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece. Oxford u. a. 2013, S. 134–135.
Früheste eindeutig zuweisbare Darstellungen von Kleinwüchsigen treten auf Grabstelen der 1. Dynastie auf. Die meisten von ihnen stammen aus der königlichen Nekropole von Abydos und sind heute stark beschädigt oder zerbrochen. Weitere Darstellungen finden sich als eingebrannte Tintenaufschriften auf Ton- und Alabastergefäßen. Des Weiteren existieren mehrere Elfenbein- und Schmucksteinstatuetten, die sowohl männliche als auch weibliche Kleinwüchsige porträtieren. Auf sämtlichen erhaltenen Abbildungen und Statuetten tragen die Kleinwüchsigen feine Schurze, breite Goldcolliers und stufenlockige Perücken, was eine besondere Stellung bei Hofe nahelegt. Auf den Grabstelen halten die Figuren Sechem-Zepter und/oder Stoffsiegel, wie sie auch von Priestern des Alten Reiches getragen wurden. Einige weibliche Figuren, die Kleinwüchsige darstellen, werden in einer Körperhaltung gezeigt, die typisch für eine Geburt im Stehen ist. Andere Figuren weisen körperliche Merkmale einer Schwangerschaft auf. Möglicherweise wurden solche Zwergenfiguren als Votivgaben und Talismane verwendet, um Schwangeren Glück und gesunde Kinder zu bescheren.V. Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece. Oxford u. a. 2013, S. 121–126.
Im Mittleren Reich und während der Amarna-Zeit werden Abbildungen von Kleinwüchsigen immer seltener. Unsicher ist, ob Kleinwuchs tatsächlich seltener vorkam, oder ob dessen sozialer Status immer tiefer gesunken war, sodass Kleinwüchsige nicht mehr eine derart ausgezeichnete Stellung genossen wie im Alten Reich und davor. Die erhaltenen, figürlichen wie zweidimensionalen Darstellungen von Zwergen weisen deutliche künstlerische Hommagen an das Alte Reich auf, wie Alabasterfiguren aus dem Grab des Tutanchamun (18. Dynastie) belegen. In Texten und privaten Reliefs tauchen Bezeichnungen und Abbildungen von Kleinwüchsigen so gut wie gar nicht mehr auf.
Möglicher Kauf und Erwerb Kleinwüchsig Geborene wurden möglicherweise durch Kauf erworben. Hermann Junker verweist auf Reliefinschriften sowie die Arbeiten von Jacques Jean Clére und Hans Felix Wolf und führt als möglichen Beleg das ägyptische Wort Isuu an. Dieses bedeutet übersetzt „Ich habe (dies) gekauft“, woraus sich sinnbildlich „Käufling“ ableiten lässt.Hermann Junker (Hrsg.): Die Maṣṭaba des Ṡnb (Seneb) und die umliegenden Gräber. Wien u. a. 1941, S. 7–11. Es muss allerdings offenbleiben, ob Kleinwüchsige tatsächlich aus Menschenhandel stammten oder ob sie sich nicht eher selbst „vermieteten“. Es war auch unter Normalwüchsigen nicht unüblich, dass beim Wechsel des Arbeitgebers/Hausherrn oder bei außerhäuslichen Aufführungen und Tätigkeiten so etwas wie eine Ablösesumme in Form von Naturalien ausgehandelt wurde. Es sind durch Inschriften aber auch Fälle belegt, in denen Kleinwuchs innerhalb einer Familie auftrat und der jeweilige Kleinwüchsige somit nicht käuflich oder durch Schenkung erworben worden war.C. Kozma: Dwarfs in Ancient Egypt. Hoboken (NJ) 2006, S. 305.
Unterscheidung von kleinwüchsigen Ägyptern und Kleinwüchsigen anderer Herkunft Die Ägypter unterschieden offenbar zwischen kleinwüchsigen Einheimischen und den tanzbegabten Kleinwüchsigen afrikanischer Ethnien. Hermann Junker vermutet, dass die „Tanzzwerge“ Ethnien mit geringer Durchschnittsgröße aus dem heutigen Sudan oder Äthiopien entstammten (früher als „Pygmäen“ bezeichnet). Letztere wurden ausschließlich für den Tempeltanz und für besondere, akrobatische Festaufführungen angestellt. Kleinwüchsige Ägypter hingegen machten berufliche Karrieren in Amts- und Handwerksbereichen.Brigitte Goede: Brief Pepis II. an Herchuf, Gouverneur von Elephantine, wegen eines Tanzzwergs. In: Gabriele Höber-Kamel (Hrsg.): Elephantine, das Tor zu Afrika. Berlin 2005, S. 23–25.
Soziale Stellung und Berufe Soziale Stellung Während des Alten Reiches genossen kleinwüchsige Ägypter aufgrund ihres Kleinwuchses eine besondere soziale Stellung bei Hofe. Die Alten Ägypter fassten Kleinwuchs als besondere Gabe auf; Diskriminierung oder gesellschaftliche Ausgrenzung war ihnen zunächst fremd.Hans-Werner Fischer-Elfert: „Lache nicht über einen Blinden und verspotte nicht einen Zwerg!“ Über den Umgang mit Behinderten im Alten Ägypten. In: Max Liedtke (Hrsg.): Behinderung als pädagogische und politische Herausforderung. Historische und systematische Aspekte. 1996, S. 93–116, hier S. 113–116. In den zahlreichen medizinischen Papyri des Mittleren und Neuen Reiches, aber auch der späteren Epochen, wird Kleinwüchsigkeit weder erwähnt noch behandelt. Daraus schließen Mediziner und Ägyptologen wie John F. Nunn, dass sich die Alten Ägypter offenbar bewusst waren, dass Kleinwuchs angeboren und deshalb nicht medizinisch behandelbar war. Stattdessen wurde es eher als „göttliche Manifestation“ interpretiert und von der altägyptischen Gesellschaft akzeptiert.John F. Nunn: Ancient Egyptian Medicine. Norman 2002, S. 79.
In vielen Fällen scheinen Kleinwüchsige in Familien, in die sie aufgenommen wurden, als vollwertige Mitglieder akzeptiert worden zu sein, da ihnen besondere Aufgaben anvertraut und sie von Generation zu Generation weiter angestellt wurden. Im Haushalt des Königs genossen sie ebenfalls hohes Ansehen; auch hier wurden ihnen innerfamiliäre Aufgaben und Stellungen zugesprochen, für die eigentlich besondere Amts- und Rangtitel nötig waren. Daraus kann geschlossen werden, dass zu dieser Zeit Kleinwüchsige in der ägyptischen Gesellschaft hohes Ansehen genossen und nicht bloß Statussymbol waren, auch wenn sie für ihren Hausherren/König ein solches darstellen konnten. Kleinwüchsige waren der wohlhabenden Elite und dem Königshof vorbehalten. Die gehobene gesellschaftliche Stellung Kleinwüchsiger drückt sich auch in den Nebenbegräbnissen der 1. Dynastie aus. Zu dieser Zeit war es üblich, dass die engsten Vertrauten und Verwandten ihrem Herrscher in den Tod folgen mussten. Die mitbestatteten Kleinwüchsigen gehörten demzufolge zum engeren Familienkreis und durften daher direkt neben ihrem Herrscher begraben liegen.
Aus der Regierungszeit von König Pepi II. (6. Dynastie) ist ein Brief des Herrschers an Harchuf, einen Vorlesepriester, Gaufürst und Expeditionsleiter auf Elephantine, erhalten. Harchuf hat von einer Expedition aus Punt einen Kleinwüchsigen mitgebracht, den der junge König unbedingt sehen möchte, weshalb er Harchuf anweist, alles Mögliche zu tun, damit der „Zwerg“ heil in der Residenz ankommt. Er mahnt Harchuf zur Eile und weist ihn an, ständig Wachen für den Kleinwüchsigen aufzustellen, damit er während der Fahrt auf dem Nil auf keinen Fall ins Wasser fällt. In dem Brief ist auch zu lesen, dass König Pepi sich mehr freut, „jenen Tanzzwerg“ zu sehen, als über „alle schönen Dinge, die aus Bia und Punt sind“. Auch verspricht Pepi dem General, dass er ihn für seine Mühen reichlich belohnen wird. In dem Brief wird auch erwähnt, dass schon früher „Zwerge“ aus Punt nach Ägypten gebracht worden sind, so unter Bawerdjed während der Herrschaft von König Djedkare-Isesi.
Familiengründung mini|hochkant|Statuengruppe des kleinwüchsigen Hofbeamten Seneb und seiner Familie